KAPITEL 29
Australien
Dallas und ich hatten keine Gelegenheit, das besondere Ereignis zu genießen. Ich musste umgehend zur Arbeit zurück, wo ich die ganze Nacht Entwurftafeln zusammenbaute. Am nächsten Morgen trafen wir uns mit den Eltern von Dallas zu einem heimlichen Frühstück bei Denny’s. Da kein Sonntagvormittag war, durften wir das offiziell zwar nicht, aber wir taten es trotzdem. An diesem Tag erzählte ich jedem, der es hören wollte, stolz davon, dass Dallas und ich verheiratet waren und ich nun Jenna Hill hieß. Es fühlte sich fantastisch an, nicht mehr sofort mit dem Namen Miscavige in Verbindung gebracht zu werden, dennoch änderte der Namenswechsel natürlich nichts an der Tatsache, dass ich Dallas früher oder später meiner Familie vorstellen musste.
Im Dezember 2002 erhielten Dallas und ich die Erlaubnis, unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest zu feiern. Wir würden nach San Diego reisen, um dort die Feiertage mit der Familie von Dallas zu verbringen, und anschließend noch nach Clearwater zu Grandma Loretta und Tante Denise und dann zu meinen Eltern nach Virginia. Die gesamte Verwandtschaft von Dallas war unglaublich nett. Sein Elternhaus war ein großes Blockhaus mit offenem Kamin, wie man es sich gemütlicher nicht vorstellen konnte. Die Flanellbezüge auf den Betten und das gedämpfte Licht ließen alles warm und einladend wirken. Es lag ein Gefühl von Zuhause in der Luft, eine familiäre Atmosphäre, die sich völlig von dem Leben unterschied, in dem ich aufgewachsen war.
Von San Diego aus flogen Dallas und ich nach Clearwater und anschließend weiter ins tiefverschneite Virginia, wo wir an einem herrlichen Wintertag eintrafen. Es war seltsam, meine Eltern in dem kleinen Haus zu sehen, in dem wie bei Dallas’ Eltern ein Kaminfeuer prasselte. Meine Mutter hatte sogar ein Essen für uns zubereitet, was mich völlig verblüffte. Alles wirkte familiär und fremd zugleich, und mit der Zeit bekam ich das Gefühl, vielleicht doch einen Ort zu besitzen, an den ich nach Hause kommen konnte. Zumindest über die Feiertage.
In den folgenden beiden Tagen zeigten uns Mom und Dad die Gegend und erzählten von ihrem Alltag. Es ging ihnen anscheinend richtig gut. Ich hatte eine angespannte Stimmung zwischen uns erwartet, aber davon war nichts zu spüren. Meine Mom widmete sich mit großem Eifer der Inneneinrichtung ihres neuen Hauses und schien dabei viel Spaß zu haben. Mein Vater schenkte uns zu Weihnachten ausgerechnet einen Fernseher und einen kombinierten Video/DVD-Spieler, was natürlich toll war, aber gegen die Vorschriften der Church verstieß. Wir würden ein gutes Versteck dafür finden müssen. Bei unserer Abreise schien es mir fast, als hätte ich Eltern, die wirklich für mich da waren. Vielleicht lief es am Ende ja doch nicht nur auf Dallas und mich hinaus. Zum ersten Mal seit meiner frühesten Kindheit hatte ich das Gefühl, eine Mutter und einen Vater zu haben, an die ich mich in Zeiten der Not wenden konnte.
Zurück in Kalifornien wirkte unser kleines Zimmer auf der Base zwar trostloser denn je, aber wenigstens war es unser eigenes Reich. So klein es auch sein mochte, ein Vorteil des Ehelebens bestand darin, dass Dallas und ich nun ein eigenes Zimmer besaßen. Für mich waren wir damit jetzt eine kleine Familie, auch wenn diese nur aus zwei Personen bestand. Wir hatten einen Ort, an dem wir allein sein konnten. Wir durften außerdem zusammen essen, und sollten wir einmal Freizeit haben, so durften wir auch die gemeinsam verbringen. Mit den Weihnachtsgeschenken, die wir bekommen hatten, wirkte das Zimmer gleich ein wenig wohnlicher. Tante Denise hatte uns ein paar Vorhänge geschenkt und Grandma eine Patchwork-Decke. Und nach mehr als zwei Jahren erzwungener Funkstille wurde mir nun sogar gestattet, künftig mit meinen Eltern zu telefonieren.
