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Bald kam Scatterheart an einen See, der war so groß, dass sie nicht um ihn herumwandern konnte. Sie brach die Kupfereichel auf und fand darin ein Paar Kupferpantoffeln. Die zog sie an und lief über das Wasser, ohne unterzugehen.

Sie wanderten westwärts auf die Berge zu und versuchten sich abseits der Hauptstraße zu halten, sie stapften über Felder und kletterten über verwitterte Zäune.

Hannah hatte eine Tasche aus Segeltuch dabei, in die sie eine Wolldecke, drei kleine Brotlaibe, ein Stück Käse, ein paar Rosinenbrötchen, sechs Äpfel und eine Flasche Wasser gepackt hatte. Sie hätte gern auch etwas geräucherten Schinken oder gepökeltes Fleisch mitgenommen, aber die Exklusiven aßen nur frisches Fleisch – Dörrfleisch war den Sträflingen vorbehalten.

In ihrer Kleidertasche steckten das Taschentuch mit der Brille von Thomas und eine Lederbörse mit einer Handvoll Münzen, die sie aus James’ Arbeitszimmer gestohlen hatte. Die Kolonie besaß keine eigene Währung. Die Münzen waren ein Sammelsurium aus britischen Pennys und Schillingen, vier holländischen Silbergulden und ein paar kleinen Kupfermünzen, die vermutlich portugiesischer Herkunft waren.

Hannah war froh, dass es in dieser Gegend keine solche Wildnis wie am Flussufer gab, denn sie hatte das Dickicht aus Buschwerk und verschlungenen Bäumen als feindselig und geheimnisvoll empfunden.

Hier gab es vor allem Ackerland, das von Büschen und Bäumen gerodet worden war. Auf manchen Feldern stand Getreide in ordentlichen Reihen, auf anderen wuchs ein hartes gelbliches Gras, auf dem Schafe und Kühe weideten. Am Nachmittag erreichten sie den sanft ansteigenden Prospect Hill. Hannah versuchte sich die Landkarte vorzustellen. Das Gebirge war immer noch weit entfernt. Sie wandten sich nach Süden, um den Berg zu umrunden, und als es Nacht wurde, krochen sie in eine Scheune in der Nähe des Prospect Creek.

Das Bauernhaus, zu dem die Scheune gehörte, lag weiter südlich. In der Ferne konnte Hannah ein erleuchtetes Fenster ausmachen. In der Scheune lagerte warmes, trockenes Heu, das herrlich nach Sommer duftete. Sie machten es sich gemütlich. Das Heu erinnerte Hannah an die Strohmatratzen auf der Derby Ram und an die vielen Tage und Nächte, in denen sie sich mit Meg unterhalten hatte. Sie seufzte.

»Warst du schon einmal verliebt?«, hatte Hannah sie einmal gefragt, als sie auf ihren Pritschen lagen.

»Na klar«, sagte Long Meg, »das passiert mir beinah jede Nacht.«

»Nein, ich meine richtig verliebt. In einen einzigen Mann, nicht in irgendwelche Kunden.«

Long Meg blickte zur Seite. »Kann sein«, entgegnete sie.

»Erzähl mir von ihm.«

»Er hieß Jimmy. War wild wie ein Bulle. Wir haben zusammen gearbeitet. Ich habe die dicken Fische an Land gezogen und er hat sie ausgenommen.« Sie seufzte. »Aber es hat sich nicht gelohnt. Er hat nie einen Groschen nach Hause gebracht.«

»Was ist passiert?«, fragte Hannah. »Wolltest du ihn nicht heiraten?«

»Halt die Klappe«, erwiderte Long Meg unwirsch. »Erzählst du die Geschichte oder ich?« Sie pulte einen Strohhalm aus ihrer Matratze. Hannah wartete.

»Eines Tages erwischte ich ihn mit einer anderen im Bett.«

»Oje, das tut mir leid«, sagte Hannah.

»Als er mich sah, kriegte er es mit der Angst.« Long Meg prustete los. »Natürlich hat er sich zum Kaffee einladen lassen.«

»Zum Kaffee?«

»Na ja, sie hat es für ihn umsonst gemacht.«

Hannah verzog das Gesicht.

