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Der letzte Seurat

Die Muse saß gemütlich im Salon ihrer Wohnung im Quartier Latin, trank Wein und weidete sich an den Überresten ihres Sklavenhalters, die sich in einem großen Weckglas auf dem Kaffeetisch befanden. Hin und wieder lachte sie in sich hinein, konnte die aufkommende, ekstatische Freude darüber, vom Farbenmann befreit zu sein, kaum bändigen und fand ihn als Glas mit buntem Sand um einiges ansprechender.

»Hey, Stinkfurz, jetzt kannst du die Magd nur noch erschrecken, wenn sie keinen Besen dabeihat, non?«

Sie prustete. Vielleicht zeugte es nicht gerade von der Reife einer Kreatur ihres Alters, aber der Sieg fühlte sich so gut an. Möglicherweise war sie auch ein wenig angetrunken.

Im Laufe der Jahrtausende hatte sie feststellen müssen, dass es früher oder später auf sie zurückschlug, ständig die Inspiration, die große Liebe und bittere Lektion derart vieler larmoyanter Narzissten zu sein, wie geschaffen für lange Phasen des Leidens und der Entbehrungen. Sie liebte alle ihre Künstler, doch wenn sie nach einer Weile genug Paranoia, Liebesentzug, Mimosenhaftigkeit, missmutige Selbstglorifizierung, Schelte und als Sex verkleidete Gewalt erduldet hatte, bekam sie erst wieder einen klaren Kopf, wenn sie einem von den Scheißkerlen den Garaus gemacht hatte. Im Laufe der Jahre hatte sich diese Läuterung nicht immer als im gleichen Maße zufriedenstellend entpuppt, doch nichts war so belebend wie das Töten des Farbenmannes. Endlich. Für immer. Welch süßer, kreischender Todgasmus es war, und das erste Mal, dass sie Zerstörung als erregender empfand als Schöpfung. Einen Großteil dieser Freude verdankte sie dem süßen, wunderbaren Lucien, den sie draußen im Flur vor ihrer Wohnung spürte.

»Wo sind deine Augenbrauen?«, fragte sie, als sie die Tür öffnete. Sie war nackt, bis auf ihre langen, schwarzen Strümpfe, und doch war ihr Haar zu einem chignon gebunden, mit Stäbchen befestigt, ein Stil, den sie sich erst kürzlich angeeignet hatte.

Lucien hatte vergessen, was er sagen wollte, also sagte er: »Wo sind deine Kleider?«

»Ich war gerade beim Staubwischen«, erwiderte sie. Dann schlang sie die Arme um seinen Hals und küsste ihn. »Oh, Lucien, mein Ein! Mein Alles! Du hast mich gerettet.«

»Ist der Farbenmann zurückgekommen?«

»Ja!« Sie gab ihm einen schnellen Kuss, dann ließ sie ihn Luft holen. »Aber er existiert nicht mehr.«

»Als ich die Höhlenmalerei in Pech Merle gesehen habe, dachte ich mir schon, dass er möglicherweise wiederkommt. Sie waren Jahrtausende im Dunkeln eingeschlossen, doch als das Licht der Bogenlampe darauffiel, konnte ich die Kraft, die Macht des Sacré Bleu spüren.«

»Das wundert mich nicht. Sie waren der Ursprung.«

»Mir wurde klar, dass du noch immer nicht von ihm frei bist, also habe ich sie vernichtet. Wahrscheinlich habe ich mich eines Verbrechens gegen die Geschichte oder die Kunst oder sonst was schuldig gemacht.«

»Weil du deine Liebste gerettet hast? Unsinn.«

Auf der Treppe unter ihnen hörten sie Schritte. Ein schwerer Mensch versuchte, leise zu sein. Zweifellos die Concierge.

»Vielleicht sollten wir lieber reingehen«, sagte Lucien, obwohl er sie in diesem Moment nur ungern loslassen wollte.

Sie zog ihn in die Wohnung, gab der Tür einen Tritt, dann stieß sie ihn auf den Diwan. »Oh, mi amor«, sagte sie und setzte sich breitbeinig auf seinen Schoß.

»Juliette!« Er nahm sie bei den Schultern und stellte sie wieder auf die Beine. »Warte.«

»Wie du willst«, sagte sie. Sie setzte sich aufs andere Ende des Diwans, hielt ein Seidenkissen vor ihre Brüste und schmollte.

