15. Erzwungene Nähe
Lea musste sich zwingen, nicht an dem Faden herumzuzupfen, der vom Saum ihres Parkas abstand und sie magisch anzog wie der heilige Gral einen Kreuzritter.Tapfer biss sie die Zähne zusammen. Bestimmt ließ sich der Faden mit einem entschlossenen Griff herausreißen ... Untersteh dich, bläute sie sich ein. Heute wird keine Schwäche vor dem Feind gezeigt, egal wie viel Anstrengung es auch kosten mag. Sie war die Selbstbeherrschung in Person, nüchtern und klar. Sie musste nur noch ihre Augen unter Kontrolle bringen, die im Sekundentakt von diesem verdammten Faden zur Tür hinüberflitzten, durch die hoffentlich gleich Adam treten würde.
Nicht, dass Lea ihn sehnsüchtig erwartete. Schließlich nahm sie ihm immer noch die Szene übel, die er ihr wegen der Dessous gemacht hatte. Und noch übler nahm sie ihm, dass er ihre Wut so amüsant gefunden hatte. Der Brief hatte zwar eine besänftigende Wirkung gehabt, aber die hatte sich mit jedem weiteren Tag des Wartens verflüchtigt. Dabei beabsichtigte sie keinesfalls, Adam ihre verletzten Gefühle zu offenbaren. Der Schlachtplan sah vor, ihm die kalte Schulter zu zeigen, bis er um Gnade bettelte. Allerdings hatte sich Lea ihre Wiedervereinigung anderes vorgestellt: Anstatt sie mit Leidenschaft im Blick und den Arm voller Rosen zu begrüßen, ließ Adam sie schon seit geraumer Zeit schmoren.
Megan hatte sie auf dem Weg zum Wochenmarkt abgefangen und zu Pis Villa kutschiert. Kommentarlos hatte sie Lea in diese Art Empfangssaal im vorderen Bereich des Würfelhauses geführt und mit dem Kopf auf das mit dunkelgrauem Wildleder bezogene Sofa gedeutet, ehe sie sich vors Fenster gestellt hatte.
Seitdem vermied Lea es, Megan nach ihrem Auftrag zu befragen. Denn mittlerweile waren die beiden Frauen dazu übergegangen, sich gegenseitig anzuschweigen. Lea hatte nicht vor, als Erste nachzugeben, nur weil die Ungeduld sie quälte. Megan und sie hatten sich beide von Anfang an nicht ausstehen können. Außerdem hatten sie einander im Laufe der Zeit ein paar ordentliche Schläge unterhalb der Gürtellinie verpasst - daraus würde keine Freundschaft mehr werden.
Megan hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und blickte in den Garten, der von der anbrechenden Dämmerung in ein mildes Licht getaucht wurde. Lea nutzte die Gelegenheit und inspizierte Megans Frisur: Das hochgesteckte Haar konnte einen schier in die Verzweiflung treiben, wie es sich so geschmeidig um den Kopf legte. Nicht ein widerspenstiges Härchen stand ab. Lea hatte sich einige kurzerhand nach ihrem Geheimnis zu fragen. Aber dann stockte sie, das Kompliment kam nicht über ihre Lippen. Kein Geplauder mit Adams bösartigem Schoßhund, der wahrscheinlich nur beißen würde, ermahnte sie sich und richtete den Blick wieder auf den lästigen Faden an ihrem Parka.
Unabwendbar kehrten ihre Gedanken zu dem Thema zurück, das sie bei Tag und Nacht beschäftigte: Adam. Während sie versuchte, die wachsende Aufregung zu unterdrücken, umschlossen ihre Finger unwillkürlich den lästigen Faden.Trotz eifrigen Zupfens gab der nicht nach.
Lea seufzte frustriert. Es gelang ihr einfach nicht, still zu sitzen und Megan mit einer lässigen Haltung zu beeindrucken. Schuld daran war vor allem dieses vorfreudige Kribbeln, das sich in der letzten halben Stunde wie ein Spannungsnetz zwischen ihren beiden Hüftknochen ausgebreitet hatte. Lea ahnte, dass ein gewaltiger Stromschlag durch dieses Netz jagen würde, sobald Adam die Tür durchquerte. Ihr Körper würde sie wieder einmal hemmungslos verraten, indem er Adam seine übergroße Willigkeit direkt auf die Nase band.
