Scatterheart führte die blaue Eisfrucht an ihre Lippen, aber die Frucht wurde weich und begann zu schmelzen. Erschrocken sah Scatterheart, dass auch die Eispflanzen zu schmelzen begannen. Sie tropften und knisterten und die Mauern des weißen Gartens fielen in sich zusammen. Plötzlich stand der weiße Bär vor dem Mädchen. »Was hast du getan?«, schrie er.
John Higgins verließ den Zeugenstand und ging hinaus. Hannah starrte auf den weißen Gipslöwen über dem Thron des Oberbürgermeisters. Wirklich, er bewegte sich. Er schlug mit seinem Schweif hin und her und knurrte das Einhorn an, das hinter der Krone Deckung genommen hatte.
Der Gerichtsdiener gab Hannah einen Stoß. Die Berührung durchzuckte sie wie tausend Nadelstiche und sie schrie vor Schmerz auf. Das Licht brannte in ihren Augen. Der Wachtmeister, der sie auf dem Frostmarkt festgenommen hatte, legte ihre Saphirohrringe auf das Richterpult. Sie wurden vom Oberbürgermeister und den Geschworenen eingehend gemustert und dann an Samuel Smith weitergereicht. Dieser ließ sie in seine Westentasche gleiten.
»Können Sie etwas zu Ihrer Verteidigung anführen?«, fragte der Gerichtsdiener.
Das Rundtheater bestand lediglich aus einer zum Sternenhimmel offenen Manege, die von einer sieben Fuß hohen Bretterwand umgeben war. Oberhalb der Wand waren Holzbänke, von wo aus die Zuschauer in die Manege hineinschauen konnten. An der Seite war eine kleine Tür eingelassen.
Hannah quetschte sich auf eine der Bänke. Neben ihr saßen zwei Männer, die nach Bier stanken, und eine übertrieben geschminkte Frau.
Fackellichter zuckten und warfen seltsame Schatten auf die Bretterwand und in die Manege.
Dann trat einer der Kartenverkäufer vor.
»Sehr verehrte Damen und Herren«, rief er. Seine Stimme dröhnte durch das Theater. »Heute Abend präsentieren wir Ihnen eine Sensation, wie sie London noch nie gesehen hat. Eine riesengroße Kreatur, ein schreckliches Ungeheuer, böse und mörderisch. Ein Eisbär vom Nordpol, der grausamste und gefährlichste Bär, den es gibt. Erleben Sie heute Abend dieses Ungeheuer im Kampf gegen die besten Kampfhunde Londons.«
Die Menge klatschte und stampfte mit den Füßen.
Hannah rührte sich nicht. Ihr war eiskalt.
Der Mann kletterte aus der Manege und läutete mit einer Messingglocke, die in der Nähe der Zuschauerbänke hing. Die Tür ging auf.
»Du darfst überall hingehen und alles tun, was du willst«, sagte der Bär. »Aber öffne niemals diese kleine Tür.«
Stille trat ein. Die Menschen warteten. Eine Frau lachte hysterisch auf und wurde zischend zum Schweigen gebracht. Die hölzernen Wände knarrten.
Plötzlich durchschnitt ein Laut die Stille, der die Frauen aufkreischen ließ. Ein heiserer Schrei, wie Hannah ihn noch nie gehört hatte. Ein mächtiges, gewaltiges Brüllen, voller Schmerz und Wut.
Dann kam das Tier durch die Tür in die Manege.
Es bewegte sich langsam und setzte zögernd eine Tatze vor die andere. Schnüffelnd zog es die Luft ein und stieß ein kehliges Knurren aus.
Der Bär war nicht so groß, wie Hannah vermutet hatte. Zwar größer als ein Schaf, aber kleiner als eine Kuh. Er war mager und sein Fell hing in großen Lappen von seinen ausgemergelten Schultern und seinem langen, nach unten geneigten Hals. Er hatte nichts mit Hannahs Vorstellung von dem weißen Bären aus dem Märchen gemeinsam. Sein Fell war stumpf und verfilzt, die Farbe eher ein schmutziges Gelb als das reine Schneeweiß, das sie sich ausgemalt hatte. Aufgeregt und angsterfüllt warf er seinen Kopf hin und her.
Hannah wurde übel. Dort, wo seine Augen gewesen waren, zeigten sich zerklüftete, tränende offene Wunden. Die Augen waren ausgebrannt worden und er tappte blind umher.
Der Bär drückte sich an die Bretterwand. Die Zuschauer grölten und bewarfen ihn mit Flaschen und Essensabfällen. Er schrie wieder, ein tiefes rasendes Brüllen.
Ein schriller Pfiff ertönte, worauf zwei Hunde in die Manege gelassen wurden. Es waren große Hunde – fast so groß wie der Bär. Der eine war grau gefleckt und hatte eine spitze Schnauze, der andere war schwarz mit einer braunen Schnauze. Mit schäumenden Lefzen stürzten sie sich auf den Bären und schlugen ihm die Zähne in die Seite. Blut spritzte auf das Eis und die Menge jubelte. Der Bär drehte sich blitzartig um, so schnell, wie Hannah es nicht für möglich gehalten hätte, und holte mit seinen großen scharfen Krallen aus. Der schwarze Hund wurde gegen die Bretterwand geschleudert. Er jaulte, stand aber gleich wieder auf den Beinen. Fellfetzen flogen durch die Luft. Hannah saß regungslos da. Der Bär tastete brüllend nach seinen Angreifern.
