6. Kapitel
Abgehetzt betrat Ryan MacIntyre die Wohnung seiner Mutter Diane in Cambridge. Er lehnte den Stapel Umzugskartons, den er mitgebracht hatte, neben der Tür an die Wand und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war schon kurz vor zwei. Er unterdrückte einen Fluch. Eigentlich hatte er sich heute den ganzen Tag für sein Vorhaben reservieren wollen, aber er hatte am Morgen noch einen Termin bei einem wichtigen Kunden in der Innenstadt von Boston gehabt, der sich viel länger hingezogen hatte als erwartet.
Ryan sollte für ihn, einen erfolgreichen Immobilienmakler mit zahlreichen Angestellten, ein repräsentatives Bürogebäude entwerfen. Bei der Ausschreibung hatte er mit seinem Entwurf den Zuschlag erhalten. Er hatte ein modernes, fünfstöckiges Haus mit viel Glas präsentiert, das Elemente der umliegenden alten Gebäude aufnahm und so eine Verbindung zwischen moderner und traditioneller Architektur schuf.
Aber seitdem war fast kein Tag vergangen, an dem der Immobilienmakler keinen Änderungswunsch oder eine neue Idee gehabt hatte, sodass der derzeitige Plan für das Gebäude kaum noch etwas mit der Ursprungsidee zu tun hatte. Doch da es um den größten und bisher wichtigsten Auftrag ging, den Ryans kleines Architekturbüro bisher an Land gezogen hatte, fügte er sich notgedrungen den Wünschen seines Kunden. Zum Glück waren in der letzten Sitzung am Morgen seine Pläne endgültig abgesegnet worden, sodass er sich jetzt endlich um die Wohnung seiner Mutter kümmern konnte. Zumindest hoffte er, dass seinem Kunden in den nächsten Tagen keine neuen Ideen kamen.
Ein Anflug von Wehmut überkam ihn, als er in das gemütliche Wohnzimmer kam. Er hatte die Wohnung vor fünf Jahren mit seiner Mutter zusammen ausgesucht in der Hoffnung, dass eine neue Umgebung ihr über den Tod von Ryans Vater hinweg helfen könne. Als Max MacIntyre damals einen Herzinfarkt hatte und wenige Tage später im Krankenhaus gestorben war, war Diane in ein tiefes Loch gefallen. Vorher war sie ganz in der Rolle der Ehefrau des bekannten und geschätzten Harvardprofessors aufgegangen. Nur ganz langsam war es ihr nach dem Tod ihres Ehemanns gelungen, sich wieder ein eigenes Leben aufzubauen. Aber mit der Zeit hatte sie sich eine neue Beschäftigung in einem Hilfsverein für krebskranke Kinder gesucht. Sie hatte fast ihre gesamte Zeit dort verbracht und soviel Energie in ihre neue Arbeit gesteckt, dass sie sich innerhalb kürzester Zeit unentbehrlich gemacht hatte.
Ryan konnte sich noch gut an Dianes erstes Lächeln seit dem Tod ihres Mannes erinnern. Sie hatte von einem kleinen Mädchen erzählt, dass eine seltene Art von Blutkrebs besiegt hatte und endlich wieder nach Hause zu seiner Familie durfte. Ryan hatte sich so über die neue Lebensfreude seine Mutter gefreut, dass er die ersten Anzeichen von Vergesslichkeit gar nicht wahrgenommen hatte.
Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er in dieser Zeit auch viel zu sehr mit dem Aufbau seines Architekturbüros beschäftigt gewesen war, um sich auch noch um die Probleme anderer zu kümmern.
Erst als sich mit der Zeit die Aussetzer häuften, hatte er begonnen, sich ernsthafte Sorgen um seine Mutter zu machen. Diane hatte häufig immer wieder die gleichen Fragen gestellt und des Öfteren Gegenstände nicht wiedergefunden, die sie erst kurz zuvor selbst weggeräumt hatte. Als sie dann aber eines Tages ratlos vor der Kaffeemaschine gestanden hatte, weil sie nicht mehr wusste, wie man sie bediente, hatte Ryan schon geahnt, was mit ihr los war.
Trotzdem war die Diagnose, die kurz darauf gestellt wurde, für ihn ein Schock gewesen: Seine Mutter hatte die Alzheimer-Krankheit, und es war noch eine Frage der Zeit, bis sie sich nicht mehr eigenständig versorgen konnte.
