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Form, Linie, Licht, Schatten

Merde!«, sagte Lucien.Während der Entstehung eines jeden Kunstwerkes kommt ein Moment – unabhängig davon, mit welchem Maß an Fertigkeit und Erfahrung das entsprechende Werk entsteht –, in dem der Künstler von einem Gefühl ekstatischen Entsetzens übermannt wird. Es ist dieser Ach, du Scheiße, worauf habe ich mich da eingelassen?-Moment rasender Panik, ganz ähnlich dem Gefühl, aus großer Höhe abzustürzen. Luciens »merde«-Moment kam, nachdem Juliette das Tuch losgelassen hatte, mit dem sie sich bis eben noch bedeckt hielt, und dann sagte: »Wie willst du mich?«

Und obwohl alles in seinem Leben in gewisser Hinsicht zu diesem Moment, und zwar zu genau diesem Moment, geführt hatte und er auf einzigartige Weise dazu geeignet und auserwählt war, an diesem Moment teilzuhaben, wollte ihm doch beim besten Willen nichts einfallen, was er darauf antworten konnte.

Nun, etwas fiel ihm doch noch dazu ein: Auf dem Diwan, an der Wand, auf dem Boden, gebückt, umschlungen, kopfüber, kopfunter, schnell, langsam, sanft, grob, tief, hart, laut, leise, dass die Lampe umkippt, wild, während Paris in Flammen steht, wieder und wieder, bis uns die Luft ausgeht, so will ich dich.

Doch er sagte es nicht. Das musste er auch nicht. Sie wusste es sowieso.

»Welche Pose?«, fragte sie.

»Ich überlege noch«, sagte er.

Form. Linie. Licht. Schatten. Er formte die Worte im Stillen wie aus Ton. Form. Linie. Licht. Schatten.

Als er mit neunzehn Jahren zum ersten Mal ins Atelier Cormon gekommen war und seinen Platz an der Staffelei zwischen den anderen jungen Männern einnahm, hatte der Meister ihnen erklärt: »Seht Form, seht Linie, seht Licht, seht Schatten. Seht Beziehungen der Linien zueinander. Jedes Modell ist eine Sammlung dieser Elemente, kein Körper.«

Auf ein Zeichen des Meisters hin erklomm eine junge Frau im Morgenrock, die schweigend am Ofen im hinteren Teil des Ateliers gewartet hatte, das Podium und ließ ihr Gewand fallen. Allgemeines Aufstöhnen wurde laut. Die Neuen – wie Lucien – hörten für einen Augenblick gänzlich auf zu atmen. Sie war keine Schönheit. Tatsächlich hätte er ihr in den Kleidern eines einfachen Ladenmädchens vermutlich kaum Beachtung geschenkt, doch da war sie nun, nackt, in einem hell erleuchteten Raum, und er war neunzehn Jahre alt und lebte in einer Stadt, in der Frauen nicht im oberen Stock der Pferdeomnibusse fahren durften, damit man keinen Blick auf ihre Knöchel werfen konnte und somit ihre Sittsamkeit kompromittierte. Es stimmte wohl, er hatte sich eine Wohnung genommen, die nur einen Block von einem amtlich genehmigten Bordell entfernt lag, und die Mädchen tanzten barbusig in den Hinterzimmern der Cabarets, und jeder feine Herr, der etwas auf sich hielt, hatte eine Geliebte aus der demimonde, die er sich in einer Wohnung auf der anderen Seite der Stadt hielt, versteckt hinter einem Augenzwinkern und der selektiven Wahrnehmung seiner Frau. Aber versteckt.

In dieser ersten Unterrichtsstunde sah er Form, Linie, Licht und Schatten gerade lange genug, um die Zeichnung zu beginnen, doch dann wurde er aus seiner Arbeit gerissen, und zwar von Nippeln! Nein, nicht von den Nippeln, sondern von Nippeln ganz allgemein – der Vorstellung davon –, aber auch von den Nippeln des Modells, und seine Konzentration kollabierte unter einer Kaskade von Bildern und Begierden, die nicht das Geringste mit Kunst zu tun hatten. In der ersten Woche, in der das arme Mädchen posierte, kämpfte Lucien gegen den Drang aufzustehen und zu rufen: »Um Gottes willen, sie ist splitterfasernackt! Denkt denn keiner von euch daran, sie zu vögeln?« Selbstverständlich taten sie das. Sie waren Männer, und sofern sie nicht schwul waren, gelang ihnen etwas Künstlerisches nur, indem sie diese Empfindungen unterdrückten.