»Du sagtest, er sei tot. Du sagtest, er sei für immer fort.«

»Und?«

»Na ja, das war nicht der Fall, oder?«

»Es fühlte sich so an, als wäre er endlich weg. Mehr als je zuvor. Länger als je zuvor.«

»Zuvor? Wie lange hast du denn schon versucht, ihn umzubringen?«

»Absichtlich? Noch gar nicht mal so lange. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert. Davor war er natürlich schon viele Male tödlich verwundet worden, aber damals schmiedete ich meinen ersten Plan. Ich durfte mir nichts anmerken lassen, denn schließlich mussten wir die Farbe herstellen, und in den Momenten war ich ihm ausgeliefert. Anfangs waren es noch Unfälle, dann habe ich professionelle Mörder angeheuert, aber er kam immer wieder. Ich wusste, dass er unter einem besonderen Schutz stand, dass das Sacré Bleu ihm Macht verlieh. Da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass es nicht nur an der reinen Farbe lag, sondern an bestimmten Bildern. Den ersten Versuch, sämtliche Bilder zu vernichten, wagte ich 1497 in Florenz. Ich überredete den armen Botticelli, viele seiner besten Werke in Savonarolas Fegefeuer der Eitelkeiten zu verbrennen. Nicht alle, zum Glück, denn jetzt weiß ich, dass es gar nicht diese Bilder waren, die den Farbenmann beschützten. Die Höhlenmalereien in Pech Merle gaben ihm die Kraft. Die haben ihn zum Farbenmann gemacht. Damit fing alles an. Das weiß ich jetzt. Blöd eigentlich, dass mir das nicht früher aufgegangen ist.«

»Aber woher weißt du, dass er nicht wiederkommt?«

Sie zeigte mit dem Zeh auf das verschraubte Weckglas auf dem Kaffeetisch. »Das ist er.«

»Er war auch nur noch ein qualmendes Häufchen, als wir ihn in den Katakomben zurückgelassen haben.«

»Ich werde davon täglich einen Löffelvoll in die Seine rieseln lassen. Er ist weg. Ich weiß es, weil ich dich spüren kann.«

»Du bleibst auf deinem Ende der Couch, zumindest, bis wir das hier geklärt haben.«

Sie streckte einen Finger in die Luft, um den Moment hervorzuheben, dann stand sie auf und kokettierte durch den Salon, blieb am Schreibtisch stehen und öffnete einen Lederkasten, dann sah sie über ihre Schulter hinweg und klimperte mit den Wimpern.

Lucien dachte, er sollte eigentlich böse oder enttäuscht sein, doch da war sie, seine Traumfrau, seiner eigenen Phantasie entsprungen, seine Venus, und sie liebte ihn und wollte ihn und lockte ihn. »Sag mal, woher wusstest du eigentlich, dass da kein Fremder vor der Tür stand, als du nackt aufgemacht hast?«

»Ich konnte dich draußen spüren«, sagte sie und griff in den Kasten. »Ich war gar nicht beim Staubwischen. Das war gelogen.«

Sie drehte eine Pirouette, nahm ihn als Fixpunkt, die Arme seitlich ausgestreckt. In der rechten Hand hielt sie eine schwarze Glasklinge von der Form eines langen, scharfen Reißzahnes. Sie lächelte und kam näher, sah ihm dabei tief in die Augen.

Lucien spürte, wie sein Herz schneller schlug, wie es raste, doch er lächelte zurück. So endet es nun also.

»Ich hätte eigentlich erwartet, dass du bei mir die Syphilis anwenden würdest«, sagte er.

Sie kam um den Kaffeetisch herum, kniete nieder und präsentierte ihm das Messer mit offenen Händen. »Es gehört dir«, sagte sie. »Damit machst du das Sacré Bleu.«

»Ich verstehe kein Wort.«

»Nimm es!«

Er nahm das Messer.

Sie berührte seine Wange. »Diese anderen Male, damals, als ich versucht habe, den Farbenmann loszuwerden, hatte ich das Ganze nicht durchdacht. Ich hatte mir nicht überlegt, wer an seine Stelle treten sollte. Du musst das Sacré Bleu herstellen, weil ich sonst nicht mehr bin.«

»Ich weiß nicht, wie.«

»Ich bringe es dir bei.«

»Du sagtest, wir bräuchten ein Bild.«

Sie hielt einen Finger an ihre Lippen, dann ging sie ins Badezimmer und kam mit einer kleinen Leinwand wieder heraus, Henris Ölgemälde von Carmen im Kimono.

»Aber wir haben doch alle verbrannt …« Er beugte sich vor, legte das schwarze Messer auf den Kaffeetisch und berührte die Oberfläche des Bildes vorsichtig am Rand. »Es ist noch feucht. Es wurde gerade erst gemalt.«

»Ja.«

»Aber das bedeutet, dass Carmen … dass du mit Henri zusammen warst. Du warst bei ihm, als ich dich nicht finden konnte.«

»Er hat mich gerettet. Nun, er dachte, er hätte mich gerettet. Ich wollte ihn mit Carmen belohnen. Ich liebe ihn.«

»Ich dachte, du liebst mich.«

»Du bist mein Ein und Alles, aber ihn liebe ich auch. Ich bin deine Juliette. Niemand außer dir soll je diese Juliette berühren.«

»Niemals?«, fragte er.

