22
Das Ende des Meisters
Ich hab Juliette nicht gepoppt«, sagte der Farbenmann. »Bestimmt nicht.«
»Wieso beugt sie sich nackt über die Sofalehne? Was macht sie da?«
»Staub wischen?« Er zuckte mit den Schultern.
»Zum Staubwischen muss sie nicht nackt sein.«
Das Inselmädchen – Bleu – fing an, Juliettes Kleider vom Boden aufzuheben und sie dem Farbenmann zuzuwerfen. »Hilf mir, sie anzuziehen.« Zu Juliette sagte sie: »Zieh dir was über.« Die lebende Puppe richtete sich auf und begann mit mechanischer Unbeholfenheit, ebenfalls ihre Kleider einzusammeln.
»Aber ich wollte doch gerade die Farbe machen.«
»Du kannst die Farbe auch mit diesem Körper machen«, sagte Bleu. Es war ihr egal, welchen Körper er dafür benutzte. Sie wäre bei dem Vorgang ohnehin in Trance, nicht ohne Bewusstsein, aber auch nicht voll da. Es war ein Zustand traumähnlicher Losgelöstheit, ekstatisch, selig, entrückt und ganz und gar wehrlos. Doch im Gegensatz zu Juliettes Körper, der nur so etwas wie eine Marionette war, würde sich das Inselmädchen, wenn Bleu dessen Körper jetzt verließ, inmitten dieser sonderbaren Szenerie wiederfinden, ohne die geringste Erinnerung daran, wie sie hierhergekommen war. Günstigstenfalls verwandelte sie sich in eine sabbernde Irre, schlimmstenfalls sprang sie vor Entsetzen aus dem Fenster. Sacré Bleu mochte die Essenz der Schönheit sein, doch die Farbe herzustellen war kein schöner Vorgang.
»Warte«, sagte Bleu. Juliette richtete sich auf und hielt ihr Seidenhemdchen zwischen den Brüsten fest, stand da wie die Statue einer schüchternen Venus, als wartete sie liebend gern tausend Jahre auf die nächste Anweisung.
Zum Farbenmann sagte Bleu: »Wie willst du die Farbe machen? Wir haben kein Gemälde.«
Bleu hatte nicht die Absicht, den Farbenmann über den derzeitigen Stand von Luciens Blauer Akt zu informieren.
»Kennst du das hier noch?« Der Farbenmann zerrte eine große Leinwand hinter dem Diwan hervor, über den Juliette sich gebeugt hatte. Sie hatte tatsächlich Staub gewischt – nämlich auf einem Ölgemälde, mit ihrem Hemdchen.
»Berthe?«, sagte Bleu ein wenig verdutzt. Sie trat von dem Bild zurück und setzte sich vorsichtig auf einen der Louis-XIV.-Stühle. »Ich dachte, du hättest dieses Bild schon vor fünfundzwanzig Jahren benutzt. Woher …?«
Um Sacré Bleu herzustellen, brauchte man ein Gemälde, ein Buntglasfenster, eine Ikone, ein Fresko – irgendein Kunstwerk, das mit dem Blau erschaffen worden war, doch in Trance wusste sie nicht immer, welches Kunstwerk der Farbenmann verwendete. Aber die Farbe musste hergestellt werden. Ohne die konnten weder sie noch der Farbenmann weitermachen. Alles hatte seinen Preis, und die Bilder waren ein Teil davon. Nie hätte sie gedacht, dass sie dieses Bild jemals wiedersehen würde.
»Ich hatte es noch herumliegen«, sagte der Farbenmann. »Sie ist hübsch, nicht?«
»Versuch nicht abzulenken, Stinkfurz. Wenn du es noch herumliegen hattest, wieso musstest du dann Vincent erschießen? Wozu die Panik wegen Luciens Bild? Wozu das ganze Theater?«
»Ich glaube, sie ist vielleicht sogar noch besser als deine Juliette«, sagte der Farbenmann. »Die dunklen Augen – die helle Haut – schön und schlau.«
Berthe Morisot war vielleicht – neben Juliette – die schönste Frau gewesen, derer sich Bleu je bemächtigt hatte, vor allem in modernen Zeiten, doch Manet hatte dieses Bild vor so langer Zeit gemalt – wie und wieso tauchte es jetzt und hier auf? Sie gab sich alle Mühe, ihren Zorn auf den Farbenmann zu bändigen.