Ryan öffnete eines der großen Wohnzimmerfenster und blickte hinaus auf den Charles River, der träge vorbeifloss. Er erinnerte sich, wie begeistert seine Mutter schon bei der Besichtigung der Wohnung von dem Anblick gewesen war. Er war das ausschlaggebende Argument für sie gewesen, in Cambridge zu bleiben und nicht nach Boston zu gehen, wo Ryan wohnte. Stundenlang hatte sie seitdem am Fenster gesessen und die Enten und Schwäne beobachtet, die immer in Scharen angeflattert kamen, wenn ein Spaziergänger etwas trockenes Brot zum Füttern mitgebracht hatte.
In der ersten Zeit nach der schockierenden Diagnose war es Diane noch ganz gut gegangen, die Krankheit war nur sehr langsam vorangeschritten. Gelegentliche Aussetzer hatte sie mit einem entschuldigenden Lächeln oder einem flotten Spruch geschickt überspielt. Trotz der beginnenden Demenz hatte Diane ihr Leben weitgehend im Griff gehabt.
Das hatte sich aber schlagartig geändert, als sie die schreckliche Nachricht bekommen hatten.
Nur zu gut erinnerte sich Ryan an den Anruf, der ihn am 17. Oktober des vorigen Jahres früh am Morgen aus dem Schlaf gerissen hatte. Es war der Sheriff eines kleinen Kaffs in Oregon gewesen, der ihm mit geschäftsmäßiger Stimme mitgeteilt hatte, dass sich Susannah das Leben genommen hatte.
Bei dem Gedanken daran schüttelte er unwillkürlich den Kopf. Ausgerechnet seine kleine Schwester Susannah, die immer so lebenslustig und fröhlich gewesen war, hatte ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt – und das gerade einmal mit zweiundzwanzig Jahren. In seine Trauer hatte sich Wut über ihre egoistische Tat gemischt. Warum hatte sie nur an sich selbst gedacht? War es ihr egal gewesen, wie es ihm dabei ging? Und scherte es sie nicht, wie ihre Mutter damit fertig werden sollte?
Diane hatte einen Nervenzusammenbruch gehabt, als sie vom Tod ihrer einzigen Tochter erfahren hatte. Danach hatte sich ihre Krankheit massiv verschlimmert. Ryan vermutete, dass sie durch den schweren Schicksalsschlag ihren Lebenswillen verloren hatte. Seine eigenen Schuldgefühle verdrängte er so gut wie möglich, auch wenn er sich nicht nur einmal gefragt hatte, welchen Anteil er am Selbstmord seiner Schwester trug. Vielleicht hätte er sich einfach nur ein bisschen mehr um sie kümmern müssen, anstatt sich nur seiner eigenen Karriere zu widmen.
Er schob den Gedanken schnell beiseite und dachte wieder an seine Mutter. Vor ein paar Wochen war es ihrer Vergesslichkeit so schlimm geworden, dass es unverantwortlich gewesen wäre, sie weiter allein wohnen zu lassen. Als Ryan ein Platz für sie in einem guten Pflegeheim angeboten worden war, hatte er deshalb sofort zugestimmt. Vor vier Wochen war Diane umgezogen. Sie hatte nur wenige persönliche Gegenstände in das Heim mitgenommen, vor allem Erinnerungsstücke an alte Zeiten. Die meisten Sachen waren in dem Apartment in Cambridge zurückgeblieben.
Seit dem Umzug hatte Ryan das Ausräumen ihrer Wohnung immer wieder vor sich hergeschoben. Es war ihm ganz recht gewesen, dass im Büro zu viel zu tun gewesen war, um auch noch Zeit für das Entrümpeln zu finden. Aber jetzt war er fest entschlossen, endlich den Anfang zu machen.
Er faltete einen der großen Umzugskartons, die er mitgebracht hatte, auseinander und begann, Dianes Bücher hineinzulegen. Außer den paar Erinnerungsstücken, die er selbst behalten wollte, sollte alles an karitative Einrichtungen gehen. Während er ein Regalfach nach dem anderen leerräumte, ging ihm Susannahs Selbstmord einfach nicht aus dem Kopf. Es passte irgendwie nicht zu ihr. In ihrem Abschiedsbrief hatte sie geschrieben, dass sie sich einsam und von allen allein gelassen fühlte und dass ihr Leben keinen Sinn mehr hätte. Zuerst hatte Ryan nicht geglaubt, dass sie den Brief wirklich selbst geschrieben hatte, aber ein Gutachten hatte das ohne Zweifel bewiesen. Trotzdem brachte er die Stimme in seinem Kopf, die ihm immer wieder sagte, dass irgendetwas nicht richtig sein konnte, nicht völlig zum Schweigen.