»Nie, nie, niemals«, sagte sie.

»Wenn ich das Sacré Bleu herstelle, wirst du andere Maler inspirieren müssen, um weitere Bilder zu bekommen. Irgendjemand muss immer dafür bezahlen. Das hast du gesagt. Du wirst bei ihnen sein, in welcher Form auch immer. Und ich bleib dann allein oder was?«

»Juliette wird bei dir sein, wenn ich nicht da bin, Lucien. Du kannst sie malen, ihr beim Staubwischen zusehen, alles, was du möchtest, und ich komme immer zu dir zurück. Du bist einzigartig, Lucien, unter allen Malern, die ich je im Laufe der Jahrtausende kennengelernt habe. Ich habe dich erwählt, habe dich geformt, damit du zu einem Mann heranwächst, der mein Ein und Alles wird, als ich sah, wie sehr du die Malerei liebtest, schon als du noch ein kleiner Junge warst.«

»Dann kannte ich dich schon als …? Und du warst …?«

»Erinnerst du dich daran, dass deine Mutter dir sagte, Frauen seien wundersame, mysteriöse, magische Wesen, denen man nicht nur mit Respekt, sondern auch mit Verehrung und sogar Ehrfurcht begegnen sollte?«

»Das warst du?«

Juliette grinste. »Habe ich gelogen?«

»Du warst doch aber nicht immer meine Mutter, oder?«

»Für dich? Nur ein paar Mal.«

»Gut. Die Vorstellung wäre verstörend.«

Lucien blickte zu dem Gemälde der Carmen auf – die Seele, die Intimität, die Henri eingefangen hatte –, dann in Juliettes Augen. Diese waren voller Liebe gewesen, als Carmen gemalt wurde. »Wie soll ich je wissen, ob du ehrlich bist?«

»Du wirst es wissen. Wenn du Rezepte suchst, back Brot. Ich liebe dich, Lucien, aber ich bin eine Muse, und du bist ein Künstler. Ich bin nicht hier, um es dir leichtzumachen.«

Er nickte, spürte der Wahrheit ihrer Worte nach, den Worten seines Vaters, den Worten seiner Meister Pissarro, Renoir, Monet. All die Unsicherheit, die sie hinnahmen, die Risiken, die sie eingingen, der Frieden, den sie niemals fanden, alles, damit sie malen konnten, alles für die Kunst.

Wieder sah er sie an, wie sie ihn liebevoll über das Bild hinweg anlächelte, das sein Freund gemalt hatte. Er sagte: »Henri darf nichts passieren. Wir dürfen das Sacré Bleu von seinem Bild nicht benutzen, wenn er dadurch Schaden nimmt.«

Sie setzte sich, hielt die Leinwand noch immer fest, betrachtete über den Rand hinweg Carmens Bild. »Wir werden Paris verlassen müssen«, sagte sie. »Nicht für immer, aber für lange Zeit. Henri muss das alles vergessen. Wenn wir hierbleiben, wird er sich irgendwann erinnern, und das darf nicht geschehen. Den Tod des Farbenmannes hat er schon vergessen und auch diese letzten Sitzungen mit Carmen, aber den Rest – das mit mir, mit uns – weiß er noch.«

»Und du brauchst das Sacré Bleu, damit er vergisst?«

»Ja. Aber es ist nichts mehr da.«

»Dann müssen wir sein Gemälde also benutzen, und er wird leiden.«

»Nein, wir nehmen ein anderes Bild.«

»Den Blauen Akt? Mein Meisterwerk? Funktioniert das denn? Kann ich die Bilder malen, von denen wir die Farbe nehmen?«

»Nein. Du würdest allmählich dahinschwinden. Nein, dein Blauer Akt wurde gut verpackt, in mehrere Schichten Öltuch eingewickelt, und der Eingang zur Mine wurde durch eine unauffällige Sprengung versiegelt – um dich zu schützen, wie die Höhlenmalerei den Farbenmann geschützt hat.«

»Warum hast du das getan?«

»Weil ich dich liebe.«

»Aber wenn wir nicht mein Bild verwenden und Henri nicht leiden muss, wie willst du … wie wollen wir das Sacré Bleu herstellen?«

Juliette reichte ihm den Toulouse-Lautrec, den er, das Bild zur Wand gedreht, hinter sich unters Fenster stellte. Dann wandte er sich ihr wieder zu.

