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»Ich weiß nichts über deinen Vater und deines Vaters Haus«, sagte die Glasfrau. »Ich weiß nur, dass du zu spät oder nimmermehr dorthin kommen wirst. Aber nimm diese Eichel aus Silber und frage meine Nachbarin auf dem nächsten Felsen.«

Hannah träumte, sie sei wieder zu Hause. Sie setzte mit Thomas das Puzzle mit der Weltkarte zusammen. Sie alberten, erzählten sich Witze und lachten.

»Dieses Teil sieht fast aus wie eine Kuh«, sagte Thomas und hielt Polen hoch.

»Oder wie Mr Burchill mit dem langen Schnauzer«, überlegte Hannah.

Sie suchte Afrika heraus und platzierte es unterhalb von Europa. Dann kamen Nord- und Südamerika, China und Russland. Hannah runzelte die Stirn. Es waren keine Puzzleteile mehr übrig.

»Da fehlt eins«, sagte sie. »Da unten rechts, unter Asien, ist eine riesige Lücke.«

Thomas zuckte die Achseln. »Dafür gibt es keine Teile.«

»Warum nicht?«

»Wir wissen nicht, wie es dort aussieht.«

»Unsinn«, entgegnete Hannah. »Da unten gibt es eine Kolonie. Ich habe in der Zeitung darüber gelesen.«

Thomas schüttelte den Kopf. »Alles nur Märchen. Niemand weiß etwas darüber.«

Hannah starrte auf die unregelmäßige Aussparung im Puzzle. Sie war sich sicher, dass sie wusste, was dort hingehörte.

»Wie heißt es? Dieses Stück Land?«, fragte sie.

»Land hinter den Meeren«, antwortete Thomas.

Hannah schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern. Das war falsch, so hieß dieses Land nicht.

»Ich dachte, es hieße anders«, wandte sie ein.

»Aber ja«, gab Thomas zu, »manche nennen es auch das Land östlich der Sonne und westlich des Mondes.«

Hannah gähnte.

»Vielleicht war es das …«

»Du siehst müde aus«, bemerkte Thomas lächelnd. »Soll ich dir ein bisschen vorlesen?«

Hannah kletterte in einen Sessel – er kam ihr größer vor als sonst – und hörte zu. Thomas saß am Feuer, das Buch auf seinem Schoß. Er erzählte ihr die Geschichte von Scatterheart und dem weißen Bären und dem Land, das östlich der Sonne und westlich des Mondes lag. Hannah nickte immer wieder ein.

»Wenn du nicht zuhörst, weißt du nicht, was du als Nächstes tun musst. Dann kannst du das Puzzle nicht zu Ende bringen«, ermahnte er sie.

Aber so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte ihre Augen nicht offen halten.

Am nächsten Morgen wachte Hannah schweißgebadet auf.

Sie fühlte sich krank und ihr war schwindelig. Sie blieb eine Weile liegen, bekam aber plötzlich einen Krampf im Bauch, als würde jemand ihr Inneres zerquetschen. Als der Krampf nachließ, durchfuhr sie ein dumpfer, bohrender Schmerz, der sich anfühlte, als würde ihr Leib von einem Gewicht langsam nach unten gezogen. Sie spürte ein merkwürdiges Tröpfeln zwischen ihren Beinen und setzte sich hin. Als sie ihre Decke wegzog, sah sie auf der Matratze einen rötlich braunen Fleck Blut.

Eine schreckliche Angst packte sie. Was geschah mit ihr? Musste sie sterben? War das Kerkerfieber etwa wiedergekommen?

»Meg.« Hannah beugte sich zur Seite und schüttelte Long Meg, die sich grummelnd zur Wand drehte. Hannah schüttelte sie wieder.

Long Meg schlug die Augen auf.

»Das ist dein Tod, dass du mich weckst«, sagte sie.

Hannah biss sich auf die Lippen, um nicht zu heulen.

»Ich weiß nicht, Meg. Etwas Schreckliches ist passiert.«

Long Meg richtete sich auf. »Also, was gibt’s?«

Hannah schluckte. »Alles tut weh und ich blute.« Sie errötete. »Da unten.«

Long Meg blickte sie ernst an.

»Wie alt bist du?«, fragte sie.