»Er hat sie wirklich angebetet«, sagte sie einen Moment später.
»Man hat den Eindruck, als wollte er am liebsten in das Bild hineinsteigen und mit ihr sterben.«
»Das hat er auch getan«, sagte Bleu.
Paris, April 1883
Manet lag im Sterben. Er schwitzte und zitterte vor Fieber. Man hatte ihm vor einer Woche den linken Fuß abgenommen, und der Stumpf fühlte sich an, als stünde er in Flammen. Seine Frau Suzanne flehte ihn an, das Morphium gegen die Schmerzen zu nehmen, doch davon wollte er nichts wissen. Auf keinen Fall wollte er die Klarheit seiner letzten Stunden verlieren, selbst wenn der Schmerz das einzige Lebenszeichen war, das ihm noch blieb.
Der Arzt nannte es lokomotorische Ataxie, denn der Arzt eines feinen Herrn verriet einer trauernden Ehefrau keinesfalls, dass ihr Mann an der Syphilis starb.
Bei Ausbruch seiner Erkrankung war er auf dem Höhepunkt seines Könnens gewesen. Zwei Jahre zuvor erst hatte ihn der Staat zum chevalier der Ehrenlegion ernannt und ihm damit einen lebenslangen Wunsch erfüllt, doch selbst jetzt noch lösten die Bilder, die ihm diese Ehre hatten zuteilwerden lassen, Das Frühstück im Grünen und Olympia, stets einen Skandal aus, sobald sie gezeigt wurden. Die Revolution, die er begonnen, der er sich jedoch nie angeschlossen hatte – der Impressionismus –, war mittlerweile von Erfolg gekrönt, und die Studenten, die sich 1863 bei dem Salon des Refusés wie Hündchen um ihn versammelt hatten – Monet, Renoir, Pissarro, Cézanne und Degas –, waren selbst große Namen, zumindest als Maler, wenn auch ohne finanziellen Erfolg. Sie alle waren in diesem Zimmer gewesen, hatten ihm gehuldigt und Abschied genommen, obwohl keiner es zugeben wollte. Doch das hatte nun ein Ende. Niemand sollte den Maler Manet so sehen.
»Suzanne, chère, keinen Besuch mehr. Bitte, sag ihnen, es täte mir leid. Danke ihnen, aber schick sie fort.«
Suzanne schickte alle fort, und zwischen den Tränen, die sie täglich vergoss, zwischen den schmerzhaften Augenblicken tiefster Einsamkeit, die sie schon jetzt durchlitt, weinte sie doch auch Tränen der Erleichterung, des Triumphes, der Freude – und schämte sich sogleich dafür. Sie war nicht gekommen, würde nicht kommen. Victorine, die vor so langer Zeit Modell für diese Bilder gestanden hatte, die hochmütige Dirne aus der demimonde, war nicht gekommen. Victorine, deren Blick Suzanne endlose Abende ertragen musste, da diese nackt und abschätzig von der Leinwand herabblickte. Olympia hing im Salon, und die zarte, verspannte Victorine sah sich an, wie die stämmige Suzanne ochsengleich durch ihr Haus stampfte und den weltlichen Verpflichtungen nachging, für ihr Heim und ihren Mann zu sorgen. Édouards größtes Werk. Victorine war unsterblich und für immer schlank, und die arme Suzanne war eine einsame, dickliche, trauernde Fußnote: die holländische Klavierlehrerin, die ihren Schüler geheiratet hatte. Édouard liebte sie, das wusste sie, das spürte sie, doch da war noch etwas anderes gewesen, ein Teil von ihm, den sie nicht gekannt hatte. Und jeden Tag, wenn sie in die Augen dieser Frau sah, wusste Suzanne, dass Victorine diesen kennengelernt hatte.
Es läutete an der Tür, und Suzanne hörte, dass die Dienstmagd jemanden hereinließ.
»Madame Morisot Manet«, verkündete die Magd und führte Berthe aus dem Foyer herein. Berthe trug ein Kleid aus lavendelfarbener Seide, besetzt mit weißer Spitze, dazu einen Hut mit einem durchsichtigen, weißen Schleier aus Chiffon. Berthe war so oft von düsterem Betragen und finsterer Miene, dass Suzanne sie sich nur in schwarzer, spanischer Spitze vorstellen konnte, als trauerte sie ewiglich, doch heute kam sie – Gott segne sie – gekleidet wie eine leuchtende Frühlingsblume.
