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Die ringenden Hunde vom Montmartre, Paris

1873

03.eps

L ucien Lessard war zehn Jahre alt, als das heilige Blau ihn zum ersten Mal verzauberte. Im Grunde handelte es sich um eine eher geringfügige Verzauberung, doch auch der Sturm, der ein Königreich verwüstet, beginnt mit einem ersten Regentropfen, und später erinnert man sich nur noch an etwas Feuchtes auf der Wange und dass man dachte: War das ein Vogel?

»Ist das ein Vogel?«, fragte Lucien seinen Vater.

Père Lessard stand über den Brottisch im hinteren Teil seiner Bäckerei gelehnt und malte mit einem Zuckerbäckerpinsel Muster ins Mehl, die Unterarme weiß gepudert wie verschneite Schinken.

»Das ist ein Segelschiff«, sagte Père Lessard.

Lucien neigte den Kopf nach links, dann nach rechts. »Ah, stimmt, jetzt sehe ich es auch.« Er sah beim besten Willen nichts.

Sein Vater ließ die Schultern hängen und wirkte plötzlich sehr müde. »Nein, tust du nicht. Ich bin kein Künstler, Lucien. Ich bin Bäcker. Mein Vater war Bäcker, genau wie sein Vater vor ihm. Seit zweihundert Jahren verpflegt unsere Familie die Menschen auf dem Hügel. Mein Leben lang habe ich nach Hefe gerochen und Mehlstaub geatmet. Keinen einzigen Tag mussten Freunde und Familie hungern, nicht einmal im Krieg. Brot ist mein Leben, Sohn, und bis ich sterbe, werde ich eine Million Laibe gebacken haben.«

»Ja, Papa«, sagte Lucien. Er hatte schon hin und wieder erlebt, dass sein Vater derart in Melancholie versank, für gewöhnlich – wie jetzt – kurz vor dem Morgengrauen, während sie darauf warteten, dass die ersten Brote aus dem Ofen kamen. Er tätschelte den Arm des Vaters, in der Gewissheit, dass das Brot bald fertig wäre und sie danach so viel zu tun hätten, dass keine Zeit mehr blieb, um Schiffe zu betrauern, die wie Vögel aussahen.

»Alles würde ich hergeben, wenn ich so mit Wasserfarben umgehen könnte wie unser Freund Monet oder wenn ich die Freude im Lächeln eines jungen Mädchens malen könnte wie Renoir. Weißt du, wovon ich rede?«

»Ja, Papa«, sagte Lucien. Er hatte keine Ahnung, wovon sein Vater redete.

»Schwafelt er etwa schon wieder von seinen Busenfreunden?«, sagte Mutter, als sie aus dem Laden gestürmt kam, wo sie das Gebäck in Körben arrangiert hatte. Sie war eine stämmige Frau mit breitem Hintern, die ihr kastanienbraunes Haar als chignon trug, dessen lose Strähnen entweder ihrer Übermüdung zuzuschreiben waren oder ihr einfach nur zu entfliehen versuchten. Trotz ihrer Größe schwebte sie durch die Bäckerei, als tanzte sie einen Walzer, auf den Lippen ein verdutztes Lächeln und in den Augen ein Funke der Verärgerung. Verdutzt und verärgert war mehr oder weniger die Brille, durch die Mère Lessard die Welt sah. »Nun, draußen warten schon die Leute, und zwar auf das Brot, nicht auf den Quatsch, den du da kritzelst.«

Père Lessard legte seinen Arm um Luciens Schultern. »Versprich mir, Junge, dass du ein großer Maler wirst und dir nicht wie ich das Leben von einer spöttischen Frau verderben lässt.«

»Einer schönen und spöttischen Frau«, sagte Mutter.