»Vierzehn«, sagte Hannah. »Warum? Was bedeutet das? Was ist passiert?«

Long Meg sah ihr bleiches Gesicht und ihre weit aufgerissenen Augen und lachte. Hannah bekam eine panische Angst. Sie lag womöglich im Sterben und Meg lachte nur. War sie verrückt?

»Muss ich jetzt sterben?«, fragte Hannah.

Long Meg nickte, immer noch lachend. »Oh ja, mein Schatz. Du musst ganz bestimmt sterben. In einer Minute wirst du tot sein. Mausetot.«

»Mach dich nicht lustig über mich, Meg«, sagte Hannah. Long Meg grinste.

»Du hast Besuch von Tante Rose«, erklärte sie. »Du bist verdammt jung, aber es heißt, bei denen mit Geld kommt es früher.«

Hannah starrte sie an.

»Was?«

Long Meg lachte immer noch, aber es war ein freundliches Lachen.

»Du bist eine Frau«, sagte sie. »Das hast du ab jetzt jeden Monat. Es bedeutet, dass du Kinder kriegen kannst.«

»Du meinst, das ist normal?« Hannah sah sie entsetzt an.

Sie konnte es einfach nicht fassen. Schwindelte Long Meg etwa schon wieder?

Long Meg nickte.

»Aber es tut so weh!«

Hannah war wie vor den Kopf gestoßen. Das passierte also jeder Frau? Warum hatte ihr das niemand gesagt? Bekamen es auch die Frauen, die mit den großen Sonnenschirmen durch den Hyde Park spazierten? War ihnen dann ebenso übel?

»Und das geschieht jeden Monat?«

Long Meg nickte wieder. »Komm mit«, sagte sie und stand auf, »ich zeig dir, was du tun musst.«

Am hinteren Ende des Orlopdecks stand eine Truhe, in der lauter Stofffetzen aus Baumwolle lagen. Meg erklärte Hannah, wie sie sich den Stoff zwischen die Beine band, damit das Blut nicht ins Kleid lief.

»Du musst die Einlage jeden Tag wechseln«, sagte Meg. Hannah nickte. »Und was ist mit den benutzten? Werden sie gewaschen?«

»Aber nicht im Meerwasser«, erwiderte Long Meg.

»Warum nicht?«

Long Meg zuckte zusammen. »Das Salz brennt fürchterlich. Aber wir haben nicht genug frisches Wasser zum Waschen, deshalb heben wir sie auf, bis wir wieder Wasservorräte laden können.«

»Aufheben? Wo denn?«, fragte Hannah und ahnte schon, dass ihr die Antwort nicht gefallen würde.

Long Meg ging zu ihrer Schlafstatt zurück und hob eine Ecke ihrer Matratze hoch. Ein scharfer, drückender Gestank nach vergammeltem Fleisch schlug Hannah entgegen. Hannah drehte sich der Magen um.

Long Meg zuckte die Achseln.

»Willkommen im Klub.«

Long Meg hielt ihr Wohlverhalten genau drei Tage lang durch. Sie weigerte sich bei Dr. Ullathorne eine Wundsalbe für ihre zahlreichen blauen Flecken und Schürfwunden zu holen und hörte nicht auf, über ihn zu schimpfen.

»Bastard«, schnaubte sie. Sie untersuchte ihre Wunden und stöhnte vor Schmerz, wenn sie mit der Matratze in Berührung kamen. »Den krieg ich noch. Ihn und deinen schwulen Verehrer.«

»James hat nur seine Arbeit getan«, verteidigte Hannah ihn. Sie kuschelte sich in ihr Bett und seufzte. In den letzten Tagen war sie James aus dem Weg gegangen, denn die Baumwollbinde zwischen ihren Beinen fühlte sich dick und unförmig wie ein ganzes Stoffbündel an. Bestimmt hätte er es bemerkt und allein dieser Gedanke trieb ihr die Schamröte ins Gesicht.

