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Scatterheart verließ den Strand und wanderte allein weiter.

James nahm sie noch am selben Tag mit nach Hause. Hannah besaß nichts, was sie hätte einpacken müssen – das Taschentuch von Thomas steckte in ihrem Kleid. Sie zog es hervor und wickelte die zerbrochene Brille darin ein.

James sprach kurz mit dem Vorsteher, unterschrieb ein Formular und geleitete Hannah zum Wagen.

Sie kam sich vor wie eine Kuh oder ein Schaf, das jemand auf dem Viehmarkt erstanden hatte. Für James war diese Lösung wahrscheinlich viel angenehmer als eine richtige Heirat. Auf diese Weise war es fast wie eine Geschäftsbeziehung.

Das Haus von James lag ungefähr sechs Meilen außerhalb von Parramatta. Er hatte es von einem reichen Ehepaar gekauft, das in New South Wales eine neue Schafrasse gezüchtet hatte, dann aber wieder nach England zurückgekehrt war.

Das Anwesen war ein imposantes viereckiges Gebäude aus groben gelben Mauern. Hannah stellte sich vor, wie die Sträflinge die Steinblöcke in Form gehauen hatten und dass die dunklen Verfärbungen hier und da Blutspuren waren. Das große Wohnhaus wirkte einsam und abweisend. Es war von flachem Land umgeben, auf dem stacheliges braungelbes Gras wuchs und vereinzelte, schmutzig graue Eukalyptusbäume standen.

»Wir werden bald einen richtigen Garten haben«, sagte James. »Ich habe einen Sträfling angefordert, der Erfahrung im Gartenbau hat.«

Dank seines neuen Reichtums und seiner Stellung als Offizier konnte James sich die besten Sträflinge für seinen Haushalt aussuchen. Er hatte einen Koch, einen Hausmeister und einen Butler. Außerdem eine Kammerzofe für Hannah und für sich selbst einen Diener. Die übrigen fünf Sträflinge bereiteten das Land für die Acker- und Viehwirtschaft vor. James wollte die Tiere aus England kommen lassen – »Nicht diese armseligen Züchtungen von hier«, wie er sagte – und mit dem Vieh würden weitere fünfzehn Sträflinge eintreffen und für ihn arbeiten.

Das Haus war vollständig und behaglich eingerichtet. Wie James versprochen hatte, gab es ein Service aus weißem Porzellan und Silberbesteck. Vor den großen Fenstern hingen schwere weinrote Samtvorhänge. Die dunklen Dielen waren auf Hochglanz poliert. Im Wohnzimmer standen drei grüne Chintzsessel und eine dazu passende Chaiselongue. Die Wände waren frisch geweißelt, da Tapeten in der Kolonie nur schwer zu beschaffen waren. Es hingen zwar keine Bilder an den Wänden, aber James hatte auf dem Weg erzählt, dass er erwäge, ein Porträt in Auftrag zu geben.

Hannah hasste das Haus vom ersten Augenblick an. Sämtliche Zimmer waren in ein hartes weißes Licht getaucht, das jeden Riss, jeden Fleck, jede Staubflocke preisgab. Die Samtvorhänge wirkten protzig und billig, die Möbel übergroß und unwirklich. Hannah kam sich vor wie in einem Puppenhaus.

James führte sie in ihr Zimmer hinauf – ein Zimmer mit rosa-weißen Spitzenvorhängen und einem großen, bequem aussehenden Bett. In einer Ecke stand eine Sitzbadewanne mit dampfendem Wasser. Hannah stieß einen leisen Schrei aus und vergaß für einen Moment, dass sie das Haus verabscheute. Wie lange war es her, dass sie ein heißes Bad genommen hatte?

James lächelte.

»Ich lasse dich jetzt allein. Nimm erst einmal ein Bad«, sagte er und ging hinaus.

Hannah zögerte nur einen kurzen Augenblick. Sie schälte sich aus dem grauen Arbeitskleid und warf es auf den Boden. Dann stieg sie in die Wanne und seufzte wohlig.

Auf einem kleinen Beistelltisch befand sich eine Auswahl von Ölen und Seifen und auch eine weiche Wurzelbürste. Hannah benutzte alles und planschte und schrubbte so lange, bis das Wasser von dem Schmutz der vergangenen Monate ganz braun geworden war.

Erst als das Wasser kalt wurde, kam sie heraus und trocknete sich ab. Ihre Haut fühlte sich zart wie Rosenblüten an. Sie tapste barfuß zu dem großen Mahagonischrank. Er enthielt zahlreiche Kleider, Hauben, Mäntel und Schuhe, alles von bester Machart.

Sie wählte ein blassrosa Musselinkleid mit zarter weißer Paspel und Schuhe aus weichem Ziegenleder. Es war ein merkwürdiges Gefühl, wieder Schuhe zu tragen.

Auf dem Toilettentisch standen vielerlei Kosmetika und Parfüms – alle aus London oder Paris eingeführt. Mit einem glücklichen Seufzer nahm Hannah ein Fläschchen und zog den Stöpsel heraus. Der Lavendelduft erinnerte sie so stark an ihren Vater, dass sie einen Augenblick lang meinte, wieder in ihrem Schlafzimmer in London zu sein. Dann sah sie hoch und erblickte ihr Spiegelbild. Im ersten Moment erkannte sie das braune, sommersprossige Gesicht nicht, das ihr aus dem Spiegel entgegenblickte. Ihre Haare standen immer noch spitz und unregelmäßig nach oben – sie waren selbst für einen gewagten modischen Haarschnitt viel zu kurz. Über ihrer rechten Augenbraue war eine kleine Narbe, dort hatte James sie geschlagen. Das rosa Kleid mit dem Spitzenkragen und den Perlmuttknöpfen passte nicht zu der zerzausten Frisur und der gebräunten Haut. Hammel im Lammkleid, hätte Long Meg gesagt. Sie stellte die Flasche mit zitternden Fingern zurück. Das wollte sie nicht. Sie wollte keine Spitzen und teuren Düfte. Das alles zählte nichts mehr, jetzt wo Thomas tot war.

An diesem Abend saß sie James gegenüber am Esstisch und aß Fleischpastete. Der Koch hatte ihr zwar versichert, dass es Lamm sei, aber sie vermutete, dass es Kängurufleisch war. Sie brachte kaum einen Bissen hinunter. Das Essen schmeckte fad wie Asche und blieb ihr im Hals stecken wie der Toast, den James ihr auf der Derby Ram serviert hatte.

»Hast du das Bad genossen?«, fragte James.

»Ja«, sagte Hannah. »Danke«, fügte sie nach einer Weile hinzu.

Das einzige Geräusch war das Kratzen des Bestecks auf den Porzellantellern.

»Es wird dir hier gefallen«, fuhr er fort. Das war keine Frage, also musste Hannah auch nicht darauf antworten.

»Du musst dich natürlich erst an dein neues Leben gewöhnen«, sagte er. »Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn du erst einmal in deinem eigenen Zimmer schläfst.« Erst einmal. Seine Worte hingen wie eine Drohung in der Luft.