Verheiratet zu sein, machte die Dinge leichter. Nicht dass meine Probleme mit der Church dadurch verschwunden wären, aber ich konnte sie immer wieder lange genug verdrängen, um uns ein wenig in unserem Alltag einzurichten. Das, was in der Vergangenheit passiert war, konnte ich zwar nicht vergessen, doch ich musste mich nicht täglich damit beschäftigen.
Dallas und ich waren etwas mehr als ein Jahr verheiratet, als mein Vorgesetzter in der Immobilienverwaltung mir mitteilte, ich sei für eine Missionsaufgabe im australischen Canberra ausgewählt worden. Dort gab es eine kleine schwächelnde Scientology-Gemeinde, und meine Aufgabe sollte darin bestehen, ein neues Gebäude für sie zu finden und genügend Spendengelder aufzutreiben, um es zu kaufen.
Als ich hörte, dass die Mission mindestens sechs Monate dauern würde, rastete ich ein wenig aus. Ich wollte nicht so lange von Dallas getrennt sein. Aus eigener Erfahrung wusste ich nur zu gut, wie häufig Ehepaare durch ihre Jobs in der Church getrennt voneinander leben mussten. Ich hatte es bei meinen Eltern und anderen Bekannten gesehen, und ich erlebte es gerade bei einer Frau in der Immobilienverwaltung, die seit neun Jahren von ihrem Ehemann getrennt war. Zwei Freunde von mir waren für zwei Jahre auf Posten abkommandiert worden, die weit weg von ihren Partnern lagen, und beide waren mittlerweile geschieden.
Dallas und ich würden alles daransetzen, dass uns das nicht passierte. Also schlug ich vor, mit Dallas gemeinsam diese Missionsaufgabe anzugehen. Ich schickte ein Schreiben an den Vorgesetzten auf der Int, in dem ich seine Qualifikationen auflistete, und erhielt kurz darauf die Nachricht, dass er mich begleiten dürfe. Eine derart reibungslose Einwilligung kam mir sehr merkwürdig vor, aber mir sollte es recht sein.
Weder Dallas noch ich hatten je an einer Missionsaufgabe teilgenommen, was das Ganze noch eigenartiger machte. Zudem verlief der nötige Clearance-Prozess vor einer solchen Mission bei uns extrem ungewöhnlich. Normalerweise wurden alle, die man mit solch langfristigen Einsätzen betraute, sogenannten Opportunity Checks unterzogen, in denen nachgeforscht wurde, aus welchen Beweggründen sie auf die betreffende Mission gehen wollten. Dallas und ich blieben davon verschont. Außerdem hätten wir einen detaillierten Missionsauftrag mit umfassenden Angaben zu den angestrebten Zielen, abgesegnet vom RTC, studieren müssen, auf dessen Verständnis wir in einer anschließenden Prüfung getestet und bewertet worden wären, bevor wir zu guter Letzt noch jede Zielvorgabe in Ton hätten modellieren müssen. Nichts von alledem fand statt. Der Missionsauftrag, der uns ausgehändigt wurde, schien erst zwei Minuten vor unserer Abfahrt zum Flughafen geschrieben worden zu sein. Er war in aller Eile zusammengeschustert, ausgedruckt und in den alten Auftrag von anderen Leuten eingefügt worden. Demnach lautete unsere Mission: »Finden Sie ein Gebäude in Kentucky.«
Die ganze Sache war höchst sonderbar. Warum diese Mission und warum wir? Es schien nur darum zu gehen, uns für eine Weile »offline« zu nehmen und unsichtbar zu machen. Keiner von uns verstand, was dahintersteckte, aber wir fragten auch nicht allzu beharrlich nach. Wir waren nur froh, gemeinsam nach Australien gehen zu können.
