8
Das irre Winken der Aphrodite
Paris 1890
Bis fast acht Uhr arbeitete Lucien ganz allein in der Bäckerei, als seine Schwester Régine herunterkam und ihn vorn am Tresen fand. Von Mère Lessard war nichts zu sehen, die doch für gewöhnlich durch den Laden schwebte, fegte und zeterte und lange vor Sonnenaufgang die Kisten und Regale sortierte.
»Wo warst du?«, fragte Lucien. »Wo ist Maman? Ich war der Kundschaft kaum gewachsen. Fast wäre mir das Gebäck verbrannt.«
»Maman ist müde. Sie wird heute nicht arbeiten.«
Lucien reichte einer Kundin ein boule, das große, runde Brot, das seine Spezialität war, dann nahm er die Münzen der Kundin entgegen und dankte ihr, bevor er sich seiner Schwester zuwandte. Er konnte sich nicht erinnern, dass seine Mutter je der Arbeit ferngeblieben war, es sei denn, um ihre eigene Mutter zu besuchen oder als Revanche für eine Kränkung durch seinen Vater – ob tatsächlich oder eingebildet.
»Ist sie krank? Soll ich einen Arzt kommen lassen?«
Régine knallte ihm ein Baguette an den Hinterkopf, was er deutete als: Nein, du musst keinen Arzt kommen lassen.
Zwei alte Männer, die an einem der kleinen Bistrotische die Zeit totschlugen, lachten.
»Da braucht man keine Ehefrau, was, Lucien? Nicht, wenn man so eine Schwester hat.«
»Familienkonferenz«, sagte Régine. Sie fegte auf eine Art und Weise an ihm vorbei, die noch bedrohlicher wirkte als das normale Vorbeifegen seiner Mutter (obwohl Régine nur halb so groß war). Sie griff sich Luciens Schürzenbänder und zog ihn rückwärts in die Küche.
Bevor Lucien sich umdrehen konnte, schwenkte sie das Baguette wie eine Axt, bereit, ihm mit der knusprig-leckeren Kruste den Schädel einzuschlagen.
»Wie kannst du diesen Lagerraum benutzen, Lucien? Wie kannst du da drinnen malen, nach allem, was Papa zugestoßen ist?«
»Papa wollte immer, dass aus mir ein Maler wird«, sagte Lucien. Er begriff nicht, warum sie so wütend war. »Und wir haben diesen Schuppen doch schon immer benutzt.«
»Als Lager, du Idiot. Nicht als Atelier. Wir konnten euch zwei gestern da drinnen hören. Gilles hat an die Tür geklopft, als er von der Arbeit nach Hause kam, aber ihr habt ihn ignoriert.«
Régine hatte einen Zimmermann namens Gilles geheiratet, den Sohn des Türstehers eines Tanzlokals, ebenfalls vom Montmartre. Sie wohnten oben über der Bäckerei, zusammen mit Madame Lessard. »Wo ist Gilles? Ist er auch nicht bei der Arbeit?«
»Ich habe ihn hinten rausgeschickt.«
»Régine, es wird ein großes Gemälde. Mein Meisterwerk.«
Das Baguette kam auf ihn hernieder und schlang sich um seinen Kopf. Von jeher waren die Lessards stolz auf die zarte Kruste gewesen, sodass Lucien ein wenig überrascht war, wie weh sie tat, selbst jetzt noch, nach all den Jahren.
»Autsch. Régine, ich bin ein erwachsener Mann! Das geht dich nichts an.«
»Er hatte eine Frau bei sich, Lucien. Unser Papa.«
Plötzlich vergaß Lucien, dass er wütend war, dass er allein in der Bäckerei hatte arbeiten müssen und dass er sich schämte, weil seine Schwester ihn beim Sex belauscht hatte. »Eine Frau?«
»Maman war damals in Louveciennes, auf Besuch bei Grand-mère. Marie und ich haben diese Frau gesehen … also, nur von hinten, als sie ins Lager ging. Irgendein rothaariges Flittchen. Marie wollte nachsehen, was da los war. Deshalb ist sie auf das Dach geklettert und abgestürzt.«
Régine rang nach Luft, und zwar nicht aus Kummer, den sie bisweilen vortäuschte, um ihren Willen zu bekommen. Das hatte Lucien oft genug erlebt und war sicher, dass es jetzt nicht der Fall war.
