Natrium carbonicum

Grundzug: Natrium, aber erdhafter

Nach Natrium muriaticum ist Natrium carbonicum die am weitesten verbreitete Natrium-Konstitution. Sie kommt im wesentlichen bei Frauen vor, und zwar ungefähr so häufig wie Sepia und häufiger als die erwachsene Pulsatilla. Die Unterscheidung zwischen Natrium muriaticum und Natrium carbonicum ist für den Homöopathen oft schwierig, weil es sowohl bei den körperlichen als auch bei den geistigen Symptomen so viele Gemeinsamkeiten gibt.

Der hauptsächliche Eindruck, den die Persönlichkeit von Natrium carbonicum vermittelt, ist der, daß sie Natrium muriaticum gleicht, aber weniger ausgeprägt ist. Mit anderen Worten, Natrium carbonicum hat dieselben Züge wie Natrium muriaticum, aber in leichterer Form. So ist sie im allgemeinen gewissenhaft, neigt aber nicht so stark zum Perfektionismus. Sie ist ziemlich verschlossen, kann aber gegenüber Menschen, die sie liebt, durchaus offen sein und ihnen ihre Zuneigung ausdrücken. Sie gibt gerne, aber sie hat keine Schwierigkeiten, etwas anzunehmen. Das würde bedeuten, daß Natrium carbonicum emotional gesünder ist als Natrium muriaticum, und im allgemeinen halte ich das für zutreffend, weil die emotionale Verdrängung nicht so ausgeprägt ist und deshalb die Vermeidungsmechanismen nicht so stark sein müssen. Es gibt jedoch einen pathologischen Zug, der bei Natrium carbonicum im allgemeinen stärker ausgeprägt ist als bei Natrium muriaticum, und das ist die Ängstlichkeit. Während Natrium muriaticum eher depressive als ängstlich ist, gilt für Natrium carbonicum das Gegenteil. Es handelt sich meist um nervöse Menschen, die nicht genügend Selbstvertrauen haben (Kent: »Furchtsamkeit«) und die man oft mit Lycopodium verwechselt, vor allem weil Natrium carbonicum unter ähnlichen Verdauungssymptomen leidet und einen ähnlichen Körperbau hat. Die Tendenz, negative Gefühle zu verbergen, ziemlich selbstkritisch zu sein und großen Wert auf die Meinung anderer zu legen, identifiziert den Patienten jedoch als eine der Natrium-Arten.

Die Ängstlichkeit von Natrium carbonicum bezieht sich besonders auf den Umgang mit anderen Menschen (Kent: »fürchtet Menschen«). Wie auch einige Vertreter von Natrium muriaticum fühlt sich die Natrium-carbonicum-Frau unter fremden Menschen unwohl, manchmal bis hin zur Panik. Sie neigt auch dazu, sich über alles und jedes Sorgen zu machen, wiederum wie Lycopodium (Kent: »Stimmung – ängstlich«). Erwartungsängste können vorkommen, aber sie eignen sich nicht zur Unterscheidung. Besonders charakteristisch für Natrium carbonicum ist die Angst vor einem Gewitter, oder besser, die Ängstlichkeit während eines Gewitters. Das kommt zwar gelegentlich auch bei Natrium muriaticum vor, aber nicht so häufig und nicht in demselben Ausmaß. Die meisten Carbonicum-Typen fühlen sich während eines Gewitters sehr unwohl. Natrium muriaticum mag sich vor Blitz und Donner fürchten, aber die Ängstlichkeit von Carbonicum entsteht dadurch, daß »etwas in der Luft liegt«, und sie wird schon empfunden, bevor der erste Donnerschlag zu hören ist. Auch die körperlichen Symptome von Carbonicum verschlimmern sich meist während eines Sturms oder kurz davor, was bei Muriaticum nicht üblich ist. (Natrium muriaticum wird merkwürdigerweise an windigen Tagen oft wütend.)