Im Januar 2004 startete unser achtzehnstündiger Flug nach Sydney. Australien versprach eine spannende Erfahrung zu werden, so viel war uns vom ersten Augenblick an klar, als wir aus dem Flugzeug stiegen.
In Canberra hatten wir ungewohnt viele Freiheiten. Wir konnten gehen, wohin wir wollten. Da ein Mietwagen zu teuer war, kauften wir uns Fahrräder, um mobiler zu sein. Zum ersten Mal musste ich mich selbstständig in der realen Welt zurechtfinden. In Clearwater hatte es viel mehr Scientologen gegeben, in Canberra waren es nur eine Handvoll. Wir lebten inmitten von Wogs. Zuerst beunruhigte mich das ein wenig, aber mit der Zeit lernte ich immer mehr von ihnen kennen und gewöhnte mich daran.
Die Church kam für unseren Lebensunterhalt auf, bezahlte unsere Wohnung und unsere Lebensmittel. Allerdings mussten wir ständig darum kämpfen, dass die Überweisungen auch pünktlich eingingen. Ich musste Kochen lernen, da ich mein ganzes Leben in Kantinen durchgefüttert worden war, und es war sehr ungewöhnlich, mit einem Mal keinen großen Essenssaal mehr zu haben, in den man einfach gehen konnte. Ob nun beim Einkaufen im Supermarkt oder beim Kochen zu Hause, ich hatte das Gefühl, permanent nur mit Essensfragen beschäftigt zu sein. In der Anfangszeit traute ich mich noch nicht, den Herd zu bedienen, und Dallas übernahm das Kochen. Manchmal gingen wir auch essen. Als ich mich endlich am Nachkochen von Rezepten versuchte, machte es mir zwar Spaß, aber die Ergebnisse waren in der Regel ungenießbar. Alles, was ich kochte, schmeckte ekelhaft.
Dabei war das Kochenlernen nur die Spitze vom Eisberg. Die größte Herausforderung stellte für uns der Job selbst dar. Wir sollten für die Scientology-Gemeinde in Canberra ein neues Haus finden, Spenden zum Ankauf sammeln, das Gebäude erwerben und für seine Renovierung sorgen. Da Scientology gerade einheitliche Standards für alle neuen Kirchengebäude einzuführen versuchte, musste die Immobilie über wenigstens 2300 Quadratmeter verfügen, andernfalls würde sie nicht genehmigt werden. Darüber hinaus sollte sie verkehrsgünstig gelegen sein und nicht zu firmenartig aussehen, lieber etwas alteingesessener und geschmackvoller. Wie wir bei unseren Recherchen schnell feststellten, würde ein Gebäude, das all diese Kriterien erfüllte, mehrere Millionen Australische Dollar kosten.
Unser Problem war nun, dass es in ganz Canberra nur fünfzehn bis zwanzig praktizierende Scientologen gab. Die ganze Situation in Canberra unterschied sich erheblich von den Beschreibungen in unserem Missionsauftrag. In Wahrheit bestand die lokale Organisation aus gerade mal zehn Menschen, die lediglich Einführungskurse erteilten. Nicht einmal Auditing fand statt, das zentrale Angebot jeder Scientology-Organisation. Und dann hatte man sie auch noch aus ihren bisherigen Räumlichkeiten geworfen, nachdem sie sechs Monate die Miete schuldig geblieben waren.