Hannah blickte auf weißes Porzellangeschirr, die silbernen Gabeln und Messer, das steife weiße Tischtuch und die eleganten Mahagonistühle. Sie hasste alles, was sie sah. Sie hasste den silbernen Toastständer, die dünnen rosa Porzellantassen, die Kleider, die James für sie gekauft hatte, und die zierlichen Satinpantoffeln, die schon jetzt mit einer dicken gelben Staubschicht bedeckt waren. Alles erinnerte sie an ihr altes Leben in London und sie wusste, dass sie das Einzige, was sie aus dieser Zeit wirklich haben wollte, nicht bekommen konnte.

»Du wirst erschöpft sein«, sagte James.

»Ja«, murmelte Hannah.

»Du hast viel durchgemacht.«

»Ja.«

James nickte. »Du kannst heute früh zu Bett gehen. Ich verlange nicht von dir, dass du mir heute Abend Gesellschaft leistest.«

Hannah erhob sich und verließ das Zimmer und kam sich dabei wieder wie ein kleines Mädchen vor.

James hatte in Parramatta einen Verwaltungsposten angenommen und musste die Verteilung der Sträflinge an die freien Siedler beaufsichtigen. Hannah war fast den ganzen Tag allein. Manchmal musste James auch für einige Tage nach Sydney, dann sah Hannah nur das schüchterne Mädchen, das ihr beim Ankleiden half und ihr morgens den Tee brachte, und den Butler, der das Abendessen servierte.

Jeden Donnerstag blieb James bis in die Morgenstunden fort. Jedes Mal wachte Hannah in der Dämmerung davon auf, wie er fluchend und lallend durch den Flur stolperte. Anfangs verkroch sie sich unter ihre Bettdecke, weil sie Angst hatte, er könnte in ihr Zimmer stürmen und verlangen, dass sie sich ihm hingebe. Aber das geschah nie, und Hannah erinnerte sich, dass donnerstags die Frauen in der Fabrik den Tanz der Seejungfrau tanzten, bis ihnen die blaue Farbe über Rücken, Hintern und Schenkel triefte.

Sie stellte sich James im Kreis der grölenden, klatschenden Männer vor. Er würde nicht in ihr Zimmer kommen. Sein Bedarf war gedeckt.

Tagsüber wanderte Hannah oft stundenlang durch das Haus und über das Anwesen. Oder sie starrte zum Fenster hinaus über das flache Ackerland bis zu den blaugrauen Bergen im Westen und dachte an Thomas.

Sie erinnerte sich daran, wie sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Sie war elf Jahre alt gewesen. Er war ihr damals so viel größer, älter und erwachsener vorgekommen, aber er konnte höchstens sechzehn gewesen sein. Hannahs Vater hatte gerade ihr Kindermädchen entlassen.

»Ungehobelt und blaustrümpfig«, hatte er geschimpft und seine perfekt in Form gezupften Augenbrauen gerunzelt.

»Außerdem bist du für ein Kindermädchen allmählich zu alt«, hatte er hinzugefügt. »Ich werde einen Hauslehrer einstellen. Jemanden, der in Oxford studiert hat.«

Hannah hatte ihr Kindermädchen geliebt. Sie hatte geweint und ihren Vater angefleht, es wieder einzustellen, aber er war unerbittlich.

»Für meine Prinzessin nur das Beste«, hatte er gesagt. Hannah hatte sich vorgenommen ihren neuen Hauslehrer nicht zu mögen.

Dann stand er vor ihrer Haustür, den Hut in der Hand und ein Bücherpaket unter den Arm geklemmt, genau wie auch in den folgenden drei Jahren. Er war sehr groß und zog jedes Mal verlegen die Schultern hoch, wenn er Arthur Cheshire die Hand schüttelte. Hannah hatte nur einen Blick auf ihn geworfen – auf seine ungekämmten strohigen Haare, seine silbern umrandete Brille – und war in Tränen ausgebrochen und in ihr Zimmer gerannt. Er war hinter ihr die Treppe hochgestiegen und hatte an die Tür geklopft.

»Gehen Sie«, rief Hannah. »Ich will mein Kindermädchen wiederhaben.«

Hannah hörte ein schabendes Geräusch und dann einen Plumps. Mr Behr hatte sich vor ihrer Tür auf den Boden gesetzt.

»Magst du Märchen?«, fragte er.

Hannah hielt mitten in einem Schluchzer inne. »Was für Märchen?«

»Ach, alle möglichen«, antwortete Thomas Behr. »Von Prinzessinnen, Ungeheuern, Trollen, Hexen und Schlössern.« Er schwieg.

»Und weiter?«, fragte Hannah schniefend. Sie hörte Mr Behr leise lachen.

»Also«, sagte er, »mein Lieblingsmärchen handelt von einem Mädchen, das von allen nur Scatterheart genannt wurde. Denn es war sehr schön, aber eigensüchtig und eitel. Und sein Herz war unstet und flatterhaft wie der Wind …«

Hannah starrte durch die dicke Glasscheibe. Sie versuchte wieder einmal sich an das Ende des Märchens zu erinnern, aber ihr Kopf war vollkommen leer. Vielleicht gab es überhaupt kein glückliches Ende. Der Butler betrat leise das Zimmer und legte einen Holzscheit nach. Hannah drehte sich zu ihm um und sah ihn an. Er war ungefähr vierzig Jahre alt, hatte schütteres Haar und hinkte leicht. »Wie heißen Sie?«, fragte Hannah.

Der Butler blickte auf den Boden. »Pete, Madam. Pete Levine.«

»Angenehm, Pete«, sagte Hannah. »Ich heiße Hannah.«

»Ja, Madam?«, entgegnete Pete.

»Was haben Sie getan?«, fragte Hannah weiter. »Ich meine, weil Sie hier sind.«

Pete fühlte sich offensichtlich unbehaglich. »Bitte, verzeihen Sie, Madam, aber Leutnant Belforte hat uns verboten mit Ihnen zu sprechen.«

Hannah errötete.

Pete zog sich ohne ein weiteres Wort zurück. Hannah starrte aus dem Fenster. Die einzige Farbe zwischen dem grauen Himmel und der braunen Erde war der blaugraue Streifen des Gebirges im Westen. Sie fragte sich, was jenseits der Berge sein mochte, und erinnerte sich dunkel daran, dass James etwas von einer Expedition und einer neuen Straße gesagt hatte.

Sie schloss die Augen. Als Mr Behr ihr bei dieser ersten Begegnung das Märchen von Scatterheart zu Ende erzählt hatte, öffnete sie die Tür und trat in den Flur hinaus. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet und sie musste immer noch die Nase hochziehen. Aber sie war von der Geschichte mit Scatterheart und dem weißen Bären ganz erfüllt. Zaghaft nahm sie Mr Behrs Hand und er ging mit ihr ins Wohnzimmer hinunter und dann unterhielten sie sich über Geschichte, Erdkunde und Märchen.