In der zweiten Woche stand ihnen ein alter Mann Modell, der wankend das Podium erklomm, sans Morgenrock, wobei sein baumelnder Hodensack beinahe über den Boden schleifte und sein welkes Hinterteil unter der Last der Jahre zitterte. Seltsamerweise war diese Figur für Lucien leicht als Form, Linie, Licht und Schatten zu begreifen. Und wenn sie dann wieder mit einem weiblichen Modell arbeiteten, musste er nur an den alten Mann denken, was ihn direkt wieder auf den geraden, schmalen Pfad zu Form, Linie, Licht und Schatten führte.

Sicher, man gestattete sich einen kurzen Moment, sobald sich das Modell entkleidet hatte – Na ja, mit der könnte ich es wohl treiben. Und es stellte sich heraus, dass er es mit so gut wie jeder hätte treiben können, selbst wenn die imaginären Umstände, unter denen sie es treiben könnten, erst noch herzustellen waren. Na gut, einsame Insel, betrunken, eine Stunde, bevor man aufgeknüpft wird, klar, dann könnte ich es mit ihr treiben. Aber so etwas wie Juliette hatte er noch nie erlebt, zumindest nicht als Maler, denn als Mann hatte er sie sehr wohl erlebt, hatte oft genug mit ihr unter einer Decke gesteckt. Tatsächlich waren sie als Jungverliebte geradezu ekstatisch vor Entdeckergeist gewesen, in seiner kleinen Wohnung, im Dunkeln, wenn sie tagelang nicht vor die Tür gingen, in den Wochen, bevor sie ihm das Herz brach.

Diesmal war es anders. Sie stand da, im hellen Sonnenschein, der durchs Oberlicht hereinfiel, glühte förmlich, so makellos und weiblich wie eine Statue im Louvre, so vollendet, wie nur wahre Schönheit sein kann, eine Göttin, wie nur Männer sie ersinnen können. Na gut, mit der könnte ich es wohl treiben. Wenn mich die Wölfe fressen, kurz bevor ich mir die Mühe mache, die Wölfe zu vertreiben. Aber nur dann.

»Was treibst du, Lucien?«, sagte sie. »Mach die Augen auf.«

»Ich versuche, mir deinen vertrockneten Hodensack vorzustellen«, sagte der Maler.

»Ich glaube, das hat noch keiner zu mir gesagt.«

»Baumel, baumel, geht gleich los.«

»Wo ist denn eigentlich dein Farbenkasten?«

Lucien schlug die Augen auf, und obwohl er noch nicht so ganz in Licht und Schatten denken konnte, hatte seine Erektion doch merklich nachgelassen. Vielleicht konnte er jetzt arbeiten. Besser als in jenen frühen Tagen bei Cormon, als er gescholten wurde: »Lessard, wieso hast du diesem Modell ein Skrotum gemalt? Das soll die Venus werden, keine Missgeburt aus dem Zirkus.«

»Sie sagten, sie sei nur Form und Linie.«

»Meinst du das ernst? Ich bilde hier nur ernsthafte Maler aus.«

Da trat Toulouse-Lautrec hinter den Meister, richtete sein pince-nez, als müsste er es scharf stellen, und sagte: »Diese Venus scheint mir in aller Ernsthaftigkeit mit einem Skrotum ausgestattet zu sein.«

»In der Tat«, sagte ihr Freund Émile Bernard und strich über seinen moosigen Bart, »das ist ein Skrotum von ernsthaft beängstigenden Ausmaßen.«

Und alle schlossen sich der Meinung an, nickten und begutachteten, bis Cormon den Unterricht beendete und aus dem Atelier stürmte, sodass das arme Modell seine Pose aufgab und ihre unteren Körperteile inspizierte, für alle Fälle.

In diesen Moment sagte Toulouse-Lautrec dann meist: »Monsieur Lessard, Ihr sollt an den Hodensack nur denken, um Euch abzulenken, ohne ihn gleich zu zeichnen. Ich fürchte, der Meister wird nun noch weniger bereit sein, mit uns moderne Kompositionstechniken zu diskutieren. Zum Ausgleich müsst Ihr uns allen einen ausgeben.«

»Ich werde heute noch nicht anfangen zu malen«, sagte Lucien zu Juliette. »Allein die Zeichnung wird ein paar Tage in Anspruch nehmen.« Er schwenkte eine rote Kreide vor der breiten Leinwand, die auf zwei Stühlen aus der Bäckerei stand, da sie auf keine seiner Staffeleien passte.

