Combat
Zu seinen Mitarbeitern sagte Pia: «Wir versuchen eine vernünftige Zeitung zu machen. Aber weil die Welt absurd ist, wird das scheitern». Damit sollte er recht behalten. Den Combat, wie Camus und Pia ihn verstanden, gab es nur drei Jahre. Doch allen, die dabei waren, kamen diese Zeit und ihre Zeitung noch lange wie ein Wunder vor.

Combat-Redaktion 1944, Camus 6. v.l., Pascal Pia 4. v.r.; Roger Grenier 5. v.r., mit Brille; Jean Bloch-Michel, vorn l. neben Grenier, zu Camus schauend
Der Combat erscheint nach der Befreiung offiziell und täglich auf vier Seiten. Camus schreibt fast in jeder Ausgabe den Leitartikel. Nach Redaktionsschluss steht man zusammen, trinkt Bourbon in Hemdsärmeln, die Zigarette im Mundwinkel. Es ist das alte Mannschaftsgefühl, das Camus vom Fußball in Algier kennt und das er so liebt. Das bisschen Moral, das er habe, stamme aus den Fußballstadien, wird er einmal in einem Fernsehinterview sagen.
Der Nachkriegsjournalismus ist in seinen ersten Jahren vom Fieber des Grundsätzlichen befallen. Man will alles von Grund auf neu bestimmen. Was soll aus Frankreich werden? Welche Wirtschaftsform, welche Demokratie, welche Zeitung will man haben? Europa ist ein Scherbenhaufen. Überall in der Stadt sitzen junge Männer zusammen und brüten bis spät in der Nacht rauchend über den Drehbüchern der Zukunft. Wenn es Jahre gibt, in denen Camus’ Leben mit dem der Gegenwart und der Zeitgenossen vollkommen eins war, dann sind es diese.
Der Combat ist keine gewöhnliche Zeitung. Er war viele Monate lang das Mitteilungsblatt des gaullistischen Widerstands, und noch immer gilt: Wer hier schreibt, schreibt im Namen der Résistance. Auch damit hängt es zusammen, dass Camus’ Leitartikel für den Combat den Sonntagsrednerton nie ganz verlieren. Er schreibt hier nicht auf eigene Rechnung, sondern buchstäblich im Pluralis Majestatis und in Überstimmung mit einer nationalen «Bewegung», die nach der Befreiung von großem Einfluss ist. Auf einer Konferenz in Algier hat das Komitee der Résistance ein «Aktionsprogramm» verabschiedet, das politische, soziale und wirtschaftliche Maßnahmen vorsieht, die seiner Meinung nach auf dem Weg zur Demokratie eingeleitet werden sollten. Der Combat ist diesem Programm verpflichtet.
Schon im August 1944 thematisierte Camus, ähnlich wie zuletzt im Soir républicain, den gesellschaftlichen Auftrag und die Ethik des Journalismus. Die Zeitung sei eine «Stimme der Nation», deshalb sei man entschlossen, das Land zu veredeln, indem man seine Sprache veredle – «dafür sind viele von uns gestorben», so Camus. Deshalb wünschte sich der Leitartikler «eine klare und männliche Presse, die eine respektvolle Sprache spricht». Man solle sich des Wertes eines jeden Wortes bewusst sein, zumal die Kameraden gerade noch für die Freiheit des Wortes ihr Leben riskiert hätten. Nie dürfe man die Aufgabe aus den Augen verlieren, «der Nation ihre ureigenste Stimme wiederzugeben».
Die volkspädagogische Verantwortung der «klaren männlichen Presse» lastet auf seinen Sätzen wie Kriegsschutt. Vielen Journalisten der ersten Nachkriegsjahre, die sich in einer heute nur noch schwer vorstellbaren Weise der moralischen Erziehung und politischen Bewusstseinsbildung ihrer Leser verpflichtet fühlten, erging es ähnlich – in Frankreich wie in Deutschland. Es wird noch Jahre dauern, bis die Qualitätspresse das volkspädagogische Pathos ablegen und einen Gang zurückschalten wird vom unfehlbaren nationalen Wir einer Zeitung zum angreifbaren Ich ihrer Autoren.