»Gewiss, chère«, sagte Luciens Vater, »aber vor der Schönheit muss ich ihn nicht warnen, oder?«

»Dann sei so gut und warne ihn davor, sich mit farbbeklecksten Vagabunden anzufreunden.«

»Wir müssen Madame ihre Ignoranz verzeihen, Lucien. Sie ist eine Frau, und es mangelt ihr an der Gabe, die Kunst würdigen zu können, doch eines Tages wird sie einsehen, dass meine Malerfreunde große Männer sind, und sie wird ihre unfreundlichen Worte bereuen.«

Das machten Luciens Eltern manchmal so. Dann sprachen sie durch ihn, als wäre er ein langes Rohr, das den scharfen Ton ihrer Worte dämpfen sollte. Er hatte gelernt, dass es das Beste war, an die Wand zu starren und auf gar keinen Fall Aufmerksamkeit vorzutäuschen, bis einer von beiden eine ausreichend komische Pointe fand, mit der sich der Schlagabtausch in Wohlgefallen auflöste.

Mutter schnüffelte die Luft, die vom Duft des backenden Brotes erfüllt war, und schnaubte. »Monsieur, Euch bleiben noch ein paar Minuten, bis das Brot fertig ist. Wieso geht Ihr nicht an die frische Luft und seht Euch mit Eurem Sohn den Sonnenaufgang an? Wenn Ihr erst einen Maler aus ihm gemacht habt, wird er nie mehr früh genug wach sein, um die Sonne aufgehen zu sehen.« Damit tänzelte sie am schweren Holztisch entlang und die Treppe zur Wohnung hinauf.

Lucien und sein Vater schlichen zur Hintertür des Hauses mit der Nummer 6 an der Rue Norvins hinaus und drückten sich an den Häusern entlang, im Rücken der wartenden Kunden, hinüber zum Place du Tertre, um auf die Stadt zu blicken.

Der Hügel namens »Montmartre« war hundertdreißig Meter hoch und lag am nördlichen Ende von Paris. Hunderte von Jahren war Montmartre ein eigenständiges Dorf gewesen, draußen vor den Stadtmauern, doch als die Mauern eingerissen wurden, um Platz für Boulevards zu schaffen, wurde Montmartre zu einem Dorf inmitten einer der größten Städte der Welt. Lebte man als Künstler in Paris, dann kam man zum Hungern auf den Montmartre, und es war Père Lessard, der das verhinderte.

Père Lessard holte eine kleine Pfeife aus seiner Schürzentasche und zündete sie mit einem Streichholz an, dann stand er da, die Hand auf der Schulter seines Sohnes, so wie er es sechs Mal die Woche tat, und rauchte, während sie dabei zusahen, wie sich die Stadt in der Morgendämmerung rosa färbte.

Dieser Teil des Tages war Lucien der liebste, wenn die Arbeit größtenteils getan war, die Schule noch vor ihm lag und sein Vater mit ihm sprach, als wäre er der einzige Mensch auf der Welt. Er stellte sich vor, er wäre ein junger Moses, der Auserwählte, und Vaters Pfeife wäre der brennende Busch, nur dass er ein kleiner, französischer, katholischer Moses war und kein Wort von dem Hebräisch verstand, das der Busch da redete.

»Guck mal, da drüben ist der Louvre«, sagte Père Lessard. »Wusstest du, dass der Hof des Louvre ein Elendsquartier war, in dem Arbeiter mit ihren Familien hausten, bis Haussmann Paris umgebaut hat? Monsieur Renoir ist dort aufgewachsen.«

»Ja«, sagte Lucien, erpicht darauf, seinem Vater zu zeigen, wie erwachsen er war. »Er hat erzählt, als kleiner Junge hätte er den Männern von Königin Amalias Garde Streiche gespielt.« Lucien kannte Monsieur Renoir besser als die anderen Maler seines Vaters, da Renoir eingewilligt hatte, Lucien im Zeichnen zu unterweisen, im Tausch gegen Brot, Kaffee und Gebäck. Trotz der gemeinsamen Zeit, die sie verbrachten, schien Renoir ihn nicht sonderlich zu mögen. Lucien vermutete, dass es vielleicht mit seiner Syphilis zu tun hatte.

