13. Kapitel
Tess fuhr direkt zum Haus ihrer Tante, um sich dort in Ruhe die Artikel aus der Shadow Lake Gazette durchzulesen, die Mrs Pretzky für sie ausgedruckt hatte. Nachdem Ellen die Namen auf ihrer Todesliste aufgeführt hatte, war sie gespannt, was sie über die unbekannten Frauen erfahren würde.
Sie holte sich eine Cola aus dem Kühlschrank, zog die Papiere aus ihrer Tasche und setzte sich an Ellens Schreibtisch.
Zuerst nahm sie sich die Artikel über Claire Meyers vor. Der erste war vom 10. September, also vom Tag nach dem auf Ellens Liste angegebenen Datum. Sie begann zu lesen: Leiche in Shadow Lake gefunden – Gestern wurde von Wanderern der leblos im Wasser des Shadow Lake treibende Körper einer jungen Frau entdeckt. Einer der Wanderer, Steve Atkins aus Los Angeles, sprang ins Wasser und zog den Körper an Land. Alle Wiederbelebungsversuche blieben aber erfolglos, der herbeigerufene Notarzt konnte nur noch den Tod der Frau feststellen. Wie das Büro des Sheriffs bekannt gab, handelt es sich um die 24jährige Claire Meyers, die bei Freunden in Shadow Lake zu Besuch war. Die Todesursache ist bislang noch unklar. Laut Sheriff Marcks liegen keine Hinweise auf ein Fremdverschulden vor.
Der nächste Artikel war bereits einen Tag später, am 11. September, erschienen. Er enthielt keine neuen Informationen, sondern nur den Hinweis, dass weiter ermittelt werde. Interessant war allerdings das Foto von Claire Meyers, das neben dem Artikel abgedruckt war. Es zeigte eine hübsche junge Frau mit kinnlangen blonden Haaren, hellen Augen und vollen Lippen. Sie lächelte etwas verlegen in die Kamera. Sie war hübsch, entschied Tess. Dann verzog sie ihr Gesicht zu einem gequälten Lächeln. Abgesehen von der Länge der Haare und dem Altersunterschied hatte Claire eine nicht zu verleugnende Ähnlichkeit mit Joanna.
Tess verschob alle weiteren Überlegungen auf später und konzentrierte sich auf den langen Artikel vom Folgetag. In ihm waren sehr viel mehr persönliche Informationen über Claire aufgelistet als in den beiden ersten Berichten. Demnach stammte sie aus Portland. Sie war Absolventin des Oregon Institute of Technology in Klamath Falls, hatte inzwischen aber eine Stelle in San Diego angetreten. Nach Shadow Lake war sie gekommen, um Freunde zu besuchen. Ursprünglich wollte sie eine Woche bleiben, allerdings war sie am fünften Tag ihres Besuchs umgekommen.
Es wurde auch noch erwähnt, dass man weiterhin davon ausging, dass es sich bei Claires Tod um einen Unfall handele. Sheriff Marcks wurde zitiert, der die Vermutung anstellte, Claire habe wahrscheinlich ihre Kräfte überschätzt, sei zu weit hinausgeschwommen und habe es dann nicht mehr zurück ans Ufer geschafft. Möglicherweise habe sie auch einen Muskelkrampf gehabt, der verhindert hatte, dass sie weiterschwimmen konnte.
Unter dem Artikel war ein Foto von Claires Eltern abgedruckt, die sofort nach Shadow Lake gekommen waren, als sie vom Tod ihrer einzigen Tochter erfahren hatten. Mr Meyers wirkte sehr gefasst, obwohl dunkle Ringe unter seinen Augen lagen. Seine Frau dagegen hatte rot geweinte Augen, und auch für die Kamera schien sie sich kaum beruhigen zu können. Sie hatte einen Plüschelefanten in den Händen, den sie so fest umklammert hielt, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.
Der Anblick versetzte Tess einen Stich. Er erinnerte sie sehr an Tante Ellen. Auch sie hatte das alte Lieblingsstofftier von Jared, einen Schimpansen mit roter Hose, in den Wochen nach seinem Verschwinden häufig stundenlang im Arm gehalten.