»Dann hat er große Reden geschwungen, aber mit einem Mann, der von mehreren Kuchen nascht, will ich nichts zu tun haben.« Sie sah Hannahs erstauntes Gesicht. »Das ist etwas anderes«, meinte sie, »das ist Geschäft.«

»Und wie ging es weiter mit Jimmy?«, fragte Hannah.

Long Meg zuckte die Achseln. »Ist beim Klauen erwischt worden. Eine Woche später tanzte er am Galgen und starb mit dem Strick um den Hals.«

Hannah rollte sich auf die Seite und blickte zu Molly hinüber. Sie schlief, ihr Atem ging langsam und gleichmäßig. Hannah kuschelte sich in das Heu und überlegte, was Thomas in diesem Augenblick wohl machte – wo war er, woran dachte er? Dachte er auch gerade an sie? Hatte es wirklich eine andere gegeben? Hannah erinnerte sich daran, wie er sie angeschaut hatte, als er sie fragte, ob sie ihn heiraten wolle.

Der süße Duft des Heus hüllte sie ein. Sie schloss die Augen und überlegte, wie die Geschichte ausgehen würde. Was würde geschehen, wenn sie Thomas gefunden hatte? Würden sie nach Sydney ziehen? Oder nach London?

Aber wenn Thomas tatsächlich jemanden getötet hatte, würde alles viel schwieriger werden. Sie schob den Gedanken schnell wieder fort. In Hannahs wunderschönem Märchen gab es für solche Zweifel keinen Platz.

Als Hannah am nächsten Morgen erwachte, fiel ihr erster Blick auf Molly, die im Schneidersitz vor ihr saß und ein dampfendes Stück Apfel-Rhabarber-Kuchen in der Hand hielt.

»Woher hast du denn das?«, fragte Hannah und drehte sich suchend um.

»Gekauft natürlich, Miss!« Molly kicherte.

»Du hast es gestohlen?«

Molly nickte mit vollem Mund. Sie hielt Hannah ein Stück hin, das diese dankbar entgegennahm. Es kam frisch aus dem Ofen und Hannah verbrannte sich fast die Zunge daran. Der Teig war weich und mürbe, etwas Köstlicheres hatte Hannah noch nie gegessen. Der Rhabarber war nicht zu sauer und die Äpfel hatten eine angenehme Süße. Hannah dachte an die langen Mahlzeiten mit James und wie ihr das fade Essen im Hals stecken geblieben war. Sie leckte sich die Kuchenkrümel von den Fingern und lachte Molly an.

»Auf geht’s.«

Platschend durchquerten sie den Prospect Creek. Ihre Stiefel füllten sich mit Wasser. Vor ihnen breiteten sich braune Felder aus und über ihnen ballten sich Wolken zusammen. Alles sah grau und eintönig aus. Ein paar magere Schafe hoben ihre Köpfe, als Hannah und Molly an ihnen vorüberliefen, aber sie wandten sich gleich wieder desinteressiert ab.

Sie gingen weiter und weiter und sprachen kaum ein Wort. Am Ufer eines anderen Baches machten sie Rast und Hannah teilte etwas Brot und Käse aus. Dann überquerten sie den Bach und wanderten weiter.

Gegen Abend setzte ein steter Regen ein. Sie machten sich auf die Suche nach einem Unterschlupf. Langsam wurde es dunkel und Hannah fürchtete schon, dass sie draußen im Regen übernachten müssten. Hoffentlich verliefen sie sich in der Dunkelheit nicht und gingen wieder in Richtung Parramatta zurück. Molly klapperte vor Kälte mit den Zähnen.

Da nahm Hannah durch den Regen ein mattes Licht wahr. Sie hielt darauf zu und betete, es möge nicht ein Polizist sein, der nach ihr suchen und sie zu James zurückbringen sollte.

Aber das Licht drang aus einem Haus, das kaum mehr als ein Schuppen war und nur wenige Quadratmeter maß. Es hatte keine Fenster und war aus Flechtwerk und Lehm grob zusammengebaut. Aus den Ritzen in der Wand fiel ein matter Lichtschein und aus dem Kamin wand sich ein dünner Rauchfaden.

Hannah klopfte an die Tür. Da es weder Riegel noch Türklinke gab, schwang die Tür durch ihr Klopfen nach innen auf. Hannah öffnete sie ganz und schaute hinein.