Auf ihrer Liste potentieller Spender führte die Kirche jeden, der irgendwann einmal der Kirche gegenüber seinen Namen für einen Kurs, einen Stresstest oder zu irgendeinem anderen Zweck angegeben hatte, selbst wenn die meisten von ihnen nie zurückgekommen waren. Erschwerend kam hinzu, dass Dallas und ich in unserem Leben noch keinen einzigen Cent an Spenden eingetrieben hatten. Unser Team umfasste zwar noch ein drittes Mitglied, das über Erfahrungen im Spendensammeln verfügte und schon einige Missionseinsätze hinter sich hatte, aber diese Scientologin wurde schon nach kurzem wieder zurückbeordert. Somit blieben wir ganz auf uns allein gestellt bei einer Aufgabe, die sowieso schon unmöglich zu bewerkstelligen war. Die Annahme, bei etwa fünfzehn Scientologen, von denen keiner mehr als achtzigtausend Dollar im Jahr verdiente, gleich mehrere Millionen an Spendengeldern einsammeln zu können, war einfach absurd. Zudem hatten viele dieser Scientologen schon für Angebote gezahlt, die ihnen die Church in Canberra überhaupt nicht liefern konnte. Sie dann um noch mehr Geld zu bitten, schien uns nicht korrekt. Obwohl wir in den täglichen Berichten unsere Erkenntnisse ausführlich beschrieben, wurden wir gedrängt, die Betreffenden dennoch um Spenden anzuhalten. In anderen australischen Organisationen der Kirche für unsere Kampagne zu werben, wurde uns ebenfalls untersagt, da die bereits mit eigenen Aufrufen aktiv waren. Am Ende brachten wir es mit viel Werbung und zahlreichen kleinen Spendenveranstaltungen wie Tombolas, Spielfesten und Aufführungen auf eine Summe von fünfundsiebzigtausend Dollar.
Aus heutiger Sicht war das eigentlich richtig gut für zwei Leute, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Cent eingesammelt hatten. Entscheidend dazu beigetragen hatten ein paar Freunde, die wir dort kennenlernten und die uns mit ihren umfangreichen Kontakten halfen, neue Ansprechpartner zu finden und Geld aufzutreiben. Die Church hielt diesen Betrag allerdings weiterhin für völlig unakzeptabel, obwohl Dallas und ich langsam nicht mehr wussten, was wir noch versuchen sollten. Wir hatten alles in unserer Macht Stehende getan, jetzt lag es an der Church, entweder unseren Missionsauftrag zu ändern oder die Kriterien für das Gebäude, das wir erwerben sollten. Verschiedene Male baten wir darum, wieder nach Hause beordert zu werden, erhielten aber keine Erlaubnis.
Inzwischen hatten Dallas und ich es satt, ständig dieselben Leute um Spenden zu bitten. Ich sah, wie die Menschen lebten, und wusste, dass sie tatsächlich kein Geld dafür erübrigen konnten. Für uns beide war das eine völlig neue Erfahrung, und wir gerieten zunehmend in Konflikt mit den Anweisungen, die uns die Church gab. Es schien ihr weniger darum zu gehen, eine Gemeinde aufzubauen, um durch sie die Scientology-Lehre zu verbreiten, als darum, möglichst viel Geld einzutreiben und ein hübsches Gebäude zu bekommen. Das neue Haus wollten sie mit hochmodernen Videoanzeigen und anderen technischen Spielereien ausstatten, die die eigentliche Scientology-Lehre in den Hintergrund zu drängen drohten. Uns erschien es als habgierig, diese Menschen, die doch bereits so viel gegeben hatten, noch weiter um Geld zu bitten.
Je energischer wir nach immer mehr Geldquellen suchten, desto stärker gerieten wir ins Licht der allgemeinen Öffentlichkeit. Und die Reaktionen waren nicht nur erfreulich. Für einen Spendenaufruf verfassten wir Werbeschriften, die wir an alle Scientology-Anhänger auf unserer Liste schickten. Einige davon kamen postwendend mit üblen Kommentaren versehen zurück. Ich weiß noch, dass einer schrieb, L. Ron Hubbard sei ein Schwindler und wir allesamt Schwachköpfe. Mich überraschten diese Beschimpfungen, vor allem, da wir noch etwa zehn andere in ähnlichem Tonfall bekamen. Nach den Aussagen, die ich mein ganzes Leben lang von Onkel Dave und anderen hochrangigen Kirchenvertretern gehört hatte, war ich davon ausgegangen, dass L. Ron Hubbard bei allen Menschen sehr beliebt gewesen sei, dass Scientology boomte und sich rasch über den ganzen Erdball verbreitete. In Australien aber schienen die wenigsten überhaupt zu wissen, worum es bei Scientology ging, und von denen, die es wussten, reagierten viele ablehnend.
