8. Kapitel

 

Kate Reynolds hatte an diesem Tag früher Feierabend gemacht als sonst. Während des Nachmittags war nicht viel los gewesen, also hatte sie direkt nach Schalterschluss die winzige Filiale der Oregon Savings and Loan auf der Hauptstraße von Shadow Lake abgeschlossen und sich auf den Heimweg gemacht. Eigentlich hätte sie noch jede Menge zu erledigen gehabt, unter anderem wartete der Kreditantrag eines Farmers dringend auf seine Bearbeitung. Trotzdem hatte sie das auf den nächsten Tag verschoben. Zurzeit hatte sie ohnehin Probleme, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, weil ihr viel zu viel im Kopf herumspukte. Und wenn ihr bei der Kreditgeschichte ein Fehler unterlief, könnte das üble Konsequenzen haben.

Am Vormittag hatte sie sich schon bei einer Auszahlung vertan und der alten Pretzky hundert Dollar zu wenig gegeben. Obwohl sie das Geld sogar noch laut vorgezählt hatte, war ihr der Irrtum gar nicht aufgefallen. Dass ihr das ausgerechnet bei einer der schwierigsten Kundinnen von ganz Shadow Lake passiert war, war natürlich besonderes Pech. Die Alte hatte sofort angefangen zu kreischen, dass man sie betrügen wolle. Nur unter Aufbringung all ihrer Überzeugungskraft war es Kate gelungen, sie wieder zu beruhigen. Allerdings konnte sie sich gut vorstellen, wie die Pretzky ihren Irrtum in nächster Zeit im Ort herumerzählen und dabei jedes Mal weiter ausschmücken würde. Sie verdrehte die Augen, als sie daran dachte, wie oft sie sich diese Geschichte in den folgenden Wochen wohl noch würde anhören müssen.

Kate seufzte laut auf. Sie hatte sich wirklich einen schönen Abend verdient. Jedenfalls freute sie sich jetzt auf einen Hamburger bei sich zu Hause. Danach würde sie es sich mit ihrem Kater Jekyll auf dem Sofa bequem machen und einen Film ansehen. Nichts Schwermütiges natürlich, eher eine Komödie oder irgendetwas mit viel Action. Vielleicht brachte sie das ja auf andere Gedanken.

Aber zuerst musste sie noch ein paar Sachen einkaufen, auch wenn sie bei der Vorstellung, ausgerechnet heute zu den Millers in den Laden zu gehen, etwas nervös wurde.

Vor der Tür des kleinen Lebensmittelgeschäfts blieb sie kurz stehen und atmete einmal tief durch. Dann öffnete sie die Glastür und trat ein. Ein helles Klingeln kündigte an, dass jemand in den Laden gekommen war.

Hinter dem altmodischen Tresen stand Wendy Miller. Wie immer trug sie bei der Arbeit einen gestärkten weißen Kittel. Die inzwischen völlig ergrauten Haare waren sorgfältig frisiert. Durch eine Lesebrille mit halbmondförmigen Gläsern blickte sie auf eine mehrseitige Liste. Sie sah auf und lächelte herzlich, als sie Kate erkannte.

»Hallo Kate«, begann sie freundlich. »Das ist aber eine Überraschung. Ich habe dich ja schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen.«

»Hallo Wendy.« Auch Kate zwang sich zu einem Lächeln. »Ich weiß, ich war länger nicht mehr hier. Ich hatte in letzter Zeit leider wahnsinnig viel zu tun. Da hatte ich abends oft keine Lust mehr, noch zu kochen und habe mich im Lakeview Inn durchfüttern lassen. Aber ich hoffe, dass es in den nächsten Tagen langsam besser wird.«

»Man sagt ja, Arbeit wäre das halbe Leben«, gab Wendy im Plauderton zurück. »Aber trotzdem ist es wichtig, dass die andere Hälfte wirklich aus Privatem besteht. Sonst kommt einfach Vieles zu kurz.«

»Ja, sicher«, murmelte Kate. Sie wusste genau, worauf das Gespräch hinauslaufen würde. Keiner im Ort hatte Verständnis dafür, dass sie immer noch nicht in einer festen Beziehung war. Aber das war ein Thema, das außer ihr selbst niemanden etwas anging. Und sie hatte mit Sicherheit nicht vor, es jetzt beim Einkaufen zu diskutieren. Sie beeilte sich, die Lebensmittel, die sie kaufen wollte, aus den Regalen zusammenzusuchen. Als sie alles gefunden hatte, stellte sie die Sachen auf den Tresen und Wendy begann, die Preise in die altmodische Registrierkasse einzutippen.

Kate konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. In dem Laden der Millers hatte sich seit Jahrzehnten nichts verändert. Schon vor zwanzig Jahren hatte Wendy vor dieser Kasse gestanden, wenn Kate hier von ihrem Taschengeld ein paar Süßigkeiten gekauft hatte. Vermutlich gab es kein anderes Geschäft im Staat außer diesem, das noch ohne Scanner arbeitete.

»Heute war Ellens Beerdigung«, sagte Wendy unvermittelt und riss Kate damit aus ihren Gedanken. Es klang beiläufig, und Kate war nicht sicher, ob es eine Frage oder einfach eine Feststellung gewesen war. Deshalb nickte sie nur.

»Warst du auf dem Friedhof?«, wollte Wendy wissen. Dabei beobachtete sie Kate forschend.

Die fühlte sich in die Enge getrieben. »Nein«, antwortete sie schließlich wahrheitsgemäß. »Ich hatte überlegt hinzugehen, Tess zuliebe. Aber irgendwie konnte ich mich dann doch nicht überwinden.«

Wendy nickte verständnisvoll. »Für Tess tut es mir natürlich leid. Nach dem, was sie alles durchmachen musste, ist es schrecklich, dass sie jetzt auch noch so früh ihre Tante verloren hat.« Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Mit einem Mal blitzten ihre Augen eiskalt auf. »Aber ich kann nicht behaupten, dass ich besonders um Ellen trauere. Ich werde ihr niemals verzeihen können, dass sie einen Mörder großgezogen hat. Jared hat mir mein einziges Kind genommen. Joanna war das Wichtigste in meinem Leben, ohne sie ist alles irgendwie sinnlos, verstehst du?«

Unwillkürlich spürte Kate den Drang zu widersprechen, zwang sich aber im letzten Moment dazu, den Mund zu halten. Stattdessen ließ sie Wendy einfach weiterreden.

»Naja, zumindest hoffe ich, dass unser Leben jetzt wieder etwas ruhiger wird. Ellen hat ja alle in Shadow Lake gegeneinander aufgehetzt.« Wendy bemühte sich zu lächeln, es wurde aber eher eine Grimasse daraus. »Sie konnte einfach keine Ruhe geben. Aber damit ist jetzt glücklicherweise Schluss.«

Kate schluckte. Inzwischen fühlte sie sich äußerst unwohl und wollte nur noch raus aus dem Laden. Demonstrativ sah sie auf ihre Armbanduhr. »Oh, ich habe ja gar nicht gemerkt, wie spät es schon ist. Tut mir leid, Wendy, ich muss los. Ich habe noch einen wichtigen Termin«, log sie. Sie schnappte sich die Papiertüte, in die sie ihre Einkäufe gepackt hatte, und verließ ohne weitere Erklärung den Laden. Während die Tür hinter ihr zufiel, spürte sie noch Wendys Blicke in ihrem Rücken.

See der Schatten - Kriminalroman
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