Meg schnaubte. »Seine Arbeit? Du meinst also, seine Arbeit ist es, unschuldige Frauen zu quälen und zu foltern?« Hannah sah erstaunt auf. »Unschuldig würde ich dich nicht gerade nennen, Meg.«

»Kann sein, dass ich gewöhnlich wie ein Barbierstuhl bin, auf dem sich alle Welt den Hintern blank sitzt, trotzdem hat niemand das Recht, einen anderen Menschen so zu behandeln. Egal ob er Sträfling oder Captain ist.«

Hannah dachte an den mitleidigen Gesichtsausdruck des Captains, als er Long Meg in dem Fass gesehen hatte. Sie seufzte und holte unter der Matratze das Taschentuch von Thomas hervor. Es war das einzige Erinnerungsstück an zu Hause.

»Ich frage mich, was dein Liebster denken würde, wenn er wüsste, dass du dem Leutnant schöne Augen machst.«

Hannah ließ das Taschentuch sinken.

»Das ist etwas ganz anderes«, erwiderte sie. »Thomas war nur ein Freund.«

Long Meg schaute sie skeptisch an.

»Ja, wirklich«, sagte Hannah. »Er war mein Hauslehrer. Er wollte mich heiraten, nachdem mein Vater verschwunden war. Aber es bestand sowieso keine Chance, dass sich zwischen uns etwas entwickelte. Er war kein Herr von Stand.« Sie dachte an Thomas’ Gesicht, als sie seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte, und spürte einen Stich in ihrem Innern.

»Vornehm geht die Welt zugrunde«, murmelte Meg.

»Wie bitte?«

»Du hast nichts als Stroh im Kopf, du Trottel.«

Hannah runzelte die Stirn. »Ich möchte nicht weiter darüber sprechen.«

Long Meg beachtete ihren Einwand nicht. »Du solltest mal dein Gesicht sehen, wenn du den Lappen da hältst«, sagte sie. »Da gibt es einen Kerl, der dich vor all dem retten wollte«, sie machte mit der Hand eine ausladende Geste, »und du hast abgelehnt, weil er seine Nase nicht pudert und keinen Schneider hat?«

»Wir waren einfach zu verschieden. Ich bin die Tochter eines Gentlemans.«

Meg stöhnte. »Das habe ich mittlerweile verstanden«, sagte sie. »Aber du kapierst etwas nicht. Ein Gentleman wird man nicht, weil man einen vornehmen Vater oder viel Kohle hat. Ein Gentleman ist man, weil man sich wie ein Gentleman benimmt. Und ich habe den Eindruck, dass dein Mr Schnupftuch mindestens doppelt so viel von einem Gentleman hatte wie der alte Arthur Cheshire.«

»Ich erwarte nicht, dass du mich verstehst«, entgegnete Hannah.

»Du Weichhirn, du«, stieß Long Meg aus. »Meinst du etwa, dieser eingebildete Leutnant ist ein Gentleman? Der hat genauso wenig blaues Blut in den Adern wie ich.«

Hannah war verstimmt.

»Auch wenn James nicht aus vornehmem Haus ist, kann er doch ein Gentleman sein.« Sie legte das Taschentuch zusammen und stopfte es unter ihre Matratze.

Eine Glocke schlug und sie machten sich auf den Weg zum Frühstück. Auf der Treppe kam ihnen der Doktor entgegen.

Er streckte die Hand aus und hinderte Hannah am Weitergehen. Sie schaute zu ihm hoch und biss sich vor Angst auf die Lippe. Das graue Fleisch bedeckte nun schon seine Wangen, die runzelig und eingefallen aussahen.

»Wo ist das Kind?«, fragte er. »Der Krüppel mit dem abscheulichen Gesicht.«

Long Meg stieß einen rüden Laut aus. »Das sagt der Richtige. Sie haben es gerade nötig.«

Der Doktor beachtete sie nicht.

»Nun?«, bohrte er weiter.

»Ich habe sie nicht gesehen«, antwortete Hannah.

Dr. Ullathorne schnaubte verärgert und schob sich an ihnen vorbei. Meg stellte ihm ein Bein und er stolperte mehrere Stufen hinunter, bis er sich schließlich am Geländer festhalten und wieder hochziehen konnte.

»Hui, Sir«, sagte Long Meg, »hier unten kann es ziemlich schlüpfrig werden.«

Dr. Ullathorne drehte sich zu ihnen um. Hannah erschrak, als sie sein hassverzerrtes, verwüstetes Gesicht sah.

»Du dreckige Hure«, zischte er.