Es war bereits während ihrer zweiten Stunde deutlich geworden, als Lucien jammerte, er sei einfach nicht klug genug, um Künstler zu werden.

»In der Kunst geht es nicht ums Denken, Lucien«, sagte Renoir. »Es geht um die Geschicklichkeit in deinen Händen. Ich bin kein Intellektueller, ich habe keine Phantasie. Ich male, was ich sehe. An den Händen eines Mannes lässt sich mehr erkennen als an seinem Diskurs.«

»Aber Eure Hände sind winzig, Monsieur«, sagte Lucien. Renoir war tatsächlich ein ausgesprochen schmächtiger Geselle. Madame Jacob, der die crémerie gegenüber am Platz gehörte, wollte ihn am liebsten überreden, eine ihrer beiden Töchter zu heiraten, die – wie sie versprach – dafür sorgen würde, dass er was auf die Rippen bekam, um ihn vor seiner haushälterischen Hilflosigkeit zu retten.

»Was willst du mir damit sagen?«, fragte Renoir.

»Nichts«, sagte Lucien.

»Deine Hände sind auch winzig«, sagte Renoir.

»Aber ich bin erst neun«, erwiderte Lucien, der damals erst neun Jahre alt war.

»Das ist der Grund, weshalb dich niemand mag, Lucien«, sagte Renoir. »Wahrscheinlich sind deine Hände so klein, weil du Syphilis hast.«

Lucien wusste nicht, was Syphilis war, aber er fürchtete, es würde ihn als Maler behindern.

»Du hast keine Syphilis«, sagte Vater. »Deine Hände sind fein und kräftig vom Teigkneten. Du wirst einmal ein großer Maler.«

»Ich glaube, Monsieur Renoir glaubt nicht, dass aus mir ein großer Maler wird. Er sagt, ich bin schlicht.«

»Für Renoir ist Schlichtheit eine Tugend. Hat er dir nicht erzählt, wie sehr er schlichte Frauen liebt?«

»Ich glaube nicht, dass er tugendhaft schlicht meinte. Ich glaube, er meinte dümmlich schlicht.«

Kurz nachdem Renoir eingewilligt hatte, Lucien zu unterrichten, ging Père Lessard mit dem Jungen den Hügel hinab zum Farbengeschäft von Monsieur Tanguy am Place Pigalle und kaufte ihm einen Zeichenblock, Bleistifte, rote Kreide und etwas Zeichenkohle. Dann fuhren sie auf dem Oberdeck eines Pferdeomnibus zum Louvre, um sich Gemälde anzusehen, damit Lucien einen Orientierungspunkt bekam, von dem aus er seine künstlerische Karriere beginnen konnte.

»Es gibt viele Bilder der Heiligen Mutter«, sagte Lucien. »Aber keines ist wie das andere.«

»Die Heilige Mutter hat viele Gesichter, aber man erkennt sie an ihrem blauen Umhang. Man sagt, sie sei der Geist, der allen Frauen innewohnt.«

»Guck mal, da ist sie nackt, und das Jesuskind hat Flügel«, sagte Lucien.

»Das ist nicht die Heilige Mutter, das ist Venus. Und das da ist nicht Jesus, das ist Amor, der römische Gott der Liebe.«

»Sollte sie nicht auch den Geist der Heiligen Mutter in sich tragen?«

»Nein, sie ist ein heidnischer Mythos.«

»Was ist mit Maman? Trägt sie auch den Geist der Heiligen Mutter in sich?«

»Nein, Lucien, deine Mutter ist ebenfalls ein heidnischer Mythos. Komm, sehen wir uns mal die Bilder von diesen Ringkämpfern da drüben an.«

Jetzt sah sich Lucien seinen Vater an, der sich ansah, wie die Sonne hinter dem Horizont hervorkam und die Seine in ein Band von leuchtendem Kupfer verwandelte. Ein wehmütiges Lächeln glänzte in den Augen seines Vaters.