»Das ist eine sehr große Leinwand«, sagte Juliette. Sie legte sich auf die Chaiselongue und stützte sich auf ihren Ellbogen. »Ich hoffe, du hast genug Zeit eingeplant. Wenn ich das Bild ausfüllen soll, werde ich Gebäck brauchen.«

Lucien blickte zu ihr auf, sah das schelmische Lächeln. Es gefiel ihm, dass sie andeutete, sie wolle bleiben, es gäbe eine Zukunft mit ihr, nachdem sie schon einmal fortgegangen war. Er fühlte sich versucht, ihr das alberne Versprechen zu geben, für sie sorgen zu wollen, wohl wissend, dass er dieses Versprechen nur dann aufrichtig geben konnte, wenn er den Pinsel endgültig weglegte und Brot buk.

»Monsieur Monet hat mir einmal erklärt, große Gemälde entstehen nur, wenn der Maler auch großen Ehrgeiz entwickelt. Deshalb hält er Das Frühstück im Grünen und Olympia für große Gemälde.«

»Riesengroße Gemälde.« Sie kicherte.

Es waren tatsächlich große Leinwände. Und Monet hatte es selbst einmal mit einem Frühstück im Grünen versucht, einer riesigen, sieben Meter langen Leinwand, die er quer durch Frankreich schleppte, zusammen mit einem hübschen Modell namens Camille Doncieux, das er aus dem Quartier des Batignolles kannte, und seinem Freund Frédéric Bazille, der für die männlichen Figuren posierte. »Lass deinen Ehrgeiz nur nicht allzu früh zu groß werden, Lucien«, hatte Monet ihm erklärt. »Für den Fall, dass du das Hotel nicht zahlen kannst und dich mitten in der Nacht mit der Leinwand hinausschleichen musst. Camille hat sich fast den Hals gebrochen, als sie mir half, dieses Bild durch die dunklen Straßen von Honfleur zu manövrieren.«

»Wie gefällt dir das hier?«, sagte Juliette. Sie lehnte sich in die Kissen, nahm die Hände hinter den Kopf und lächelte hintergründig. »Du könntest Goyas Maja-Pose verwenden. Damit hat Manet auch angefangen.«

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»Oh, nein, ma chère«, sagte Lucien. »Manet fuhr erst nach Madrid, um sich Goyas Maja anzusehen, nachdem die Olympia bereits gemalt war. Er hat vorher nicht gewusst, wie sie aussah.« Lucien war mit Père Lessards Vorträgen über berühmte Bilder aufgewachsen. Deren Geschichten waren die Märchen seiner Kindheit.

»Nicht er, Dummerchen. Das Modell kannte die Pose.«

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Welch zutiefst verstörender Gedanke. Die Olympia sah Goyas nackter Maja bemerkenswert ähnlich, betrachtete den Betrachter, forderte ihn heraus. Außerdem war Manet ganz allgemein ein großer Bewunderer Goyas. Für sein Gemälde der Familie Morisot, Der Balkon, ließ er sich von Goyas Zwei Majas auf einem Balkon inspirieren, und für seine Darstellung der Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko orientierte er sich an Goyas Kriegsbildern der napoleonischen Invasion Spaniens. Diese Werke jedoch entstanden erst später, nachdem Manet Spanien bereist und die Goyas gesehen hatte. Unmöglich konnte Victorine, das Modell, davon gewusst haben. Sie war … nun, sie war wie viele Modelle ihrer Zeit ein ungebildetes, mittelloses Mädchen, das in der demimonde lebte, der Halbwelt voller Prostitution und Armut. Das Modell war wie der Pinsel, die Farbe, das Leinöl, die Leinwand. Ein Instrument des Malers. Zur Kunst trug es nichts bei.

»Du verstehst erstaunlich viel von der Malerei, für ein Mädchen, das in einem Hutladen arbeitet«, sagte Lucien.

»Dann willst du mich also nur mit dem einen Pinsel malen?«

»Nein, so war das nicht gemeint …«

»Du verstehst erstaunlich viel von der Malerei, für einen Bäcker«, sagte sie, ein kämpferisches Funkeln in den Augen.

