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Im Schloss war die Tafel für ein großes Festmahl gedeckt und am Kopf der Tafel saß ein Prinz, der war unvorstellbar schön. Scatterheart nahm Platz und begann zu essen, aber die Speisen schmeckten nach Asche und die Zunge des Prinzen züngelte aus seinem Mund wie bei einer Schlange. Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Ihr seid nicht mein weißer Bär«, sagte es und verließ das Schloss.

Hannah erwachte und spürte das vertraute Auf und Ab des Schiffs auf den Wellen. Ihre Finger waren um Thomas’ Taschentuch geschlungen. Oben an Deck beugten sich Männer wie Frauen über die Reling und ließen sich den Wind um die Nase wehen. Die Segel waren straff gespannt und die Derby Ram schnitt wie ein Messer durch das warme Meerwasser. Es war immer noch heiß, aber der Wind hatte die erdrückende Hitze, die während der Flaute geherrscht hatte, verscheucht und alle waren zum Feiern aufgelegt. Tam Chaunter holte seine Fidel hervor und Hopping Giles begann ein Liedchen zu singen.

Seemann, lass das Träumen, denke nicht an mich.
Seemann, denn die Fremde wartet schon auf dich
.

Die übrigen Matrosen stimmten in den Refrain ein.

Deine Heimat ist das Meer,
deine Freunde sind die Sterne,
deine Liebe ist dein Schiff,
deine Sehnsucht ist die Ferne
.

Hannah schlängelte sich durch das Gewühl von Sträflingen, Matrosen und Offizieren und suchte Molly. Als sie hinter dem dicken Großmast nachschauen wollte, stand plötzlich James vor ihr.

»Suchen Sie mich?«, fragte er lächelnd.

Hannah öffnete den Mund, brachte aber kein Wort hervor. Sie dachte an den weißen Bären und an Thomas’ Taschentuch.

James nahm ihre Hand und führte sie zur Reling. Die Matrosen hatten Angelschnüre ins Wasser geworfen und zogen silbrige Thunfische aus dem Meer. Zum Abendessen würde es frischen Fisch geben.

»Ich habe gute Neuigkeiten«, begann James. »Ich habe Captain Gartside überreden können, dass ich in New South Wales bleiben darf. Dort werden noch Offiziere für die Verwaltung der größer werdenden Kolonie und die Organisation der Sträflingsarbeit benötigt. Ich werde ein schönes Haus für uns kaufen und Sie können hübsche Kleider tragen. Nach ein paar Jahren können wir einen Antrag auf Strafverkürzung stellen und nach London zurückkehren.«

Hannah schluckte. Einer der Matrosen hievte einen zappelnden Fisch an Deck, der wild um sich schlug und die hölzernen Planken peitschte. Der Matrose versuchte ihn festzuhalten, aber er entglitt ihm immer wieder. Die Sonne spiegelte sich in seinen Schuppen. Endlich fing der Matrose den Fisch ein und schlug seinen Kopf gegen die Wandung. Der Fisch zuckte, dann rührte er sich nicht mehr.

»Ich kann nicht«, sagte Hannah, ohne James anzusehen. Der Matrose zückte ein Messer und schlitzte den Bauch des Fisches auf. Rotes Blut und grauviolettes Gedärm ergossen sich auf das Deck.

»Keine Sorge, mein Schatz«, sagte James. Er schlang einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. »Wenn du willst, dass wir heiraten, dann heiraten wir. Und wir überlegen uns etwas, das wir den Leuten erzählen, wenn wir nach London zurückkehren.«

»Nein«, sagte Hannah und machte sich von ihm los.

Seine blauen Augen schauten sie halb lächelnd, halb fragend an.

Hannah schüttelte den Kopf. »Ich liebe Sie nicht, James.« »Wie meinst du das?« James sah aufrichtig verwirrt aus.

Hannah blickte auf das Wasser hinunter, ohne zu antworten.

James schwieg einen Augenblick. Hannah spürte, dass er tief verletzt war. Er liebte sie also wirklich.

»Es tut mir leid«, flüsterte sie.