»Warum malst du nicht, Papa?«, sagte Lucien. »Ich könnte doch das Brot backen.«

»Die Bleche sind zu schwer für dich. Und du bist nicht groß genug, um in den obersten Ofen zu sehen. Und ich bin zu alt, um noch zu lernen. Und wenn ich es täte, müsste ich es heimlich tun, weil mich sonst meine Malerfreunde nur hänseln würden. Und außerdem bin ich zu alt, um damit noch anzufangen. Ich wäre nie wirklich gut.«

»Wieso muss es gut sein, wenn du es sowieso geheim hältst?«

»Wie sollst du je etwas lernen, wenn du immer widersprichst, Lucien? Komm, die Brote müssten so weit sein«, sagte Vater. Er klopfte seine Pfeife am Absatz aus, gab Lucien spielerisch eins hinter die Ohren und schlenderte quer über den Platz zur Arbeit. Scharen von Menschen hatten sich vor der Bäckerei versammelt, Dienstmägde und Ehefrauen, junge Mädchen und alte Männer, Concierges, Cafébesitzer, Fabrikarbeiter, die Brot für ihre Mittagspause holen wollten, die eine oder andere Hure oder Tänzerin und ein Klavierspieler kamen, um nach getaner Arbeit auf dem Heimweg noch auf ein Frühstück einzukehren. Alle sagten bonjour und tratschten und palaverten, während der Duft frisch gebackenen Brotes die Morgenluft erfüllte.

Am Rande der Menge entdeckte Lucien den Maler Camille Pissarro und lief zu ihm hinüber.

»Monsieur!«, rief Lucien, blieb in respektvollem Abstand stehen und rang den Drang nieder, seine Arme auszubreiten, um sich hochheben und mit rauen Küssen begrüßen zu lassen. Von Vaters Künstlerfreunden war Pissarro ihm der liebste. Er war ein kahler, hakennasiger Jude mit wildem, grauem Bart, ein Theoretiker und Anarchist, der Französisch mit melodiösem, karibischem Akzent sprach und eben noch erbittert mit seinen Künstlerfreunden in der Bäckerei oder dem Café streiten konnte, um ihnen dann im nächsten Moment seinen letzten Sou für Brot, Kohlen oder Farbe zu schenken.

Er hatte einen Sohn in Luciens Alter, der ebenfalls Lucien hieß (aber es gab keine Missverständnisse, wenn sie zusammen spielten – aus Gründen, die schon bald verraten werden), und eine Tochter namens Jeanne-Rachel (genannt Minette), die ein Jahr jünger als Lucien war. Minette war zierlich und hübsch und konnte Steine werfen wie ein Junge. Sie weckte eine Liebe in Lucien, die so tief war, dass ihm schier der Atem stockte vor Verlangen, sie an den Haaren zu ziehen, damit sie ihre ganze Leidenschaft in die Welt hinauskreischte. Lucien war relativ sicher, dass er sie eines Tages zur Frau nehmen musste – wenn man ihr nur beibringen könnte, so spöttisch wie seine Mutter zu sein, damit sie ihm auch ordentlich das Leben verdarb. Heute jedoch begleitete sie ihren Vater nicht.

»Rattenfänger!«, rief Pissarro und ignorierte Luciens Respektabstand, indem er den Jungen an einem Arm hochhob und ihm gnadenlos einen kissenbärtigen Kuss auf beide Wangen gab, um ihn danach wieder auf den Boden zu stellen.