Um sich abzulenken, schaute sich Lea in dem Raum um: Gegenüber dem Sofa, auf dem sie saß, stand ein Rokokosofa, das kaum zwei Personen Platz bot. Dazwischen stand ein Tisch aus Plexiglas, dessen Aufgabe darin bestand, als möglichst dekorativer Sockel für eine Plastik zu dienen. Lea hatte diese Plastik nun schon ausgiebig bewundert, während die Minuten im Stundentakt verstrichen. Dabei herrschte im ganzen Haus die gleiche Stille wie in einer Gruft.
Gerade als Lea mit dem Gedanken spielte, Megan mit einer Bemerkung über ihr selbst erwähltes Schoßhunddasein zu einem kleinen Zwist herauszufordern, drang plötzlich ein Schrei in ihre Ohren. Er war kaum vernehmbar, so, als käme er aus großer Entfernung oder sickerte durch besonders dicke Wände. Unsicher warf sie einen Blick auf Megan, doch die zuckte nicht einmal mit den Schultern. Lea dachte schon, dass sie sich getäuscht hatte, da ertönte ein weiterer Schrei. Nun war sie sich sicher, konnte aber nicht sagen, ob jemand seine Angst oder seine Lust hinausbrüllte.
Herrgott, darüber musste sie nun wirklich nicht mutmaßen! Schließlich wusste sie doch ganz genau, was für ein unappetitliches Hobby sich der Besitzer dieses Hauses leistete. Es war ganz eindeutig an der Zeit zu gehen, Adam hin oder her. Sie würde nicht - brav wie ein Lamm daraufwarten, dass Pi sich auf die Suche nach Nachschub machte oder Megan plötzlich die Bemerkung fallen ließ, Adam sei nun mit dem Essen fertig und würde gleich erscheinen.
Hastig sprang Lea auf die Beine, und im selbenAugenblick öffnete sich eine der Flügeltüren, und Pi trat ein. Sein Blick traf geradewegs Leas vor Angst geweitete Augen. Pis zart geschwungene Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das vorgab, einem Engel zu gehören. Doch Lea nahm die dämonische Fratze wahr, die sich unter dieser Maske verbarg. Trotzdem - oder gerade deshalb - wagte sie es nicht, die unausgesprochene Aufforderung auszuschlagen, und ließ sich wieder auf das Sofa sinken.
Während Pi die Tür hinter sich schloss, gab Megan endlich ihre versteinerte Haltung auf. Allerdings nur, um raschen Schrittes zu der Seitentür hinauszueilen, durch die sie mit Lea den Raum betreten hatte. Megan ist gewiss gegangen, um Adam zu holen, versuchte Lea sich zu beruhigen. Sie ist nicht einfach verschwunden, damit es keine Zeugen für das anstehende Blutbad gibt. Leas Kehle schnürte sich zu. Das würde ja auch gar nicht zu Megan passen, ihre verhasste Konkurrentin einfach so im Stich zu lassen.
Mit Schritten, die an das Tippeln einer Geisha erinnerten, näherte sich Pi ihr und nahm dann Platz auf dem Rokokosofa. Ehe diese zerbrechliche Person die nackten Füße unter sich ziehen konnte, erhaschte Lea einen Blick auf die schwarz lackierten Fußnägel. Mit untergeschlagenen Beinen, kerzengeradem Rücken, die Hände brav in den Schoß gelegt und auf dem Gesicht einen blankenAusdruck, bot sich Pi regelrecht zur Musterung an.
Lea machte von dem Angebot begierig Gebrauch, denn trotz ihrer Furcht vor dieser nur scheinbar zerbrechlichen Gestalt quälte sie die Neugierde. Forschend betrachtete sie das ovale Gesicht mit seiner unnatürlich ebenmäßigen Oberfläche. Obwohl Pi laut Nadines Recherche sehr alt sein musste, zeigte sich nicht die geringste Spur der erlebten Jahre. Es schien viel mehr, als hätte die Zeit nach und nach alle Eigenarten abgeschliffen, die einen Menschen ausmachten.Vor ihr saß nur eine Hülle, die vorgab, Mensch zu sein. Lea schauderte, denn in Adams Gegenwart war ihr ein solcher Gedanke niemals gekommen. Adam war ein Mann, der einen Fremdkörper in sich trug, welcher ihn wie ein Stachel im Fleisch schmerzte. Pi hingegen machte sich nicht einmal die Mühe, das Menschsein überzeugend vorzugaukeln.