»Suzanne«, sagte Berthe, strich ihren Schleier zurück und umarmte Édouards Frau, küsste ihre Wangen. Sie trat einen Schritt zurück, hielt Suzannes Hände jedoch fest und drückte sie, als sie sagte: »Wie kann ich dir helfen?«
»Er hat solche Schmerzen«, sagte Suzanne. »Könnte ich ihn doch nur dazu bringen, das Morphium zu nehmen.«
»Ich habe gehört, er empfängt keinen Besuch.«
Suzanne lächelte. »Nein, aber dich wird er empfangen. Komm mit.«
Bevor sie das Schlafzimmer betraten, drehte sich Suzanne zu Berthe um und flüsterte: »Er ist totenbleich, aber lass dir deine Sorge nicht anmerken.«
Berthe tat den Gedanken mit einem Nicken ab. Suzanne öffnete die Tür.
»Édouard, sieh nur, wer da ist. Berthe.«
Manet richtete sich mühsam im Bett auf, und trotz der schmerzhaften Anstrengung lächelte er.
»Berthe!« Mehr sagte er nicht.
Freude glitzerte in seinen Augen, und bei diesem Anblick kamen Suzanne die Tränen. Sie drückte seine Hand und wandte sich ab. »Ich gehe uns einen Tee holen«, sagte sie, eilte hinaus, schloss die Tür, und sobald sie draußen in der Halle war, wurde sie von einem gewaltigen, lautlosen Schluchzen erschüttert.
»Wie geht es dir, Édouard?«, fragte Berthe mit süßem Lächeln, kaum wahrnehmbar. »Ich meine, vom Offensichtlichen mal abgesehen.«
Manet lachte, bis er hustete. »Nun, davon abgesehen, könnte es mir nicht besser gehen.«
»Ich habe dir etwas mitgebracht.« Sie griff in ihre Tasche, einem Beutel aus schwarzem Satin, verziert mit spanischer Spitze, und holte eine kleine Leinwand hervor, einen feinen Zobelpinsel mit kurzem Stiel und eine Farbtube. Das alles legte sie ihm auf die Brust, und hinfällig tastete er danach, als fehlte ihm sogar die Kraft, auch nur den kleinen Pinsel anzuheben. Stattdessen nahm er ihre Hand.
»Du warst die Beste von allen, Berthe«, sagte er. »Du bist immer noch die Beste von allen. Wärst du ein Mann, hingen deine Bilder längst im Louvre. Weißt du das?«
Sie streichelte seine Hand, dann gab sie ihm den Pinsel. Sie stellte die kleine Leinwand auf seine Brust und drückte etwas blaue Farbe darauf. »Das hast du schon mal gesagt. Du kannst dich nicht mehr daran erinnern, den Akt gemalt zu haben, stimmt’s?«
Er sah sie an, gequält, als entglitt ihm sein Verstand bereits. Den Pinsel hielt er wie ein fauliges, fremdes Ding.
»Male mich, Édouard«, sagte sie. »Du bist Manet, der Maler. Also male!«
Und obwohl er protestierte, fing seine Hand doch an, sich zu bewegen, der Pinsel zog Linien über die Leinwand. »Aber ich liege im Sterben.«
»Das ist kein Grund, Liebster. Du bist immer noch der Maler Manet, und der wirst du immer sein. Nun male!«
Er begann, sie zu skizzieren, vom Unterkiefer aufwärts, wobei der weiche Pinsel lautlos das cremige Blau auftrug, während ihr Gesicht auf der Leinwand Gestalt annahm. Sie machte es ihm nicht leicht, denn ihr Lächeln wurde immer strahlender, sodass er die Skizze ständig überarbeiten musste.
»Arme Suzanne«, sagte Berthe. »Victorine verfolgt sie.«
»Die Leidenschaft, auf die sie eifersüchtig ist, galt der Arbeit, nicht der Frau«, sagte er.
»Ich weiß«, sagte Berthe. Sie wusste es wirklich. Sie war dabei gewesen. Sie selbst war damals Victorine Meurent gewesen, die für diese Bilder Modell gestanden hatte. Als Victorine hatte sie ihn verführt, verzaubert, inspiriert und schließlich umgebracht, denn sie war es gewesen, die ihn mit der Syphilis ansteckte. Aber er hatte Victorine nie geliebt. Als Berthe Morisot hatte sie ihn zur Liebe und zu seinem großartigsten Gemälde inspiriert. Das Gemälde, das nur sie, Manet und der Farbenmann je gesehen hatten. Das Gemälde, das über zwanzig Jahre im Pariser Untergrund versteckt gewesen war.