Biest. »Bleib so. Nein, nimm den rechten Arm herunter.«

»Zeig es mir«, schmollte sie. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Beweg dich einfach, Juliette. So, jetzt stillhalten.«

Und er begann, sie in Lebensgröße zu skizzieren. Erst zeichnete er grob die Umrisse, dann füllte er die Konturen aus. Er verlor sich in der Arbeit, sah nur Form, Linie, Licht und Schatten, und in diesen Dimensionen flog die Zeit nur so dahin, bis sie sich bewegte.

»Was? Nein!« Lucien ließ seine Kreide auf einen der Stühle fallen, die er als Staffelei benutzte.

Sie stand auf, streckte sich, gähnte, schüttelte ihre Brüste ein wenig, was Lucien aus dem Land der Formen und Linien wieder zurück in den sonnendurchfluteten Schuppen holte, zu diesem schönen, nackten Mädchen, mit dem er dringend Liebe machen, das er vielleicht heiraten, aber definitiv und umgehend vögeln wollte.

»Ich bin hungrig, und du malst ja nicht mal.«

Sie fing an, ihre Kleider von einem Stuhl bei der Tür zu nehmen.

»Ich muss das ganze Motiv skizzieren, Juliette. Ich will dich doch nicht im Lagerschuppen einer Bäckerei malen. Die Szenerie muss erhabener sein.«

Sie stieg in ihre Pantalons, und ihn verließ der Mut.

»Hat die Maja eine erhabene Szenerie? Hat Olympia eine erhabene Szenerie, Lucien? Hm?«

Und die Chemise glitt über Kopf und Schultern, und die Welt wurde für Lucien Lessard ein dunkler, trauriger Ort.

»Bist du mir böse? Warum bist du mir böse?«

»Ich bin nicht böse. Ich bin müde. Ich bin hungrig. Ich bin einsam.«

»Einsam? Ich bin doch hier.«

»Bist du?«

»Bin ich.«

Er trat zu ihr, nahm sie in die Arme und küsste sie. Und schon war die Chemise weg, schon waren die Pantalons weg, dann sein Hemd, dann der Rest, und sie fielen übereinander her, auf der Chaiselongue, verloren sich ineinander. Irgendwann mochte es an der Tür geklopft haben, doch weder hörten sie es, noch kümmerte es sie. Wo sie waren, gab es nichts anderes. Als sie schließlich von der Chaiselongue auf ihn herabsah, wie er dort auf dem Rücken am Boden lag, war das Licht im Raum orangerot, und der Schweiß auf ihren Leibern glänzte wie Feuer.

»Ich muss gehen«, sagte sie.

»Vielleicht fang ich morgen an zu malen.«

»Gleich morgen früh als Erstes.«

»Nein, um zehn oder um elf vielleicht. Ich muss erst Brot backen.«

»Ich gehe.« Sie ließ sich von der Chaiselongue gleiten und sammelte ihre Kleider ein, während er ihr dabei zusah.

»Wo wohnst du jetzt?«

»In einer kleinen Wohnung im Batignolles. Ich teile sie mir mit ein paar anderen Verkäuferinnen.«

»Musst du morgen denn nicht arbeiten?«

»Der Besitzer des Ladens hat viel Verständnis. Er liebt die Kunst.«

»Bleib. Iss mit mir zu Abend. Bleib in meiner Wohnung. Die ist näher als deine.«

»Morgen. Ich muss gehen. Der Tag ist vorüber.«

Inzwischen war sie angezogen. Er hätte ein Vermögen gegeben, hätte er denn eines gehabt, ihr noch einmal dabei zusehen zu dürfen, wie sie ihre Strümpfe hochzog. Er setzte sich auf.

»Morgen«, sagte sie wieder. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und hinderte ihn daran aufzustehen, dann küsste sie seine Stirn. »Ich gehe hinten durch die Gasse.«

»Ich liebe dich«, sagte er.

»Ich weiß«, sagte sie, als sie die Tür hinter sich schloss.

»Nun?«, sagte der Farbenmann.

Sie stellte ihren Sonnenschirm in den Ständer bei der Tür und löste das breite Band, das ihren Hut festhielt, dann setzte sie diesen vorsichtig auf die Garderobe im Flur. Der Salon der Wohnung war klein, aber gepflegt. Ein Louis-XVI.-Kaffeetisch aus Blattgold und Marmor stand vor einem malvenfarbenen Samtdiwan. Der Farbenmann saß auf einem geschnitzten Stuhl aus Walnussholz und sah aus wie eine böse Geschwulst, die das elegante Holz verschandelte.

»Er hat nicht gemalt«, sagte sie.

