Interludium in Blau #1
Sacré Bleu
Der Umhang der Jungfrau Maria ist blau. Heiliges Blau. Das war nicht immer so. Gegen Anfang des 13. Jahrhunderts bestimmte die Kirche, dass Marias Umhang auf Gemälden, Fresken, Mosaiken, Glasmalereien, Ikonen und Altären blau zu sein habe, und zwar nicht irgendein Blau, sondern Ultramarin, die seltenste und teuerste Farbe auf der Palette eines mittelalterlichen Malers. Das Mineral, aus dem es hergestellt wurde, war wertvoller als Gold. Seltsamerweise findet die Farbe Blau in den elfhundert Jahren vor der Entstehung des Marienkultes in der Kirchenliteratur keinerlei Erwähnung, als hätte man sie absichtlich gemieden. Vor dem 13. Jahrhundert musste der Umhang der Jungfrau in Rot dargestellt werden – der Farbe des heiligen Blutes.
Mittelalterliche Farbenhändler und Färber waren seit der Zeit des Römischen Reiches für Rot gerüstet, hatten jedoch noch keine natürliche Quelle für das Blau gefunden und einige Probleme, der Nachfrage zu entsprechen, die aus der Verbindung der Farbe mit der Jungfrau Maria erwuchs. Manche versuchten sogar, die Glaser der großen Kathedralen zu bestechen, damit sie den Teufel in ihren Fenstern blau darstellten, in der Hoffnung, die Gläubigen in ihrem Sinne zu beeinflussen, doch die Jungfrau Maria und das Sacré Bleu gewannen die Oberhand.
Der Kult um die Jungfrau Maria könnte aus dem Bestreben der Kirche erwachsen sein, die letzten heidnischen Göttinnen-Anbeter zu absorbieren, manche davon übrig gebliebene Verehrer der römischen Göttin Venus, ihres griechischen Pendants Aphrodite und der nordischen Freya. Die Menschen der Antike sahen keinerlei Zusammenhang zwischen der Farbe Blau und ihren Göttinnen. Für sie war Blau nicht einmal eine Farbe, sondern nur eine Schattierung der Nacht, ein Abkömmling vom Schwarz.
Für die antike Welt war Blau der Ursprung der Dunkelheit.