Der gefleckte Hund schoss auf ihn zu und verbiss sich in seine Flanke. Mit einem gewaltigen Brüllen wirbelte der Bär herum. Er packte den grauen Hund mit den Zähnen und zermalmte ihn knurrend. Knochen knirschten und splitterten. Der schlaffe Körper des Hundes fiel auf den Boden. Der Bär richtete sich auf und brüllte wieder. Das gelbliche Fell um sein Maul war rot verfärbt.
Er schüttelte den Kopf. Blut und Geifer spritzten über die erregten Zuschauer. Hannah spürte die feuchte Wärme auf ihrer Wange und musste schlucken, um sich nicht zu übergeben.
Der Bär hatte den Kopf noch erhoben, da sprang der schwarze Hund ihn an und schlug in seine Kehle. Das ganze Theater erbebte von dem wilden und schrecklichen Schrei, den der Bär ausstieß.
Hannah hielt es nicht mehr aus. Sie sah zu den Sternen hinauf, aber sie waren verschwunden. Schwarze Wolken rasten schäumend über den Himmel, Nebelschwaden waberten über den zugefrorenen Fluss bis in das Theater hinein und verschluckten die Zuschauer und das Gemetzel in der Manege. Ein panisches Durcheinander brach aus, die Menschen sprangen auf und stürzten aus dem Theater.
Hannah hatte noch nie einen so dichten Nebel erlebt. Es war nicht der typische widerliche grünlich gelbe Dunst, der sonst über der Stadt hing. Dieser Nebel war pechschwarz und nahm ihr fast den Atem.
Das Jaulen des Bärs verstummte. Hannah drängte sich mit den anderen hinaus, fort von der erstickenden Dunkelheit und dem süßlichen Blutgeruch. Sie spürte die harte, rutschige Eisfläche unter ihren Füßen und merkte, dass sie aus dem Theater entkommen war. Um sie herum war es so dunkel, dass sie nicht einmal ihre Hand vor Augen sehen konnte. Sie wollte losrennen, rutschte aber aus und fiel hin.
Ein lautes Dröhnen war zu hören, das Eis unter ihr schwankte. Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall und die Leute um sie herum kreischten.
Die Fackeln des Frostmarkts waren nur noch winzige matte Pünktchen, als wären sie sehr weit entfernt.
Hannah spürte, wie sich das Eis unter ihr bewegte, wie es vibrierte und sich verschob. Eines der fernen Lichter kam auf sie zu und wurde größer und heller. Sie streckte den Arm danach aus und eine große, starke Hand packte sie. Die Laterne kam noch näher, so nah, dass ihre Augen schmerzten und sie die Hitze an der Wange spürte. Sie blickte in zwei Gesichter, die auf sie hinabsahen.
Das eine Gesicht trug eine Polizistenmütze. Das andere hatte einen rötlichen Schnauzbart.
»Das sind aber hübsche Ohrringe«, sagte der Polizist.
»Und das ist das Ende Ihrer Karriere, Frollein.«
Hannah sah mit angstvoll aufgerissenen Augen zu ihm hoch. Sie wurde grob auf die Füße gestellt und fortgezerrt. Hinter ihnen barst das Eis.
Hannah machte den Mund auf, um ihre Rede zu halten. »Hohes Gericht«, begann sie heiser und wurde gleich darauf von einem Hustenanfall geschüttelt. Ihre Augen tränten und von ihrer Stirn strömte der Schweiß. Ihre Hände fühlten sich feucht und glitschig an. Thomas’ Taschentuch war völlig durchnässt.
Der weiße Gipslöwe holte mit der Pranke aus und schlitzte dem Einhorn die Kehle auf. Blut spritzte, floss an der Wand hinunter über das riesige Schwert und tropfte auf den Oberbürgermeister.
Hannah zitterte unkontrolliert.
Der Löwe wandte sich zu ihr um und zeigte ihr knurrend seine spitzen weißen Zähne. Er kletterte an der Wand herab und bewegte sich langsam auf sie zu. Anmutig tänzelte er über die Tische und Stühle der Geschworenen und Gerichtsbeamten.
»Hannah Cheshire, können Sie etwas zu Ihrer Verteidigung anführen?«, wiederholte der Gerichtsdiener.
Der Löwe kam näher. Seine Augen brannten wie Feuer. Die Zuschauer auf der Empore flüsterten und kicherten. Auf einmal kauerte sich der Löwe zusammen und setzte zum Sprung an.
»Nein«, flüsterte Hannah und hob die Arme, um sich zu schützen. Das Taschentuch fiel ihr aus der Hand.
Alles drehte sich um sie. Sie sank in sich zusammen und fror und glühte zur selben Zeit. Die Feuchtigkeit auf dem Boden tränkte ihren Rock. Die Geschworenen erhoben sich, um ihr Urteil zu verkünden. Sie sprachen laut, aber Hannah konnte nichts verstehen, weil es im Brüllen des Löwen unterging.
Wie von fern hörte sie die Stimme des Oberbürgermeisters: »Es wird daher gerichtlich angeordnet, dass Sie nach Übersee deportiert und für sieben Jahre an einen Ort verbracht werden, den der Geheime Rat Ihrer Majestät für geeignet erachtet.«
Hannah nahm alles nur noch verschwommen wahr. Sie fragte sich, von wem die Rede war. Doch dann sprang der Löwe sie an. Sie konnte gerade noch Thomas’ Taschentuch retten, danach wurde es dunkel um sie herum.