Innen war es verräuchert und schummrig. Das einzige Licht kam von einer primitiven Feuerstelle, die aus einem einfachen Loch im Lehmboden bestand. Auf einem Jutebündel in der Ecke hockten ein Mann, eine Frau und vier kleine Kinder, das jüngste noch ein Säugling. Sie sahen Hannah und Molly mit großen, misstrauischen Augen an. Der Mann hielt ein Messer in der Hand und hatte sich schützend über seine Frau und seine Kinder gebeugt.

Er war dreckig – sie waren alle dreckig. Der Dreck saß in jeder Ecke und der Gestank von vergammeltem Fleisch und Fäkalien erinnerte Hannah an das Orlopdeck der Derby Ram. Sie schauderte.

»Entschuldigen Sie, dass wir einfach so hereinplatzen«, begann sie, »aber wir wollten Sie fragen, ob wir hier unterstehen können, bis es aufhört zu regnen. Meine Freundin friert.«

Sie bemerkte, dass der Mann kurz zu Molly schielte und erschrocken die Augen aufriss, als er ihr Wachsgesicht sah. Die Frau murmelte etwas und bekreuzigte sich.

»Bitte«, sagte Hannah, »ich kann auch dafür bezahlen.«

Sie hielt dem Mann einen Schilling hin, seine Augen leuchteten und er nickte zögernd.

»Ihr könnt bis zum Morgen bleiben«, bot er an.

Auf dem Jutebündel war für sie kein Platz mehr, also kauerten sie sich in den Schmutz neben der Feuerstelle. Der Rauch biss in Hannahs Augen, dass sie tränten. Die Kinder starrten sie neugierig an. Sie waren sehr dünn, ihre Knochen stachen unter der Haut hervor.

»Wohin geht ihr?«, fragte der Mann.

Hannah zögerte.

»In die Berge«, sagte sie schließlich, »wir suchen jemanden.« Der Mann sah sie gleichgültig an.

»Dein Schatz arbeitet wohl an der Straße«, sagte er.

»An der Straße?«

Der Mann machte eine ruckartige Kopfbewegung in Richtung Westen.

»Die bauen doch eine Straße durch das Gebirge.«

Hannah erstarrte. Hoffentlich trafen sie auf ihrer Suche nach Thomas nicht zu viele Leute. Sie schluckte. Eins der Kinder hustete.

»Was ist auf der anderen Seite?«, fragte sie. »Der Berge, meine ich.«

»Weiß nich’«, antwortete der Mann achselzuckend. »Manche behaupten, hinter dem Gebirge kommt China. Andere vermuten da das Meer. Oder eine Wüste.«

Molly lächelte. »Ich möchte gern einmal nach China«, sagte sie.

»An eurer Stelle würde ich nicht so tief ins Gebirge gehen«, riet der Mann und warf ein Holzscheit ins Feuer.

»Zu viele Wilde dort. Die fressen euer Hirn und spießen eure Köpfe auf, sobald sie euch sehen.«

Das hustende Kind hatte den Säugling wach gemacht, der nun zu plärren begann. Die Frau wiegte ihn lustlos hin und her. Er sah blass und krank aus. Hannah schaute sich in der Hütte um. Bis auf eine abgewetzte Teekiste und das Jutebündel gab es keine Möbel.

»Sind Sie schon lange hier?«

Der Mann spuckte ins Feuer, es zischte.

»Bei zehn Jahren habe ich mit dem Zählen aufgehört.«

Hannah war froh, als es schließlich dämmerte. Sie stand kalt und steif auf, ihre Kleider waren immer noch feucht und draußen nieselte es.

Sie stapften über nasse Felder, die nach verfaultem Weizen stanken. Hin und wieder sahen sie eine baufällige Hütte, machten aber jedes Mal einen Bogen darum. Sie wollten keinen halb verhungerten Bauern mehr begegnen, die von dem kargen Boden kaum leben konnten.

Die Felder waren durch Steinhaufen voneinander getrennt, hin und wieder gab es auch Zäune aus Holzlatten und Maschendraht, um die Schafe einzupferchen.

Als sie an einem solchen Zaun vorüberkamen, schrie Molly plötzlich auf und zwickte sich in den Arm. Hannah folgte ihrem Blick. Auf einem Zaunpfosten hockte ein großer schwarz-weißer Vogel.