Seine Hand war so groß, dass ihre darin vollständig verschwand. Und sie war weich, weich wie Samt. Seine Augen funkelten, wenn er ihr von Sternen, Entdeckungen und Abenteuern erzählte. Seine Begeisterung war ansteckend. Hannah saß mit offenem Mund in ihrem Sessel, hatte die Hände ineinandergefaltet und lauschte gespannt den Geschichten über ferne Länder und verzauberte Schlösser. Als die Standuhr in der Diele zwölf schlug, stand er auf, um zu gehen. Hannah konnte die nächste Unterrichtsstunde kaum erwarten. Ihr Kindermädchen hatte sie schon ganz vergessen.

Hannah hörte das Knirschen von Schritten und sah wieder zum Fenster hinaus. Dort draußen ging ein Eingeborener in Richtung Parramatta, er schlurfte gemächlich über die staubige Straße. Hannah hielt den Atem an. Von den Frauen in der Fabrik hatte sie schreckliche Geschichten über die Eingeborenen gehört. Sie waren Kannibalen, gewalttätig und unberechenbar. Sie lockten die Kinder mit Singen und Tanzen aus der Stadt und dann …

Hannah erschauderte. Der Mann hob ruckartig den Kopf und blickte in ihre Richtung. Sie konnte genau das Weiß seiner Augen sehen. Hannah schreckte zurück und verkroch sich in ihren Sessel.

»Wilde«, hatte James sie genannt. »Halte dich von ihnen fern, es sind Tiere.«

Bei seinen Worten hatte Hannah an Meg und Molly denken müssen. Sie fragte sich, wo Molly jetzt wohl war, und hoffte, dass sie ein gutes Zuhause gefunden hatte, wo sie geliebt und wo gut für sie gesorgt wurde.

Auf dem Weg von der Fabrik nach Parramatta hatte Hannah James gefragt, ob Molly bei ihnen leben dürfe.

»Die Missgeburt?«, hatte James mit angewidertem Gesicht geblafft. »Auf keinen Fall.«

Der Eingeborene ging weiter und Hannah entspannte sich wieder. Sie fühlte sich plötzlich sehr müde und stieg die Treppe hinauf. Obwohl es erst mitten am Vormittag war, verkroch sie sich in ihr Bett. Der Tag war ihr schon jetzt viel zu lang geworden.

Sie griff unter ihr Kissen – ein Daunenkissen, das James extra für sie in Sydney gekauft hatte – und zog einen Stofffetzen hervor.

Vorsichtig faltete sie Thomas’ Taschentuch auseinander und betrachtete das zerbrochene Glas und die verbogenen Brillenbügel. Sie wartete darauf, dass der Kummer sie übermannen, dass sie weinen und schluchzen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Seufzend kuschelte sie sich in ihr Bett.

Sie schlief unruhig und träumte, sie würde bei James’ Rückkehr wieder aufwachen.

»Ich habe dir ein Brautgeschenk mitgebracht«, sagte er und ließ ein dickes in Papier eingeschlagenes Paket auf den Esstisch fallen.

Hannah öffnete es. Es enthielt ein dickes weißes Eisbärenfell. Der ausgestopfte leblose Kopf des Bären starrte sie aus traurigen Glasaugen an.

Hannah schreckte hoch und schaute sich verwirrt im Zimmer um. Wie lange hatte sie geschlafen? Eine Minute? Eine Stunde?

Die Haustür fiel ins Schloss.

»Hannah!« James war zurück.

Er rief wieder ihren Namen und Hannah schlüpfte seufzend aus dem Bett.

James stand unten an der Treppe und wartete auf sie. Ihr Herz machte einen kleinen Sprung, als sie ihn erblickte. Er sah wirklich blendend aus. Hätte sie doch nur die glücklichen, unschuldigen Tage auf der Derby Ram wieder herzaubern können, als sie ihn für einen wahren Gentleman gehalten hatte, ihren schönen Prinzen. Hätte sie das immer noch glauben können, wie glücklich wäre sie jetzt gewesen.

»Ich muss einen Abstecher nach Sydney machen«, rief er.

»Ich dachte, du könntest mich vielleicht begleiten.«

Er schwieg und wartete offensichtlich auf ein Zeichen der Dankbarkeit, die dieser Vorschlag seiner Meinung nach verdiente. Hannah nickte nur und ging in ihr Zimmer zurück.

Am nächsten Morgen mieteten sie ein kleines Boot, mit dem sie flussabwärts nach Sydney fuhren.

Hannah genoss es, wieder auf dem Wasser zu sein, das vertraute Schaukeln des Boots zu spüren und das sanfte Schlagen der kleinen Wellen am Rumpf zu hören. Als sie das zu James sagte, sah er sie missbilligend an.

»Ich habe angenommen, dir läge daran, diesen Abschnitt deines Lebens zu vergessen«, meinte er.

Hannah dachte darüber nach. Sicher, sie hatte auf der Derby Ram Schlimmes erlebt. Aber sie erinnerte sich auch daran, wie ihr die Sonne ins Gesicht schien und der Wind ihr durch die Haare wehte. Sie erinnerte sich daran, wie sie mit Long Meg gescherzt hatte und wie süß das Wasser schmeckte, als sie in Kapstadt haltgemacht hatten.

»Und du?«, fragte sie. »Willst du nicht nach London zurück? Im White’s Club Pikett spielen und Brandy trinken?«

James zuckte die Achseln. »Mir gefällt es hier«, sagte er. »Mir gefällt die Vorstellung, die Wildnis zu zähmen. Sie zu kultivieren.«

Hannah sah auf den Fluss, auf die gekrümmten graugrünen Bäume und das undurchdringliche Gewirr des Unterholzes. Sie glaubte nicht, dass dies je gezähmt werden könnte.

Im Lauf der Fahrt ließ Hannahs Anspannung nach. Der Rhythmus des Wassers hatte etwas Beruhigendes und die Sonne machte sie schläfrig. Sie war gerade im Begriff wegzudösen, da hörte sie das Rascheln von Blättern. Sie zuckte erschrocken zusammen, denn plötzlich tauchte eine Eingeborene am Ufer auf.

Die Frau hatte eine mahagonibraune Haut. Sie trug nur eine Art Gürtel um die Hüfte, an dem mehrere Tierfelle hingen. Ihre Brüste waren nackt und hingen ihr fast bis zum Bauch hinab.

Hannah starrte sie fasziniert an und dachte an Long Meg, die grau und kalt und nackt auf dem Operationstisch von Dr. Ullathorne gelegen hatte. Diese Frau sah so lebendig aus. Die Sonne glänzte auf ihrer dunklen Haut und den krausen schwarzen Haaren. Sie bewegte sich mit einer fließenden Anmut, als sei sie aus Wasser gemacht. Beinahe desinteressiert blickte sie zu James, Hannah und dem Sträfling hinüber, der das Boot lenkte. Ein unbestimmter Zug von Verachtung huschte über ihr Gesicht. Dann raschelte es wieder in den Blättern und ein kleiner Junge trat hinter ihr aus dem Gebüsch. Er war vollständig nackt. Die Frau sagte etwas zu ihm und der Junge lachte fröhlich. Seine weißen Zähne blitzten. Hannah dachte an Molly, wie sie über Long Meg oder eine der Geschichten von Mr Bär gelacht hatte.

