KAPITEL 27
Auf Messers Schneide
Ich starrte auf das San Fernando Valley und überlegte, was ich als Nächstes tun sollte. Ich begann die Straße nach Los Angeles hinunterzulaufen und war kaum eine Viertelstunde unterwegs, als Mr. Rathbun zurückkam. Diesmal stieg ich ohne lange Diskussion in den Wagen.
»Hör mal«, fing Mr. Rathbun an, »wenn du dein Programm absolvierst, dann wirst du auch Dallas wiedersehen.« Ich hatte keine Ahnung, welches Programm er meinte, aber es würde gewiss wieder eine endlose Serie von Security-Checks beinhalten, das war das Mindeste.
»Einverstanden«, erwiderte ich. »Aber ich tu das nur aus Liebe zu Dallas, aus keinem anderen Grund.«
»Verstanden. Ich hab nur dein Bestes im Sinn.«
Wir saßen eine Weile schweigend im Wagen, bevor wir zurück zur Base fuhren.
Bevor er mich absetzte, hielten wir noch am Celebrity Center, wo er das höchst wichtige Protokoll einer Auditing-Sitzung, die er mit Tom Cruise gehabt hatte, abgeben musste.
»Renn jetzt bitte nicht gleich weg, wenn ich aussteige«, sagte er. »Ich bin sofort wieder zurück.«
Die Verlockung war groß, aber ich war zu erschöpft. Und welchen Sinn hätte es gehabt wegzulaufen? Ich hätte gar nicht gewusst wohin.
Am nächsten Morgen war ich wieder gefasst genug, um rational zu denken. Ich beschloss zu kooperieren, die Sitzungen zu machen und nach Möglichkeit alle Maßnahmen zu erfüllen, die von mir verlangt wurden. Die folgenden fünf Tage absolvierte ich Sitzungen mit Sylvia Pearl vom Office of Special Affairs. Diese Abteilung operierte als eine Art Geheimpolizei und war bekannt dafür, vor allem bei solchen Leuten Security-Checks durchzuführen, die als ernstzunehmendes Sicherheitsrisiko galten. Die Videokamera in ihrem Büro war direkt auf mich gerichtet.
Sie begann die Überprüfung mit der Frage, auf die sie die Antwort längst kannte: Hatte ich Sex mit Dallas gehabt? Anschließend wollte sie alles darüber erfahren – wo, wie, wie oft, wie lange – und das in jeder verfluchten Einzelheit. Da es sich um einen Sec-Check handelte, hatte ich natürlich mit bohrenden Fragen gerechnet, dennoch empfand ich es als verletzend und penetrant. Sie wollten mich nicht nur demütigen, sie waren auch darauf gedrillt, mir das Gefühl zu vermitteln, mir sei Gewalt angetan worden. Die Bereitschaft, in persönlichste Bereiche einzudringen, zeichnete einen guten Security-Prüfer aus, und Sylvia Pearl war erstklassig darin. Gleichzeitig wuchs meine Abneigung, bei etwas mitzuwirken, was so eindeutig darauf abzielte, gegen mich verwendet zu werden und mich zu kontrollieren.
Es war schon schlimm genug, Sylvia meine intimsten Erlebnisse zu offenbaren, aber dann waren da ja auch noch die unsichtbaren Zeugen im Raum. Zum einen gab es bestimmt jemanden, der mich entweder über die Kamera direkt beobachtete oder der sich später die Aufzeichnung ansah. Außerdem würde natürlich noch ein anderer das Arbeitsblatt meiner Sitzung lesen. Mir wurde schlecht bei der Vorstellung, wie viele Menschen noch im Laufe dieses Tages Dinge aus meinem intimsten Privatleben erfahren würden. Angeblich sollte die Prüfung nur zu meinem Besten sein, aber dieser systematische Voyeurismus war einfach zu viel für mich.
Letztlich führten all diese Verhöre lediglich dazu, dass ich den Sinn der ganzen Tortur in Frage stellte. Hätte ich bloß gestehen müssen, was ich getan hatte, und Buße leisten, wäre das ja noch gegangen, aber die vielen Details, die ich preisgeben musste, dienten einfach keinem Zweck. Scientology zufolge fühlte man sich umso erleichterter, je mehr Einzelheiten man offenbarte. Ich fühlte mich jedoch nicht erleichtert, ich fühlte mich benutzt.