»Guten Morgen, Herr Elster, wo ist Ihre Frau?«, murmelte Molly und kniff sich wieder. Der Vogel beachtete sie nicht und zog seinen Kopf vor dem Regen ein.

»Warum tust du das?«, fragte Hannah.

»Eine Elster bedeutet Unglück«, erklärte Molly. »Bei einer gibt’s Kummer, bei zweien gibt’s Glück, bei dreien gibt’s Hochzeit, bei vieren gibt’s Kinder, bei fünfen gibt’s Gold, bei sechsen gibt’s Hunger, bei sieben kommt die Hex’, weiter weiß ich nicht.«

»Das ist doch nur ein Vogel«, sagte Hannah und lachte.

»Dazu ein ziemlich hässlicher. Schau dir nur den grässlichen Schnabel an!«

Der Vogel hatte ein schwarz glänzendes Gefieder mit einem weißen Kragen. Unter seinen angelegten Flügeln lugten noch mehr weiße Federn hervor. Auch sein Schnabel war weiß und seine Augen schwarz wie Opale.

Molly lief ein Schauer über den Rücken, sie ließ den Vogel nicht aus den Augen.

»Unter seiner Zunge klebt ein Tropfen Teufelsblut«, behauptete sie.

Hannah schüttelte den Kopf. »Vielleicht ist er deshalb so ruhig. Normalerweise schnattern Elstern doch in einem fort.« Als hätte der Vogel sie gehört, öffnete er seinen Schnabel und stieß ein lautes, melodisches Trillern aus. Hannah hatte noch nie einen so herrlichen Gesang gehört, so schön und voller Sehnsucht. Ihr traten die Tränen in die Augen.

Molly grüßte den Vogel ehrerbietig. »Das ist keine normale Schnatterelster«, flüsterte sie. »Bestimmt ist sie verzaubert.«

Die Elster heftete ihre glitzernden schwarzen Augen auf sie und Hannah gab Molly recht.

»Was sagtest du bedeutet eine Elster?«

»Bei einer gibt’s Kummer«, antwortete Molly.

Hannah sah über die graue, öde Landschaft und schauderte. So weit das Auge reichte, nur braunes spitzes Gras und dann und wann ein verwitterter Zaun oder eine Gruppe knorriger Bäume. Sie kam sich sehr klein vor. Die Elster hob ab und flog in den grauen Himmel.

Am Vormittag hörte es auf zu regnen und mittags hatte sich der Himmel aufgeklart. Die feuchte Erde dampfte im Sonnenlicht und über ihren Köpfen flatterten und tirilierten fremdartige Vögel. Das Gebirge sah zum Greifen nah aus und Hannah fasste neuen Mut.

Ein Dickicht aus Bäumen und Buschwerk streckte sich vor ihnen aus – das einzige Hindernis, das noch zwischen ihnen und dem Gebirge lag.

Sie kämpften sich durch verschlungene Zweige und dichtes Unterholz. Plötzlich bemerkte Hannah vor sich ein Glitzern. Sie stapfte weiter und schrie vor Schreck leise auf. Sie standen an einem Flussufer. Der Regen der vergangenen Nacht hatte ihn über die Ufer treten lassen, sodass das Wasser auf beiden Seiten bis in die Wiesen stand. Er war viel zu breit und zu tief, als dass sie hätten hindurchwaten können. Hannah ließ sich seufzend auf den Boden fallen.

»Wir müssen weitergehen, bis wir eine flachere Stelle finden«, sagte sie verzweifelt.

Molly hustete und Hannah blickte sie streng an. »Dass du mir keine Erkältung kriegst. Ich habe schon Sorgen genug.«

Molly unterdrückte den Husten und bemerkte: »Ich habe nur eine Fliege verschluckt.«

Hannah runzelte die Stirn.

»Wir könnten hier eine Pause machen und etwas essen«, sagte sie und packte Brot und Käse aus.

Beim Essen beobachteten sie den Unrat, der den Fluss hinuntergeschwemmt wurde – Baumstämme, Zweige und hin und wieder auch der Kadaver eines Tiers, das im Sturm umgekommen war.

»He, ihr!«, ertönte da eine Stimme. Hannah und Molly zuckten erschrocken zusammen.