Außerdem fragte er sich, welche Bedeutung wohl der Fundort haben könnte. Gewohnt hatte Susannah in einem kleinen Apartment in Medford, ganz in der Nähe ihrer Arbeitsstelle. Doch gefunden hatte man sie an einem See, knapp dreißig Meilen entfernt. Unwillkürlich schüttelte er den Kopf, als er darüber nachdachte. Was zum Teufel hatte sie dazu gebracht, ihr Leben ausgerechnet am Shadow Lake zu beenden?
Als Ryan einen Stapel Bücher aus dem obersten Regalfach nahm und in den Karton packen wollte, fiel ihm plötzlich eine Ecke weißen Papiers auf, die aus einem der Bücher hervorragte. Bei näherem Hinsehen erkannte er, dass es sich um eine Ausgabe von Stolz und Vorurteil von Jane Austen handelte, ein Buch, das seine Mutter besonders geliebt und häufiger gelesen hatte. Neugierig legte er die anderen Bücher zur Seite und zog das Papier zwischen den Seiten hervor. Es war ein Umschlag, der ziemlich abgenutzt aussah. Anscheinend hatte seine Mutter den Brief, der darin steckte, immer wieder gelesen und dann in dem Umschlag zurückgesteckt.
Als Ryan die gleichmäßige Handschrift erkannte, in der die Adresse seiner Mutter geschrieben war, musste er kurz schlucken. Es war Susannahs Schrift.
Er ließ sich in den nächsten Sessel sinken, zog den Brief aus dem Umschlag und begann zu lesen:
Liebe Mum,
Es tut mir leid, dass ich nicht früher dazu gekommen bin, Dir zu schreiben, aber ich hatte einfach so viel zu tun. Du weißt ja, dass man bei einem neuen Job schon ab und zu mal ein paar Überstunden machen muss. Schließlich will ich meinen neuen Chef davon überzeugen, dass ich fleißig und zuverlässig bin. Aber ich will mich nicht beklagen, die Arbeit macht mir viel Spaß und meine Kollegen sind alle sehr nett zu mir. Morgen wollen sie mich sogar zu ihrem Kinoabend mitnehmen. Darauf freue ich mich schon.
Gestern habe ich mir für mein Wohnzimmer eine riesige Zimmerpalme gegönnt. Sie ist zwar eigentlich viel zu groß für den kleinen Raum, aber sie schafft eine klasse Atmosphäre, fast so als wäre man in der Karibik. Ich habe mir überlegt, dass ich vielleicht noch mehr Pflanzen dazustellen könnte. Dann ist es beinahe wie in meinem eigenen kleinen Dschungel.
Aber natürlich muss ich noch jemanden finden, der die Pflanzen für mich versorgt, wenn ich mal nicht da bin.
In den nächsten Wochen kann ich natürlich noch keinen Urlaub bekommen, aber sobald mein Chef mir ein paar Tage freigibt, fliege ich sofort zu Dir nach Cambridge. Ein bisschen vermisse ich meine alte Heimat ja schon, auch wenn ich mich hier schon wirklich gut eingelebt habe.
Vielleicht kannst Du mich ja demnächst mal mit Ryan besuchen kommen. Meine Wohnung ist zwar ziemlich klein, aber irgendwie würde das schon gehen.
Ich freue mich sehr auf unser nächstes Wiedersehen und sende Dir einen ganz dicken Kuss.
Susannah
Fassungslos starrte Ryan auf das Blatt Papier in seiner Hand. Er las alles noch einmal Wort für Wort durch, dann sah er wieder auf das Datum. Susannah hatte den Brief am 16. Oktober geschrieben, an ihrem Todestag.
Ryan merkte, wie sich die Härchen an seinen Armen und in seinem Nacken aufstellten. Zimmerpalmen und Kinoabend – darüber schrieb doch niemand, der keinen Sinn mehr im Leben sah und seinen eigenen Tod plante. Was konnte passiert sein, dass sich innerhalb eines Tages alles für seine Schwester geändert hatte?
Wie er es auch drehte und wendete, dieser Brief passte überhaupt nicht mit Susannahs Selbstmord zusammen. Eine Weile blieb Ryan noch sitzen und überlegte. Dann fasste er einen Entschluss. Er zog sein Handy aus der Tasche und drückte die Kurzwahltaste seines Büros.
Schon nach dem zweiten Klingeln meldete sich Cathy, seine Sekretärin und unentbehrliche Stütze.
»Hallo Cathy, ich bin es, Ryan«, begann er. »Bitte tu mir einen Gefallen und buche mir einen Flug, ja? Ich muss nach Oregon. Und zwar so schnell wie möglich.«