24. Kapitel
Eine knappe Stunde später kam Tess am Lakeview Inn an.
Sie war froh über ihre Entscheidung, das Gespräch mit Greg nicht in Ellens Haus zu führen, sondern hier. Sie konnte selbst nicht so genau sagen, warum, aber als sie mit ihm in Ellens Schlafzimmer gewesen war, hatte sie sich plötzlich unwohl gefühlt. Wie war sie nur auf die Idee gekommen, ihn einfach so ins Haus zu lassen? Immerhin bestand doch die Möglichkeit, dass sich nach wie vor ein Frauenmörder im Ort herumtrieb. Und Greg wäre als alleinstehender Mann, von dessen Vergangenheit niemand etwas wusste, sicherlich kein schlechter Verdächtiger. Außerdem war ihr inzwischen klar geworden, woher sie seinen Namen kannte: Er war der Angler gewesen, der Susannahs Leiche auf der Landzunge am See gefunden hatte.
Tess merkte, dass sie fröstelte, und zog ihre Jacke ein wenig enger um sich.
Als sie das Lakeview Inn betrat, stellte sie erstaunt fest, dass Greg schon da war. Er saß an einem der kleinen Tische und winkte ihr auffordernd zu.
Tess murmelte Hank Friday, der hinter dem Tresen Gläser polierte und ihr durch seine runden Brillengläser einen erstaunten Blick zuwarf, einen kurzen Gruß zu. Dann setzte sie sich zu Greg an den Tisch.
Die drei anderen Gäste, die an einem der runden Tische saßen und Karten spielten, waren Farmer aus der Umgebung. Neugierig starrten sie zu ihnen herüber. Tess konnte sich schon ausmalen, was in den nächsten Tagen über sie erzählt werden würde. Dass sie erst gestern Abend mit Ryan hier gewesen war und jetzt schon wieder mit einem anderen Mann auftauchte, würde für einigen Gesprächsstoff sorgen. Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis sich alle sicher sind, dass ich anschaffen gehe, dachte sie genervt. Sie bemühte sich, Greg trotzdem freundlich zu begrüßen.
»Schön zu sehen, dass Sie zuverlässig sind«, erwiderte er ihren Gruß. »Was möchten Sie trinken?«
Tess entschied sich für einen Orangensaft, während Greg ein Bier bestellte. Eine ganze Weile unterhielten sie sich über das Haus und die Immobilienpreise in der Gegend. Über den Verkauf von Ellens Haus wurden sie sich recht schnell einig. Tess hatte keine Lust, lange zu feilschen und den Preis so hoch wie möglich zu treiben. Alles, was sie wollte, war, den Verkauf möglichst schnell abzuschließen.
Nachdem alle Details des Verkaufs geklärt waren, nahm Tess allen Mut zusammen. Sie beschloss, doch noch auf Susannahs Selbstmord zu sprechen zu kommen. Hier, unter den Augen von Hank und mehrerer Barbesucher, fühlte sie sich relativ sicher.
»Ich habe in der Gazette gelesen, dass Sie Susannah MacIntyre gefunden haben, nachdem Sie sich das Leben genommen hat«, begann sie vorsichtig.
Greg setzte abrupt sein Bierglas ab, aus dem er gerade getrunken hatte, und starrte sie aus zusammengekniffenen Augen an.
»Das ist richtig«, erwiderte er nach einer kurzen Pause.
Tess rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her. Sie fühlte sich plötzlich überhaupt nicht mehr wohl in ihrer Haut. Aber jetzt hatte sie das heikle Thema angeschnitten, also wollte sie nicht so schnell locker lassen.
»Sind Sie denn öfter an der Landzunge?«, erkundigte sie sich in möglichst unverbindlichem Tonfall. Als sie Gregs misstrauischen Blick sah, erklärte sie schnell: »Ich meine, sie ist ja nicht gerade einfach zu erreichen. Ich habe mich gewundert, dass jemand dort angeln geht.«
»Ich habe eben gern meine Ruhe«, knurrte Greg. »Ich bin mal durch Zufall auf die Stelle gestoßen und habe festgestellt, dass dort so gut wie nie jemand hinkommt. Also gehe ich inzwischen öfter dort angeln, wenn ich Zeit habe.«
Noch immer blickte er Tess skeptisch an. Als sie nicht antwortete, fragte er kurz angebunden: »War´s das jetzt oder ist noch was?«
Tess wusste nicht, was sie sagen sollte. Also schüttelte sie nur den Kopf und setzte ein Lächeln auf. Sie hoffte, dass sie mit ihrem Vorstoß keinen Fehler gemacht hatte. Mit einer derart unfreundlichen Reaktion hatte sie nicht gerechnet, vor allem, da Greg vorher durchaus charmant zu ihr gewesen war.
»Gut«, meinte Greg daraufhin. »Dann werde ich nur noch schnell unsere Drinks bezahlen und mich dann auf den Heimweg machen. Ich habe noch ziemlich viel Arbeit, die dringend erledigt werden muss.«
Tess hielt ihn am Arm zurück, als er aufstand. »Äh, lassen Sie mal, ich übernehme selbstverständlich die Rechnung«, erklärte sie.