James drehte sich zu dem Geräusch um und bemerkte die Eingeborenen. Schnell streckte er die Hand aus und hielt Hannah die Augen zu.

»Nicht hinsehen«, fuhr er sie an und verzog das Gesicht. Hannah stieß James’ Hand fort und blickte zu den Eingeborenen zurück, die sich immer weiter entfernten. Sie überlegte, dass die Frau sie möglicherweise auch als abstoßend empfunden hatte.

»Hannah«, sagte James scharf, »ich möchte nicht, dass du dir solch eine vulgäre Zurschaustellung von …«, er suchte nach einem geeigneten Wort, das seinen Abscheu am besten zum Ausdruck brachte, »Unzivilisiertheit ansiehst.« Er schüttelte angewidert den Kopf. »Verdammte Murkys. Nicht einmal zum Arbeiten sind sie etwas nütze. Sie sind schlimmer als Sträflinge.«

Am späten Nachmittag dieses Tages machte das Boot am Stadtrand von Sydney fest. Hinter dem kleinen Landungssteg befanden sich ein paar baufällige Holzhütten. Es stank nach Mist. An einem Pfosten war eine dreckige Ziege angebunden, die kläglich meckerte. Für Hannah und James stand eine Kutsche bereit, die sie in ihr Hotel bringen sollte. Ein paar magere Kinder tanzten um das Kutschpferd herum – Pferde waren rar in der Kolonie und nur Reiche konnten es sich leisten, sie für anderes als Feldarbeit einzusetzen.

James reichte Hannah die Hand, um ihr in den Wagen zu helfen. Doch sie ignorierte ihn und stieg selbstständig ein. James folgte ihr und klopfte wütend von innen gegen das Dach. Der Kutscher rief dem Pferd einen scharfen Befehl zu, worauf sich das Gefährt rumpelnd in Bewegung setzte.

Hannah spähte aus dem Fenster und betrachtete neugierig die größer werdende Stadt. Bei ihrer Ankunft hatte sie davon kaum etwas mitbekommen. Die Straßen waren breit und meist unbefestigt, einige jedoch mit gelbem Sandstein und manche mit einer Art Holzbohlen gepflastert. Die Gebäude waren von schlichter Eleganz. Sie waren aus dem offenbar überall vorhandenen Gelbsandstein oder aus weiß getünchten Brettern gebaut. Die kleineren Häuser standen in ordentlichen Reihen nebeneinander. Sie hatten schattige Veranden und überaus gepflegte, von Geranienhecken gesäumte Gemüsegärten.

Sie fuhren an einem vornehmen dreistöckigen Sandsteinhaus vorüber, dessen eleganter Balkon weit über die Straße hinausragte. Darunter saß ein makellos gekleideter Herr in einem Rohrstuhl und nippte an einem hohen Glas. Er sah sehr gut aus und winkte Hannah zu, als sie aus dem Kutschfenster zu ihm herüberblickte.

»Abschaum«, schimpfte James.

»Wieso, ist er kein Gentleman?« Hannah war überrascht. »Ein Gentleman! Das ist Simon Lord. Ein Ex-Sträfling. Hat sein Vermögen durch Handel gemacht.«

James sprach das Wort Handel aus, als wäre es ein Fluch. »Oh«, machte Hannah nur und wandte sich zu dem herrschaftlichen Haus um. Es wirkte viel vornehmer als das hässliche, gedrungene Haus von James.

»Eins musst du lernen, Hannah«, sagte James. »Geld ist kein Zeichen für Vornehmheit. Egal wie nobel dein Haus ist. Einmal Abschaum, immer Abschaum.«

Hannah schwieg, aber sie dachte daran, dass James’ Vater seinen Reichtum durch den Verkauf von Knöpfen erworben hatte.

James zeigte aus dem Kutschfenster. »Siehst du die Damen dort auf der Veranda? Sie tragen edle Kleider und Seidenpantöffelchen, doch schau dir ihre Hände und Gesichter an. Schmutzig wie die Säue.« Wieder zeigte er aus dem Fenster. »Und dieser junge Stutzer dort drüben. Er muss natürlich an jedem Finger einen Ring tragen. Seine Manschettenknöpfe sind wahrscheinlich mit Edelsteinen besetzt und seine Taschenuhr ist aus massivem Gold. Aber er hat weder Gamaschen noch Strümpfe an. Um Himmels willen, man kann sogar seine Knöchel sehen!« Der Abscheu war ihm deutlich anzuhören und Hannah erinnerte sich beschämt an die maßgeschneiderten Mäntel und gewichsten Reitstiefel ihres Vaters. Dann dachte sie an Thomas’ schlecht sitzende Konfektionsanzüge und seine schiefe Brille und seufzte.

Die Kutsche rumpelte weiter die Straße entlang und überquerte einen lebhaften Markt, wo es nach Fisch und faulendem Obst stank. In Käfigen flatterten und kreischten bunte Vögel.

Es gab auch Menschen, die in Käfigen saßen. Sie waren halb verhungert und die Haut spannte sich über ihren Knochen. Ein Mann hatte auf Brust und Rücken gar keine Haut mehr. Sein entzündetes Fleisch leuchtete wie das Brandmal auf Mollys Gesicht, und das Schlüsselbein stak weiß aus seinem geschundenen Fleisch hervor, es sah wie die Spitze des Spazierstocks ihres Vaters aus. Hannah schaute schnell zur Seite. Ihr war übel.

»Was ist mit dem Mann?«, fragte sie.

»Zweihundert Peitschenhiebe«, erklärte James. »Manchmal wächst die Haut dann nicht mehr nach.«

Hannah blickte zurück. Quer über das Gesicht des Mannes zog sich eine hässliche Narbe, von der linken Schläfe über das linke Auge, über die Nase, durch die Lippen bis unter das Kinn.

»Grässlich«, zischte James.

Auf den Marktständen waren rote, grüne und gelbe Früchte gestapelt, die Hannah nicht kannte. Sie dachte an die Mangos, die sie in Kapstadt gegessen hatte, und dabei fiel ihr auch der scharfe metallische Geschmack von Blut wieder ein, als sie James gebissen hatte.

Sie war so in Gedanken, dass sie zuerst nicht merkte, dass er zu ihr sprach.

»Hm?«, machte sie.

Er sah sie missbilligend an.

»Ich habe dich gefragt, ob ich für dich etwas besorgen soll, solange wir hier sind.«

Hannah zögerte. Es war ihr zuwider, ihn um etwas zu bitten, aber sie war der Verzweiflung so nahe, dass sie allen Mut zusammennahm und sagte: »Meinst du, ich könnte vielleicht ein paar Bücher bekommen?«

Das Missfallen in James’ Miene vertiefte sich. »Wozu willst du denn Bücher haben?«

»Zum Lesen«, antwortete Hannah. War das nicht klar?

James schüttelte verständnislos den Kopf. »Ich finde, es gehört sich nicht für eine junge Dame, sich das Gehirn mit diesem Unsinn aus Romanen und Liebesgeschichten vollzustopfen.«

»Du klingst genau wie mein Vater«, entgegnete sie.

