40. Kapitel
Am nächsten Morgen setzte sich Ryan an den Tresen im Gastraum des Lakeview Inn und bestellte einen weiteren Kaffee. Er hatte zusammen mit Tess gefrühstückt und wollte später noch einmal nach Medford fahren, um in der Mittagspause die Arbeitskollegen von Susannah abzufangen, mit denen er noch nicht gesprochen hatte. Da er bis dahin aber noch mindestens zwei Stunden Zeit hatte, wollte er Hank Friday, der wie meistens hinter dem Tresen stand und sich an den Gläsern zu schaffen machte, ein wenig aushorchen. Vielleicht konnte er ihm ein paar nützliche Informationen entlocken.
Hank sah an diesem Morgen müde und abgespannt aus. Ohnehin hatte sich Ryan gewundert, dass der Mann ständig im Lakeview Inn anwesend zu sein schien. Tess hatte ihm zwar erzählt, dass Hank das Hotel gehörte, aber auch ein Hotelbesitzer musste doch irgendwann einmal freihaben. Ryan vermutete allerdings, dass der Laden nicht besonders gut lief und Hank deshalb so wenig Personal wie möglich zu beschäftigen versuchte.
»Is` n hübsches Mädchen, die kleine Hennessey«, versuchte Hank jetzt, ein Gespräch in Gang zu bringen. Er nahm einen nassen Lappen und begann, die Theke vor sich zu polieren, obwohl sie vorher schon vor Sauberkeit geglänzt hatte. Anscheinend musste er ständig seine Hände beschäftigen.
»Stimmt«, nickte Ryan, sagte aber weiter nichts dazu. Er konnte sich denken, dass Hank wissen wollte, was zwischen ihnen lief. Aber er hatte keine Lust, seine Beziehung zu Tess ausgerechnet mit dem Barmann zu erörtern. Stattdessen beschloss er, direkt zum Angriff überzugehen.
»Tess hat mir von ihrer Warnung wegen dieses Koborskis erzählt«, meinte er deshalb. »Wissen Sie, was sich da abgespielt hat?«
Hank hielt mit dem Abwischen des Tresens einen Moment inne und sah Ryan misstrauisch an. Dann schüttelte er den Kopf. »Nee, wie gesagt hat er mal im Vollrausch darüber gesprochen, dass er zwei Menschen auf dem Gewissen hat, aber leider habe ich nicht mehr aus ihm rausholen können. An diesem Abend war er so stockbesoffen, dass er nur noch unzusammenhängendes Zeug gebrabbelt hat. Und später hat er so getan, als ob er sich an nichts erinnern kann, wenn er hier war.«
Nach einem kurzen Zögern beugte er sich ein wenig vor und fuhr in verschwörerischem Ton fort: »Ehrlich gesagt habe ich sogar das Gefühl, dass er mich seit diesem Abend meidet. Er scheint mir gar nichts mehr erzählen zu wollen.«
Das ist ja auch kein Wunder, dachte Ryan bei sich. Wenn Hank sogar einem völlig Fremden wie mir die Geschichte sämtlicher Einwohner von Shadow Lake verrät, sollte man besser genau überlegen, was man ihm anvertraut.
Laut sagte er: »Irgendwie mag ich den Kerl nicht. Ich kann selbst nicht genau sagen, warum, aber er kommt, mir suspekt vor.« Seine unerfreuliche Begegnung mit Koborski am Tage davor erwähnte er lieber nicht.
Hank nickte. »Geht mir genauso«, bestätigte er und spülte den Lappen aus, mit dem er den Tresen abgewischt hatte.
In diesem Moment klingelte Ryans Handy. Mit einem leisen Seufzen zog er es aus der Tasche und sah auf das Display. Die Nummer erkannte er sofort. Es war sein komplizierter Kunde aus Boston, der Immobilienmakler, für den er ein neues Bürogebäude entwerfen sollte.
Er murmelte Hank eine kurze Entschuldigung zu, stand auf und ging vor die Tür, bevor er das Gespräch annahm.
Fast eine Viertelstunde redete sein Kunde auf ihn ein. Er hatte wieder einmal zahlreiche Änderungswünsche und Verbesserungsvorschläge. Ryan hörte sich alles ohne große Gegenwehr an. Wenn er wieder in Boston war, würde er versuchen müssen, wenigstens ein paar der Änderungen in seine Planung aufzunehmen. Aber im Moment hatte er den Kopf dafür nicht frei.