»Weiß Maman davon?«
»Nein.« Régine schüttelte den Kopf. »Niemand. Niemand.«
»Warum hast du es mir nicht erzählt?«
»Weil ich nichts wusste. Wir haben nur eine Frau gesehen und nur von hinten, aber sie hatte rote Haare, dieses Flittchen. Wir haben gesehen, wie sie mit Papa ins Lager ging und er hinter sich abschloss. Ich wusste nicht, was los war. Und dann, als Marie abstürzte … ich wusste nicht, was ich tun sollte. Es war einfach zu viel.«
Lucien nahm seine Schwester in die Arme. »Tut mir leid. Das wusste ich nicht. Bestimmt hat er sie nur gemalt.«
»So wie du gestern gemalt hast?«
Lucien hielt sie fest und tätschelte ihren Rücken. »Ich muss gehen. Heute werde ich Juliette tatsächlich malen. Malen.«
Régine nickte und stieß ihn von sich. »Ich weiß.«
»Wir waren schon früher zusammen, Régine. Ich dachte, ich hätte sie verloren. Gestern war … unsere Wiedervereinigung.«
»Ich weiß, aber du bist doch Mamans kleiner Liebling. Es ist schäbig. Sie sagt, sie hat keinen Sohn mehr, jetzt, wo du Schande über das arme Mädchen gebracht hast.«
»Vor zwei Tagen hat sie noch gedroht, Juliette von einem Russen anzünden zu lassen und unsere Kinder an Madame Jacobs Hund zu verfüttern.«
»Das war, bevor sie euch gehört hat. Sie verlässt ihr Zimmer erst wieder, wenn Mittag ist oder du bei der Beichte warst, je nachdem, was zuerst kommt.«
»Aber ich bin siebenundzwanzig Jahre alt. Glaubst du etwa, ich wäre noch nie mit einer Frau zusammen gewesen?«
»Nun, jedenfalls bringst du sie sonst nicht mit nach Hause. Wir dachten, dass die eine oder andere vielleicht aus Mitleid mit dir ins Bett gegangen ist. Die Mädchen heutzutage trinken viel.«
Lucien bürstete die Krümel aus seinen Haaren. »Ich bin unverheiratet, weil ich Maler bin, nicht weil ich keine Frau finde. Ich habe es dir schon mal gesagt: Ich habe keine Zeit für eine Frau. Es wäre ihr gegenüber nicht fair.«
»Das waren deine Worte. Ich schätze, wir können schon dankbar sein, dass du nicht kleinen Jungen hinterherjagst wie dieser abscheuliche Engländer, der neulich in die Bäckerei kam.«
»Oscar? Oscar ist brillant. Spricht ein grausames Französisch, ist aber brillant.«
»Geh«, sagte Régine, »ich hüte den Laden. Geh malen. Und sag Maman nichts von dem, was ich dir erzählt habe. Sag es niemandem.«
»Mach ich nicht.«
»Und sei nicht schäbig.«
»Bin ich nicht.«
»Und werde kein Einsiedler wie Papa.«
»Werde ich nicht.«
»Und lass die Ateliertür offen, damit wir sehen können, was du treibst.«
»Bestimmt nicht.«
»Geh«, sagte sie und gestikulierte mit einem zerbrochenen Baguette. »Geh, geh, geh, kleiner Bruder. Geh zu deinem Flittchen.«
»Ich liebe sie.«
»Das interessiert doch keinen. Geh!«
Den ganzen Morgen, während er in der Bäckerei arbeitete, hatte Lucien sich gesagt: Heute bin ich ein Künstler. Ich werde Kunst erschaffen. Ich werde sie nicht von der Chaiselongue reißen und sie rammeln, bis ihr schwindlig wird, sosehr sie auch bitten und betteln mag. Er hoffte wirklich, sie würde nicht bitten und betteln, denn er war sich seiner Standhaftigkeit nicht gerade sicher. Und selbst wenn ich sie von der Chaiselongue reißen und rammeln sollte, bis ihr schwindlig wird, werde ich sie nicht fragen, ob sie mich heiraten will.
Er fand sie wartend vor der Schuppentür, als er aus der Bäckerei trat. Sie trug ein festliches, weißes Kleid mit blauen und rosa Schleifen und einem hohen Hut, der eher wie ein Blumenarrangement aussah, nicht wie eine Kopfbedeckung. Ein Ensemble, wie es die Mädchen zum Tanz im Hof des Moulin de la Galette tragen mochten, an einem sommerlichen Sonntagnachmittag, nichts, was man anzog, um darin ein paar Blocks weit zu laufen, nur um es für einen Maler gleich wieder auszuziehen.
