Scatterheart ging immer weiter, bis sie zu einem großen Berg aus Glas kam, der war so rutschig, dass sie ihn nicht erklimmen konnte. Sie brach die goldene Eichel auf und fand darin ein Paar goldene Pantöffelchen. Die zog sie an und erklomm den Berg ohne Mühe.
In dieser Nacht fanden sie unter einem großen gelblichen Felsvorsprung Unterschlupf. Hannah teilte etwas von dem Fleisch aus, das die Wilden ihnen geschenkt hatten. Es war zäh und sehnig, aber Hannah war froh, eine Abwechslung zu dem alten Brot und Käse zu haben.
Sie hatten kaum noch Vorräte, höchstens für ein oder zwei dürftige Mahlzeiten. Hannahs Magen knurrte vor Hunger und sie überlegte, ob sie ein paar Nüsse oder Pilze sammeln könnte.
In der Nähe Ihres Lagerplatzes fanden sie Bäume, an denen seltsame graubraune Früchte hingen, die sich hart und rau anfühlten, sich aber nicht aufbrechen ließen. Molly entdeckte eine Stelle, wo glänzende blaue Beeren wuchsen, aber Hannah dachte schaudernd an die blaue Frucht, die Scatterheart im Eisgarten gegessen hatte, und verbot Molly sie auch nur anzufassen.
»Wer diesen Ort kannte, wusste, dass alles, was essbar aussah, ein tödliches Gift enthielt«, sagte sie.
Molly jubelte matt, als sie bei einbrechender Dunkelheit hoch oben in den Bergen wieder den gelben Schein des Lagerfeuers erblickten.
»Es sieht immer noch so weit aus«, sagte Hannah.
»Aber wir sind ganz bestimmt näher dran«, entgegnete Molly.
Hannah kuschelte sich neben sie und machte die Augen zu. Die wenigen Bisse vom Fleisch der Wilden hatten ihren Hunger kaum stillen können.
Molly wurde wieder und wieder von Hustenanfällen geschüttelt. Und Hannah wälzte sich von einer Seite auf die andere, um eine bequemere Schlafstellung zu finden, aber jedes Mal, wenn sie sich bewegte, wurde sie von Steinen und Wurzeln gestört.
Am nächsten Tag war Molly sehr still. Hannah wollte ihr das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf erzählen, aber Molly war kühl und abweisend.
Das Gelände stieg wieder an. Seltsame Bäume waren so ineinander verschlungen, als wollten sie sich gegenseitig ersticken.
Von manchen Bäumen pellte sich die Borke in langen Streifen ab, andere hatten eine weiche, dünne Rinde, die sich wie Papier abziehen ließ. Ein paar Mal sah Hannah durch das dichte Blätterdach die drei gelben Felsspitzen hervorlugen, aber es hatte nicht den Anschein, als ob sie näher gerückt wären.
Sie entdeckten nicht nur zerklüftete gelbe Felsen, sondern auch eigenartige graue, kahle Gesteinsflächen, die wie Meereswellen geformt waren. Als die Sonne hoch am Himmel stand, kamen sie an einem solchen Felsen vorbei. An seinen beiden Enden befanden sich beckenähnliche Vertiefungen. Der Stein dazwischen war oben abgeflacht.
»Sieht aus wie ein Tisch mit Stühlen«, lachte Hannah.
Molly betrachtete den Fels schräg von der Seite und Hannah stellte ihre Tasche darauf ab.
»Weißt du was, wir geben jetzt eine Teegesellschaft«, schlug sie vor.
Molly schaute sie verdutzt an. Hannah drückte sie in die eine Vertiefung und nahm selbst in der anderen Platz. Sie reichte Molly die Wasserflasche.
»Meine Liebe, schenken Sie sich doch ein«, sagte sie.
Molly starrte sie einen Augenblick unsicher an, dann lächelte sie. »Ja, natürlich«, antwortete sie, nahm ein Schlückchen und reichte die Flasche zurück.
»Ah, wie erfrischend«, sagte Hannah und tupfte ihre Mundwinkel mit dem Ärmel ab. »Ach, was haben wir denn hier?«
Sie holte das letzte Stückchen Brot hervor. Es war steinhart und am Rand von einer bläulichen Schimmelschicht bedeckt.