»Ich brauche ein Gemälde. Nachdem wir von diesem Holländer kein Bild bekommen haben, sind wir auf die Farbe angewiesen.«

»Ja, das war ärgerlich. Aber er wird schon noch malen. Er hat nur noch nicht angefangen.«

»Ich habe bereits Farben angerührt. Verschiedene Grün- und Violetttöne aus dem Blau, aber auch die reine Farbe. Ich lege sie in ein hübsches Holzkästchen.«

»Das werde ich ihm morgen mitbringen.«

»Und ihn zum Malen bewegen.«

»Ich kann ihn nicht zum Malen bewegen. Ich kann nur dafür sorgen, dass er malen möchte.«

»Wir können uns nicht noch so einen Perfektionisten leisten wie diesen gottverdammten Whistler. Wir brauchen ein Bild, und zwar bald.«

»Man muss sanft mit ihm umgehen. Er ist etwas Besonderes.«

»Das sagst du immer.«

»Ach, wirklich? Nun, vielleicht stimmt es ja auch.«

»Du riechst nach Sex.«

»Ich weiß«, sagte sie, als sie sich auf den Diwan setzte und begann, ihre Schuhe aufzuschnüren. »Ich brauche ein Bad. Wo ist unser Dienstmädchen?«

»Weg. Hat gekündigt.«

»Vor Schreck?« Sie trat einen Schuh von ihrem Fuß und lehnte sich seufzend an den Diwan.

Er nickte, blickte zu Boden, sah aus wie ein unartiges Äffchen, das beichtete, die heilige Banane gegessen zu haben. Mal wieder.

»Du hast doch nicht versucht, sie zu besteigen, oder?«

»Nein. Nein. Nein. Hab Farben gemischt. Da ist sie reingekommen.«

»Und hat dich gesehen?«

»Versehentlich.« Er zuckte mit den Schultern. »Ließ sich nicht vermeiden.«

Sie grinste ihn an, während sie ihre Bluse aufknöpfte. »Ließ sich nicht vermeiden… du hast deinen Spaß daran, oder?«

»Sie hatte das Mittagessen schon fertig.« Wieder dieses Schulterzucken. »Es steht noch auf dem Herd. Und heißes Wasser gibt es auch.«

Das Mädchen namens Juliette streifte seine Bluse ab und zog die Chemise über den Kopf. Der Farbenmann begutachtete ihre Brüste, während sie sich erhob, ihren Rock aufknöpfte und fallen ließ.

»Ich mag diesen Körper«, sagte er und musterte sie von oben bis unten. »Die Haut so weiß, fast blau, nicht? Die Haare glänzend schwarz. Gefällt mir. Wo hast du sie her?«

»Die hier? Gehört mir.« Sie ging, trug nur noch ihre Pantalons und schwarze Strümpfe, ließ ihre Kleider auf dem Boden liegen. »Ich denke, dann werde ich mir wohl selbst ein Bad einlassen müssen.«

»Darf ich zusehen?«, fragte der Farbenmann. Er ließ sich von seinem Stuhl gleiten.

Sie blieb stehen und sah ihn über die Schulter hinweg an. »Wieso?«

»Hübsche Haut. Nichts zu lesen.«

»Du jagst ihnen gern einen Schrecken ein, was?«

»Das Essen riecht gut, nicht wahr? Kalbseintopf. Vielleicht kommt sie ja wieder. Sie wirkte nicht über alle Maßen erschrocken.«

Abrupt fuhr sie herum, und hüpfend kam er zum Stehen, stieß mit dem Gesicht fast gegen ihren Bauch, eine Beinahekollision des Heiligen mit dem Profanen.

»Du erschreckst sie noch lieber, als sie zu besteigen, oder?«

Schulterzucken. »Ich bin alt.« Er sah sich im Salon um, als versuchte er, sich an etwas zu erinnern, das irgendwo anders war als sie. »Und sie zu erschrecken kostet nichts.«

Sie machte auf dem Absatz kehrt, und mit drei langen, tänzelnden Schritten war sie im Schlafzimmer, wo eine Emaillewanne mit hoher Rückenlehne stand. »Na gut, meinetwegen … dann komm eben mit.«

»Merci, Bleu«, sagte er. Inzwischen nannte er sie Bleu. So sah er sie, denn es passte zu ihr, wer sie auch sein mochte, was sie auch sein mochte. Er hinkte ihr hinterher.

»Aber besorg uns morgen eine neue Magd«, sagte sie. »Und verschreck sie nicht gleich wieder.«