»Wie wunderschön du bist!«
»Danke. Ich habe dir etwas mitgebracht.«
»Und hübsch eingepackt hast du es auch«, sagte er und legte eine Hand an ihre Taille.
»Nicht das, du geiler Bock, etwas anderes. Ich zeige es dir drinnen.«
Als er die Tür aufschloss, nahm sie ein aufklappbares Holzkästchen aus ihrer Tasche und öffnete es. »Schau, Farben! Der Mann hat mir versichert, dass sie von bester Qualität sind. ›Reines Pigment‹, hat er gesagt, was immer das bedeuten mag.«
Es war ein gutes Dutzend großer 250-Milliliter-Tuben – genug Farbe, um die Leinwand damit auszufüllen, sofern er nicht die dicke Impasto-Technik anwendete, die van Gogh bevorzugt hatte, aber diese fand er seinem Thema ohnehin nicht angemessen. Auf jeder Tube klebte ein kleiner Zettel mit einem aufgemalten Farbtupfer, aber es stand nichts darauf geschrieben, kein Hinweis auf die Mischung.
»Dabei wollte ich doch heute Nachmittag Farben bei Père Tanguy kaufen …«
»Jetzt kannst du stattdessen gleich drauflosmalen«, sagte sie. Sie küsste seine Wange, stellte das Kästchen auf den Tisch, den er für seine Utensilien bereitgestellt hatte, dann fiel ihr auf, dass heute am anderen Ende des Ateliers ein Paravent stand. »Oh, là, là. Soll der etwa meine Tugendhaftigkeit gewährleisten?«
»Das gehört sich so«, sagte er.
Tatsächlich hatte er den Wandschirm in den frühen Morgenstunden aus Henris Atelier an der Rue Caulaincourt geholt, während das Brot noch im Ofen war, damit er ihr nicht dabei zusehen musste, wie sie sich be- oder entkleidete. Er dachte, vielleicht wäre er so besser in der Lage, sich auf die Malerei zu konzentrieren.
Als sie hinter dem Paravent hervortrat, trug sie einen weißen Seidenkimono, den Henri im Atelier verwahrte, für seine Modelle oder für sich selbst, da er sich hin und wieder gern als Geisha verkleidete und von seinem Freund Maurice Guibert fotografieren ließ. Falls der Kimono Juliette jedoch wie den kleinwüchsigen, aristokratischen Maler aussehen lassen wollte, so scheiterte er kläglich.
»Wie willst du mich?«, fragte Juliette und öffnete den Kimono.
Jetzt legte sie es aber darauf an.
Lucien behielt die Leinwand im Auge, achtete darauf, einzig und allein die Leinwand im Auge zu behalten, und winkte sie zur Chaiselongue, als hätte er keine Zeit, ihr zu zeigen, welche Pose sie einnehmen sollte. »So wie gestern wäre gut«, sagte er.
»Ach, ja? Soll ich die Tür lieber abschließen?«
»Die Pose«, sagte Lucien. »Wie gestern. Du erinnerst dich?«
Sie ließ das Gewand fallen und legte sich in Positur, genau wie am Tag zuvor. Genau dieselbe Pose, dachte er, als er die Skizze betrachtete. Es war unheimlich, dass ein Modell ohne jede Anweisung so schnell die Pose wiederfand.
Er hatte beschlossen, sie in einem orientalischen Harem zu malen, nach den algerischen Bildern von Delacroix. Große, fließende Seidentücher und goldene Statuen im Hintergrund. Eventuell ein Sklave, der ihr Luft zufächelte. Ein Eunuch vielleicht? Er hörte seine Meister Pissarro, Renoir und Monet ihm einen Vortrag halten: »Male, was du siehst. Fang den Augenblick ein. Male, was real ist.« Doch der weiß getünchte Lagerraum bot dieser Schönheit keinen Rahmen, und er wollte den Hintergrund nicht schwarz malen und die Figur vor dem Dunkel hervorheben, wie es die italienischen Meister gemacht hatten, wie Goya mit seiner Maja.
»Ich überlege, ob ich im florentinischen Stil malen soll, indem ich alles Entscheidende in grisaille anlege, einem graugrünen Unterbild, um dann die Farben darauf zu lasieren. Es dauert länger als andere Techniken, aber ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit, dein Licht einzufangen. Ich meine, das Licht.«
»Könntest du das Unterbild in einer anderen Farbe malen? Vielleicht mit dem hübschen Blau, das mir der Mann verkauft hat?«
Lucien sah sie wieder an, sah den Sonnenschein, der durch das Oberlicht auf ihre nackte Haut fiel, dann sah er wieder seine Leinwand an. »Ja, ja, das könnte ich machen.«
Und er begann zu malen.