Wir begannen, die Freiräume, die wir besaßen, zu nutzen und kamen mit Ansichten in Berührung, die in scharfem Widerspruch zu den Einstellungen von Scientology standen. Trotz der Verbote sahen wir täglich ein bis zwei Stunden Fernsehen. Besonders gut gefiel mir die Serie Queer Eye for the Straight Guy, in der fünf schwule Männer mit ihrem Expertenwissen über Mode, Kultur, Wohndesign, Essen und andere Stilfragen anderen, nicht Schwulen dabei halfen, ihr Leben umzukrempeln. Ich mochte die Figuren und die Inszenierung und war ein wenig verwundert darüber, dass das Gezeigte nicht dem entsprach, was ich bei Scientology gelernt hatte. Uns war beigebracht worden, dass Homosexuelle pervers und verdeckt feindselig wären, beides Eigenschaften, die sie schon fast zu SPs machten. Wenn ich mir jetzt die Typen im Fernsehen ansah, konnte ich allerdings keine dieser Eigenschaften entdecken. Es ergab einfach keinen Sinn, und ich verstand nicht, wie dieses Urteil zutreffen sollte.
Wir besaßen auch einen Internetanschluss, mit dessen Umgang ich jedoch reichlich unerfahren war. Eines Tages machte Dallas mich auf eine Website namens Operation Clambake aufmerksam, die der Church gegenüber sehr kritisch eingestellt war. Als ich die Zielrichtung der Seite begriff, sahen Dallas und ich einander fassungslos an. Uns beiden war klar, dass wir auf etwas gestoßen waren, von dem wir eigentlich die Finger lassen sollten. Dennoch konnte keiner von uns leugnen, wie interessant die Sache klang. Aus Selbstbeherrschung hielten wir uns zurück, aber schon das, was wir sahen, war ziemlich aufschlussreich. In einer Story auf der Seite wurde etwa behauptet, Onkel Dave habe sich mit unlauteren Mitteln an die Spitze der Church gedrängt. Hier hörte ich zum ersten Mal eine negative Bemerkung im Zusammenhang mit seiner Führerschaft. Die Seite machte mich irgendwie neugierig, andererseits verstand ich auch nicht richtig, wie Websites zustande kamen und funktionierten. Bewusst war mir jedoch, dass es Ärger einbringen konnte, sich solche Sachen anzusehen. Operation Clambake erwähnte auf seiner Seite unter anderem OT III-Material, und ich war gewarnt worden, welche Folgen eine verfrühte Auseinandersetzung mit Informationen aus noch nicht erreichten Stufen haben konnte. Ich beschloss, mich davon fernzuhalten, um nicht geisteskrank zu werden.
Ganz aus dem Kopf bekam ich die auf der Website geäußerten Vorwürfe gegen meinen Onkel aber nicht. Durch die Demonstranten vor der Flag Land Base wusste ich natürlich von den Aufwühlern, mit denen Scientology zu kämpfen hatte, neu war mir allerdings, dass es komplette Websites gab, die sich gegen Scientology richteten, und neu war mir auch, welche Rolle das Internet inzwischen im Alltag der Menschen spielte. Aus irgendeinem Grund fand ich es nicht nur überraschend, sondern auch irgendwie beruhigend, wie leicht Dallas auf die Seite gestoßen war. Ein wenig ähnelte es dem Moment damals auf der Ranch, als ich heimlich gehofft hatte, die Mitarbeiter der beauftragten Fremdfirmen würden sich für uns einsetzen. Sobald die Erfahrungen, die wir mit Scientology machten, draußen wahrgenommen wurden, verlieh mir das ein Gefühl der Ermutigung, selbst wenn sich dadurch nicht unmittelbar etwas änderte.
Als ich meine Eltern an diesem Abend anrief, fragte ich sie, ob an der Geschichte über Onkel Dave etwas dran sein könne. Sie behaupteten, nicht viel davon zu wissen, und sagten, dass sie das Internet nicht unbedingt für eine verlässliche Informationsquelle hielten. Da meine Eltern die Sache so abtaten, geriet sie bei mir ein wenig in Vergessenheit.
