Bester Freund wider Willen – Pascal Pia
Seitdem der legalisierte Combat in den früheren Redaktionsräumen der Pariser Zeitung in der Rue Réaumur residiert, sind Pascal Pia und Camus so eng verbunden wie in alten algerischen Zeiten, Pia als Herausgeber, Camus als Chefredakteur des Blattes. Die Wahrheit lautet allerdings: Der Combat ist Pia. Pia ist überall. Er kontrolliert die Schrifttypen, die Kleinanzeigen und die Kurzmeldungen, korrigiert Unterzeilen und Überschriften, erfindet Themen und engagiert Mitarbeiter, arbeitet Tag und Nacht. Und doch ist er nicht mehr derselbe. Der Krieg hat ihn gezeichnet, wenn nicht gebrochen. Wie ein «Pferd auf dem Rückweg, müde im Geschirr, in welches das Schicksal es wieder eingespannt hat»[186], nimmt er sich in die Pflicht.
Keiner von beiden hat es so gesehen, doch Pia, zehn Jahre älter als Camus, war der wichtigste Mensch in seinem Leben. Zwei Jahre älter als Sartre und wie dieser vaterlos in Paris aufgewachsen, verhielt sich Pia stets rücksichtslos gegen sich selbst, und was dabei besonders hervorstach, war sein völliges Desinteresse an Macht oder persönlichem Fortkommen. Die Daten seines Lebens hat Roger Grenier überliefert, ein Combat-Mitarbeiter der ersten Stunde, der nicht nur eines der besten Bücher über Camus (Albert Camus soleil et ombre), sondern auch eine schmale Biographie über Pascal Pia verfasste: Pascal Pia ou le Droit au Néant.
Pia, der bei seiner Mutter lebte, begann als Vierzehnjähriger arbeiten zu gehen. In den zwanziger Jahren zog er seinen ersten Gedichtband, der bei Gallimard bereits angezeigt war, im letzten Moment zurück, weil man seine «Gedichte genauso gut verbrennen wie veröffentlichen» könne. Es hieß, er habe auf seine Zulassung zur École Normale Supérieure verzichtet. In den zwanziger Jahren schrieb er ein paar Aufsätze über Literatur in der Nouvelle Revue Française, gegen Aragon und gegen die Surrealisten. In den dreißiger Jahren veröffentlichte er einen Roman unter dem Pseudonym Pascal Rose, zu dem er sich nie bekannte. Im Paris der vierziger Jahre war er so kompromisslos wie kein anderer.
Er hasste die Schauspielerei, selbst das Theater war ihm verdächtig – es mache alle dumm, die dort arbeiteten. Pia reiste wenig und interessierte sich nicht für ferne Länder. Die Italienbegeisterung der französischen Intellektuellen hielt er für Snobismus. Den internationalen Konferenz- und Vortragstourismus der Pariser Kulturelite, an dem auch Camus bald teilnahm, nannte er Prostitution. Durch intellektuelle Prominenz war er nicht zu beeindrucken. In seiner Jugend, so behauptete er, sei er von Apollinaire-Gedichten abhängig gewesen wie von einer Droge. Sein Gedächtnis war phänomenal, die französische Lyrik des 16. und 17. Jahrhunderts kannte er weitgehend auswendig. Überhaupt war er ein unersättlicher Leser und Büchersammler, über Jahre betrug sein Pensum zwei Bücher am Tag. In seiner Jugend lebte er eine Zeitlang vom illegalen Vertrieb erotischer Literatur.
Seine politische Haltung fasste er so zusammen: «Ich bin gegen persönliche Machtausübung, das ist so ungefähr alles.» Er wohnte in den damals wenig attraktiven Stadtteilen im nördlichen Paris. Seine Stimme soll ein bisschen heiser gewesen sein – selbstverständlich war er Kettenraucher. Nach seinen Aussichten im Jenseits befragt, antwortete er: «Ich hoffe, ich habe ein absolutes Recht auf das Nichts.» Roger Grenier betonte Pias Nihilismus. Im Alter schrieb er Bücher über Baudelaire und Apollinaire und stellte einen zweibändigen Katalog über die Livres de l’Enfer, die «Höllenbücher», vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart zusammen.
Als er 1979 starb, hinterließ er den Wunsch, dass von ihm nicht mehr gesprochen und seine Texte nicht mehr verbreitet würden. Er zitierte häufig den Ausspruch Baudelaires, wonach man die Grundrechte des Menschen um zwei Dinge erweitern müsse – das Recht, sich zu widersprechen, und das Recht, wegzugehen. Camus’ Aufstieg zum Weltstar der Literatur missfiel Pia. Doch es passte genau, dass der ihm seinen Essay über den absurden Menschen widmete: Wenn Sisyphos ein Mensch gewesen wäre, hätte er Pascal Pia heißen müssen.
Man ahnt es schon – seine Bedeutung im Leben Camus’ spielte er stets herunter. Dem ersten (allseits wenig geschätzten) amerikanischen Camus-Biographen Herbert R. Lottman, der ihn als Camus’ «besten Freund und schlimmsten Feind» bezeichnet hatte, schickte er einen empörten Brief mit Durchschrift an Francine. Er sei niemals der Vertraute Camus’ gewesen. Verglichen mit Freunden wie Claude de Fréminville oder Jean Grenier habe er im Leben Camus’ kaum eine Rolle gespielt. Dieser Darstellung widersprach nun wiederum Francine Camus mit Nachdruck. Neunzehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes und wenige Monate vor ihrem eigenen schreibt sie Pascal Pia einen letzten Brief.
«Lieber alter Freund,
Ihr Brief war eine der wenigen Freuden, die mir das Buch von Herrn Lottman beschert hat. Zunächst verweist er Herrn Lottman, dessen gesamtes Buch aus «poetic licences» besteht, auf den Platz, der ihm gebührt. Vor allem liefert er mir aber den Schlüssel zu einem Rätsel, das mich lange Zeit beschäftigt hat. Ich glaube, dass Sie sich irren. Die Bewunderung und Freundschaft, die Albert Ihnen entgegen gebracht hat (ohne wirklich viel über Sie zu wissen oder vielleicht auch weil er nicht viel über Sie wußte) war unvergleichlich stärker als die Bruderschaft, die ihn mit einem Landsmann verband und die Kameradschaft, die er für einen Gleichaltrigen empfand, dessen Überzeugungen er nicht teilte. Aber ich werde Sie nicht umstimmen und außerdem interessiert Sie das nicht. Danke, dass Sie mir geschrieben haben. Das beweist, dass Sie sich noch an mich erinnern, und das macht mir Freude.
Ich habe noch eine lebhafte Erinnerung an Sie und an Suzanne und Colette [Frau und Tochter] – was den Rest angeht, sterben wir alle mit unseren Rätseln und Geheimnissen und mit unserer Sehnsucht – jedenfalls geht es mir so – nach einer unmöglichen Transparenz.
In alter Erinnerung
Francine Camus»[187]