Sie griff hinter den Diwan. »Muss nur kurz mal eben Staub wischen«, sagte sie. Dann blickte sie über ihre Schulter und grinste. »Kleiner Scherz. Voilà!« Sie hielt eine mittelgroße Leinwand hoch, ein lebhaftes Motiv von Nymphen, die auf einer Wiese spielten, von Satyrn verfolgt, alles aus perfekt platzierten Tupfern von reinem, hellem Pigment. Die Figuren waren von blauem Himmel umgeben.

»Was ist das?«, fragte er. Noch nie hatte er ein pointillistisches Werk gesehen, das so viel Bewegung und Lebendigkeit besaß.

»Der letzte Seurat«, sagte sie. »Nimm dein Messer, Liebster. Ich zeige dir, wie man das Sacré Bleu macht.«

»Ich muss mich noch von meiner Familie verabschieden und von Henri.«

»Das sollst du. Das werden wir. Das müssen wir.«

»Die Bäckerei. Wer wird das Brot backen?«

»Deine Schwester und ihr Mann werden die Bäckerei übernehmen. Nimm das Messer.«

Er tat es, spürte, wie die Klinge in seiner Hand vibrierte. »Aber da ist ja Blut dran.«

»Keine Rose ohne Dornen …«

Sie trafen sich auf einen Kaffee im Café Nouvelle Athènes am Place Pigalle, gleich unterhalb des Hügels. Lucien hatte Henri eben erst erzählt, dass er fortgehen wollte, als Toulouse-Lautrec sagte: »Weißt du schon, dass Seurat tot ist?«

»Nein … er war doch kaum älter als wir. Einunddreißig, zweiunddreißig.«

»Syphilis«, sagte Henri. »Das wusstest du nicht?«

Lucien zuckte mit den Schultern, gab sich geschlagen. »Ich wusste es. Juliette würde auch gern Abschied nehmen, Henri. Sie kommt zu dir in dein Atelier.«

»Ich sehe ihr mit Freude entgegen«, sagte Henri.

Später, als sie die Rue Caulaincourt entlangliefen, wobei Henri schlimm hinkte und Lucien seitwärtslief, um seinen Freund nicht aus den Augen zu lassen, erklärte Lucien es ihm.

»Vermutlich werden wir uns nicht wiedersehen. Juliette meint, wir müssen uns eine Weile von Paris fernhalten.«

»Lucien, ich weiß, du liebst sie, aber wenn du mir die Bemerkung verzeihen willst: Ich glaube, Juliette besitzt eine besondere Affinität für die Syphilis.«

»Was meinst du damit: Du weißt, dass ich sie liebe? Sie war Carmen. Du liebst sie auch.«

»Ja, aber ich ziehe es vor, diesen Umstand zu ignorieren.«

»Du hast mit ihr geschlafen, als sie unter dem Einfluss einer Muse stand, die, wie du es formuliert hast, eine besondere Affinität für die Syphilis‹ besitzt, vor allem, wenn es darum geht, sich Malern zu entledigen.«

Henri betrachtete das Kopfsteinpflaster, dann warf er seinen Gehstock in die Luft und fing ihn auf, als schnappte er nach einer Idee.

»Ich glaube, ich sollte mich daranmachen, einen Clown zu malen, der einen Bären vögelt. Um mein œuvre abzurunden. Angeblich hat Turner Tausende erotischer Aquarelle hinterlassen, aber dieser kopfkranke Kritiker Ruskin hat sie nach seinem Tod verbrannt, um Turners Ruf zu retten. Kritiker. Nur gut, dass Whistler diesem Ruskin mit seinem Prozess wegen der Nachtbilder das Handwerk gelegt hat. Geschieht ihm recht. Kannst du dir das vorstellen? Erotika von Turner? Ich werde Whistler einen ausgeben, wenn er das nächste Mal nach Paris kommt.«

»Dann ziehst du es also vor, die ganze Juliette-Carmen-Syphilis-Verstrickung zu ignorieren?«

»Exactement.«

»Nun denn«, sagte Lucien. »Was für ein Bär?«

»Braun, glaube ich.«

Als sie zum Atelier kamen, wartete Juliette vor der Tür, in einem dunklen Kleid, passend für den Winter.

»Bonjour, Henri!« Sie beugte sich herab, und die beiden küssten sich auf die Wangen.

»Bonjour, Mademoiselle. Lucien berichtete mir, dass ihr fortgeht.«

»Oui, so leid es mir tut.«

»Wohin wollt ihr?«

»Spanien, denke ich«, sagte sie und warf Lucien einen Blick zu. »Es gibt da einen jungen Maler, der mehr Blau verwenden sollte. In Barcelona, glaube ich.«

»Nun, dort wird es warm sein. Ihr werdet mir fehlen.«

»Du uns auch, mon cher. Wollen wir hineingehen und uns gebührend verabschieden?«

Henri tippte an seinen Hut. »Bei einem Cognac vielleicht?«

»Aber gewiss doch«, sagte sie.