»Dein Vater war ein vernünftiger Mann«, sagte James.

Die Kutsche hielt vor einem großen gelben Gebäude. Zwei magere kleine Jungen, barfuß und in kurzen Hosen, rannten herbei, um ihr Gepäck hineinzutragen.

James kletterte zuerst aus der Kutsche, hinter ihm kam Hannah, die seinen Arm wieder ignorierte.

Sie betraten das Hotel. In der Empfangshalle war es kühl und ruhig. Der Boden war aus Marmor, die Handläufe der Treppen aus glänzendem Messing. James blickte sich um. »Ziemlich eng«, schnaubte er. »Aber es ist das einzige respektable Hotel am Ort.«

Hannah fand, es sah hübsch aus. Die beiden kleinen Jungen setzten die letzten Taschen ab und grinsten Hannah und James erwartungsvoll an. Der eine hielt seine Mütze in den schmuddeligen Händen.

»Danke, Jungs«, sagte Hannah freundlich.

»Gern geschehn, Miss«, entgegnete der Junge mit der Mütze. Sein fröhliches, pausbäckiges Gesicht war von Sommersprossen übersät. Hannah überlegte, ob Molly ebenfalls durch die Straßen von Sydney zog und reichen Leuten die Taschen trug. Sie wandte sich an James.

»Hast du ein paar Pennys für die Jungs?«

»Nein«, sagte er knapp und ging zur Treppe. »Sträflingen gebe ich kein Geld.«

Hannah errötete und lächelte den beiden entschuldigend zu. Der pausbäckige Junge sah sie finster an, aber der andere zuckte nur die Achseln. Hannah stieg hinter James die Treppe hinauf, blieb aber in der Mitte plötzlich stehen.

»Bin ich nicht auch einer dieser dreckigen Sträflinge?«, fragte sie.

James wandte sich zu ihr um und blickte sie scharf an. »Nein«, erwiderte er bestimmt, »du nicht. Du bist eine junge Dame aus gutem Hause. Dein Vater war ein geachteter Londoner Gentleman. Du wirst niemandem erzählen, wie du hierhergekommen bist.«

Sie bezogen eine kleine Suite auf der dritten Etage des Hotels mit Blick über den Hafen.

»In Kürze kommt ein Dienstmädchen, das dir beim Ankleiden hilft«, sagte James. »Ich werde dich später abholen und zum Abendessen ausführen.«

Hannah fragte nicht, was er vorhatte. Es interessierte sie auch nicht.

Die Suite bestand aus einem kleinen Ankleidezimmer, einem Wohnraum und einem Schlafzimmer. Hannah betrachtete misstrauisch das große Bett mit dem bestickten Damastüberwurf. Niemals würde sie ein Bett mit James teilen, für nichts auf der Welt. Auch nicht für Bücher.

Sie schaute sich in den Zimmern um und zog die leeren Schubladen und Schränke auf. Ein Page erschien und brachte das Gepäck.

Hannah setzte sich in einen braunen Samtsessel und stand wieder auf. Was sollte sie nur machen? Es war schlimmer als in James’ Haus. Dort konnte Hannah wenigstens über das Anwesen spazieren.

Sie ging zum Fenster. In der Nähe des Kais lag ein großes Schiff vor Anker. Hannah überlegte, ob es sich um einen neuen Sträflingstransport handelte. Unter ihrem Fenster schlenderten zwei junge Frauen über die Straße. Sie hatten sich untergehakt und schwatzten lebhaft. Sogar vom dritten Stock aus erkannte Hannah, dass es keine Damen von Stand waren – ihre Hauben waren eindeutig selbst gefertigt und ihre Stimmen hatten einen breiten, unkultivierten Tonfall. Wahrscheinlich waren sie hier geborene Kinder von ehemaligen Sträflingen. Kolonietrampel nannte James sie meist mit verächtlichem Grinsen. Abschaum vererbt sich, behauptete er. Das haben sie im Blut. Hannah fand nicht, dass die Mädchen wie Verbrecherinnen aussahen.

Die eine sagte etwas mit unterdrückter Stimme, worauf die andere losprustete. Hannah spürte einen schmerzhaften Stich in der Brust. Sie hatte in London nie richtige Freundinnen in ihrem Alter gehabt. Nur Thomas Behr. Und auf der Derby Ram Long Meg und Molly. Sie fragte sich, wo Molly jetzt war.

Es klopfte leise an der Tür, dann trat eine junge Frau mit Dienstmädchenhaube ein und knickste.

»Guten Abend, Madam«, begrüßte sie Hannah. Sie hatte den gleichen breiten Akzent wie die Mädchen auf der Straße. »Leutnant Belforte schickt mich. Ich soll Ihnen beim Ankleiden helfen.«

Hannah lächelte freundlich und zeigte auf ihren Koffer. Das Mädchen bückte sich, öffnete ihn und ordnete den Inhalt in die Schubladen und Schränke. Als sie Hannahs rosafarbenes Musselinkleid sah, hielt sie es bewundernd hoch.

»Ein schönes Kleid«, sagte sie. »Wollen Sie es heute Abend zum Essen anziehen?«

Hannah zuckte gleichgültig die Achseln. »Wahrscheinlich«, antwortete sie.

Das Mädchen strich das Kleid glatt und hängte es zum Lüften auf.

Hannah blickte die junge Frau neugierig an. Ihre Haut war von der Sonne goldbraun getönt, ihre Haare waren strohblond, Nase und Wangen von Sommersprossen übersät und die Augen blitzten in einem strahlenden Blau. Sie wirkte gesund und kräftig.

Hannah wusste, dass sie sonnengebräunte Haut eigentlich ordinär finden müsste – braun wie eine Wilde –, aber bei dieser jungen Frau sah es richtig hübsch aus. Hannah errötete, als das Mädchen ihren Blick bemerkte.

»Entschuldige«, murmelte sie, »es ist nur … Hast du schon immer in Sydney gewohnt?«

Die junge Frau nickte. »Mein Vater ist Kaufmann. Er importiert Stoffe aus London und Paris für die Exklusiven«, antwortete sie selbstbewusst.

Hannah sah sie fragend an. »Die Exklusiven?«

Das Mädchen schlug verlegen die Augen nieder.

»Ja, Madam. Exklusive. Vornehme wie Sie. Freie Siedler.« »Ich verstehe«, erwiderte Hannah. »Dann war dein Vater ein Sträfling?«

Die junge Frau nickte abermals. »Meine Mama auch. Dritte Flotte.«

»Dann bist du also ein Koloniemädchen«, stellte Hannah fest.

»Wir sagen lieber Einheimische«, entgegnete die junge Frau mit einer Spur Stolz in der Stimme.

»Ich dachte, Einheimische seien … Wilde.«

»Aber nein, Madam«, widersprach das Mädchen empört. »Wir sind im Land geboren. Unsere Eltern sind Emanzipisten. Die freien Siedler sind die Exklusiven. Und die Wilden nennt man Blackys, Murkys oder Boongs.«

Hannah war ein wenig verwirrt.