In der Mitte des Flusses saß ein Mann in einem kleinen Boot. Er schlug wild mit seinen Rudern, um nicht abgetrieben zu werden.

»Kann ich den beiden Damen meine Hilfe anbieten?«, fragte er in einem spöttischen Ton. Er hatte eine drahtige Statur und ein bleiches, spitzes Gesicht mit einer Hakennase und grauen Bartstoppeln. Hannah fand, dass er nicht sehr vertrauenserweckend aussah.

Hannah rappelte sich auf.

»Könnten Sie uns vielleicht über den Fluss rudern?«, bat sie ihn.

Der Mann blickte sie an. »Und warum wollen zwei so hübsche junge Damen den alten Neapan Fluss überqueren?«, fragte er. »Auf der anderen Seite gibt es nur Bäume und Wilde.«

»Mein, äh… mein Mann arbeitet an der neuen Gebirgsstraße«, log Hannah. »Wir wollen zu ihm.«

Der Mann lachte. »So, so, Ihr Mann. Dann bleibt mir ja wohl nichts anderes übrig.«

Hannah ging erwartungsvoll zum Ufer hinunter und zog Molly an der Hand hinter sich her.

»Warte«, rief der Mann, »für mich muss dabei aber etwas herausspringen.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Hannah. »Ich kann Sie bezahlen. Wie viel?«

Der Mann dachte einen Moment lang nach. »Einen Schilling«, sagte er dann.

»Einen Schilling?«, fragte Hannah ungläubig.

Der Mann grinste. »Wie wichtig ist es Ihnen denn mit Ihrem … Ehemann?«

»Also gut. Einen Schilling«, seufzte Hannah.

Er ruderte zum Ufer, wobei er Mühe hatte, das Boot in der starken Strömung stabil zu halten. Hannah reichte ihm den Schilling und dann kletterten sie in das Boot, das unter ihrem Gewicht gefährlich schwankte und tief ins Wasser sank. Hannah setzte sich auf ein Brett, das als Bank diente, während Molly sich im Heck zusammenkauerte. Der Mann stieß sie mit einem Ruder vom Ufer ab. Auf halbem Weg beugte er sich plötzlich vor und stemmte sich gegen die Ruder. Das Boot kam zum Stehen und das Wasser rauschte an ihnen vorbei. Er sah Hannah erwartungsvoll an.

»Was ist?«, fragte sie. Seine glänzenden Augen musterten sie von oben bis unten.

»Ich warte auf meine Bezahlung, kleines Frollein.«

»Aber ich habe Sie doch schon bezahlt«, entgegnete Hannah verunsichert. »Einen Schilling.«

Der Mann kratzte sich am Kopf.

»Also, ähäm, kleines Frollein. Daran kann ich mich aber nicht erinnern.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Hannah, sah zum anderen Ufer und überlegte, ob sie in der Lage wären, hinüberzuschwimmen.

»Sie haben mir keinen Schilling gegeben, kleines Frollein. Ich will meine Bezahlung.« Der Mann grinste und entblößte dabei vier faulige Zähne, die aus seinem ansonsten zahnlosen, gelblichen Kiefer herausragten.

Molly wimmerte leise. Hannah seufzte und zog ihre Börse.

»Wie viel wollen Sie?«

»Wie viel haben Sie denn?«

»Aber Sie wollen doch nicht alles! Das wäre ja Raub!«

Der Mann zuckte die Achseln. »Kann sein. Ich bin kein schlechter Mensch. Ich mach Ihnen einen Vorschlag. Entweder Sie geben mir, was da drin ist«, er nickte in Richtung ihres Geldbeutels, »oder Sie geben mir, was da drunter ist.« Er zupfte an ihrem Rock.

Hannah erstarrte.

»Bringen Sie uns zum Ufer«, sagte sie um Fassung bemüht. »Wenn wir dort sind, bekommen Sie unser Geld.« Der Mann zwinkerte ihr zu und tauchte die Ruder wieder ins Wasser. Sobald sie sicheren Boden unter den Füßen hatten, übergab Hannah ihm den Geldbeutel. Der Mann legte lässig grüßend seine Finger an die Stirn und stieß das Boot vom Ufer ab.

»Schöne Grüße an Ihren Mann, Frollein.«