Sie schienen fest entschlossen, mich dahin zu bringen, mein Out 2D und mein gesamtes Verhalten offen zu bereuen und einzugestehen, dass ich im Unrecht gewesen sei. Es wäre mir sicherlich leichter gefallen, hätte ich mich selbst im Unrecht gesehen. Aus irgendwelchen Gründen, die ich nicht hätte benennen können und die außerhalb meiner Kontrolle und meines Denkvermögens lagen, war ich nicht fähig, mich so zu fügen, wie sie es wollten und wie ich es früher ja auch getan hatte.
Wenn ich einmal keine Sitzung hatte, erkundigte ich mich nach Dallas, der vermutlich an einem anderen Ort gerade die gleiche Prozedur über sich ergehen lassen musste. Nach fünf Tagen wurde mir erlaubt, ihm einen Brief zu schreiben. Einige Stellen ließ Mr. H mich allerdings ändern, nachdem sie ihn durchgelesen hatte. Zwei Tage später erhielt ich eine Antwort, die jedoch nur wenige Zeilen umfasste und gar nicht nach Dallas klang. Kurz gesagt stand darin: Er absolviere sein Programm, ich solle meins machen, und er würde mich lieben. Die Knappheit des Briefs bereitete mir mehr Kopfzerbrechen als der Inhalt.
Nach ein paar weiteren Tagen mit Sylvias Fragen merkte ich, wie sich meine Einstellung änderte. Während ich bislang die Fragen trotz des Widerwillens beantwortet hatte, fiel es mir nun plötzlich schwer, überhaupt daran mitzuwirken. Wenn ich im Auditing-Raum Platz nahm und auf den Beginn der Befragung wartete, zweifelte ich daran, noch eine Beichtrunde vor Publikum aushalten zu können.
»Würden Sie bitte die Kamera ausschalten?«, bat ich Sylvia. Ich wollte nur ein wenig Privatsphäre. Ich würde die Sitzung mitmachen, ich brauchte nur etwas Unterstützung, ein wenig Geborgenheit – wenigstens ein Gespräch unter vier Augen.
»Nein«, erklärte sie, und dabei blieb es.
Sie begann mit ihren Fragen. Ich machte einfach dicht und weigerte mich, mit ihr zu reden. Ich hatte nichts zu sagen. Ich kannte sowieso keine Worte, denen sie zugehört hätte. Während ihre Ungeduld wuchs und wuchs, konnte ich nur daran denken, den Raum zu verlassen. Und wie dringend ich hier rausmusste. Das Problem war nur, dass ich nirgends hin durfte.
Ich stand auf, um zu gehen. Sylvia stellte sich mir in den Weg. Sie war kräftig und gut vorbereitet auf solche Situationen, auch wenn sie die Fünfzig bestimmt schon überschritten hatte. Über eine Viertelstunde lang versuchte ich vergeblich, mich ihrem Griff zu entziehen, dann versprach ich, nicht wegzulaufen, wenn sie mich wenigstens bis zum rückwärtigen Treppenhaus gehen ließ. Es war die Lösung mit dem geringsten Konfliktpotential, die mir einfiel. Sie ließ einen Moment locker, und ich nutzte die Chance sofort.
Am ersten Sicherheitsmann kam ich noch vorbei, aber er informierte über Funk einen Kollegen vier Stockwerke tiefer, der zum Fuß der Treppe kam. Ich sprang mehr oder weniger von einem Absatz zum nächsten und erreichte kurz vor dem zweiten Wachmann den Ausgang.
Sobald ich draußen auf dem Hollywood Boulevard in der Öffentlichkeit war, konnte mir nichts mehr passieren. Niemand würde es wagen, für einen Aufruhr zu sorgen. Ich lief die Straßen hinunter und merkte schon bald, dass Sylvia mich entdeckt hatte und mir folgte.
»Jenna … Jenna, warte! Halt an!«, rief sie über den Verkehrslärm hinweg.
»Lassen Sie mich in Ruhe!«, brüllte ich zurück. »Ich geh nicht zurück. Ich werde Dallas suchen, und ich werde ihn finden.«
Mit dem Hollywood Inn fing ich an. Ich überprüfte jede Etage, fragte jeden, den ich traf, ob er ihn gesehen hatte. Zurück im HGB stürmte ich zu Mr. Hs Büro hinauf.