»Leid?«, stieß James barsch hervor. »Du solltest dankbar sein. Du hast wohl vergessen, dass du eine Verbrecherin bist. Ein Sträfling.«

Hannah biss sich auf die Lippe. Wofür sollte sie dankbar sein?

James umklammerte die Reling. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor.

Hannah wand sich verlegen.

»Es tut mir leid, wenn Sie geglaubt haben, dass … jedenfalls ist es nicht wahr.«

James lachte bitter. »Du bist keinen Deut besser als diese dreckige Schlampe, die du so gemocht hast. Vielleicht solltest du besser auch tot sein.«

Hannah erstarrte.

»Sprechen Sie nicht so über Meg!«

»Wie nicht? Schlampe? Luder? Hure? Ihr seid doch alle gleich, ihr Flittchen. Zuerst macht ihr euch über einen Mann her, macht ihm schöne Augen und tänzelt um ihn herum. Und dann saugt ihr ihn aus, saugt ihm das Mark aus den Knochen. Und wenn von ihm nur noch alte, ausgelaugte Gebeine übrig sind, dann spuckt ihr ihn aus und geht zum Nächsten. Ich weiß genau, wie ihr seid.«

Die Matrosen und die Frauen, die in der Nähe arbeiteten, taten, als bemerkten sie nichts, aber Hannah wusste, dass sie genau zuhörten.

»Ich möchte dieses Gespräch nicht fortsetzen«, sagte Hannah steif. »Ich muss jetzt Molly suchen.«

»Natürlich«, stöhnte James. »Typisch, dass du dich zu so einem gottlosen Geschöpf hingezogen fühlst. Diesem Tier, das nie von der Hand des Herrn berührt worden ist. Mich willst du nicht. Ich bin zu sauber. Zu vornehm. Du willst diese Missgeburt, die dazu verflucht ist, in den dunkelsten, widerwärtigsten Ecken dieser Welt herumzukriechen.« Er packte Hannah an den Handgelenken, zog sie zu sich heran und stieß ihr seinen Atem ins Gesicht. »Willst du dein Leben lieber mit so einem elenden Ungeheuer verbringen als mit mir?«

Hannah versuchte sich zu befreien, aber James hielt sie fest. Sie blickte ihn kalt an und sagte, ohne mit der Wimper zu zucken: »Ich würde lieber eine Ewigkeit in Mollys Gesellschaft verbringen als noch eine Sekunde in der Ihren.«

James ließ ein Handgelenk los und trat einen Schritt zurück. Hannah entzog ihm auch ihre andere Hand und wandte sich zum Gehen. Da schlug James zu. Ein Blitz explodierte in ihrem Kopf und sie stürzte auf das Deck. Ihre Stirn krachte auf die hölzernen Planken und ihre Hände knickten schmerzhaft um. James beugte sich über sie, packte sie an den Haaren und riss sie wieder hoch. Hannah wurde schwindelig und übel. Ihr Kopf dröhnte und ihr rechtes Auge tat weh.

James kam ganz dicht an sie heran.

»Wenn es das ist, was du willst, bitte sehr«, zischte er. »Damit kommst du nicht durch, das sage ich dir. Wenn du dich wie ein Tier aufführst, dann sollst du auch wie ein Tier behandelt werden.«

Er zerrte sie die Treppe hinunter zu einem kleinen vergitterten Gehäuse im Laderaum. Der Bau. Er stieß sie hinein und verriegelte die Tür.

»Hier kannst du von mir aus bleiben, bis du verschimmelst.« Er spuckte aus und ging.

Hannah ließ sich erschöpft auf den strohbedeckten Boden fallen. Der Käfig stank nach Stallmist. Sie dachte daran, wie viele Tage Meg hier hatte verbringen müssen, und schloss die Augen, um die Erinnerungen an sie wachzurufen. Aber es gelang ihr nicht.

Es war ihre Schuld. Hätte sie nur gleich auf Molly gehört. Hätte sie Meg nur nicht mit Dr. Ullathorne allein gelassen. Hätte sie nur nicht James um Hilfe gerufen. Hätte sie ihm nur nicht vertraut, als er gesagt hatte, dass es Meg gut ginge.

Long Meg war tot und sie, Hannah, war schuld daran.