Ein anderes bei Natrium carbonicum sehr verbreitetes Geistessymptom ist Reizbarkeit. Ein Natrium-Mensch, der sehr ängstlich und reizbar ist, aber nicht besonders zu Depressionen neigt, ist wahrscheinlich eher ein Carbonicum. Es ist ziemlich überraschend festzustellen, daß so eine furchtsame Person gleichzeitig sehr reizbar ist. Meist hat die Familie darunter zu leiden, weil sie sich hier am sichersten fühlt (Kent: »streitsüchtig«). Besonders reizbar reagiert die Carbonicum-Frau auf Lärm (Kent: »empfindlich gegen Lärm«), und sie erschrickt im allgemeinen leicht bei einem plötzlichen lauten Geräusch (Kent: »erschrickt bei Kleinigkeiten«).

Da Carbonicum offener ist als Muriaticum und auch nicht so stark zu Depressionen neigt, hat sie meist eine leichtere, natürlichere Ausstrahlung, die der stillen Natürlichkeit von Calcium carbonicum recht nahekommt (und auch Sepia, was eng mit Natrium carbonicum verwandt ist). Wie Calcium ist Carbonicum eher bodenständig als phantasievoll oder dramatisch. Ihre Persönlichkeit ist wie eine Mischung aus Calcium, Natrium und Lycopodium. Sie ist vernünftig, ruhig, und anders als einige Muriaticum-Typen würde sie nie das Rampenlicht suchen. Aber genausowenig würde sie ihr Licht unter den Scheffel stellen, wie Muriaticum das manchmal tut. Meist ist sie ein liebevoller Mensch, der gerne gibt, aber sie kann eher auch sich selbst etwas Gutes tun als ihre stärker gehemmte Schwester. Gleichwohl werden ziemlich viele Natrium-carbonicum-Frauen bis zu einem gewissen Grad Märtyrerinnen, weil sie es schwierig finden, sich gegen stärkere Persönlichkeiten zu behaupten. Dabei haben sie zwar weniger Schuldgefühle als Natrium muriaticum, aber Angst ist für sie ein größeres Problem. »Milde« ist ein Ausdruck, der auf viele Natrium-carbonicum-Frauen sehr gut paßt, trotz ihrer Tendenz zur Reizbarkeit. »Vernünftig« ist ein anderes passendes Wort. Natrium carbonicum ist im allgemeinen angespannter als Calcium und weniger analytisch als Lycopodium. Ihre Persönlichkeit hat etwas »Trockenes«, wie man es ähnlich auch bei Kalium findet, ein Spiegelbild ihres bodenständigen, phantasielosen Geistes.

Die allgemeinen und körperlichen Symptome können eine große Hilfe sein, wenn man zwischen Carbonicum und Muriaticum unterscheiden muß. Carbonicum reagiert meist empfindlicher auf Hitze, Kälte und Trockenheit. In der Regel hat sie eine deutliche Aversion gegen Milch, die ihre Symptome auch verschlimmert, was bei Muriaticum selten vorkommt. (Viele Muriaticum-Typen meiden Milch, weil sie dadurch stärker verschleimen, aber das ist nicht dasselbe.) Eine Verschlimmerung lösen oft auch Säuren wie Essig und Zitrusfrüchte aus. Abgesehen von häufigen Klagen über Absonderungen im Nasenrachenraum konzentriert sich die Pathologie von Carbonicum auf die Därme und die Gelenke, was sie von Muriaticum unterscheidet. Natrium carbonicum neigt zu Blähungen und unspezifischen Bauchschmerzen wie auch Muriaticum, aber letztere kann ebenso unter schwerwiegenderen entzündlichen Erkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa leiden, was ich bei Carbonicum nicht erlebt habe. Ein sehr charakteristisches Symptom von Carbonicum ist das Gefühl des Brennens, vor allem unter den Fußsohlen, aber auch in den Gelenken.

Die körperliche Erscheinung von Carbonicum läßt sich leichter vorhersagen als die von Muriaticum. Meist sind sie dünn und knochig, was für das Gesicht ebenso gilt wie für den Körper. Das Gesicht ist meist von zahlreichen Fältchen gezeichnet, die die Ängstlichkeit widerspiegeln, und der Teint ist fast immer sommersprossig, obwohl das Haar im allgemeinen nicht rot oder blond, sondern eher mittelbraun und meist glatt ist.