Camus schreibt in diesen ersten Monaten seiner Tätigkeit als Chefredakteur wie ein Besessener. 70 Leitartikel in drei Monaten! Seine großen Themen: die Rolle der Résistance beim französischen Wiederaufbau; die Frage, wie man mit den Kollaborateuren verfahren soll (hart, aber nicht gnadenlos); was aus Deutschland werden soll (ein freies Land in Europa); wie es in Spanien weitergehen möge (ohne Franco); wie man in Frankreich eine liberale Volksdemokratie errichten kann (durch eine neue Verfassung); welche Rolle Kirche und Papst dabei spielen sollten (eine bessere als während der Naziherrschaft); welche Reformen de Gaulle auf den Weg bringen sollte (sehr viele); warum es ungut war, dass Pierre Mendès France das Wirtschaftsministerium der provisorischen Regierung de Gaulles verließ (weil er völlig zu Recht für eine staatliche Kontrolle der Wirtschaft eintrat); was ihm an den Leitartikeln von François Mauriac im Figaro nicht gefalle (dass sie zu schnell über die Kollaboration hinwegsahen und die Kollaborateure nicht zur Rechenschaft zogen); was man Paul Claudels De-Gaulle-Elogen entgegenhalten müsste (ihren Kitsch) und so weiter. Am 8. August 1945 ist Camus der einzige Chefredakteur Frankreichs, der gegen den Abwurf der Atombombe über Hiroshima protestiert: «Die technische Zivilisation hat ihren bestialischen Höhepunkt erreicht.»
Die Leser können diesem Leitartikler täglich dabei zusehen, wie er jenseits des «Aktionsprogramms» der Widerstandsbewegung mehr oder weniger improvisierend nach einer politischen Linie sucht, um seine Zeitung durch das ideologische und politische Vakuum der ersten Monate nach der Befreiung zu manövrieren. Der Combat schmückt sich noch immer auf der ersten Seite mit der alten Kampfparole «Von der Résistance zur Revolution», obwohl ihr Chefredakteur von Revolutionen nichts wissen will und lieber in sozialdemokratischer Mäßigung von moralischen und politischen Reformen spricht. Angesichts der kommenden Globalisierung, die Camus als einer der ersten Kommentatoren seiner Zeit klar voraussieht, hält er nationale Revolutionen genauso wie jede ausschließlich national agierende Politik für rückwärtsgewandt. Sie sei nichts als ein romantischer Mythos. Die Zukunft Europas sei transnational, das Nationalstaatsdenken mit dem Zweiten Weltkrieg zu Ende gegangen. Camus ist einer der ersten bedingungslosen Europäer.
Mit seiner Leidenschaft für eine entschiedene Reformpolitik legt Camus in diesen Wochen als Chefredakteur den Grundstein für seine späteren Auseinandersetzungen mit der Pariser Linken, die in ihm einen bürgerlichen Liberalen und Konterrevolutionär sehen wird. Zu Unrecht. Camus votierte am 4. November 1944 im Combat auf Seite eins für einen «chaotischen» Sozialismus, der sich «nicht die Frage nach dem Fortschritt stellt», sondern davon überzeugt ist, dass das «Geschick des Menschen allein in den Händen der Menschen» liegt. «Dieser Sozialismus glaubt nicht an absolute und unfehlbare Doktrinen, sondern an die hartnäckige, chaotische, unermüdliche Verbesserung des menschlichen Lebens.» Das klingt schon ganz nach dem libertären Autor des späteren großen Essays Der Mensch in der Revolte.
Noch in einer anderen Grundsatzfrage nahm Camus Positionen seines politischen Essays vorweg, mit dem er sich im Jahr 1952 für immer von der Pariser Linken verabschieden wird: Camus akzeptierte keine politische Idee, für die man ein Menschenleben opfern durfte. Robert Brasillach, ein nazistischer und antisemitischer Autor, der mit den Deutschen kollaboriert hatte und die nazistische Wochenzeitung Je suis partout herausgab, wird am 19. Januar 1945 zum Tode verurteilt. Camus beteiligt sich an einem Gnadengesuch an de Gaulle. Obwohl er Brasillach nie die Hand gegeben hätte und seine Publikationen verurteilte, war er als strikter Gegner der Todesstrafe der Auffassung, dass der Autor nicht mit seinem Leben büßen sollte. Sein Vater, der einmal bei einer Hinrichtung zugesehen und sich danach zu Hause übergeben haben soll, ist Camus auch in dieser Frage ein ethischer Kompass gewesen. Sartre und Beauvoir unterzeichnen das Gnadengesuch nicht. Robert Brasillach wird am 6. Februar 1945 hingerichtet.
