image

Als Scatterheart durch das fremde Land wanderte, fasste sie neuen Mut. Sie würde den weißen Bären finden.

Nach dem Besuch in Sydney verbrachte James noch weniger Zeit zu Hause. Oft sprach er tagelang kaum ein Wort mit Hannah. Das kam ihr sehr zupass, auch wenn ihr immer noch sterbenslangweilig war. Sie verbrachte die Tage auf der Chaiselongue in einer Art Dämmerzustand, die Augen zum Schutz vor der Sonne mit einem Tuch bedeckt.

Eines Morgens träumte sie halb wach vor sich hin, sie würde mit Thomas schwimmen gehen. Sie stellte sich vor, wie die Sonne ihrer Haut schmeichelte und sie mit Wärme erfüllte. Das schäumende Meer hüllte sie in prickelndes Blau ein.

Ein Rascheln riss Hannah aus ihrem Tagtraum. Jemand näherte sich dem Haus. Ungehalten zog sie das Tuch von ihren Augen. James war in Sydney und wollte frühestens am folgenden Tag wiederkommen. Die Arbeiter waren alle auf dem Südfeld, wo sie einen neuen Zaun errichten sollten. Hausbedienstete konnten es auch nicht sein – Hannah hatte allen den Tag freigegeben, nur ihre Zofe lag mit Kopfschmerzen im Bett.

Sie dachte an den Wilden mit den weißen Augen und blitzenden Zähnen, den sie hier schon einmal gesehen hatte, und griff nach dem Schürhaken.

Das Rascheln kam näher, Hannahs Herz hämmerte laut. Wer immer es war, er war direkt vor dem Wohnzimmerfenster.

Als das Klopfen ertönte, stieß Hannah einen leisen Schrei aus und flüchtete auf die andere Seite des Zimmers. Sie hielt den Atem an.

»Hannah?«, ertönte eine Stimme.

Hannah stieß einen erleichterten Seufzer aus.

»Molly?«

»Hannah, lass mich rein!«

Molly wirkte erschöpft und war noch dünner als auf der Derby Ram. Sie hatte ein neues Kleid aus braunem Flanell und derbe Lederstiefel an, aber ihr Gesicht und ihre Hände waren dreckverschmiert.

»Molly, was machst du hier?«, fragte Hannah und sank in einen Sessel, während Molly die Überreste des Frühstücks begutachtete. Sie machte sich über ein Stück trockenes Toastbrot her.

»Abgehauen«, sagte sie stolz mit vollem Mund. »Hatte keine Lust auf Waisenkind.«

»Bist du denn nicht in ein neues Zuhause gekommen?« Molly schnaubte und griff nach der Marmelade.

»Waisenkinder wie ich kriegen kein neues Zuhause. Wir kriegen nur Hunger, Kummer und Kälte. Und müssen dem alten Mann zuhören, der uns aus einem großen Buch über Hölle und Sünde vorliest. Bäh!« Sie sprühte Brotkrumen durch den Raum. »Ich will kein Waisenkind sein.«

»Aber du kannst hier nicht bleiben«, versuchte Hannah ihr zu erklären. »James wird dich zurückschicken.«

Molly sah sie finster an. »Nein, wird er nicht, weil wir dann nicht mehr da sind.«

»Wie meinst du das?«

Molly verdrehte die Augen. »Wir müssen Mr Bär retten, du Dummkopf! Hast du das vergessen? Er ist doch im Schloss gefangen!«

Hannah biss sich auf die Lippe. »Das ist doch nur ein Märchen.«

»Mr Bär ist kein Märchen. Es gibt ihn wirklich. Er muss gerettet werden.« Molly langte über den Tisch und packte Hannah am Ärmel. »Thomas muss gerettet werden.«

Hannah starrte auf ihre Hände. »Thomas ist tot«, sagte sie leise. Es war leichter auszusprechen, als sie sich vorgestellt hatte. Sie dachte daran, was Mrs Gorman in Sydney über den wilden Mann erzählt hatte. Es heißt, er hätte sich in eine Sträflingsfrau verliebt und einen Vorgesetzten ermordet, der die beiden erwischt hat … stellen Sie sich nur vor. Selbst wenn er nicht tot war, er liebte sie nicht mehr.

»Ist er nicht.«

Hannah stand auf. »Doch«, sagte sie steif, »er ist tot. Er hat sich in eine Sträflingsfrau verliebt und einen Offizier ermordet. Er wurde gehängt.«

»Nein«, widersprach Molly.

»Doch«, entgegnete Hannah bestimmt, »er wurde gehängt. Tigerkämpfe, Vulkane erforschen oder dem Seemannsgrab entkommen, das ist alles vorbei. Er hat jemanden umgebracht.«

Molly stöhnte. »Du hörst mir gar nicht zu. Er ist nicht tot.«

Hannah schloss die Augen. »Ich glaube, du solltest jetzt gehen.«

»Hör endlich zu!« Molly schlug die Fäuste auf den Tisch.

»Ich habe einen Jungen getroffen, der ihn gesehen hat. Etwas Schreckliches ist passiert und Mr Bär ist fortgelaufen. Er versteckt sich. Wenn er zurückkommt, werden sie ihn töten.«

»Und was ist mit der Frau? In die er sich verliebt hat?«

»Es gibt keine Frau und er ist nicht tot. Aber er braucht Hilfe.« Molly stand auf. »Willst du nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht?«

Endlich hob Hannah den Kopf und sah Molly an. Ihr Wachsgesicht war bleicher denn je, ihr Auge starr vor Entschlossenheit. Ihre kleinen Hände waren zu Fäusten geballt. Hannah dachte an Scatterheart, die allein durch das fremde Land wanderte. Scatterheart hatte keinen, der ihr so tatkräftig zur Seite stand wie Molly.

»Also«, fragte Molly, »kommst du mit?«

Hannah überlegte eine Weile.

»Wo ist er?«

Molly grinste triumphierend und drehte sich um. »Dort.« Sie zeigte aus dem Fenster zu den blaugrünen Bergen. »Der Junge, den ich getroffen habe, arbeitet an der neuen Straße, die sie durch die Berge bauen. Er hat Mr Bär gesehen, vor vier Wochen.«

Hannah schaute zu dem Gebirge, das sich über dem Horizont erhob. Dort konnte sich ein weißer Bär bestimmt gut verstecken. Plötzlich verflüchtigte sich die Benommenheit, die ihr seit Wochen den Kopf vernebelt hatte. Er lebte. Etwas in ihrem Inneren fing Feuer und erfüllte sie mit frischer Tatkraft. Sie lächelte.

»Der Koch kommt erst in ein paar Stunden wieder«, sagte sie. »Wir sollten uns beeilen und ein paar Vorräte einpacken.«

Molly stieß einen Jubelschrei aus.