Long Meg zuckte gleichgültig die Achseln. »Sie sind der Fachmann, was Huren betrifft, dreckig oder nicht.«

Dr. Ullathorne stieg die wenigen Stufen zu ihnen empor.

»Du hältst dein Maul«, sagte er leise und drohend.

»Klar«, antwortete Meg, ohne ihm zu gehorchen, »spätestens, wenn Sie mit ihnen durch sind, sind sie dreckig. Sie kennen ja den Spruch: Eine Nacht in den Armen von Venus, ein Leben lang Quecksilber.«

Dr. Ullathorne packte Long Meg am Arm und kam ihr mit seinem verunstalteten Gesicht ganz nah. »Noch ein Wort und ich schlitze dir die Gedärme auf.« Schwarzer Speichel spritzte in Megs Gesicht, aber sie grinste nur.

»Sie machen mir keine Angst, Sir, Sie nicht.«

Der Doktor gab Meg einen Stoß und sie stürzte krachend auf die Treppe.

»Eine Weile im Takelwerk wird dir eine Lehre sein«, entgegnete er. Er riss Meg wieder auf die Füße und zerrte sie die restlichen Stufen hinauf.

Hannah folgte ihnen. Er winkte zwei Midshipmen vom Mittelmast zu sich, die Long Meg unter den Armen packten und sie auf ein Gitterwerk aus Tauen hievten, das an einer Seite des Schiffs hing. Dort banden sie sie an Armen und Beinen fest.

»Hier bleibst du so lange, bis du dich entschuldigt hast«, sagte Dr. Ullathorne scharf und ging.

Long Meg stimmte ein Gassenlied an.

He, ihr guten Leut,
hört mein Liedchen heut.
Vom miesen Doktor aus der Stadt,
der graues, faules Fleisch nur hat.
Alle kennen den alten Bock,
der nur leichte Mädchen lockt
.

Sie hing den ganzen Tag dort, während die anderen Frauen nähten, schrubbten und Werg zupften. Nach einer Stunde hörte sie auf zu singen und beschimpfte die Matrosen und Offiziere. Aber sie entschuldigte sich nicht. Das Abendessen ging vorüber. James kam in das Orlopdeck und suchte Hannah.

»Es fängt an zu regnen«, sagte er, »wir könnten in meine Kajüte gehen.«

Auf ihre zweifelnde Miene hin bemerkte James lächelnd: »Ich verspreche Ihnen, dass Sie bei mir sicher sind. Meine Kajüte ist trocken und warm und wir sind unter uns.«

Eine der Frauen pfiff anzüglich und Hannah nickte unsicher. Was machte es schon, woher sein Geld stammte. Immerhin war ihr eigener Vater auch kein Muster von einem Gentleman gewesen.

James geleitete sie die Treppe hinauf, an den Hängematten der Matrosen und den Tauwinden vorbei zum Vorschiff. Hannah lauschte, ob sie Long Meg über sich im Takelwerk hören konnte, vernahm aber nichts.

»Lässt man sie einfach dort draußen?«, fragte sie. Sie gingen durch einen schmalen Gang und kamen an mehreren geschlossenen Türen vorbei. Eine Tür stand offen und Hannah sah drei Männer über große weiße Stoffbahnen gebeugt und ein Segel flicken.

»Man muss ihr endlich einmal eine Lektion erteilen«, sagte James, »sonst lernt sie es nie, sich einzufügen und zu benehmen.«

»Aber sie wird sich dort draußen den Tod holen!«

»Unsinn. Leute wie sie sind wie Tiere. Wie Insekten. Die überleben alles.« James schloss mit einem kleinen Messingschlüssel seine Tür auf und ließ Hannah eintreten.

Die Kajüte sah behaglich aus. Von der Decke schien ein freundliches Licht. Ein ordentlich gemachtes Bett nahm fast den ganzen Raum ein. Daneben stand ein Nachttischchen mit einer Waschschüssel aus Porzellan und einem Spiegel. Auf einer Kommode lagen Haarbürste und Kamm und eine Reihe kleiner Tiegel und Fläschchen standen darauf, die Hannah an den Toilettentisch ihres Vaters erinnerten. Gegenüber der Kommode befanden sich ein kleiner Schreibtisch und ein Stuhl. Auf dem Schreibtisch lag Papier und es gab mehrere Tintenfässchen und einen Federkiel. Darüber hing ein Regal mit einem einzigen in Leder gebundenen Buch. Hannah stieß einen leisen Schrei aus, ging hin und ließ ihre Finger über den Buchrücken gleiten.