Tess wunderte sich, dass nicht erwähnt wurde, bei wem in Shadow Lake Claire zu Besuch gewesen war. Normalerweise interessierten die Leser der Zeitung gerade solche Informationen. Aber es dürfte kein Problem sein, das herauszufinden. Sie überlegte kurz. Justin Ciprati, der ein Jahr älter war als sie selbst, war ebenfalls auf dem Technischen College in Klamath Falls gewesen. Auch vom Alter kam es hin. Die Wahrscheinlichkeit, dass beide gleichzeitig das College besucht und sich dort kennengelernt hatten, war also recht hoch. Vielleicht war Justin dieser ominöse Freund.
Tess blätterte weiter. Es gab nur noch eine kurze Meldung über Claire Meyers, die zehn Tage nach ihrem Tod erschienen war. In ihr teilte das Büro des Sheriffs mit, dass die Ermittlungen eingestellt würden, da Claires Ertrinken auf einen Unfall zurückzuführen sei.
Tess lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Okay, da war also eine weitere junge Frau am See gestorben, aber was hatte das mit Joanna oder mit Jared zu tun?
Sie hatte schon eine vage Ahnung, was ihre Tante mit der Todesliste beweisen wollte: Wenn mehrere Mädchen in Shadow Lake getötet worden wären, einige davon auch noch nach Jareds Verschwinden, konnte das bedeuten, dass es hier einen anderen Mörder gäbe. Vielleicht einen Serienkiller, der auch für den Mord an Joanna verantwortlich war. Und das wiederum könnte Jareds Unschuld beweisen.
Nachdenklich biss sich Tess auf die Unterlippe. Ein Teil von ihr wünschte sich, dass es wirklich so wäre. Dass Jared nicht der Mörder war, für den ihn alle hielten. Aber das schien alles so weit hergeholt. Eine sinnvolle Verbindung zwischen einem Unfalltod durch Ertrinken und einem blutigen Mord herzustellen, war nicht so einfach.
Mit einem Seufzen wandte sie sich den Artikeln über Susannah MacIntyre zu. Der erste von ihnen war nur eine kurze Meldung, die am 17. Oktober des Vorjahres erschienen war: Leiche am Shadow Lake gefunden – Gestern wurde von einem Angler die Leiche einer jungen Frau am Ufer des Shadow Lake gefunden. Dabei handelt es sich um die zweiundzwanzigjährige Susannah MacIntyre aus Medford. Nach Angaben des Sheriffbüros beging sie offenbar Selbstmord.
Tess blätterte noch einmal zum ersten Bericht über Claires Tod zurück. Sie zog die Augenbrauen hoch, als sie erkannte, dass beide Meldungen fast die gleiche Überschrift trugen.
Der zweite Artikel, der schon am nächsten Tag abgedruckt worden war, brachte die Story dagegen in ganz großer Aufmachung. Die Schlagzeile lautete Frau am Shadow Lake beging Selbstmord. Interessiert las Tess weiter: Wie wir bereits berichteten, wurde am 16. Oktober bei Anbruch der Dunkelheit die Leiche der 22jährigen Susannah MacIntyre am Ufer des Shadow Lake von Greg Koborski gefunden, der zum Angeln an den See gegangen war. Greg sagte gegenüber unserer Zeitung: »Es wurde schon dunkel, und ich wollte noch ein bisschen fischen gehen, da sah ich plötzlich die Frau liegen. Zuerst dachte ich, sie wäre nur eingeschlafen, aber sie war so merkwürdig blass. Ich habe also nachgeschaut, ob sie noch atmet und einen Puls hat, aber beides war nicht der Fall. Trotzdem habe ich einen Krankenwagen gerufen. Aber es war schon zu spät. Vielleicht hätte ich noch etwas machen können, wenn ich früher da gewesen wäre.«
Nach Auskunft des Büros des Sheriffs hat Susannah MacIntyre sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen. Sie hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem sie erklärte, dass sie sich einsam fühle und ihr Leben sinnlos sei. Aus welchem Grund sie sich für ihre Tat ausgerechnet den Shadow Lake aussuchte, konnte bislang nicht geklärt werden. Die junge Frau war vorher noch nicht im Ort gesehen worden.