»Erinnerst du dich jetzt?«, fragte sie, als das Blau zu wirken begann.
»Ja. O ja.«
Sie nahm seine Hand und führte ihn zum Wald von Fontainebleau, wo sie eine Hütte mit einem Sonnenzimmer mieteten, und wenn er sie bei Tage malte, posierte sie auf einer Liege, auf der sie sich auch liebten, die Sonne auf der Haut. Sie führte ihn zu einem kleinen Gasthof in Honfleur, wo die Seine ins Meer floss, und dort tranken sie Wein in einem Café am windstillen Hafen, malten Seite an Seite und spazierten bei Sonnenuntergang über den Strand. Sie führte ihn zu einer sonnigen Villa in der Provence, nahe Aix, und als er sie malte, lächelte sie ihn unter der Krempe ihres weißen Strohhuts hervor an, wobei ihre dunklen Augen wie Edelsteine schimmerten.
Erst zum zweiten Mal war Bleu sowohl Modell als auch Malerin, sowohl Muse als auch Künstlerin. Berthes künstlerisches Talent hatte nichts mit Bleu zu tun. Es war zeitlos und echt. Frauen malten nicht, und wenn sie es doch taten, ernteten sie dafür keine Anerkennung. Berthe jedoch war von Anfang an unter den Impressionisten anerkannt gewesen und hatte bereits mit jedem von ihnen Seite an Seite gemalt. Abends, wenn die anderen sich in die Cabarets und Cafés zurückzogen, um Kunst, Ideen und Theorien zu diskutieren, ging sie nach Hause, saß bei den anderen Frauen, wie es sich gehörte, trotz des Umstandes, dass sie, wie Manet gesagt hatte, die Beste von allen war. Bleu hatte die Kunst mit Berthes Augen gesehen, und außerdem hatte sie Berthe mit Manets Augen gesehen, in seinen Bildern. Er hatte Berthe verehrt, bevor sie von Bleu besessen war und danach. Er hatte alles dafür getan, dass Berthe seinen jüngeren Bruder Eugène heiratete, nur um in ihrer Nähe sein zu können – unauffällig und unverfänglich. Sie die feine Dame, er der feine Herr der Gesellschaft. Erst als Berthe von Bleu besessen war, konnte sich Manets Leidenschaft in Kunst und Liebe manifestieren. Bleu, als Berthe, hatte den Maler an Orte geführt, die er sonst nie gesehen hätte, genau wie jetzt.
Einen Monat verbrachten sie gemeinsam im Süden, malten und lachten und schlummerten im blauen Schatten der Olivenbäume, bis Suzanne den Tee an Édouards Bett brachte.
»Er ist von uns gegangen«, sagte Berthe. »Er malte gerade, da stöhnte er plötzlich auf und war nicht mehr. Es ging so schnell, dass ich nicht mal Zeit hatte, dich zu rufen.«
Suzanne geriet ins Taumeln, Berthe fing das Tablett auf und trug es zur Kommode, dann stand sie wieder an Suzannes Seite.
Sanft löste Berthe die kleine Leinwand aus Manets Hand, verschmierte die Skizze dabei gerade so weit, dass nicht mehr zu erkennen war, wen sie darstellte.
»Er hat deinen Namen gerufen«, sagte Berthe. »Er sagte, er wollte dich malen, und war gerade dabei, da stöhnte er auf und rief deinen Namen – ›Suzanne‹.«
»Die Syphilis war gut zu uns«, sagte der Farbenmann.
»Sehr gut«, sagte Bleu.
»Wenn auch unbefriedigend«, sagte er.