Offensichtlich hatte er selbst seine Geschlechtlichkeit aufgegeben. Während Lea nach Merkmalen wie einem Bartschatten suchte, verstärkte sich der Eindruck, eine Frau vor sich sitzen zu haben. Das weich fallende, nougatfarbene Haar, die feinen Gesichtszüge ... nur die von dunklen Wimpern umrandeten Augen verrieten eine Spur von Männlichkeit. Die Augen selbst waren hart und unnahbar. Der Körper war der eines Kindes und damit kaum einem Geschlecht zuzuordnen, auch wenn die eng anliegende Kleidung vorgab, kein Geheimnis zu verbergen.
Überrascht stellte Lea fest, dass ihre Zunge vor lauter Aufregung am Gaumen haften blieb, als sie den Mund aufmachte, um etwas zu sagen. Sie schloss die Lippen wieder und glaubte, ein feines Kichern zu vernehmen. Doch Pis Gesicht verriet keine Spur von Belustigung. Stattdessen wirkte er, als wolle er lediglich ein wenig Small Talk machen.
Habe ich sowieso vorgehabt, sagte Lea sich. Eine Unterhaltung würde sie zumindest davor bewahren, sich in ihre Furcht hineinzusteigern. Außerdem hegte sie die Hoffnung, dass Pis Interesse, ihr etwas anzutun, nachlassen würde, wenn er sie als Individuum wahrnahm - war das nicht ein Trick, mit dem man Entführer davon abhalten konnte, ihrer Geisel ein Leid zuzufügen?
»Ich hoffe, dass Abendessen hat keine Scherereien bereitet, indem es sich gewehrt hat?«, fragte Lea in einem ausgesprochen zuvorkommenden Ton, gerade so, als wolle sie sich nach dem allgemeinen Wohlbefinden erkundigen.
Pi wedelte ein wenig nichtssagend mit einer Hand in der Luft herum. »Der Lärm ... tja, den hat wohl Macavity ausgelöst. Er ist eine spielerische Natur, deshalb ist Agatha auch so vernarrt in ihn.« Dann bereitete sich gespieltes Entsetzen auf seinem Gesicht aus, das von einer Geste unterstrichen wurde, indem er sich theatralisch die Hand auf den Brustkorb legte. »Du glaubst doch hoffentlich nicht, dass wir in diesem Haus so ungeschickt vorgehen, dass unser Essen Gelegenheit zum Schreien erhält?«
Pi lächelte wissend, als Lea laut schlucken musste.
»Wir sind schließlich zivilisiert. Oder hat sich Adam dir gegenüber vielleicht von einer anderen Seite gezeigt? Nein? Nun, zuzutrauen wäre es ihm ja durchaus. Ein wilder Bursche - das liegt an seinem ausgeprägten Jagdinstinkt. Gabe und Fluch zugleich, wenn du mich fragst.«
Alle Härchen an Leas Körper stellten sich gleichzeitig auf. Da hatte Pi unleugbar ihre schwache Stelle getroffen. Denn obwohl sie für gewöhnlich eine unbezähmbare Neugierde an den Tag legte, hatte sie Adam niemals gedrängt, ihr über die Bedürfnisse des Dämons zu erzählen. Ihre Beziehung zu Adam war ohnehin schon kompliziert genug, auch ohne dass sie bei seinem Anblick jedes Mal an blutleere Leichen denken musste. Ihr hatte es gereicht, dass er einmal behauptet hatte, nicht »blutbesudelt durch die Gegend zu laufen«. Gemeinsam mit diesem flüchtigen Kommentar und Elementen der modernen Horrorliteratur hatte Lea sich eine eigene Theorie zusammengestückelt. Dabei ging es hauptsächlich um steril abgepackte Blutkonserven vom Schwarzmarkt. Eine saubere Sache ohne aufgerissene Halsschlagadern. Eine Vorstellung, an der man sich festhalten konnte, solange Pi mit seinen Bemerkungen keine Zweifel säte.
Dabei litt Lea schon genug unter dem Wissen, zu welchen Gewalttaten Adam und seinesgleichen fähig waren - das war ihr damals in Etienne Carrieres Haus eindrücklich demonstriert worden. Der Schreck war immer noch lebendig und sorgte dafür, dass Lea sich keinen einzigen Augenblick lang in Pis Gegenwart entspannen konnte. Ganz gleich, wie unschuldig er sich in den Polstern rekelte.