Obwohl Camus den pompösen Schmuckstil seiner ersten Artikel bald ablegt und zu einem schlankeren und offensiven Ton findet, für den er gerühmt und der häufig imitiert wird, fühlt er sich im Korsett der Leitartikelprosa unwohl. In einem erstaunlicherweise «Selbstkritik» betitelten Text schrieb er schon am 22. November 1944, dass der Journalist der «Gefahr des Moralismus» nur «durch Ironie» entkommen könne. Auch in seinem journalistischen Glaubensbekenntnis im Soir républicain hatte Camus die Ironie zu einer der wichtigsten Voraussetzungen für einen intelligenten modernen Journalismus erklärt. Damit war er seiner Zeit voraus. «Wir befinden uns leider nicht in einem ironischen Zeitalter», endete seine «Selbstkritik», wie um sich für seine eigene angespannte Prosa im Combat zu entschuldigen. Wenn das ironische Zeitalter sehr viel später anbricht und den Journalismus in seinen Bann zieht, wird er nicht mehr am Leben sein.
Daneben beschäftigten Camus die alltäglichen Sorgen eines Chefredakteurs: Soll man über Marlene Dietrich berichten, wenn sie in Metz auftritt? Er weiß natürlich, dass die Langeweile für eine Zeitung tödlicher sein kann als der Moralismus. Camus entschied trotzdem dagegen: «Die Kapricen eines Stars sind in Kriegszeiten weniger interessant als das Leid des Volkes, das Blut der Armee oder die erbitterte Anstrengung einer Nation, ihre Wahrheit zu finden.» Das war verständlich. Nur mit den Beinen von Marlene machte man noch keine gute Zeitung. Nur mit Blut, Wahrheit und erbitterter Anstrengung allerdings auch nicht.
Im Frühjahr 1945 reiste Camus für den Combat durch seine algerische Heimat. Als das endgültige Kriegsende in Sicht war, brach die Gewalt hier unvermittelt aus; die Araber und Berber forderten eine eigene Verfassung, einen autonomen Staat, in Sétif kam es zu Demonstrationen für die Freilassung ihres Anführers Messali Hadj. Die Aufstände wurden blutig niedergeschlagen, die aufgebrachte Menge rächte sich und ermordete willkürlich französische Bürger. Es waren die Vorboten des algerischen Konflikts, der Camus bis zu seinem Lebensende nicht mehr loslassen wird.
Camus bringt im Mai 1945 sechs Artikel über die Lage in Algerien im Combat, ohne die Forderungen der Aufständischen zu kommentieren. Er verlangt Gerechtigkeit für die französischen Opfer der Gewalt in Sétif, ohne zu ahnen, dass in den nächsten Tagen und Wochen blutige Vergeltung an Tausenden von Arabern geübt wird. Sein Appell bleibt vage und geht über den alten Blum-Viollette-Plan, der eine Gleichbehandlung ausschließlich für die assimilierte arabische Elite vorsah, noch immer nicht hinaus: Man solle «diese Menschen» wie seinesgleichen behandeln und arabischen Hochschulabsolventen Bürgerrechte einräumen sowie das Schulsystem (gemeint ist natürlich: das französische) für die muslimische Bevölkerung verbessern. Junge Franzosen, die nach dem Krieg eine neue Perspektive suchten, sollten zu diesem Zweck nach Algerien entsandt werden, wo «sie sowohl der Menschheit als auch ihrer Heimat dienen könnten». Das klingt noch nicht wirklich nach kolonialer Abrüstung und wiederholt lediglich, was der Redakteur des Alger républicain in seinen Reportagen über die Kabylei schon vorgeschlagen hatte. Camus wird ein Algerien ohne Franzosen bis zu seinem Tod für undenkbar halten. Allerdings findet man in dieser Artikelserie am 23. Mai 1945 auch den Satz: «Die Zeit des westlichen Imperialismus ist vorbei.»