»Das ist deine Meinung.«
»Sie ist langsam. Manchmal will man einfach nicht warten, und da ist ein Revolver besser.«
»Ein Revolver ist für uns nicht immer das Richtige, wie du bei Vincent unter Beweis gestellt hast«, sagte Bleu. Da kam ihr in den Sinn, dass eine Waffe sehr wohl das Richtige sein mochte. Was wäre, wenn der Farbenmann das Bild, das Vincent mit Sacré Bleu gemalt hatte, ebenso versteckt hielt wie Manets Akt? Was wäre, wenn er Vincent nur erschossen hatte, um zu verhindern, dass sie erfuhr, wo das Bild geblieben war? Was wäre, wenn er – als sie in Trance war oder eine ihrer Rollen spielte und nicht aufpassen konnte – mal wieder einen neuen Weg gefunden hatte, um sie auszutricksen? Er war auch so schon hinterhältig genug und hatte viel Zeit gehabt, noch hinterhältiger zu werden. Möglicherweise versteckte er seit Jahren Bilder, ohne dass sie etwas davon wusste.
»Du solltest dich langsam fertig machen«, sagte der Farbenmann. Er schloss die Vorhänge und breitete über dem Tisch ein Öltuch aus.
»Wirklich? Du willst es auf dem Tisch tun?«, fragte Bleu.
»Ja. Das ist ein stabiler Tisch. Wieso nicht?«
»Weil du dann auf einem Stuhl stehen musst – auf mehreren Stühlen. Das ist gefährlich. Wir sollten den Diwan nutzen.« Sie fing an, Kissen von der Couch zu sammeln, und als sie das dritte anhob, entdeckte sie einen kleinen, vernickelten Revolver, der im Spalt der Lehne steckte. Eilig legte sie das Kissen zurück, bevor der Farbenmann bemerkte, was sie gesehen hatte. »Oder auf dem Boden«, sagte sie. »Am besten auf dem Boden.«
Sie zog das Öltuch vom Tisch und breitete es zwischen Esszimmer und Salon aus. Als sie sich entkleidete, sagte sie: »Ich habe Gauguin gefunden, den Maler, der mit Vincent in dem gelben Haus in Arles gewohnt hat. Sobald wir das Blau haben, gehört er uns. Er hat eine Schwäche für kleine Polynesierinnen.«
Der Farbenmann streifte seine Jacke ab, dann stieg er aus seinen Schuhen. »Ich habe mich schon gefragt, wieso du ihn ausgesucht hast. Es gibt da noch einen anderen Maler, der von mir Farbe gekauft hat. Er heißt Seurat, allerdings ein Theoretiker. Könnte sein, dass er langsam ist.«
»Gauguin wird sicher schnell sein. Er hatte schon eine Vorstellung davon, was er malen wollte, bevor er diesem Mädchen begegnet war.«
»Gut, dann müssen wir nur noch hinter dir aufräumen, ja?« Inzwischen war der Farbenmann nackt, bis auf einen Lendenschurz aus zerlumptem Leinen. Mit dem krummen Rücken und den spindeldürren, verwachsenen Gliedern sah er aus wie die Kreuzung einer Ratte mit einem Pfifferling. Stellenweise war seine dunkelbraune Haut von schwarzen Borsten überzogen wie bei einem Keiler. Er verteilte vier Kohlepfannen auf dem Öltuch und entzündete in jeder davon ein kleines Feuer. Zu beiden Seiten hatte er runde Tonkrüge aufgestellt, groß wie Granatäpfel, jeweils mit einer Lederkordel um den Hals und einem dicken Korken als Verschluss.
»Es gibt nichts aufzuräumen«, sagte sie. Mittlerweile war auch sie nackt und trat beiseite, während der Farbenmann die letzten Vorbereitungen traf. »Um Vincents Bruder müssen wir uns keine Sorgen mehr machen.«
Langsam drehte sich der Farbenmann zu ihr um, mit einem langen Obsidianmesser, dessen Griff mit irgendeiner gegerbten Tierhaut umwickelt war. »Der Kunsthändler? Du hast den Bruder des Holländers erschossen?«
»Syphilis«, sagte sie. Dann ein Lächeln, das bei diesem nackten Inselmädchen scheu aussah, als es hinter einem Vorhang von hüftlangen Haaren hervorlugte. »Siehst du, es dauert nicht immer lange, aber lange genug, dass man ihnen Fragen stellen kann, bevor sie sterben.«
Der Farbenmann nickte. »Gut, dann müssen wir nur den Bäcker und den Zwerg erschießen, und dann ist alles erledigt.«
»Ja, dann ist alles erledigt«, sagte sie. Verdammt. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Ganz und gar nicht.
»Ich bin so weit«, sagte er. »Leg dich hin.« Er entkorkte einen der Krüge und hängte ihn wie ein Medaillon um seinen Hals.