»Frische Zimtplätzchen!«, rief Hannah. »Duften sie nicht köstlich?«
Molly atmete tief ein und nickte.
»Und ein edler französischer Camembert«, sagte Hannah und legte einen Krümel Käse auf den Steintisch. »Aus den besten Käsereien der Normandie.«
»Was gibt es noch?«, fragte Molly. Ihre Augen glänzten wie schon seit Tagen nicht mehr.
Hannah langte wieder in die Tasche.
»Ein köstliches Spanferkel, am Spieß gebraten, mit Pastinaken und Kartöffelchen garniert.«
»Hat es auch einen Apfel im Maul?«, fragte Molly.
»Selbstverständlich«, entgegnete Hannah und legte das letzte Fleischstückchen der Eingeborenen auf den Tisch.
»Nicht schlecht«, sagte Molly fröhlich.
Sie machten sich über das Essen her und kosteten mit geschlossenen Augen die feinen Speisen.
»Bedienen Sie sich«, forderte Hannah Molly auf, »aber lassen Sie noch Platz für den zweiten Gang!«
»Was gibt es als zweiten Gang?«
»Entenpastete nach Art des Hauses mit Pflaumenmus und gedünstetem Gemüse. Außerdem Rollaal und ein Süppchen von Tauben mit Trüffel und Rote Beete. Und natürlich Kalbsfußsülze.«
Molly fasste sich an den Bauch. »Halt! Ich platze fast.«
Hannah lachte. »Und ich habe noch nicht einmal mit dem Nachtisch begonnen.« Sie machte die Augen zu. »Alle Schüsseln sind abgetragen. Ein frisches Tischtuch wird aufgelegt. Dann kommt der Nachtisch. Eine Miniaturausgabe von Vauxhall Gardens ganz aus Zuckerguss. Der Zucker glitzert im Kerzenlicht. Im Pavillon ist ein winziges Orchester und es gibt sogar einen Seiltänzer aus Zucker. So etwas Schönes hast du noch nie gesehen. Es ist so zart und kostbar, dass man es nicht zu essen wagt, um es nicht zu zerstören.«
Molly sah sie besorgt an. »Aber wir essen doch davon, oder?«
»Natürlich«, sagte Hannah und lachte.
Molly seufzte zufrieden. »So eine tolle Schlemmermahlzeit.« Sie wand sich ein wenig und rubbelte sich die Arme.
»Nur das Feuer müsste etwas wärmer sein, es ist so kalt. Könntest du Peter bitten etwas nachzulegen?«
Hannah kicherte. »Wer ist Peter?«
Molly schloss die Augen. »Hoffentlich hat Catherine mein Bett angewärmt, Mama.«
Hannah hielt den Atem an. »Ist Catherine deine Schwester?«, fragte sie.
»Gute Nacht, Mama«, gähnte Molly nur.
Sie hatte nie etwas von ihrem Leben vor der Sträflingszeit erzählt. Hannah hatte angenommen, dass sie immer schon auf der Straße gelebt hatte. Nun überlegte sie, was geschehen sein mochte, dass ihre Familie sie verlassen hatte. Hannah streckte die Hand aus und streichelte das Mädchen behutsam.
»Komm, Molly. Wir müssen weiter.«
Molly hob den Kopf und runzelte die Stirn. »Wohin gehen wir?«, fragte sie.
Sie machten sich wieder auf den Weg, aber Molly fiel immer mehr zurück. Sie hustete und ihre Augen hatten einen unsteten Blick. Ihre Lippen waren aufgesprungen und bluteten. Hannah nahm sie an die Hand. Sie fühlte sich heiß und feucht an.
Am Himmel zogen Wolken auf und die Baumwipfel raschelten und schwankten im stärker werdenden Wind. Hannah zitterte. Auf einmal blieb Molly stehen.
»Komm weiter, Molly«, drängte Hannah sie.
»Rubine. Ich habe Rubine gefunden«, sagte Molly unbeteiligt.