Susannah MacIntyre stammte aus Boston, Massachusetts. Sie war erst wenige Wochen zuvor nach Medford gezogen, weil sie eine Stelle beim dortigen Landmaschinenhersteller Red Devil Engines angenommen hatte. Ihre Familie, die in Cambridge, Massachusetts wohnt, veranlasste bereits die Überführung des Leichnams.
Besonders makaber dürfte für die Bewohner von Shadow Lake die Tatsache sein, dass sich Susannah MacIntyre an genau derselben Stelle das Leben nahm, an der sechs Jahre zuvor bereits eine andere junge Frau, Joanna Miller, den Tod fand.
Als Tess den letzten Satz des Artikels las, schauderte sie. Wieder kamen ihr die Bilder von dem Abend, als sie Joanna gefunden hatte, in den Sinn. Sie schüttelte sich kurz, um die Erinnerungen loszuwerden, allerdings mit mäßigem Erfolg. Joannas leere blaue Augen wollten sie einfach nicht loslassen.
Um sich abzulenken, konzentrierte sich Tess auf das Bild von Susannah, das ebenfalls abgedruckt war. Es handelte sich um eine Porträtaufnahme eines professionellen Fotografen. Vermutlich ihr Bewerbungsfoto für Red Devil Engines, dachte Tess. Da die Shadow Lake Gazette in der Zwischenzeit auf modernen Vierfarbdruck umgestellt hatte, war das Bild nicht wie das von Claire Meyers in Grautönen, sondern farbig dargestellt. Susannah trug eine weiße Bluse und einen hellgrauen Blazer und lächelte charmant. Trotz der gestellten Aufnahme strahlte das Bild ungetrübte Lebensfreude aus, und die langen roten Locken strahlten mit den grünen Augen um die Wette.
»Nicht gerade eine Frau, der man einen Selbstmord zutrauen würde«, murmelte Tess leise. »Aber wer weiß schon, was in ihrem Inneren vorgegangen ist. Man kann in die Menschen ja leider nicht hineinsehen.«
Sie stand auf und ging im Zimmer auf und ab, um die neuen Informationen besser verarbeiten zu können. Sie hatte schon geglaubt, den Zusammenhang zwischen den Namen auf Ellens Todesliste zu sehen, als ihr die Ähnlichkeit zwischen Joanna und Claire Meyers aufgefallen war. Aber Susannah MacIntyres Foto hatte diese Theorie wieder über den Haufen geworfen. Sie war – zumindest was das Äußere betraf – ein ganz anderer Typ als die beiden anderen. Abgesehen davon passte auch Millie Walls mit ihren schwarzen Haaren und den Piercings überhaupt nicht ins Bild.
Eine Weile überlegte sie noch hin und her und versuchte, irgendeine sinnvolle Verbindung zwischen den vier Frauen herzustellen, kam aber zu keinem schlüssigen Ergebnis. Die einzige Möglichkeit war wohl, noch mehr über die beiden herauszufinden. Ihre Vermutung fiel ihr wieder ein, dass Claire vielleicht bei Justin Ciprati zu Besuch gewesen war.
Das war zumindest ein Punkt, an dem sie ansetzen konnte. Allerdings war ihr klar, dass sie nicht einfach in Shadow Lake herumlaufen und allen Einwohnern Fragen stellen konnte. Sie hatte damals bei Ellen erlebt, wie schnell die Leute misstrauisch geworden waren. Und wenn sie erst einmal den Ruf hatte, in den Angelegenheiten anderer herumzuschnüffeln, würde niemand ihr mehr etwas erzählen. Dazu kam, dass sie als Ellens Nichte ohnehin bei vielen auf Ablehnung stoßen würde.
Dann hatte sie eine Idee. Shannon, eine Schulfreundin von ihr und Kate, war lange Zeit mit Justin zusammen gewesen, vielleicht war sie es sogar immer noch. Auf jeden Fall müsste sie wissen, ob Claire eine Freundin von Justin gewesen war. Tess hatte vor einiger Zeit von Kate erfahren, dass Shannon den Frisiersalon in Shadow Lake übernehmen wollte. Wenn das der Wahrheit entsprach, war ein Besuch bei ihr die ideale Möglichkeit, sie unauffällig auszuhorchen.
Tess blickte in den Spiegel und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. »Ich glaube, ich brauche ganz dringend eine neue Frisur«, grinste sie.