Nachdem er eine Stunde dabei war, sagte Juliette: »Mein Arm schläft ein. Darf ich ihn bewegen?« Ohne auf seine Erlaubnis zu warten, ließ sie ihren Arm kreisen wie einen Windmühlenflügel.
»Vielleicht sollte ich das Bild Das irre Winken der Aphrodite nennen.«
»Ich wette, das hat noch keiner gewagt. Du wärst der Erste, der einen winkenden Akt malt. Es könnte bahnbrechend sein.«
Jetzt nickte sie, während sie den Arm rotieren ließ. Die asynchrone Bewegung rief ihm eine von Professeur Bastards bizarren Maschinen in Erinnerung.
»Vielleicht sollten wir eine Pause machen«, sagte Lucien.
»Lade mich zum Essen ein.«
»Ich könnte dir was aus der Bäckerei holen.«
»Ich möchte, dass du mich ausführst.«
»Aber du bist nackt.«
»Nicht zwingend.«
»Lass mich deine Schenkel beenden, dann gehen wir.«
»Ach, cher, das klingt verlockend.«
»Hör bitte auf, die Beine zu bewegen.«
»Entschuldige.«
Es dauerte zwei Stunden, bis er einen Schritt von der Leinwand zurücktrat und sich streckte. »Jetzt scheint mir ein guter Moment für eine Pause zu sein.«
»Was? Wie? Höre ich eine Stimme? Ich bin ganz geschwächt vor Hunger.« Theatralisch legte sie ihren Arm über die Augen und tat, als müsste sie gleich in Ohnmacht fallen, wofür sich eine Chaiselongue durchaus eignete und für Lucien die Frage aufwarf, ob er nicht vielleicht die falsche Pose gewählt hatte.
»Wieso ziehst du dir nicht etwas über, während ich die Pinsel reinige?«
Abrupt setzte sie sich auf und schob schmollend die Unterlippe vor. »Ich langweile dich, nicht wahr?«
Lucien schüttelte den Kopf. In solchen Situationen konnte man nur verlieren, wie ihn schon sein Vater gelehrt hatte.
»Wo möchtest du denn gern zu Mittag essen?«
»Ich habe eine Idee«, sagte sie.
Bevor er noch ganz begriffen hatte, was sie im Schilde führte, stiegen sie am Gare Saint-Lazare in einen Zug und fuhren nach Chatou, ein paar Meilen nordwestlich der Stadt.
»Wir wollten doch zu Mittag essen. Ich muss bald wieder an die Arbeit.«
»Ich weiß. Vertrau mir.«
Vom Bahnhof aus führte sie ihn ans Ufer der Seine. Draußen auf dem Fluss sah er Leute auf einer kleinen Insel, die durch einen langen Holzsteg mit dem Ufer verbunden war. Ruderer und Freizeitsegler hatten ihre Boote am Holzsteg festgemacht. Musik spielte, und die Leute auf der Insel lachten, tanzten und tranken, die Männer mit hell gestreiften Jacketts und Strohhüten, die Frauen in pastellfarbenen Kleidern. Überall am Ufer wateten Badende, plantschten und schwammen, und etwas weiter den Fluss hinauf sah Lucien Pärchen, die unter den Weiden beieinanderlagen.
»Unglaublich, wie viele Menschen an einem Werktag hier draußen sind«, sagte Lucien.
»Ist das nicht herrlich?«, sagte Juliette und nahm seine Hand. Sie zog ihn zum Fluss hinunter.
Lucien sah zwei Maler, die am nahen Ufer Seite an Seite arbeiteten und die Farbe dabei hochkonzentriert in irrwitziger Geschwindigkeit auftrugen. Er blieb stehen, um ihnen zuzusehen, doch Juliette riss ihn mit sich fort. »Die beiden sind …«
»Komm mit, das wird hübsch!«
Schließlich ließ er sich auf das Abenteuer ein. Sie aßen, tranken und tanzten. Sie machte diversen Seglern und den feinen Herren schöne Augen, die zwischen den Ruderbooten lümmelten und sich die jungen Mädchen ansahen, doch sobald sie deren Interesse geweckt hatte, klammerte sie sich an Luciens Arm und machte den Freiern unmissverständlich klar, dass der Maler ihr Ein und Alles war. Der Groll der Männer schien fast greifbar.