Krampfhaft suchte sie nach einem unverfänglichen Gesprächsthema. Doch mittlerweile war sie viel zu aufgeregt für ein elegantes Ablenkungsmanöver, und Pis herausforderndes Lächeln machte ihr deutlich, dass sie für die dreiste Provokation von eben zahlen würde. Die alte Spinne würde ihre Beute noch eine Zeit lang im Netz zappeln lassen und sich an ihrem Herzklopfen ergötzen.
Vor einigen Minuten hatte Lea sich noch fest vorgenommen, Adam die nächsten hundert Jahre die kalte Schulter zu zeigen, nun wollte sie nur die Arme um seinen Hals schlingen und ihn bitten, sie nach Hause zu bringen. Sie wollte eine Tasse Tee, sie wollte, dass er ihr den Kopf streichelte und mit seiner tiefen Stimme beruhigend auf sie einredete. Doch Adam ließ auf sich warten und so versuchte Lea, ihr Gegenüber in ein halbwegs normales Gespräch zu verwickeln. »Ich mag die Art, wie Sie Ihr Haus eingerichtet haben. Sehr sophisticated«, sagte sie matt. Dann zog sie mühsam die Mundwinkel nach oben. Das Ergebnis war armselig, trotzdem hielt sie es tapfer aufrecht.
Pi hingegen gelang es deutlich besser, ein Lächeln hervorzuzaubern, auch wenn es genauso unecht war wie Leas. »Vielen Dank. Und ich mag deine unverblümte Art der Konversation. Sehr einnehmend. Ich kann mir gut vorstellen, dass du über ein breites Netz an Freundinnen verfügst, nicht wahr?«
Eindeutig weiblich, befand Lea. Diese Anspielung in zuckersüßer Verpackung bekam nur eine Frau so raffiniert hin. Mit einem Schlag vergaß Lea ihre Furcht, diese hinterhältige Art hatte sie noch nie ausstehen können. »O ja«, entgegnete sie aufgeregt und rutschte mit ihrem Hintern bis auf die äußerste Sofakante vor. Die Stimme hatte sie um eine Oktave nach oben geschraubt. »Freundinnen sind etwas Wunderbares! Allerdings sollte man gut aufpassen, wenn man jemanden Neues kennenlernt. Denn es ist besser, sehr wählerisch vorzugehen. Nicht jede Person, die sich einem aufdrängt, hat auch Beachtung verdient. Man muss immer hinter das Lächeln schauen ... Sie verstehen doch sicherlich, was ich meine?«
Lea blinzelte Pi verschwörerisch zu, doch anstatt beleidigt die Nase zu rümpfen, spiegelte sich nur kühle Berechnung auf den Gesichtszügen. »Das sehe ich ganz genauso«, sagte Pi und blickte ihr tief in die Augen. »Seine Freundinnen sollte man sich ganz genau anschauen. Ich vertrete sogar die Meinung, dass man ihnen auf die Finger schauen sollte.Wenn man dann nämlich feststellt, dass sie die in Angelegenheiten hineinstecken, die sie nichts angehen, kann man ihnen rasch einmal drauf klopfen, bevor das jemand anders übernimmt. Bist du eine gute Freundin, Lea?«
Lea blinzelte, als hätte sie einen Schlag ins Gesicht bekommen. »Bin ich deshalb hier, weil Nadine ihre Nase in Ihre Angelegenheiten gesteckt hat?«, fragte sie heiser. »Wenn Sie mir drohen wollen, dann kann ich Ihnen gleich versichern, dass ich mit Druck ganz schlecht umgehen kann. Sollten Sie also mit dem Gedanken spielen ... Wo, zum Teufel, steckt Adam eigentlich!«
Ohne über die Folgen nachzudenken, war Lea aufgesprungen und auf Pi zugegangen. Angriffslustig beugte sie den Oberkörper leicht nach vorn. Das Bedürfnis, sich zur Wehr zu setzen, ließ sie für einenAugenblick vergessen, dass das zerbrechliche Wesen vor ihr nur ein Trugbild war, hinter dem sich eine Kraft versteckte, der Lea nicht im Geringsten gewachsen war. Doch ehe sie zum Opfer ihrer Fehleinschätzung werden konnte, flog eine der Flügeltüren so weit auf, dass sie mit lauten Knall gegen die Wand donnerte. Augenblicklich stellte sie ihre Drohgebärden ein und schaute zur Tür. Auch Pi schien überrascht und richtete sich leicht auf, um über die hohe Rückenlehne des Sofas blicken zu können.