»Sehen Sie nur, Monsieur, wie sich die Leute versammeln, um zu erfahren, wer Ihr Gemälde gewinnt!«

»Ich glaube, man versammelt sich, weil dein Vater Brot gebacken hat«, sagte Pissarro. Er reichte Père Lessard die Hand, der eben ansetzte, die Stärken im Gemälde seines Freundes und die unsägliche Ignoranz des Salons herunterzubeten, der sein Werk verpönte, als von drinnen an die Scheibe geklopft wurde und alle sich umdrehten und Mère Lessard gewahr wurden, die einen demitasse-Löffel schwenkte wie eine zierliche Streitaxt, eine Augenbraue vielsagend hochgezogen, was darauf hindeutete, dass das Brot aus dem Ofen musste und Vater ruhig herumtrödeln sollte, so er denn wollte, dass das Brot verbrannte. Aber der Moment würde kommen, in dem er schlafen musste, und dann dürfte es ihn nicht weiter erstaunen, wenn er aufwachte und tot war, einen kleinen Löffel durch Ohr oder Nase tief in den Schädel gerammt.

»Einen Moment, mein Freund«, sagte Père Lessard. »Die Brote.« Er zuckte mit den Schultern und hastete um die Ecke.

»Ich habe gezeichnet«, sagte Lucien. »Monsieur Renoir hat mir beigebracht zu zeichnen, was ich sehe.«

»Zeig mal her«, sagte Pissarro.

Lucien rannte sofort los, die Gasse entlang, zur Hintertür hinein, durch die Bäckerei, die Treppe hinauf und kehrte mit seinem Skizzenbuch zurück, bevor Pissarro seine Pfeife richtig zum Glühen brachte.

»Sehen Sie?«, sagte Lucien, als er dem Maler sein Skizzenbuch reichte. »Das sind zwei kämpfende Hunde, die ich gestern im Maquis beobachtet habe.«

Pissarro betrachtete die Zeichnung, nickte und drehte und wendete sie in der Luft, hielt sie auf Armeslänge und strich über seinen gewaltigen Donnerbart, als wäre er Jehova, der eine entnommene Rippe auf kreative Verwendungsmöglichkeiten hin untersuchte.

»Diese Hunde kämpfen nicht.«

»Tun sie wohl. Wie auf den Gemälden, die wir im Louvre gesehen haben«, sagte Lucien. »Kriechisch-römischer Ringkampf, hat Vater es genannt.«

»Ach, natürlich«, sagte Pissarro, als wäre ihm jetzt alles klar. »Ja, kriechisch-römisch ringende Hunde. Famos! Ich gehe davon aus, dass du Madame Lessard deine ringenden Hunde noch nicht gezeigt hast.«

»Allerdings, Monsieur. Mutter hat für Kunst nichts übrig.«

»Nun, dann muss ich darauf bestehen, dass du mir das Bild für meine Sammlung überlässt.«

Lucien fühlte sich, als müsse er vor Stolz platzen. »Wirklich, Monsieur? Sie wollen meine Zeichnung haben?«

»Ich werde sie neben einen Cézanne hängen. Ich glaube, der hat auch eine gewisse Affinität zu ringenden Hunden.«

»Und werden Sie Minette erzählen, dass das Bild von mir ist?«

»Selbstverständlich.«

Lucien begann, die Zeichnung aus seinem Skizzenbuch zu reißen, dann hielt er inne und blickte auf. Lucien hatte dunkle Augen, die oft wirkten, als stünden sie zu weit auseinander wie bei einem hungrigen Kätzchen, und nun sprach aus ihnen ein Kummer, den Tränen nah. »Aber, Monsieur, ich möchte nicht, dass Euer Lucien sich schlecht fühlt, wenn er meine ringenden Hunde in Eurem Haus hängen sieht.«

Pissarro lachte. »Dein Freund hat selbst ein Skizzenbuch, Rattenfänger. Um ihn mach dir mal keine Sorgen.«

Lucien lächelte, riss das Blatt heraus und reichte es dem Maler, der es vorsichtig in der Mitte faltete und in seine Manteltasche steckte.