Das Mädchen führte sie in das Ankleidezimmer und zog ihr geschickt das Reisekostüm aus. Hannah schämte sich ein bisschen – das Mädchen war so hübsch und selbstbewusst und sie, Hannah, war nur ein Sträfling. Müsste nicht eigentlich sie die junge Frau bedienen?

»Sind Sie das erste Mal in Sydney, Madam?«, fragte das Mädchen und holte ein frisches Mieder hervor.

»Ja«, antwortete Hannah, »außer … bei meiner Ankunft.« »Ist es nicht eine wunderschöne Stadt, Madam?«

Hannah dachte an den Gestank auf dem Markt, an die Menschen in den Käfigen und an die schmuddeligen Kinder. Die junge Frau schnürte Hannahs Mieder fachmännisch zu und hielt dann das Unterkleid bereit.

»Ich glaube, es ist die schönste Stadt der Welt«, schwärmte sie, ohne Hannahs Zögern zu bemerken.

Hannah fand, Sydney war kaum als Stadt zu bezeichnen. In weniger als einer Stunde hätte sie von einem Ende zum anderen gehen können.

»Aber du warst doch noch nie woanders«, entgegnete sie.

»Das muss ich auch nicht, Madam.«

»Wieso? Willst du nicht irgendwann nach London?«

Das Mädchen zog eine Grimasse. »London, Madam? Bestimmt nicht. Mein Vater sagt, dass es dort immer dunkel und schmutzig ist und dass man nie die Sonne sieht.« Sie zeigte aus einem der Fenster zum Meer hinaus. Die Sonne ging hinter Sydney unter und tauchte die gelben Häuser in Gold und Rosa. Das Meer funkelte blau-weiß und verfärbte sich zum dunkler werdenden Horizont hin in ein tiefes Indigoblau. Graugrüne, von einer dichten Wildnis überwucherte Hügel erstreckten sich bis zum Wasser. Es war wirklich wunderschön. Hannah erinnerte sich an ihr Staunen, als die Derby Ram in den Hafen eingelaufen war. Vielleicht war Sydney wirklich die schönste Stadt der Welt. Sie seufzte und starrte weiter aus dem Fenster.

»Aber was kann man hier tun?«, fragte sie nach einer Weile und dachte an die ständige Langeweile, unter der sie litt. »In London gibt es ständig Feste, Picknicks und Bälle …« Sie unterbrach sich. Was redete sie da? Sie war nie auf einem Ball oder einem Fest gewesen. Sie hatte sich in London genauso gelangweilt, außer wenn sie Unterricht bei Thomas hatte.

Die junge Frau lachte. »Das gibt es hier ebenfalls. Und wir gehen auch reiten, jagen und fischen. Aber meistens sind wir am Strand.«

»Am Strand?« Hannah war nie in Brighton gewesen, aber sie hatte gehört, dass die Seeluft besonders gut für die Lunge sein sollte.

Das Mädchen seufzte und blickte verträumt in die Ferne. »Ich liebe den Strand«, sagte es. »Das Wasser ist oft sehr kalt, aber wenn man einmal drin ist, ist es herrlich.«

»Du schwimmst? In der Öffentlichkeit?«

Das Mädchen schaute sie beschämt und gleichzeitig herausfordernd an. »Sie als Exklusive machen so etwas natürlich nicht.«

Hannah errötete.

»Aber es gibt nichts Schöneres auf der Welt, Madam! Das Wasser ist so kühl und frisch und sprudelt wie Champagner. Man fühlt sich leicht wie eine Feder. Als ob man flöge.«

Hannah lächelte. Das klang wirklich schön.

»Und danach der sonnenwarme Sand. Einfach himmlisch.« Hannah hob ihre Arme hoch und das Mädchen streifte ihr das rosa Musselinkleid über den Kopf. Dann machte es flink die Knöpfe zu und bat Hannah an den Frisiertisch, um ihr die Haare zu machen.

Im Spiegel sah Hannah ihre verwuschelten kurzen Haare und sagte errötend: »Das ist in London zurzeit der letzte Schrei.«

Die Tür ging auf und James erschien.»Bist du fertig?«, fragte er, ohne das Mädchen auch nur eines Blickes zu würdigen. »Wir speisen mit den Gormans.«

»Mit wem?«, fragte Hannah nach.

Das Mädchen knickste und ging. Da James keine Anstalten machte, zur Seite zu treten, musste es sich an ihm vorbei durch die offene Tür quetschen. Er starrte ihr unverhohlen in den Ausschnitt.

»Die Gormans. Eine der besten Familien von Castle Hill.«

Hannah erhob sich widerstrebend von ihrem Frisiertisch. James kam und hakte sie unter. Er roch nach Whiskey und Zigarren.

In der Empfangshalle des Hotels begegnete ihnen ein untersetzter rothaariger Mann mittleren Alters.

»Guten Abend, Leutnant«, begrüßte er James.

»Dr. Redfern«, erwiderte dieser, »darf ich Ihnen Hannah vorstellen? Ich habe Ihnen von ihr erzählt.«

Der Mann verbeugte sich. »Sehr erfreut, Sie kennenzulernen«, sagte er.

»Dr. Redfern ist stellvertretender Koloniearzt«, erklärte James. »Er hat Anfang des Jahres den ersten Sohn von Gouverneur Macquarie entbunden.«

Hannah knickste ein wenig steif und dachte an ihre letzte Begegnung mit einem Arzt. Eine verlegene Pause trat ein und Dr. Redfern sah fragend zu James.

»Ach«, sagte dieser und klopfte mit einer übertriebenen Geste auf seine Rocktaschen, »ich glaube, ich habe meine Schnupftabakdose oben gelassen.«

Der Doktor lächelte. »Ich werde mich um sie kümmern, bis Sie wieder da sind.«

James nickte und ging.

»Der Leutnant hat mir erzählt, dass Sie krank waren«, sagte Dr. Redfern.

»Nein«, erwiderte Hannah, »ich bin nicht krank.«

Dr. Redfern nickte verständnisvoll. »Dies hier ist ein raues Land. Es ist nicht einfach für zarte Frauen, hier zu gedeihen.«

Hannah versuchte zu lächeln. Sie dachte an das Dienstmädchen vom Hotel. Sie schien hier allerdings sehr gut zu gedeihen.

»Sie wissen, dass es Leutnant Belfortes größter Wunsch ist, Sie glücklich zu machen«, fuhr Dr. Redfern fort. »Und er möchte unbedingt, dass Sie ihm einen Sohn schenken.« Hannah wurde plötzlich schwindelig.

»Ach«, stieß sie hervor, »darum geht es also.«

»Wie alt sind Sie?«, fragte der Doktor.

»Fünfzehn«, antwortete Hannah.

»Ein bisschen jung zum Kinderkriegen«, meinte der Doktor, »aber so etwas passiert schneller, als man denkt.«

»Nicht, wenn ich es verhindern kann«, sagte Hannah bissig. Dr. Redfern betrachtete sie mit zur Seite geneigtem Kopf. »Sie sind hier nicht glücklich«, stellte er fest.