Zu ihrer Enttäuschung betrat eine junge Frau das weitläufige Zimmer. Ihr platinblondes Haar war am Hinterkopf antoupiert und einige Strähnen hingen vom Nacken schnurgerade bis aufs Schlüsselbein. Ein überlanger Pony, der hinters Ohr geklemmt war, umgab das aufsehenerregende Gesicht wie ein Rahmen aus Edelmetall. Am meisten jedoch beeindruckte die Nase mit ihrem hoch angesetzten Höcker, der zwischen den prägnanten Nasenflügeln in eine feine Spitze auslief, die sich noch einmal vorwitzig nach oben bog. Im Verhältnis zu diesen Attributen nahmen sich die dunkel geschminkten Augen fast gewöhnlich aus: Sie waren grau und leblos.
Die junge Frau trug ein Wickelkleid aus Seide, das mit grafischen Mustern bedruckt war. Um ihren Hals hing eine mehrreihige Perlenkette, die bis zum Bauchnabel reichte. Der V-förmige Ausschnitt des Kleides klaffte weit auseinander, so dass Lea mehr als den bloßen Brustansatz zu sehen bekam.
Unvermittelt war die Frau im Türrahmen stehen geblieben, schenkte den Anwesenden jedoch keinerlei Aufmerksamkeit. Sie machte viel mehr den Eindruck, als lausche sie einer Stimme, die nur sie hören konnte.Während sie innehielt, betasteten die Finger unablässig die einzelnen Perlen der Kette.
Pi hatte sich mittlerweile wieder in die alte Sitzposition zurückfallen lassen und inspizierte die seltsam glatten Innenflächen seiner Hände. »Agatha-Schatz, mach doch bitte die Tür zu und setzt dich zu uns«, sagte Pi, ohne fordernd zu klingen. Offensichtlich rechnete er nicht damit, dass Agatha reagieren würde. Tatsächlich blieb diese ungerührt in der Tür stehen und horchte weiterhin in sich hinein.
»Man weiß nie so recht, auf welcher Zeitebene sich Agathas Geist gerade befindet«, erklärte Pi gelangweilt. »Nach einigen Jahrhunderten läuft unsereins Gefahr, dass die Abfolge von Ereignissen ineinander verschmilzt. Vor allem, wenn man keinen Anker findet, an dem man festmachen kann. Dann geht man im Sog der Zeit verloren. Ewiges Leben raubt vielem die Bedeutung, die Dinge rauschen an einem vorbei und nichts schafft es mehr, hervorzustechen. Früher oder später erscheint alles belanglos. Außerdem muss jeder die Erfahrung machen, wie viel Erinnerung und Erfahrung er ertragen kann. Agatha ist jedenfalls der lebende Beweis dafür, dass die Unsterblichkeit nicht für alle von uns ein Geschenk ist.«
Auch wenn sie sich dessen kaum bewusst war, nickte Lea zustimmend. Es wollte ihr nicht gelingen, den Blick von diesem überspannten Schmetterling namens Agatha zu lösen. Selbst die Eröffnung, sich mit einer weiteren von Dämonen besessenen Person in einem Raum zu befinden, änderte nichts an ihrer Gebanntheit. Zu sehr schillerte der Ausdruck völliger Verwirrung auf dem reizvollen Gesicht, als dass sie Angst empfunden hätte.
»Es ringelt sich ganz mächtig, wenn man draufdrückt. Das habe ich dir gesagt, aber du ...«, klagte Agatha mit einer ungeahnt sinnlichen Stimme, immer noch im Türrahmen stehend. Für einen kurzen Augenblick glühte in den grauen Augen ein Lebensfunke auf. Dann, genauso plötzlich, wie Agatha angefangen hatte zu sprechen, verstummte sie auch wieder. Ihr Zeigefinger, der aufgeregt durch die Luft gesaust war, fuhr noch eine Weile länger auf und nieder, ohne jedoch einen rechten Zweck zu verfolgen. Mit einem Mal reckte Agatha den Hals, als hätte jemand nach ihr gepfiffen. Mit großen Schritten ging sie auf das Wildledersofa zu und ließ sich nieder. Ganz akkurat, Knie an Knie, beide Hände neben der Hüfte abgelegt.