In der Menge wurde ein Murmeln laut, und man manövrierte sich höflich in eine gute Ausgangsposition vor dem Eingang der Bäckerei. Mère Lessard zog die Jalousie hoch, drehte das Schild um und öffnete die Tür. Madame rief den Kunden ein fröhliches bonjour entgegen und hieß sie mit schwungvoller Geste und einem Lächeln im Laden willkommen, wie man es auf einer Teetasse mit dem Bild der vorrevolutionären Marie Antoinette finden mochte, was bedeuten soll: sprühend vor Charme und warmherzigem Versprechen.

»Maman spart sich ihre stürmische Seite für die Familie auf«, sagte Père Lessard oft genug. »Für die Welt hat sie nur Sonnenschein und Schmetterlinge übrig.«

Das war der Moment, in dem sie dem jungen Lucien ein Baguette um die Ohren schlug. Die knusprig-zarte Kruste schmiegte sich an seinen Kopf, bog sich, brach jedoch nicht, was zeigte, dass der Ofen genau die richtige Temperatur und genügend Feuchtigkeit gehabt hatte, und tatsächlich – nach der uralten Lessard-Methode – perfekt war. Lucien glaubte, so machten es alle französischen boulangers, und er sollte erst zu einem jungen Mann heranwachsen, bis ihm jemand erklärte, dass die anderen Bäcker keinen Testknaben hatten, dem man jeden Morgen eine Brotstange um die Ohren schlug.

Madame Lessard hielt das perfekte Baguette hoch, um es der Menge vorzuführen. »Voilà«, sagte sie und eröffnete damit den heutigen Verkaufstag.

»Darf ich das Los ziehen, Maman? Darf ich das Los ziehen?«, rief Lucien, wobei er auf- und abhüpfte, dass ihm die Brotkrümel aus den Haaren rieselten, vor den Augen der Kunden, die in Viererreihen vor dem Tresen warteten und angesichts seiner Begeisterung doch etwas verwundert wirkten.

»Schon geschehen, Rattenfänger«, sagte Luciens älteste Schwester Régine, die sechzehn Jahre alt war und sich hinter dem Tresen zu seiner Mutter gesellte. Régine hatte von ihrem Vater die dunklen Haare und die Augen geerbt und überragte beide Eltern. Père Lessard sagte, eines Tages würde sie bestimmt jemandem eine gute Frau sein, aber er könnte sie ebenso gut nach Quebec schicken, wo sie der hübscheste Trapper wäre, den es je gegeben hatte. Régine hielt das siegreiche Los in die Luft. »Nummer zweiundvierzig«, sagte sie. »Hat jemand die Nummer zweiundvierzig?«

Wie sich herausstellte, hatte niemand die Nummer zweiundvierzig. Tatsächlich war heute Morgen in der Bäckerei überhaupt kein einziges Los verkauft worden. Eine Stunde später steckte das Gewinnerlos an der Wand unter Pissarros Gemälde, einer kleinen Landschaft, den Blick von einem Hügel in Auvers-sur-Oise auf die roten Dachziegel und den Fluss hinab. Pissarro saß an einem kleinen Bistrotisch draußen vor der Bäckerei mit Père Lessard. Lucien tänzelte neben dem Tisch von einem Bein aufs andere, seine Schulbücher unterm Arm.

»Nicht mal geschenkt will man unsere Bilder haben«, sagte Pissarro niedergeschlagen.

»Unsinn«, widersprach Père Lessard. »Der Gewinner ist nur noch nicht aufgetaucht. Wir können uns doch freuen, wenn er nicht kommt. Du hast die zehn Francs, die wir für den Verkauf der Lose bekommen haben, und dein großartiges Bild hängt in meiner Bäckerei, wo die Leute es bewundern können.«

»Aber Papa …«, sagte Lucien, der eben Einwände gegen die Rechenkünste seines Vaters erheben wollte, als dieser ihm ein Butterbrötchen in den Mund schob. »Mmmmpf«, fuhr Lucien in einem Krümelregen fort. Schließlich waren die Lose für einen Sou das Stück verkauft worden, wobei zwanzig Sou einen Franc ergaben, und sie hatten insgesamt nur achtundsiebzig Lose verkauft … nun, das waren zusammen nicht mal vier Franc! Das hätte Lucien laut ausgesprochen, hätte sein Vater ihn nicht mit einem petit pain mundtot gemacht, während er Pissarro über den Tisch hinweg einen Zehn-Franc-Schein zuschob.