Hannah zuckte gleichgültig die Achseln. »Nein, aber ich weiß auch nicht, ob ich irgendwo anders glücklich sein könnte.«

»Sie lieben Leutnant Belforte nicht.« Das war keine Frage.

»Nein, niemals«, erwiderte Hannah.

»Warum sind Sie dann bei ihm?«

Hannah lächelte bitter. »Ich glaube nicht, dass mir etwas anderes übrig bleibt.«

»Sie hätten Ihre Strafe absitzen und nach London zurückgehen können«, entgegnete Dr. Redfern.

»Was soll ich dort?«, fragte Hannah. »Ich habe keine Familie mehr. Keine Freunde. Gar nichts.«

Dr. Redfern biss sich auf die Lippe. »Haben Sie mit Leutnant Belforte darüber gesprochen?«

»Das bringt nichts. Außerdem interessiert er sich nicht für die Probleme eines Sträflings.«

»Ich verstehe«, murmelte Dr. Redfern und kräuselte besorgt die Stirn.

»Es tut mit leid, dass ich Ihre Zeit gestohlen habe«, entschuldigte Hannah sich, »aber ich glaube, ich bin ein hoffnungsloser Fall.«

Der Doktor zögerte, dann griff er in seine Tasche und zog ein rechteckiges Stück Papier heraus.

»Hier ist meine Karte mit meiner Adresse«, sagte er. »Falls Sie mal etwas brauchen. Irgendetwas. Vielleicht auch nur ein Gespräch.«

Hannah nahm sie skeptisch entgegen.

Dr. Redfern überlegte einen Augenblick, schließlich sagte er: »Sie wissen sicherlich, dass ich auch ein Sträfling bin?« Hannah schaute überrascht auf. »Sie?«

»Ja«, antwortete er, »zumindest war ich einer.«

Hannah starrte ihn an. Er wirkte so vornehm. Und er war in der Kolonie hoch angesehen.

Dann kam James zurück. Hannah fragte sich, ob er wusste, dass Dr. Redfern ein ehemaliger Sträfling war.

Der Speisesaal war mit dunklen Mahagonimöbeln ausgestattet. An den Wänden brannten Öllampen und auf den Tischen Kerzen. Die Gormans hatten bereits Platz genommen. Mr Gorman war ein dünner, grauhaariger Mann mit einem Monokel. Er hatte eine altmodische, maßgeschneiderte Jacke und Kniehosen an. Mrs Gorman war eine aufdringliche Frau in einem grellorangefarbenen Taftkleid und mit einem dazu passenden ausladenden Turban. Hannah fand beide auf den ersten Blick unsympathisch. Als sie an den Tisch traten, verbeugte sich James.

»Mr und Mrs Gorman, darf ich Ihnen Hannah, meine Frau, vorstellen?«

Hannah erstarrte und sah James überrascht an. Seine Frau?

»Benimm dich gefälligst«, murmelte er und schob sie nach vorn, damit sie Mrs Gorman die Hand geben konnte. »Guten Tag, Mrs Belforte«, begrüßte Mrs Gorman sie. Ihre Hand fühlte sich feucht an und erinnerte Hannah an Mr Harris in London. Sie lächelte hölzern und ihr Kiefer verkrampfte sich. Dann nahmen sie Platz.

Das Essen zog sich endlos in die Länge. Mrs Gorman trank viel und redete pausenlos von der neuesten Mode in London und dass es in der Kolonie einfach keine guten Dienstboten gebe. Ein paar Mal versuchte Hannah das Gespräch auf Literatur oder Kunst zu bringen, aber Mrs Gorman ging nicht darauf ein.

Nichts, was Hannah tat oder sagte, war richtig. Als erster Gang wurde getrockneter Dorsch serviert und sie äußerte ihre Verwunderung darüber, dass es in der Kolonie so wenig frischen Fisch gab.

»Wir sind von Wasser förmlich umgeben«, sagte sie. »Und doch habe ich seit meiner Ankunft nur getrockneten Hering und geräucherten Lachs bekommen!«

Die Gormans wechselten einen Blick und Hannah sah zu James, der missbilligend seine Lippen spitzte.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte sie.

James versuchte zu lächeln, aber das Lächeln war so gezwungen, dass es wie eine Grimasse aussah.

»Meine Liebe«, erklärte er, »nur die Sträflinge hier essen einheimischen Fisch. Wir wollen uns ihnen doch nicht gleichmachen?«

Mr Gorman räusperte sich. »Es geht nichts über guten englischen Fisch, sage ich immer. Es gibt nichts Vergleichbares.«

»In der Tat«, flötete Mrs Gorman.

Hannah blickte sie zornig an. Sie sah aus wie ein dickes rosa Schwein in einem orangefarbenen Kleid. Eine peinliche Pause entstand.

»Haben Sie gehört, wie der Straßenbau durch das Gebirge vorangeht?«, fragte Mr Gorman.

James zuckte die Achseln.

»Alles verläuft planmäßig. Gouverneur Macquarie rechnet bis Mitte nächsten Jahres mit der Fertigstellung.«

»Was für eine schreckliche Vorstellung, durch dieses Gebirge reisen zu müssen«, verkündete Mrs Gorman. »Überall Murkys und wilde Tiere.«

»Unsinn, Mary«, entgegnete Mr Gorman. »Diese Straße wird völlig sicher sein.«

Mrs Gorman schüttelte den Kopf und winkte dem Kellner, damit er ihr nachschenke.

»Aber nein, mein Schatz«, tönte sie, »hast du nicht von diesem wilden Mann gehört?«

Mr Gorman schnaubte verächtlich.

»Da ist bestimmt nichts dran«, sagte James mit einem seltsamen Blick auf Hannah.

»Doch, doch!«, widersprach Mrs Gorman. »Es heißt, dieser Offizier habe sich in den Bergen versteckt und lebe wie ein Murky. Sie wissen schon, der Mann, der diesen Mord …«

»Mrs Gorman, wie schmeckt Ihnen der Lammbraten?«, unterbrach sie James. Sein Gesicht war zu einer wütenden Grimasse verzerrt.

Hannah starrte ihn an. Hatte Mrs Gorman etwa gerade von Thomas gesprochen? Ihr Herz raste.

Mrs Gorman hatte James’ rüden Ton nicht bemerkt und beklagte sich jetzt, dass richtiger Senf fehle.

»Ich glaube Ihnen«, sagte Hannah plötzlich. Alle drehten sich zu ihr. James’ Gesicht war dunkelrot vor Zorn.

»Ich glaube Ihnen, Mrs Gorman«, wiederholte Hannah.

»Diese Geschichte von dem wilden Mann in den Bergen. Erzählen Sie mir mehr davon.«

»Das schickt sich nicht, Hannah«, ermahnte sie James.

»Ach, seien Sie doch nicht so fad, Leutnant«, entgegnete Mrs Gorman und sah dann zu Hannah. »Es heißt, er hätte sich in eine Sträflingsfrau verliebt und einen Vorgesetzten ermordet, der die beiden erwischt hat … stellen Sie sich nur vor.«

»Das reicht«, blaffte James.