»Nur noch ein kleines Stückchen«, entgegnete Hannah, »und dann machen wir eine Pause. Versprochen.«
Sie spürte, dass Thomas nicht mehr weit sein konnte. Sie war sich ganz sicher, sie mussten es bald geschafft haben. Zu essen hatten sie nichts mehr und wenn sie nicht bald da waren, würden sie es nie mehr schaffen. Doch Molly rührte sich nicht, sondern starrte auf den vor ihr stehenden Baum.
»Sieh nur, Hannah«, murmelte sie undeutlich. »Rubine!«
Hannah seufzte und schaute sich den Baum genauer an. Und wirklich, aus der rauen braunen Rinde wölbte sich ein glänzender roter Stein. Ein unebenes, klumpiges Gebilde, das wie geschmolzenes Wachs aussah. Hannah streckte die Hand aus und berührte es. Der Baum erinnerte sie an etwas.
Ein juwelenbesetzter Baum … war das nicht aus einer von Thomas’ Geschichten? Hannah strich mit den Fingern über den glatten, harten Stein.
»Wunderschön«, flüsterte Molly verträumt.
»Ja«, sagte Hannah und tastete nach der Stelle, wo der Stein mit der Rinde verbunden war. Was bedeutete das? Eine Erinnerung schlummerte in ihrem Gedächtnis, wollte aber nicht zum Vorschein kommen. Sie blickte den Stein stirnrunzelnd an. Da brach er ab und fiel in ihre Hand.
Sie hielt ihn gegen das Licht. Es war kein Stein. Innen war es weich wie ein Bonbon.
»Hannah, was hast du getan?«, rief Molly und wankte.
Verwundert sah Hannah wieder auf den Baumstamm.
Er blutete. Dickliches dunkelrotes Blut sickerte hervor.
Voller Entsetzen ließ sie den Stein auf den Boden fallen und starrte auf den blutenden Baum.
»Wir müssen gehen«, sagte sie eilig und packte Mollys Hand. »Wir müssen Thomas finden.«
Molly setzte sich wieder in Bewegung, aber Hannah musste sie fast durch das Unterholz schleifen.
Die Wolken zogen sich immer dichter zusammen. Donner grollte in der Ferne. Hannah beschleunigte ihre Schritte und Molly stolperte hinter ihr her. Als die ersten schweren Tropfen fielen, wollte Hannah fast verzweifeln. Aber sie riss sich zusammen und ging weiter.
»Nur noch bis zur nächsten Anhöhe«, murmelte sie. »Dort wird er auf uns warten.«
Aber er war nicht da. Jetzt fiel der Regen in dicken Tropfen, ein Schleier aus eiskaltem Wasser. Der Boden unter ihren Füßen wurde gefährlich rutschig.
Sie liefen weiter. Thomas wartete auch nicht hinter der nächsten Anhöhe und auch nicht hinter der übernächsten. Die drei Felsspitzen waren jetzt nicht mehr zu sehen. Hannahs Hände und ihr Kleid waren nass und lehmverschmiert. Mit Molly im Schlepptau rutschte und stolperte sie durch den Wald. Molly sagte kein Wort mehr.
Die Dämmerung brach ein und es regnete immer noch. Kein Mond erhellte den Wald und Hannah kam es vor, als würde sie erblinden. Die Bäume ragten wie finstere Gestalten um sie herum auf. Hannahs Hände und Füße fühlten sich taub an.
Aber sie gingen weiter.
Schließlich war es vollständig Nacht geworden. Sie stolperten in eine höhlenartige Vertiefung und brachen auf dem lehmigen Boden erschöpft zusammen.
Molly keuchte stoßartig. Hannah berührte sie an der Stirn, zuckte aber gleich wieder zurück. Molly glühte.
»Mama, bist du das?«, fragte Molly.
Hannah setzte sich neben sie und war über sich selbst erschrocken. Molly war ernsthaft krank. Hannah hatte sie seit Tagen vorwärtsgetrieben.
Molly fror und glühte zugleich, sie redete wirres Zeug und starrte Hannah mit leerem Blick an. Hannah flößte ihr ein wenig Wasser ein, aber sie musste gleich wieder husten und würgte stinkende gelbgrüne Galle hervor.