»Was genau ist sie?«, fragte Lea und versuchte gar nicht erst, ihr Erstaunen zu verbergen. Sie war einige Schritte zurückgewichen, »Ich würde sagen, sie ist so etwas wie ein exotisches Haustier«, erwiderte Pi. Als Reaktion auf Leas pikierten Blick fuhren beide Hände abwehrend in die Höhe. »O nein, sie gehört nicht mir, bewahre! Sie lebt zwar in meinem Haus, und ich genieße gelegentlich ihre Anwesenheit, aber sie ist Macavitys Spielzeug, wenn du es genau wissen möchtest.«
Ohne ihrer Unterhaltung Aufmerksamkeit zu zollen, ließ sich Agatha ein Stück weit vom Sofa gleiten, bis sie mit eingeschlagenen Beinen auf dem Boden zu sitzen kam. Die Schultern presste sie dabei tief in die Sitzfläche, bog den Rücken unnatürlich stark durch und legte zugleich den Kopf in den Nacken, so dass sich das platinblonde Haar fächerartig auf dem dunklen Grund des Sofas ausbreitete. Die geschlossenen Augenlider, auf denen ölig schwarzes Make-up glänzte, flatterten wie bei einer Schlafenden. Doch zwischen den leicht geöffneten Lippen drang von Mal zu Mal ein Stöhnen hervor, das in Leas Ohren nach einer perversen Lust klang.
Das Wickelkleid war ihr bis über die Hüften gerutscht. Wie hypnotisiert starrte Lea auf eine Ansammlung unzähliger Blutergüsse, mit denen die alabasterfarbenen Oberschenkel bedeckt waren. Weiter oben, wo die beiden Schenkel eng gegeneinander gepresst waren. zeichnete sich ein Blumenbouquet aus schwarz unterlaufenen Bisswunden ab.
Mühsam riss Lea den Blick von der abartigen Darbietung los und wünschte sich innigst, niemals Zeuge davon geworden zu sein. Doch es war zu spät, ihr Selbstschutz hatte versagt: Das Bild einer Frau, die ihre abstoßenden Verletzungen wie ein Kunstwerk vorführte, hatte sich in ihrer Erinnerung eingebrannt und würde Lea in unbedachten Momenten auflauern. Stets würde sie sich die Frage stellen, auf welche Art diese Wunden der entrückten Agatha zugefügt worden waren.
Währenddessen sah Pi mit unverhohlener Neugierde Agatha dabei zu, wie ihre unnatürlich schlanken Finger mit den abgehackten Bewegungen von Spinnenbeinen über das Wildleder glitten, bis sie beide Arme weit ausgebreitet hatte. In dieser Position verharrte Agatha.Die hochgerutschten Ärmel ihres Kleides gaben ein wirres Geflecht von Schnittwunden preis, die kreuz und quer über den Puls verliefen. Allerdings hatte der Dämon sich bereits darangemacht, die klaffenden, blutleeren Wunden zu heilen.
Nach einer Weile gebannten Staunens gelang es Lea endlich, den Blick von Agatha abzuwenden. Während sie die dunkelrote Oberfläche des Teppichs musterte, der die Sitzgruppe umgab, rang sie um Fassung. Trotz allem, was sie bislang erlebt hatte, war sie mit dieser Situation schlichtweg überfordert.
So reagierte sie auch nicht, als die Seitentür geöffnet wurde und mit einem leisen Klacken wieder zuschnappte. Erst als Pi den Kopf abrupt zur Seite drehte, begriff Lea, dass Adam den Raum betreten hatte. Verwirrt schaute sie ihn mit gesenktem Kopf an. Zuerst sah es so aus, als wolle er direkt auf sie zugehen, doch ein kaum vernehmbares Zischen aus Pis Richtung ließ ihn ein paar Schritte von ihr entfernt stehen bleiben.
Lea erkannte sofort, dass Adam unter einer enormen Anspannung stand, die er sich nicht anmerken lassen wollte. Zwar hingen seine Arme locker herab, aber die Hände waren zu Fäusten geballt. Auch die leicht vorgebeugten Schultern verrieten, dass Muskeln und Sehnen nur auf den Befehl warteten, ihre Spannung in einen Angriff umzuleiten. Stattdessen musterte Adam schweigend die seltsame Runde, wobei sich eine tiefe Zornesfalte zwischen den Brauen eingrub.