»Lassen Sie das«, sagte James sogleich. »Das ist nichts für Sie.«

Hannah versuchte den goldgeprägten Titel zu entziffern. »Ich habe schon seit einer Ewigkeit kein Buch mehr gelesen«, seufzte sie.

James fasste sie sanft an der Schulter und drückte sie auf den Stuhl.

»Das ist kein Roman. Das ist das Diensthandbuch für Offiziere. Nichts für die Augen einer jungen Frau.«

Hannah nickte. Auch ihr Vater mochte es nicht, wenn sie Bücher las. Sie schaute sich weiter um. Oberhalb des Bettes befand sich ein kleines rundes Fenster, das von einem roten Vorhang eingerahmt war.

»Es ist bestimmt schwer, ohne Diener auszukommen«, sagte sie.

»Allerdings«, erwiderte James lächelnd. »Anziehen, essen, daran denken, die Hemden bügeln zu lassen – das alles ist schwieriger. Kein Diener, der meine Besucher einlässt. Keine Magd, die das Bett überzieht. Ich kann es kaum erwarten, bis ich endlich wieder in London bin.«

Eine unbehagliche Pause trat ein. Hannah wurde sich bewusst, dass sie allein mit einem Mann war. Dazu in seinem Schlafzimmer. Sie war noch nie mit einem Mann allein gewesen, außer natürlich mit Thomas Behr. Aber das zählte nicht. Hannah schluckte nervös. James sah sie an. Sie verschränkte die Hände im Schoß.

»Was meinten Sie eigentlich mit ›Leute wie sie‹?«, fragte sie plötzlich.

James blickte sie verständnislos an.

»Als sie über Long Meg gesprochen haben, sagten Sie ›Leute wie sie‹.«

James zuckte die Achseln.

»Sie sind Tiere. Verbrecher. Für ein paar Münzen tun sie alles. Sie haben nur ihre eigenen Interessen im Auge. Leute wie sie würden ihr eigenes Kind für eine Flasche Gin verkaufen.«

Hannah wurde es mit einem Mal ganz kalt. »Denken Sie das etwa auch von mir? Denken Sie, ich würde meine Familie für eine Flasche Gin verkaufen? Bin ich auch ein Tier?«

James erwiderte ein wenig gereizt: »Aber Sie doch nicht. Sie sind nicht wie die anderen und das wissen Sie genau.« Er nahm ihre Hand und lächelte. Seine Hände waren glatt und stark. »Sie sind wunderschön, Sie sind eine perfekte Dame und Sie sind aus gutem Hause. Sie sind die Tochter eines Gentlemans. Sie sind nicht wie die anderen.«

Hannah schwieg lange. Sie dachte daran, was Meg über James’ Vater gesagt hatte. Dass sein Reichtum aus dem Verkauf von Knöpfen stammte.

»Hannah«, sagte James leise, »verzeihen Sie, wenn ich Sie gekränkt habe. Sie wissen, dass Sie nicht wie die anderen sind.«

Hannah nickte langsam. »Ich weiß. Das alles …«, sie schaute sich in der Kajüte um, »das alles ist nur … vorübergehend.«

James hielt immer noch ihre Hand. Hannah spürte, wie schwielig und rau sie gegen seine war. Seine Fingernägel waren gleichmäßig geschwungene Halbmonde. Ihre waren braun und rissig.

»Hannah?« James blickte sie eindringlich an.

Sie stand auf und ließ seine Hand los. »Verzeihen Sie. Es ist spät. Ich sollte jetzt gehen.«

Megs Bett war immer noch leer. Molly sah schweigend zu, wie Hannah unter ihre Decke schlüpfte. Hannah machte die Augen zu, war aber zu unruhig, um einzuschlafen. Sie hörte schlurfende Schritte und machte die Augen wieder auf. Am Fußende ihrer Koje stand Tabby, ihre schwarzen Äuglein glänzten.

»Kein Gefängnis ist schön und keine Braut hässlich und jede Gans hat ihren Martinstag«, sagte sie.