Er teilte dem Makler daher mit, dass er gerade in einer wichtigen Familienangelegenheit in Oregon sei, und versprach ihm, einen persönlichen Termin mit ihm zu vereinbaren, sobald er wieder in Boston war. Dann legte er genervt auf.
Als er wieder das Lakeview Inn betrat, hatte er eine Idee. Als er sich zu Hank an den Tresen setzte, versuchte er so auszusehen, als hätte er gerade eine schlechte Nachricht bekommen. Nach dem nervenaufreibenden Gespräch mit seinem Kunden fiel ihm das nicht besonders schwer.
Der Hotelbesitzer sprang sofort darauf an.
»Alles in Ordnung?«, fragte er mit scheinbarer Besorgnis.
Ryan nickte. »Ja, zum Glück«, antwortete er und trank einen großen Schluck Kaffee, der inzwischen kalt geworden war. Er verzog das Gesicht und schob die Tasse von sich weg. »Das am Telefon war gerade der Bruder eines guten Freundes von mir. Er hat mir erzählt, dass mein Freund einen heftigen epileptischen Anfall hatte und ins Krankenhaus gebracht werden musste.« Er atmete einmal tief durch. »Zum Glück geht es ihm jetzt wieder besser.«
»Oh ja, mit so einem Anfall ist nicht zu spaßen«, bemerkte Hank ernst. Er schob nachdenklich seine Brille ein Stück zurück. »Ich habe so etwas glücklicherweise nur ein einziges Mal miterlebt, und ich sage Ihnen, ich habe den Schreck meines Lebens bekommen.«
Sofort war Ryans Interesse geweckt. »Das ist doch nicht etwa hier im Lakeview Inn passiert, oder?«, hakte er nach.
Hank schüttelte den Kopf. »Nee, das wär ja auch noch schöner gewesen«, gab er mit hörbarer Erleichterung in der Stimme zurück. »Das war vor knapp zwei Jahren beim Fest am Shadow Lake. Seit fünf oder sechs Jahren gibt es in jedem August solch ein Fest unten am Seeufer. Es war die Idee unseres Bürgermeisters. Er will den Ort für Touristen attraktiver machen, sagt er.« Hank zuckte die Achseln. »Ob` s was bringt, ist eine andere Frage. Aber für die Einwohner hier ist das Fest natürlich eine tolle Ablenkung vom Alltagstrott, also kommen fast alle. Naja, und vor zwei Jahren ist es dann passiert. Es fing gerade an, dunkel zu werden. Wir saßen am Seeufer an Tischen, haben ein großartiges Barbecue gemacht, und auf einmal klappt die Frau am Nachbartisch zusammen und fängt ganz schrecklich an zu zucken.«
Hank machte eine Pause und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, bevor er fortfuhr. »Ich habe so etwas noch nie vorher gesehen. Es sah wirklich so aus, als wäre sie vom Teufel höchstpersönlich besessen.« Er kratzte sich am Kopf. »Ich meine, ich wusste natürlich, dass sie so was hat. Sie hatte nämlich vor ein paar Jahren einen schweren Autounfall. Ihr Kopf hat damals was abgekriegt, und seitdem kamen diese Anfälle. Aber als ich dann einen miterlebt hatte, habe ich doch einen ordentlichen Schrecken bekommen.«
»Das kann ich mir vorstellen«, erwiderte Ryan mit möglichst verständnisvoller Miene, obwohl er eher den Eindruck hatte, dass Hank jede Sekunde seiner Schilderung genossen hatte. »Kannten sie die Frau denn gut? War es jemand hier aus dem Ort?«
»Jaja«, gab Hank eifrig zurück. »Ich kannte sie schon viele Jahre. Leider ist sie im letzten Jahr gestorben, war wirklich ein großer Verlust für Shadow Lake. Sie hat viel für wohltätige Zwecke gemacht, Spenden für die Kirche oder für den Kindergarten gesammelt und so etwas in der Art.« Er beugte sich ein Stück näher an Ryan heran. »Wir im Ort hatten ja alle gehofft, dass ihre Schwiegertochter mal in ihre Fußstapfen tritt, aber die ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Hat nur Sinn für ihre Arbeit und ihr Aussehen.« Hank runzelte die Stirn. »Vielleicht kennen Sie sie ja. Sie betreibt hier im Ort den einzigen Friseur- und Kosmetiksalon. Sie heißt Shannon Ciprati.