Nicht nur die Dinge, die wir lasen und sahen, ließen uns tiefgehender über die Church nachdenken, auch die Menschen, die wir kennenlernten, und unser Lebensstil, der sich so stark verändert hatte, trugen dazu bei. Vorbei war die Zeit unablässiger Reglementierungen und ständiger Security-Checks. Jetzt konnten wir tatsächlich unser eigenes Leben führen, jedenfalls mehr als früher. In Canberra freundeten wir uns mit den meisten Anhängern von Scientology an, schon allein, weil wir auf sie beim Spendensammeln angewiesen waren. Wenn ich mit ihnen zusammen war, konnte ich mir vorstellen, wie mein Leben mit Dallas aussehen würde, wären wir nur noch öffentliche Scientologen, die ihr eigenes Einkommen hatten. Unter den Scientology-Mitarbeitern war mir bislang noch keiner begegnet, der neben seiner Arbeit für die Church noch einer normalen Zweitbeschäftigung nachging.
Neben dem neuen Lebensstil veränderte uns auch die veränderte Präsenz der Church. Ich begann zu begreifen, dass Orte wie die Flag und die Int nur Ausnahmen darstellten, nicht die Regel. Mir war immer von fünfhundert über die gesamte Erde verteilten Scientology-Kirchen berichtet worden, und ich hatte sie mir alle wenigstens annähernd in der Größenordnung der Flag vorgestellt. Damit hatte ich eindeutig falsch gelegen. Ich sah diese kleine, ums Überleben kämpfende Gemeinde in Canberra, redete mit der Handvoll von Freizeit-Scientologen dort und musste erkennen, dass Scientology sich keineswegs auf dem Siegeszug rund um den Globus befand, von dem uns immer erzählt wurde.
Meine vermutlich aufrüttelndste Erfahrung betraf jedoch nichts Unerlaubtes oder Widersetzliches, sie bestand schlicht in meiner Freundschaft zu einer Frau namens Janette. Als wir uns kennenlernten, hatte sie zwei kleine Töchter, und ein drittes Kind, ein Junge, war gerade unterwegs. Wir verbrachten viel Zeit bei ihr, besuchten die Geburtstagsfeiern ihrer Kinder und unterhielten uns. Die zweijährige Eden war einfach süß. Sie hatte die schrägsten Einfälle und ständig Unfug im Kopf. Ich spielte viel mit ihr, und wenn ich in die Org ging, nahm ich sie manchmal mit und spielte dort weiter mit ihr, obwohl ich doch eigentlich ein Sea Org-Mitglied auf Mission war. Dass Eden mich ablenkte, war mir klar. Aber ich konnte nichts dagegen machen, es kam mir einfach so natürlich vor. Für ein Sea Org-Mitglied auf Mission war mein Verhalten dennoch ungebührlich.
Ich hatte auch noch nie eine Schwangerschaft aus solcher Nähe miterlebt wie jetzt bei Janette. Sie erzählte mir davon, und es klang so fantastisch, wozu ein bloßer sogenannter Fleischkörper alles fähig war. Bei Janette hatte ich das Gefühl, sie alles fragen zu können. Wir trafen sie auch unmittelbar nach der Geburt ihres Sohnes, und es war einfach alles irgendwie unglaublich.
Die vielen gemeinsamen Stunden mit Janette und Eden weckten in mir Überlegungen, wie ich sie in dieser Form nie zuvor angestellt hatte. Wie wäre es, selbst eine solche Familie zu haben? Auch Dallas verstand sich großartig mit Eden. Er hob sie immer hoch und wirbelte sie herum, bis sie vor Freude quietschte. Er liebte Kinder und sprach ständig davon, wie süß und einzigartig sie seien. Da Sea Org-Mitglieder keine Kinder haben durften, hatte mich der Gedanke, selbst Mutter zu werden, nie sonderlich beschäftigt. Jetzt fragte ich mich zum ersten Mal, ob ich da nicht etwas verpasste.