Einen Moment zögerte Greg unschlüssig, dann aber nickte er zustimmend. »In Ordnung. Geben Sie mir Bescheid, wenn der Kaufvertrag fertig ist, ja? Dann können wir alles unter Dach und Fach bringen.«
Nachdem Tess ihm versprochen hatte, sich um alles zu kümmern, stand er auf und verließ ohne sich zu verabschieden das Lakeview Inn.
Eine Weile blickte Tess ihm nachdenklich hinterher. Sie war erleichtert, dass er jetzt endlich gegangen war. Vielleicht wäre es besser gewesen, Susannah nicht zu erwähnen, überlegte sie. Es war mehr als deutlich geworden, dass er über dieses Thema nicht sprechen wollte. Allerdings war sie bestimmt die Letzte, die kein Verständnis dafür hatte. Wenn jemand, den sie kaum kannte, sie auf Joanna angesprochen hätte, wäre ihre Reaktion vermutlich kein bisschen freundlicher gewesen. Sie schüttelte nachdenklich den Kopf. Nein, dieses Thema hätte sie wirklich besser vermeiden sollen, aber jetzt konnte sie es nicht mehr rückgängig machen.
Sie seufzte und stand dann auf. Sie wollte ihre Drinks direkt bei Hank am Tresen bezahlen.
Hank stapelte gerade die polierten Gläser auf das Glasregal oberhalb der Bar. »Hallo Tess«, begrüßte er sie, als sie näherkam. Er stellte die beiden Gläser, die er gerade in den Händen hatte, vor sich ab und lehnte sich mit den Ellenbogen auf den Tresen. Obwohl sie jetzt schon das zweite Mal im Lakeview Inn war, hatten sie außer einer knappen Begrüßung noch kein Wort miteinander gewechselt. »Es ist ja schön, dass du dem Lakeview Inn schon wieder einen Besuch abstattest«, begann er jetzt ein Gespräch. »Wie geht es dir?«
»In Anbetracht des Anlasses, der mich hergeführt hat, geht es mir eigentlich ganz gut«, gab Tess zurück. Es gelang ihr nicht ganz, den Sarkasmus zu unterdrücken, der sich in ihre Stimme geschlichen hatte.
Hank blickte sie betreten an. Dann räusperte er sich. »Äh, ja, natürlich«, stammelte er. »Das mit Ellen tut mir natürlich leid.«
Tess sparte sich eine Antwort. Sie konnte die geheuchelten Beileidsbekundungen langsam nicht mehr ertragen. Also nickte sie nur. »Was bin ich dir schuldig?«, erkundigte sie sich, wobei sie auf die beiden leeren Gläser deutete, die sie auf den Tresen gestellt hatte.
»Das waren ein Bier und ein Orangensaft. Macht genau sechs Dollar.«
Während Tess in ihre Tasche griff, um ihren Geldbeutel herauszuziehen, kratzte sich Hank am Kopf. Er schien noch etwas loswerden zu wollen, wusste aber anscheinend nicht, wie er anfangen sollte.
»Ist noch was?«, fragte Tess deshalb, nachdem sie ihm das Geld für die Getränke gegeben hatte.
»Ja, schon«, begann Hank stockend. Offensichtlich wusste er nicht, wie er sein Anliegen vorbringen sollte. »Ich wusste gar nicht, dass du mit Greg Koborski befreundet bist.«
»Befreundet?« Tess lachte kurz auf und verzog das Gesicht. »Naja, das wäre wohl etwas zu viel gesagt. Ich kenne ihn ja gerade erst seit ein paar Stunden. Aber er hat Interesse daran, das Haus meiner Tante zu kaufen. Wir haben gerade die Einzelheiten des Kaufvertrags geklärt.«
»Ach so ist das.« Merkwürdigerweise schien Hank erleichtert zu sein. »Dann ist ja alles in Ordnung«, meinte er und fügte dann mit gesenkter Stimme hinzu: »Aber du solltest trotzdem vorsichtig sein, wenn du dich mit ihm triffst, vor allem wenn ihr beiden allein seid. Wenn du mich fragst, der Typ ist nicht ganz koscher.«
Tess runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«, wollte sie wissen.
»Naja, es ist so …« Hank begann, das Tuch, mit dem er vorher die Gläser poliert hatte, nervös mit den Händen zu zerknüllen. »Genau weiß ich auch nicht, was mit ihm los ist, und ich habe auch noch niemandem davon erzählt. Aber vor ein paar Wochen war Greg hier und hat sich einen Whisky nach dem anderen reingeschüttet. Er verträgt `ne ganze Menge, da war ich echt baff. Aber irgendwann, als er dann völlig hackedicht war, hat er mir gesagt …« Hank blickte nervös nach rechts und links. Erst als er sicher war, dass keiner der anderen Gäste ihr Gespräch mit anhören konnte, fuhr er fort: »Da hat er mir gesagt, dass er zwei Menschen auf dem Gewissen hat.«