Auf der anderen Seite des Platzes schrie ein Esel, und sie drehten sich um und sahen einen gebeugten, kleinen, braunen Mann im schlecht sitzenden Anzug die Straße entlangstapfen, mit dem Esel an der Leine, doch ihre Aufmerksamkeit war augenblicklich von dem Mädchen gefangen, das ihm etwa zehn Schritte vorausging. Luciens Mund blieb offen stehen, und ein Ball von halb zerkautem Brot kullerte aus seinem Mund auf das Kopfsteinpflaster. Zwei Tauben weiter hinten auf dem Platz gurrten angesichts ihres Glücks und strebten eilig auf dieses Geschenk des Himmels zu.

»Ich komme doch nicht zu spät, oder?«, rief das Mädchen. Sie hielt ihr Tombola-Los in der ausgestreckten Hand.

Sie konnte nicht älter als fünfzehn oder sechzehn Jahre sein, ein zartes Ding in einem weißen Kleid mit Puffärmeln und vorn einer Reihe großer, kornblumenblauer Schleifen. Ihre Augen passten zu den Schleifen an ihrem Kleid, waren eigentlich zu blau, und selbst der Maler, ein Theoretiker und Farbenkenner, merkte, dass er sie nicht direkt ansehen konnte, wenn er seinen Gedanken zu Ende denken wollte.

Père Lessard stand auf und begrüßte das Mädchen mit einem Lächeln. »Sie kommen gerade noch rechtzeitig, Mademoiselle«, sagte er und deutete eine Verbeugung an. »Darf ich?«

Er pflückte das Los aus der Hand des Mädchens und sah sich die Nummer an. »Und Sie haben gewonnen! Glückwunsch! Und welch Glück wir haben, dass der große Künstler höchstpersönlich anwesend ist. Mademoiselle …«

»Margot«, sagte das Mädchen.

»Mademoiselle Margot, darf ich Ihnen den Schöpfer dieses Meisterwerkes vorstellen: Monsieur Camille Pissarro.«

Pissarro stand auf und verneigte sich über der Hand des Mädchens. »Ich bin entzückt«, sagte er.

Lucien, der ebenfalls entzückt war und sie für das Allerschönste hielt, was er je gesehen hatte, starrte sie fasziniert an, wobei er sich fragte, ob er Minette wohl eines Tages nicht nur dazu bringen könnte, spöttisch zu sein, sondern auch Kleider mit blauen Schleifen zu tragen, und ob ihre Stimme wie Margots den Klang einer Spieluhr annehmen würde, und ob ihre Augen vor Vergnügen glitzern würden, denn wenn ja, wollte er sie auf einen Diwan setzen und bewundern, ohne zu blinzeln, bis ihm die Augen tränten. Er wusste nicht, wie ungewöhnlich es war, dass der Anblick dieses Mädchens eine Liebe entfachte, die ihm die Tränen in die Augen trieb, da Minette bisher seine einzige Liebe gewesen war. Doch es bestand kein Zweifel daran, dass Mademoiselle Margots Erscheinung sein Herz für Minette geöffnet hatte, sodass es sich anfühlte, als könnte es jeden Moment vor Freude aus seiner Brust hüpfen.