»Ein paar Sechser, Miss«, murmelte Molly.
»Pst«, machte Hannah, »versuch zu schlafen.«
Das Mädchen warf sich stöhnend hin und her. »Molly, setzt den Kessel auf«, murmelte es.
»Es tut mir so leid«, flüsterte Hannah. »Wir hätten nie hierherkommen dürfen.«
Später fiel Molly in einen unruhigen Schlaf. Hannah saß neben ihr und tupfte ihr mit Thomas’ Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
Sie breitete den feuchten Stofffetzen aus und betrachtete ihn. Er war so zerschlissen, dass er beinahe auseinanderfiel.
Sie dachte daran, wie Thomas sie angesehen hatte, als er ihr seine Liebe gestanden hatte. Aber hatte er das wirklich gesagt? Hannah versuchte sich an jedes einzelne Wort zu erinnern. Nein, er hatte es nie ausgesprochen. Vielleicht war an den Gerüchten über die andere Frau etwas Wahres? Warum sollte er sie, Hannah, auch lieben? Sie war eigensüchtig und grausam gewesen. Thomas war anders als James. Er hätte sie nicht für etwas geliebt, was sie nicht war. Er hätte sie gar nicht geliebt.
»Was habe ich getan?«, murmelte sie.
Hatte sie sich alles nur eingebildet? Hatte er nur aus Mitleid um ihre Hand angehalten? Oder aus Pflichtgefühl?
Eine schreckliche Verzweiflung presste ihr Inneres zusammen und nahm ihr fast den Atem. Die Höhle kam ihr plötzlich so klein vor, aber sie konnte nicht fort, da es regnete. Sie saß in der Falle.
Sie hätte Molly niemals mitnehmen dürfen, sie war doch noch ein Kind. Hannah hatte sich eingebildet, sich geändert zu haben, aber sie war genauso eigensüchtig wie eh und je. Sie verdiente es nicht anders, wenn sie Thomas nicht fand.
Ein schwerer Donnerschlag erschütterte die Luft und Molly wimmerte.
Panische Angst schnürte Hannah die Kehle zu. Sie würden hier sterben.
»Hannah«, flüsterte Molly. »Hannah.«
Hannah versuchte ihre Panik zu unterdrücken. »Ich bin hier, mein Schatz«, sagte sie und nahm Mollys Hand. »Ich bin hier.«
»Ich …«, Molly stockte und bekam einen heftigen Hustenanfall. »Ich bin die dritte Eichel.«
»Wie?«
»Ich bin die dritte Eichel. So wie die Brille, die du den braunen Männern gegeben hast. Du musst weitergehen.«
Molly verlor das Bewusstsein und schlug mit dem Kopf hart auf dem Boden auf.
Hannah streichelte ihre Wange. »Nein«, seufzte sie.
Entschlossen schlüpfte sie aus der Höhle in den Regen hinaus. Der Wind pfiff und heulte in den Bäumen wie im Takelwerk der Derby Ram. Sie hielt nach dem blinkenden gelben Licht von Thomas’ Lagerfeuer Ausschau, konnte jedoch vor lauter Regen nichts erkennen.
Seit drei Nächten hatten sie es nicht mehr gesehen.
»Nein«, sagte sie noch einmal, lauter jetzt.
»Hört ihr mich, ihr Berge?«, schrie sie gegen den Sturm.
»Ich gebe nicht auf. Ich habe ein ganzes Meer überquert, um hierherzukommen. Ich habe diesen Berg erklommen. Ich werde sie nicht sterben lassen.«
Die Berge antworteten ihr mit Blitz und Donner.
Hannah war bis auf die Haut durchnässt, das Wasser lief ihr in den Mund. Sie lachte. Die Berge konnten ihr keine Angst einjagen. Sie war so weit gekommen, jetzt würde sie ihn auch finden.
Sie kroch in die Höhle zurück, legte sich hin und nahm wieder Mollys Hand.
»Du wirst bald gesund«, flüsterte sie, »das verspreche ich.«
Dann dämmerte sie in einen tiefen, wundersamen Schlaf hinüber.