»Juliette, lass das sein. Es ist … nun, ich weiß nicht, was es ist, aber keiner der Beteiligten fühlt sich damit wohl.«
»Ich weiß«, sagte sie und gab ihm einen feuchten Kuss auf den Hals, woraufhin er sich wand und lachte.
Ein Bursche mit Hemd und Strohhut, der in diesem Moment vorüberruderte, rief: »Es geht doch nichts über einen Sonntagnachmittag am La Grenouillère, oui?«
»Oui«, sagte Lucien mit einem Lächeln, tippte an seinen eigenen Strohhut, obwohl er sich nicht erinnern konnte, diesen aufgesetzt zu haben oder auch nur einen zu besitzen. Er wusste genau, dass Dienstag war. Ja, Dienstag.
»Gehen wir auf Erkundung«, sagte Juliette.
Sie liefen am Ufer entlang, plauderten und lachten, und Lucien wies darauf hin, wie das Licht auf dem Wasser tanzte, Juliette wies darauf hin, wie albern die Leute in ihren Badeanzügen aussahen. Manche Männer trugen sogar beim Schwimmen noch ihre Hüte. Sie fanden eine Stelle unter einem Weidenbaum, dessen Äste bis auf die Erde hingen, und dort, auf einer Decke, tranken sie eine Flasche Wein, neckten und küssten und liebten sich, was ihnen sehr aufregend und gefährlich und sittenlos vorkam.
Nachdem sie sich – wie es schien, den ganzen Nachmittag – dösend in den Armen gehalten hatten, kehrten sie zur Bahnstation zurück, wo sie gerade noch den letzten Zug des Tages erreichten. Sie fuhren zum Gare Saint-Lazare, lehnten sich aneinander und blickten aus dem Fenster, ohne ein Wort zu sagen, doch beide grinsend wie glückselige Idioten.
Obwohl er es sich eigentlich nicht leisten konnte, spendierte Lucien eine Droschke, um sie vom Bahnhof zurück zur Bäckerei zu bringen, wo Juliette ihre Pose auf der Chaiselongue einnahm und er sich setzte, mit der Palette in der Hand, und seine Arbeit wieder aufnahm, ohne ein Wort, bis sich das Licht von oben orange färbte.
»Das war’s«, sagte Juliette.
»Aber, chère …«
Sie stand auf und begann, sich anzuziehen, als wäre ihr plötzlich eine Verabredung eingefallen. »Es reicht für heute.«
»Früher sprach man von der ›Blauen Stunde‹, Juliette«, sagte Lucien. »Das Licht der frühen Abendstunden hat etwas Sanftes an sich, und außerdem …«
Sie hielt ihren Finger an seine Lippen. »Hattest du denn keinen schönen Tag?«
»Nun, äh, ja, natürlich, aber …«
»Der Tag ist vorbei«, sagte sie. Innerhalb von einer Minute hatte sie sich angezogen und war zur Tür hinaus. »Morgen«, sagte sie.
Lucien lehnte sich auf dem kleinen Hocker zurück, auf dem er für den unteren Bereich der Leinwand gesessen hatte. Es war ein schöner Tag gewesen. Ein sehr schöner Tag. Tatsächlich konnte er sich nicht erinnern, jemals einen so schönen Tag erlebt zu haben.
Er legte Pinsel und Palette weg und trat an die Chaiselongue, auf der er immer noch die Wärme von Juliettes Körper spürte. La Grenouillère: Ihm war schon zu Ohren gekommen, wie schön es dort sein sollte. Er kannte die Gemälde von Monet und Renoir, die dort Seite an Seite gemalt hatten. Es war sogar noch zauberhafter, als er es sich vorgestellt hatte. Er streckte sich aus und legte einen Arm über die Augen, ließ den Tag noch einmal Revue passieren. Er fragte sich, wie er in Paris aufwachsen konnte, ohne jemals einen sonnigen Sonntagnachmittag zwischen Ruderern und »kleinen Fröschen« am La Grenouillère verbracht zu haben. Vielleicht, so dachte er, lag es daran, dass La Grenouillère 1873, als er zehn Jahre alt war, vollständig abgebrannt und nie wieder aufgebaut worden war. Ja, daran lag es vermutlich. Aus unerfindlichem Grund kam ihm das überhaupt nicht merkwürdig vor.