»Kommen Sie herein, Mademoiselle«, sagte Père Lessard, wobei er eine Hand an Luciens Kinn hob und den Mund des Jungen zuklappte. »Sehen Sie sich Ihr Bild an.«

»Oh, ich habe es schon gesehen.« Margot lachte. »Und ich dachte, ob ich wohl statt des Bildes eine von Ihren Zimtschnecken als Preis bekommen könnte.«

Das Lächeln, mit dem Pissarro das Mädchen begrüßt hatte, erlahmte, als hätten ihm pygmäische Kunstkritiker aus dem finstersten Kongo einen Giftpfeil ins Gesicht geschossen. Er setzte sich, als wäre er schlagartig erschöpft.

»Kleiner Scherz«, sagte Margot und zupfte kokett an Pissarros Ärmel. »Es ist mir eine Ehre, eines Ihrer Bilder zu besitzen, Monsieur Pissarro.«

Das Mädchen folgte Père Lessard in die Bäckerei, während Pissarro und Lucien draußen blieben, beide ein wenig benommen.

»Du da, Maler …«, ertönte eine krächzende Stimme. »Brauchst du Farben? Ich habe erlesenste, von Hand zerriebene Pigmente.« Der verkrüppelte, kleine Mann mit dem Esel war an den Tisch getreten.

Pissarro blickte auf und sah, dass der Mann eine Farbtube schwenkte. Der Deckel war abgedreht.

»Feinstes Ultramarin«, sagte der Farbenmann. »Reine Farbe. Echte Farbe. Zinnober, Krapp und italienische Erdfarben. Nichts von diesem künstlichen, preußischen Dreck.« Der kleine Mann spuckte nach den Tauben, um seine Verachtung für die Preußen, von Menschenhand gefertigte Farben und generell Tauben kundzutun.

»Ich bekomme meine Farben von Père Tanguy«, sagte Pissarro. »Er kennt meine Palette. Und außerdem habe ich kein Geld.«

»Monsieur«, sagte Lucien. Er nickte zu dem Zehn-Franc-Schein, den Pissarro noch in der Hand hielt.

»Nimm etwas Ultramarin zur Probe«, sagte der Farbenmann. Er verschloss die Tube und legte sie auf den Tisch. »Wenn’s gefällt, bezahl mich. Wenn nicht, auch gut.«

Pissarro nahm die Farbtube, drehte sie auf und schnüffelte daran, als Margot mit ihren wehenden Röcken aus der Bäckerei trat und die kleine Leinwand vor sich tanzen ließ. »Oh, es ist wundervoll, Monsieur Pissarro. Ich bin begeistert.« Sie drückte die Leinwand an ihre Brust, bückte sich und gab Pissarro einen Kuss auf seinen kahlen Kopf.

Lucien spürte, wie sein Herz schneller schlug, als er ihre singende Stimme hörte, und es platzte aus ihm heraus: »Möchtet Ihr gern ein Bild von ringenden Hunden sehen?«

Da wandte Margot sich Lucien zu, streichelte seine Wange und sah ihm tief in die Augen, während sie das Bild an ihren Busen drückte. »Seht euch den mal an«, sagte sie. »Oh, diese Augen, so dunkel, so geheimnisvoll. Ach, Monsieur Pissarro, Sie sollten ein Porträt von ihm und seinen dunklen Augen malen.«

»Ja«, sagte Pissarro, der plötzlich merkte, dass er eine Farbtube in der Hand hielt und der verkrüppelte, kleine Mann mit seinem Esel sich verzogen hatte.

Lucien erinnerte sich nicht, gesehen zu haben, dass er gegangen war. Er erinnerte sich nicht daran, dass das Mädchen gegangen war, und auch nicht an die Schule und seine Stunden bei Monsieur Renoir. Er erinnerte sich an nichts von dem, was im folgenden Jahr passierte, und als er sich dann wieder erinnerte, war er ein Jahr älter, Monsieur Pissarro hatte ihn porträtiert, und Minette, die Liebe seines jungen Lebens, war am Fieber gestorben.

Im Grunde handelte es sich um eine eher geringfügige Verzauberung – Luciens erste Begegnung mit dem Blau.

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