»Ich finde, das ist eine so romantische Geschichte«, seufzte Mrs Gorman.

»Ich sagte, das reicht«, wiederholte James. »Mrs Gorman, eine ehrbare Frau wie Sie sollte nicht auf das Geschwätz des Pöbels hören.«

Mrs Gorman schaute ihn erschrocken an und klappte den Mund zu. Mr Gorman machte sich an einer Schüssel mit grünen Bohnen zu schaffen. James wandte sich wieder an Hannah.

»Dieser Offizier wurde für sein Vergehen aufgehängt«, erklärte er. »Nur die Sträflinge behaupten etwas anderes, aber wer würde ihnen schon glauben?«

Hannah schluckte. Log er sie schon wieder an? Lebte Thomas womöglich?

»Vielleicht sollte ich es dann glauben«, sagte sie langsam, »immerhin bin ich ein Sträfling.« Sie schaute Mr und Mrs Gorman an. Mrs Gormans Mund stand vor Erstaunen offen.

»Hat mein Mann das nicht erwähnt?«, fragte Hannah und tat überrascht. »Ach herrje.«

James schwieg, aber Hannah sah, dass sein Gesicht fleckig rot war und an seinem Hals dicke Adern hervortraten. Ein Kellner erschien und deckte den zweiten Gang ab. Schalen mit Obst und Zuckerwerk wurden gebracht. Niemand sagte etwas. Hannah erhob sich und warf ihre Serviette auf den Tisch.

»Leider habe ich Kopfschmerzen«, verkündete sie. »Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden.«

James kam erst spät in der Nacht in die Suite zurück. Hannah saß am Fenster und blickte auf die wenigen gelben Lichter von Sydney und in die unendliche Schwärze, die die Stadt umgab. Am Himmel funkelten Sterne, aber der Große Bär war immer noch nicht zu sehen. James schloss die Tür hinter sich und schaute Hannah mit glasigen Augen an.

»Du wirst lernen mich zu respektieren«, sagte er mit lallender Stimme. Er schwankte unsicher.

»Wieso sollte ich«, entgegnete Hannah. »Ich bin doch nur ein dreckiger, primitiver Sträfling. Und außerdem sind wir nicht verheiratet.«

»Doch, du bist meine Frau«, erwiderte James.

Eine Welle der Verbitterung erfasste Hannah. »Ach ja? Tut mir leid, aber ich kann mich nicht an unseren Hochzeitstag erinnern. Hatte ich ein schönes Brautkleid an? Wer hat unsere Ehe geschlossen? Hat mein Vater mich zum Altar geführt?«

»Hier funktioniert das anders«, sagte James.

»So anders auch nicht«, entgegnete Hannah. »Ich würde niemals einwilligen deine Frau zu werden.«

James lachte schallend. »Was meinst du, was du getan hast, als du in der Fabrik mein Taschentuch aufgehoben hast?«

Hannah starrte ihn wie vom Donner gerührt an.

Er seufzte. »Ich habe es satt, mit dir zu streiten, Hannah. Ich möchte nur, dass du glücklich wirst.«

Hannah runzelte die Stirn. »Nein, das möchtest du nicht. Du möchtest, dass ich deinem Bild von einer perfekten Ehefrau entspreche. Dir ist es egal, wie es mir geht. Ich bin nur eine deiner Anschaffungen, wie ein neues Pferd oder ein Paar Manschettenknöpfe. Deine Eintrittskarte in die feine Gesellschaft.«

Mit einem heftigen Ruck riss sich James die Krawatte vom Hals. »Ich bin sehr geduldig mit dir gewesen, Hannah«, fuhr er sie an. Seine Lippen waren zu einem dünnen Strich verzogen. »Aber langsam ist meine Geduld am Ende. Du hast mich heute Abend gedemütigt. Mr und Mrs Gorman sind nette Leute.«

Hannah kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf.

»Sie verkörpern alles, was ich hasse«, sagte sie. »Sie sind oberflächlich, herzlos und selbstsüchtig. Du findest Sträflinge vulgär? Die Gormans sind ein Musterbeispiel für Vulgarität.«

»Die Gormans sind Leute von Stand«, widersprach James. »Wenn von Stand bedeutet, so zu sein wie sie, dann bin ich froh, dass ich ein Sträfling bin.«

James trat auf sie zu und packte sie am Handgelenk.

»Du bist kein Sträfling, Hannah«, presste er hervor, die Lippen waren weiß vor Zorn. »Du hast kein Verbrechen begangen. Du bist eine junge Dame von Stand, also benimm dich gefälligst auch so.«

»Ich habe nichts gestohlen«, bestätigte Hannah, »aber ich habe zugelassen, dass mein Vater ein Dienstmädchen entlassen hat, weil es beim Servieren mit der Tasse geklappert hat. Ich war gegenüber dem einzigen Mann, der mich jemals aufrichtig geliebt hat, verletzend und grausam. Und ich habe Dr. Ullathorne getötet.« Sie atmete laut ein und aus. »Ich habe sehr wohl Verbrechen begangen und ich bin gern bereit, die Strafe dafür zu zahlen.«

»Was für eine Strafe?«, fragte James mit erhobener Stimme. »Du hast doch alles. Du hast hübsche Kleider und ein großes Haus mit vielen Dienern. Du hast einen gut aussehenden Ehemann. Du hast Geld. Was für eine Strafe?« »Dich«, sagte Hannah, »dass ich den Rest meines Lebens mit dir verbringen muss, ist meine Strafe.«

Er schlug hart zu. Hannah taumelte nach hinten und stieß gegen die Anrichte. Sie fasste sich an die Wange und wimmerte vor Schmerz.

»So also, glaubst du, dass sich Männer von Stand benehmen?«, fragte sie leise.

James verließ früh am nächsten Morgen das Zimmer, wies Hannah aber noch an im Hotel zu bleiben. Sie kleidete sich langsam an und ging in den Frühstücksraum hinunter.

Dr. Redfern saß allein an einem Tisch, las die Zeitung und trank Tee mit Zitrone.

»Mrs Belforte«, begrüßte er sie lächelnd. Sein Blick flatterte über die dunkelblaue Schwellung auf Hannahs Wange, aber er sagte nichts. »Was kann ich für Sie tun?« Hannah schluckte nervös. »Doktor«, stammelte sie, »haben Sie … wissen Sie etwas über einen Mann namens Thomas Behr?«

Dr. Redfern sah sie bestürzt an. »Meinen Sie Fähnrich Behr?« Er schüttelte den Kopf. »Mrs Belforte, am besten, Sie machen sich keine Gedanken über ihn. Das war eine schlimme Geschichte. Sehr schlimm.«

»Sie kennen ihn?« Tränen liefen ihr über die Wangen.

»Bitte. Ich muss wissen, was passiert ist. Ist er wirklich tot?«

Dr. Redfern seufzte.

»An diesem Ort kann selbst der Beste unter uns den Mut verlieren«, sagte er, stand auf und faltete seine Zeitung zusammen. »Sie sollten Behr vergessen.«