Sie legte sich rücklings auf das Öltuch und streckte die Arme über ihrem Kopf aus. Der Farbenmann sprenkelte Pulver in die Leuchter, und schwerer, aromatischer Rauch breitete sich in der Wohnung aus. Dann lief er im Zimmer herum, hüpfte auf Stühle und löschte die Gaslampen, bis das Mädchen im trüben Schein der Kohlepfannen kaum noch zu sehen war. Er begann einen Singsang, während er sie umkreiste und das Messer vor ihrem Gesicht schwenkte. Der Singsang bestand nicht aus Worten, sondern aus Rhythmen. Tierlaute, die erst durch das An- und Abschwellen eine Bedeutung bekamen.
»Nicht die Vuvuzela vögeln«, sagte Bleu.
Er stockte in seinem Singsang. »Was, zum Teufel, ist eine Vuvuzela?«
»So heißt das Mädchen. Nicht vögeln.« Manchmal fielen beide in eine derart tiefe Trance, dass Bleu, wenn sie wieder zu sich kam, sicher war, dass man sie missbraucht hatte. Es gab niemals Beweise. Er passte auf und hinterließ keine Spuren sozusagen, aber dennoch hatte sie ihn in Verdacht.
Er sah ein wenig enttäuscht aus. Seine dicken Brauen ragten weiter über die Augen als normal. »Wenn wir hier fertig sind, könntest du sie vielleicht verlassen und ich darf sie erschrecken, ja?«
»Vielleicht. Jetzt mach die Farbe, Farbenmann!«
Er lachte ein keuchendes Husten von einem Lachen und nahm seinen Singsang wieder auf. Die Augen des Mädchens rollten in ihren Kopf zurück, und sie krümmte sich mehrmals zum Singsang des Farbenmannes, dann erstarrte sie mit durchgedrücktem Rücken und blieb so liegen. Nur ihre Schulterblätter und die Fersen berührten noch das Öltuch. Dann begann das Gemälde von Manet zu glühen, ein trübes, pulsierendes Blau, das den ganzen Raum erfüllte.
Der Farbenmann skandierte seinen Singsang, tanzte wie ein verletzter Vogel, das Bild erglühte, und langsam, ganz langsam lief das Mädchen blau an, während sich die Farbe auf ihrer Haut ausbreitete. Selbst der seelenlose Körper Juliettes bekam große Augen, als der Farbenmann die Klinge des schwarzen Glasmessers an die Haut des Mädchens legte und damit begann, das blaue Farbpulver abzuschaben.
Das Messer war scharf, doch nicht so scharf, dass man sich damit hätte rasieren können, und trotz seiner spinnenhaften Unbeholfenheit führte der Farbenmann die Klinge geschmeidig und präzise, schabte das Pulver überall vom Leib des Mädchens, sogar von den Augenlidern, und strich es in den Tonkrug. Er rollte sie auf die Seite und schabte die zarten Rundungen ihres Rückens ab, rollte sie hin und her, bis ihm der Schweiß ausbrach, sodass das blaue Pulver überall an seinen Händen, Füßen und Oberschenkeln klebte. Während der Farbenmann seinen Krug füllte, verblasste Manets Meisterwerk, das so gut wie niemand je gesehen hatte. Das Gemälde – die Leidenschaft, die Qual, die Intensität, das Talent, die Zeit, das Leben, welches Manet hineingesteckt hatte, getrieben von seiner Inspiration … das alles trat als Pulver, als Sacré Bleu, aus der Haut des Mädchens. Man gewann immer mehr Farbe aus einem Bild, als hineingeflossen war. Manchmal mochte ein kleines Bild zwei Krüge voller Farbe bringen, besonders wenn es unter großen Opfern, großen Qualen und mit großer Liebe erschaffen worden war, denn auch das gehörte dazu.
Der Farbenmann sang und schabte, bis der Manet nur noch eine leere Leinwand war. Es hatte über eine Stunde gedauert. Er verschloss den Krug und stellte ihn neben die Leinwand.
Das Mädchen entspannte sich ruckartig wie die Feder in einem kosmischen Uhrwerk, bis sie wieder friedlich dalag. Sie schlug die Augen auf, der einzige Teil ihres Körpers, der nicht vom ultramarinblauen Pulver überzogen war – selbst ihr langes, dunkles Haar war voller Farbe, weil der Farbenmann bei der Arbeit daraufgetreten war. Sie drehte sich auf die Seite und sah erst den Farbenmann an, dann die weiße Leinwand.