»Schön, dass du hier bist«, zwitscherte Pi und streckte genüsslich die Arme über dem Kopf aus. Dabei tippten die schwarz lackierten Zehen kurz auf dem Boden auf. »Ich befürchte nämlich, dass Lea unserer Gesellschaft allmählich überdrüssig ist.«
Adam atmete tief durch, dann antwortete er mit gedämpfter Stimme: »Dann hatte sie ja Glück, dass ich überhaupt in der Nähe des Hauses war. Wer hätte sie sonst wohl gerettet?«
Pi setzte ein Lächeln auf, das nicht verriet, ob er die Andeutung und die nur schwerlich unterdrückte Wut in Adams Stimme bemerkt hatte. »Wir beide, Lea und ich, haben uns gerade so nett über den Wert der Freundschaft unterhalten«, fuhr er unbekümmert fort. »Dass sich hinter dieser Art von Verbindung immer eine große Verantwortung verbirgt, der man sich nicht entziehen darf. Dass man sich um seine Freunde kümmern muss ... Tja, und dann hat uns Agatha ganz unerwartet eine ihrer beeindruckenden Vorstellungen geliefert.«
»Du lädst Lea ohne mein Wissen in dein Haus ein, während Macavity und seine schwachsinnige Gefährtin von der Leine gelassen sind?«
Der unterdrückte Zorn ließ Adam so sehr den Kiefer aufeinanderpressen, dass Lea damit rechnete, das Krachen von zersplitterten Zähnen zu hören. Sie spürte geradezu körperlich, wie der Teil von Adam, der seine Vernunft beheimatete, stetig an Kontrolle verlor und das Feuer des Dämons durch die Risse der bröckelnden Fassade strahlte. Nur mit größter Mühe beherrschte sie den Drang, einfach zu fliehen.
Sogar Agatha schien die drohende Gefahr wahrzunehmen: Ohne ein Geräusch zu verursachen, lief sie mit ungeahnter Zielstrebigkeit durch die immer noch offen stehende Flügeltür aus dem Zimmer, in dem sich die Anspannung rasant zu einer erstickenden Atmosphäre verdichtet hatte.
Pi hingegen strich mit einer überzogen ruhigen Bewegung den Stoff an seinen schmalen Oberschenkeln glatt und sagte ausdruckslos: »Beruhige dich bitte wieder, mein Guter. Diese finstere Miene steht dir zwar ausgesprochen gut zu Gesicht, aber hierbei handelt es sich lediglich um einen netten Plausch unter Mädchen. Da ich dich kaum noch zu sehen bekomme, dachte ich mir: Warum sollte ich mir die Zeit nicht mit Lea vertreiben? Deine bessere Hälfte leidet schließlich genauso unter deinem Einsamer-Wolf-Verhalten wie ich. Natürlich hätte ich mir dieses Beisammensein mit ihr untersagt, wenn ich geahnt hätte, dass es dich dermaßen in Rage bringt. Ehrlich gesagt, habe ich mir nichts weiter dabei gedacht.«
»Du hast dir nichts dabei gedacht? Das soll wohl ein Scherz sein! Wir wissen doch beide nur allzu gut, dass du nicht einmal mit der Wimper zuckst, ohne eine gewisse Absicht damit zu verfolgen.« Mit einer angespannten Bewegung fuhr Adam sich durchs Haar, und legte dann den Kopf in den Nacken. Unter der mit schimmernden Bartstoppeln übersäten Haut an seinem Hals pochte ein wild schlagender Puls. Leas Beklommenheit wuchs, als sie beobachtete, wie Adam kurz und fest die Augen zusammenkniff. Die Wut war trotz Pis geheuchelter Entschuldigung noch längst nicht verraucht, und es fiel ihm sichtlich schwer, sich zusammenzureißen. Es verriet viel über Pis Macht, dass Adam seinen Gefühlen nicht einfach freien Lauf ließ. Mehr, als Lea lieb war.
»Falls du das nächste Mal Lust auf Frauengespräche verspürst, sprich mich bitte direkt an, dann können wir gemeinsam mit Lea einen Spaziergang am Fluss entlang machen. Ich werde dann auch gern drei Schritte hinter euch beiden Ladys hergehen, um nicht zu stören. Aber bitte gib Megan in Zukunft keine Anweisungen mehr, die Zweifel an ihrer Loyalität mir gegenüber aufkommen lassen. Das hat sie nicht verdient.«
»Zunächst einmal gehört Megan mir ...«, ließ Pi mit einer gefährlich scharfen Stimme vernehmen.
Trotzdem unterbrach Adam ihn. »Du hast mir Megan an die Seite gestellt, also untersteht sie meiner Befehlsgewalt. Du willst doch nicht etwa mit mir über die Auslegung feilschen, welchen Regeln sich ein Diener zu unterwerfen hat, oder? Schließlich wissen wir beide, dass sie aus gutem Grund nicht verhandelbar sind.«
Pi hatte elegant die Beine übergeschlagen und die Hände hinterm Nacken verschränkt, ganz so, als ginge von Adam nicht die geringste Bedrohung aus. Doch Lea ahnte, dass dies ein Spiel war, und sie die Einzige war, die weder wusste, wie die Regeln aussahen noch um welchen Einsatz gespielt wurde.