Nach einem Jahr war weiter kein Ende unserer Mission in Sicht. Wir genossen unser freieres Leben, achteten aber zugleich auf die Vorschriften und bemühten uns, nicht allzu sehr davon abzuweichen. Auch wenn wir ein paar neue Dinge ausprobiert hatten, so fühlten wir uns der Church und unserer Verantwortung unverändert verpflichtet. Im Nachhinein wünschte ich mir, wir wären nicht so ängstlich gewesen und hätten den Strand und andere Ausflugsziele besucht. Doch für derart grobe Verstöße gegen Kirchenregeln waren wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit.
Alles in allem war das Jahr jedoch eine wohltuende Erfahrung. Dinge, die mich an der Church frustrierten, brachten mich jetzt nicht mehr so auf. Und da wir hier so viel weniger unter Beobachtung standen, ließen sich die Themen, mit denen ich Probleme hatte, auch einfach leichter verdrängen.
Weihnachten 2003 erhielten wir zwar die Erlaubnis, die Feiertage zu Hause zu verbringen, doch die Eltern von Dallas mussten für unseren Hin- und Rückflug aufkommen. Mein Dad bezahlte uns den Flug nach Virginia, wo wir eigentlich Grandma Loretta treffen sollten, aber die sagte ab, weil es ihr nicht gut ging. Dass dieses Wiedersehen scheiterte, tat mir besonders leid, denn Grandma war diejenige, auf die ich mich am meisten gefreut hatte.
Vor unserer Rückreise nach Australien fuhren Dallas und ich noch im Zentralbüro in L. A. vorbei, um – wie wir dachten – unseren überarbeiteten Missionsauftrag abzuholen. Zu unserem größten Erstaunen teilte der neue Leiter uns mit, dass wir der Sea Org-Base in Sydney überstellt wurden. Die Nachricht schockierte uns. Auf unsere Frage, wann wir nach Kalifornien zurückkommen würden, erklärte er, niemals, Sydney sei von nun an unser Sea Org-Posten.
Diese Vorgehensweise war höchst ungewöhnlich, sie widersprach sogar völlig den Regularien der Kirche. Wir hatten noch nicht einmal unsere Canberra-Mission angemessen abgeschlossen. Und für den Job in Sydney lagen weder konkrete Stellenunterlagen vor, noch hatte jemand den Wechsel organisiert. Nachdem wir energischen Widerspruch gegen diese Behandlung eingelegt hatten, erhielten wir die Zusage, dass wir dort nicht fest stationiert, sondern nur eine Mission durchführen würden. Den Missionsauftrag würde man uns nachschicken. Also fuhren wir nach Sydney. Die versprochenen Unterlagen kamen nie.
Zwei Wochen lang mahnten wir in Sydney unseren Missionsauftrag an. Als das zu nichts führte, verlangten wir, nach Hause fahren zu dürfen. In diesen Tagen erfuhr ich vom Tod meiner Großmutter. Sie war auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums bewusstlos in ihrem Wagen gefunden worden und aus ihrem Koma nicht mehr erwacht. Mir wurde gesagt, dass sie an den Folgen ihres Lungenemphysems gestorben sei.
Ich weinte den ganzen Tag hemmungslos. Die Vorstellung, sie nie wiedersehen, umarmen oder mit ihr reden zu können, war schrecklich. Ich wünschte mir, mehr Zeit mit ihr verbracht zu haben, als ich noch die Gelegenheit dazu hatte. Aber ich versuchte mich zugleich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass sie nun irgendwo einen neuen, jüngeren Körper bekommen würde, einen schmerzfreien Körper, und dass sie damit glücklicher wäre.
Wir bemühten uns bei der Kirche darum, zu ihrem Begräbnis fliegen zu können, aber es gelang ihnen nicht, uns rechtzeitig einen Flug zu besorgen. Immerhin wurde meinen Eltern gestattet, an der Beerdigungsfeier in Florida teilzunehmen. Ich war am Boden zerstört, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, mich von meiner Großmutter zu verabschieden. Wenn niemand in der Nähe war, sprach ich manchmal mit ihr, nur um ihr alles Gute zu wünschen. Aber ich glaube nicht, dass sie mich hörte.