Hannah lag am Eingang der Höhle und sah zu den Sternen empor. Dort war der Große Bär, er glitzerte wie ein glänzendes Schwert. Das Auge des Bären glühte gelb am Horizont.
»Wo bist du gewesen?«, fragte sie leise. »Ich habe dich vermisst.« Sie streckte die Hand aus und wollte den Bären berühren – er schien so nah zu sein. Sie strich mit den Fingerspitzen über die Sterne. Sie gaben ein klirrendes Geräusch von sich und schwebten nach unten. Und wie sie so sanft vom Himmel fielen, merkte Hannah, dass es nicht Sterne, sondern Schneeflocken waren. Sie landeten sacht auf ihren Wangen und Lippen, kalt und zart. Sie seufzte und fiel in einen traumlosen Schlaf.
Hannah erwachte im Fieber. Alles verschwamm vor ihren Augen.
Der Himmel glühte, brannte und loderte in orangerosa und goldenen Flammen. Das Tal unter ihr war nicht mehr zu sehen. Die Welt war in Schnee gehüllt.
Unter ihr erstreckte sich eine weiße Ebene, aus der grünblaue Gipfel aufragten wie große Segelschiffe auf dem Meer. Hannah erinnerte sich, dass sich der Große Bär nachts in Schnee verwandelt hatte.
»Ich weiß es wieder«, flüsterte sie. »Östlich der Sonne und westlich des Mondes.«
»Molly«, rief sie. Ihre Stimme klang matt und heiser. Sie befeuchtete ihre trockenen, aufgesprungenen Lippen. Ihr Mund fühlte sich an, als ob sie Sand geschluckt hätte.
Sie versuchte sich aufzurichten, doch augenblicklich kippte die Welt nach hinten über. Sie fror und schwitzte zugleich und ihr Kopf war wie mit Wolle ausgestopft. Schwankend rappelte sie sich hoch und stützte sich auf dem Felsüberhang ab.
»Molly«, rief sie wieder. Keine Antwort. Molly war verschwunden. Hannah entfernte sich taumelnd von dem Felsvorsprung, jeder Schritt hallte in ihrem Körper wider.
»Molly, mir ist endlich eingefallen, wie das Märchen ausgeht.«
Sie war so durstig. Könnte sie nur zum Schnee hinunter und ihren Durst stillen.
»Scatterheart findet das Schloss doch noch, Molly«, sagte sie. »Sie findet das Schloss und es ist ganz aus Eis und von Schneefeldern umgeben.«
Der Schnee war nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt, aber er sah irgendwie unwirklich aus. Der flammende Himmel tauchte alles in ein seltsames rosafarbenes Licht wie in einem Ölgemälde. Sie lehnte sich an einen Baum und schöpfte Atem.
»Scatterheart geht zum Schlosstor hinauf, aber …«
Sie stieß sich vom Baum ab und stapfte zum Schnee hinüber. Als sie ihn erreicht hatte, wirbelte er kurz auf und hüllte sie dann ganz in sich ein.
Es war gar kein Schnee, es war Nebel.
Hannah erinnerte sich, dass sie in London in der Diele gekauert und ihren Kopf an die Haustür gelegt hatte, als Thomas im Nebel verschwunden war. Sie erinnerte sich auch, wie der Nebel den Frostmarkt verschluckt hatte. Dieser aber war anders. Er war rein und weiß, leicht und kühl. Es war nicht der erstickende, dunkle, krank machende Dunst von London.
Sie hörte das Knacken von Stöcken und Zweigen und stolperte blind weiter. Es war ihr gleichgültig, ob es James, Dr. Ullathorne oder der Gerichtsdiener aus London war.
Arme streckten sich ihr entgegen und packten sie an der Schulter. Dankbar ließ sie sich in sie hineinfallen. Sie spürte schmutziges, steifes Leinen an ihrer Wange und starke Hände, die sie hochhoben.
»Aber das Schlosstor hat weder einen Schlüssel noch ein Schloss«, murmelte sie, »nicht einmal eine Türklinke.«
Dann wirbelte wieder Nebel auf und verschluckte sie.