»Das klingt alles so, als wolltest du mir etwas unterstellen, Adam«, entgegnete Pi. »Vielleicht solltest du einmal in Ruhe darüber nachdenken, wie der Handel aussieht, den wir in unser beider Interesse abgeschlossen haben. Dann wirst du dich auch daran erinnern, dass ich derjenige war, der dir einen enormen Vertrauensvorschuss entgegengebracht hat, als du mit dem Kopf voller wirrer Vermutungen hier aufgetaucht bist. Ich habe dir Türen geöffnet und dich auf die richtige Spur gesetzt. Und nun zürnst du mir, weil ich meine Neugierde nicht unterdrücken konnte und ein wenig dein Spielzeug begutachtet habe.«
Einen Moment lang überlegte Lea, ob sie es wagen konnte,Adam zu sagen, dass Pi keineswegs vorgehabt hatte, sie lediglich zu beschnuppern. Sondern dass er vielmehr indirekt gedroht hatte, Nadine etwas anzutun, wenn die sich künftig nicht aus seinen Angelegenheiten heraushielt. Aber angesichts des vor Aggressivität knisternden Blickwechsels zwischen Pi und Adam hielt Lea es für das Klügste, zu schweigen.
Adam lachte kurz heiser auf, als Pi den Blick hinaus zum Fenster gleiten ließ, als sei alles gesagt. Er schritt dicht an das Rokokosofa heran, bis Pi ein Stück in den Polstern zurückwich. »Eigentlich dachte ich, dass ich mich bei unserem Gespräch vor ein paar Tagen deutlich genug ausgedrückt hätte, Pi. Also noch einmal: Ich will nicht, dass Lea weiterhin mit unserer Welt in Berührung kommt. Hast du mich jetzt verstanden? « Anstelle einer Antwort verzog Pi schmollend den Mund, aber Adam ließ sich nicht provozieren. Mit betont kühlem Unterton sagte er: »Es wäre besser, wenn du meine Privatangelegenheiten künftig nicht mit der Aufgabe in Verbindung bringen.
»Du hast Lea doch selbst zu einem Teil unserer Welt gemacht, als du sie auf dem Fest eingeführt hast. Das ist deine und nicht meine Idee gewesen.«
Adam ließ ein unterdrücktes Knurren hören, das Pi augenblicklich zum Schweigen brachte. »Die Dinge haben sich geändert. Ich werde meine Hälfte des Pakts erfüllen, aber wie ich das erledige, ist meine Angelegenheit. Und du würdest gut daran tun, die Grenzen, die ich ziehe, nicht zu überschreiten.«
»Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass das Gefüge ins Wanken geraten ist!« Obwohl Pi seine Körperhaltung nicht um einen Deut verändert hatte, schrie er mittlerweile. Der Kontrast zwischen der manierlichen Pose und der schrillen Stimme hätte Lea fast ein verstörtes Lachen entlockt. »Du hast eigenwillig den Schlachtplan umgestellt, ohne zuvor mein Einverständnis einzuholen. Es wäre also eigentlich an mir, hier zu toben und das verloren gegangene Vertrauen zu beklagen.«
»Es gibt keinen Grund für dich, sich zu beklagen«, hielt Adam unbeeindruckt entgegen. »Ich halte mich an die Absprache, aber ich werde sie so erfüllen, wie ich es für richtig halte. Also veranstalte besser keine Spielchen mit mir, Pi. Sonst könnte ich auf die Idee kommen, den Spieß umzudrehen.«
Pis Gesicht verriet nicht die geringste Regung, als Adam nach den letzten Worten zu Lea ging, ihr den Arm um die Schultern legte und sie langsamen Schrittes aus dem Zimmer führte. Lea warf Pi einen letzten flüchtigen Blick zu und sah, wie Speicheltropfen Lippen und Kinn benetzt hatten. Dieses seltsame Wesen wird nicht umsonst Gift verspritzt haben, erkannte Lea hellsichtig. Jemand wird dafür bezahlen müssen, dass Pi gerade den Kürzeren gezogen hat. Bei diesem Gedanken legte sich ein eisiges Korsett um Leas Lungen und ließ sie verzweifelt nach Luft schnappen.