»Nur ein Krug«, sagte der Farbenmann. Er wickelte sein Glasmesser in einen Lederlappen.
Sie war erschöpft, fühlte sich, als hätte ihr jemand die Lebenskraft genommen, was im Grunde auch der Fall war. »Aber die Farbe reicht für ein Bild?«
»Für viele Bilder«, sagte der Farbenmann. »Es sei denn, sie malen Impasto wie dieser verfluchte Holländer.«
Sie nickte und kam auf die Beine, taumelte, dann fing sie sich. Sie betrachtete Juliette, die sie mit leerer Miene ansah, wie eine Schaufensterpuppe. Bleu hörte Schritte draußen auf dem Treppenabsatz. Bestimmt die neugierige Concierge, angelockt vom Singsang des Farbenmannes, ganz wie sie es erwartet hatte.
»Wollen wir zusammen in die Badewanne?«, sagte der Farbenmann mit begehrlichem Blick auf das Inselmädchen. Sein Lendenschurz war mittlerweile blau und machte einen aufgeweckteren Eindruck als während der Herstellung der Farbe.
»Einen Moment«, sagte sie. Bleu tappte in die Küche, hinterließ blaue Pulverspuren auf dem Parkett. Sie wischte ihre Hände an einem Geschirrtuch ab, dann kam sie ins Wohnzimmer zurück. »Hast du denn Wasser aufgeheizt?«
Der Farbenmann grinste. »Noch bevor wir angefangen haben.« Er legte das Öltuch zusammen, schüttelte den Rest des blauen Pulvers in die Falte, um ihn in einen Krug geben zu können.
»Gut«, sagte sie. »Danach können wir aufräumen.« Sie ging zum Schreibtisch im Foyer, lauschte – ja, die Concierge stand immer noch da draußen –, dann zog sie ein Bündel mit Geldscheinen aus einem der Schreibtischfächer, ging damit zu Juliette und stopfte das Geld in ihren Beutel.
»Dein Hut«, sagte Bleu zur Juliette-Puppe. »Der mit dem schwarzen Chiffon.« Der Hut hing an der Garderobe bei der Tür, und Juliette holte ihn und setzte ihn auf. Als sie sich wieder umdrehte, stellte Bleu gerade den Krug in Juliettes Beutel, obendrauf auf das Geld.
»Perfekt«, sagte Bleu. Sie tappte zum Sofa, griff zwischen die Kissen und holte den Revolver des Farbenmannes hervor. Zu Juliette sagte sie: »Schrei!«
Juliette presste ein klägliches, kleines Quäken hervor.
»Bist du ein Küken oder was?«, sagte Bleu. »Lauter und länger!«
Juliette schrie, viel lauter und länger diesmal.
»Was machst du?«, fragte der Farbenmann.
»Aufräumen«, sagte Bleu. Sie richtete den Revolver auf ihn und schoss. Die Kugel traf ihn in die Brust, und er taumelte nach hinten. Sie schoss noch mal.
»Autsch«, sagte er. Blut sprudelte aus einem Loch in seinem Brustbein.
»Schrei weiter«, sagte sie zu Juliette. Wieder schoss sie, dreimal noch, bis der Farbenmann reglos auf dem Öltuch lag und sein Blut sich im ultramarinblauen Pulver um ihn herum sammelte. Sie spannte den Revolver, richtete ihn auf seinen Kopf und drückte ab. Die Waffe klickte nur.
»Hm. Nur fünf Schuss. Okay, hör auf zu schreien und mach die Tür auf.«
Juliette öffnete die Tür, hinter der die Concierge stand, eine große, strenge Frau, die ins Zimmer starrte, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen.
Und Bleu wechselte in den Körper von Juliette. Das Inselmädchen ließ die Waffe fallen und fing furchtbar an zu kreischen.
»Ich kam gerade aus dem Nebenzimmer, als er sich auf sie stürzte«, sagte Bleu als Juliette. »Das arme Ding musste sich retten. Ich weiß nicht, was er ihr Schreckliches angetan hat. Ich hole einen Polizisten.«
Juliette schob sich an der Concierge vorbei, die Treppe hinunter und in den Pariser Morgen hinaus.