»Wo ist er?«, verlangte ich zu wissen. Sie machte nicht einmal Anstalten, mir zu antworten, sondern sah mich einfach nur an. Wir fixierten einander minutenlang und warteten ab, was der andere als Nächstes tun würde. Ich ließ keinen Zweifel daran, dass mit dem guten Verhältnis, das wir über die letzten Monate aufgebaut hatten, nun Schluss war. »Ich werde ihn finden! Und soll ich Ihnen noch was sagen? Ich werde nie wieder eine Sitzung machen, nur damit sich jemand an meinen Sexgeschichten aufgeilen kann. Damit ist endgültig Schluss.«
Sie schlug mir die Tür vor der Nase zu. Ich klopfte. Da sie nicht reagierte, klopfte ich immer lauter und schrie dazu. Inzwischen hatte ich nichts mehr zu verlieren, also nahm ich Anlauf und warf mich krachend gegen die Tür. Beim zweiten Versuch flog sie trotz des Schließriegels auf. Ihr genervter Gesichtsausdruck wich blankem Entsetzen. Wie erstarrt verfolgte sie, wie ich in den Unterlagen zu wühlen begann, die im Zimmer verstreut lagen, und nach Anhaltspunkten für seinen Aufenthaltsort suchte. In einem der Stapel stieß ich auf einen Bericht von jemandem, der einen Security-Check bei ihm durchgeführt hatte. Er beinhaltete sämtliche pikanten Details unseres intimen Zusammenseins, was mich zwar nicht verwunderte, mich aber dennoch ärgerte.
Beim Überfliegen der Seiten stieß ich auf den Namen seines Auditors: Tessa, vom Office of Special Affairs. Ich rannte an der noch immer reglos dastehenden Mr. H vorbei durch die Tür und die Treppe hinunter zu den Auditing-Räumen der OSA. Da ich Tessa nirgends finden konnte und mir niemand sagen wollte, wo sie war, wartete ich draußen vor dem Gebäude auf sie.
Ein paar Minuten später kam Tessa zusammen mit einer anderen Frau aus dem Vordereingang des HGB und ging auf ein Auto zu. Ich hielt sie auf und verlangte zu wissen, wo Dallas steckte, aber sie weigerten sich, mit mir zu sprechen. Vor ihrer Abfahrt gab sie mir noch den Rat, mir keine Sorgen um Dallas zu machen, sondern lieber selbst wieder auf die Beine zu kommen.
Während der folgenden zwei Wochen setzte ich meine Suche nach Dallas fort und verbrachte quälend lange Tage damit, sämtliche Sea Org-Gebäude in L. A. nach dem Ort zu durchforsten, an dem sie ihn versteckt hielten. In meiner offiziellen Sea Org-Uniform ging ich durch die Flure und suchte in beharrlicher Detektivarbeit nach Hinweisen. Und auch wenn ich keine Türen mehr aufbrach oder Straßen hinuntersprintete, so wuchsen doch mit jedem Tag meine Wut und meine Entschlossenheit.
Ich glaubte nicht ernsthaft daran, konkrete Ergebnisse erzielen zu können, aber immerhin gewann ich Zeit, um über die letzten Wochen und die Art, wie sie mich behandelt hatten, nachzudenken. In vielerlei Hinsicht war ihr Verhalten ungewöhnlich. Früher einmal hätte mir ein Wutanfall wie der bei Sylvia im Auditing-Raum eine saftige Strafe eingebracht, aller Wahrscheinlichkeit nach RPF. Stattdessen drohten sie mir zwar ständig mit RPF, aber das schien alles nur Gerede zu sein. Wenn sie hart gegen mich hätten vorgehen wollen, wäre nach der Sitzung mit Sylvia der beste Zeitpunkt gewesen. Doch sie taten nichts, sondern ließen mich unbehelligt durch die Flure der PAC Base laufen. Natürlich folgte mir dabei eine Aufpasserin auf Schritt und Tritt, aber aufzuhalten versuchte sie mich nicht.
Diese Inkonsequenz in ihrem Vorgehen war schwer nachvollziehbar und ließ mich darüber grübeln, was wohl hinter den Kulissen vor sich ging. Sie befanden sich ganz offensichtlich in einem Zwiespalt. Einerseits wollten sie mich gerne bestrafen, andererseits schien es da etwas zu geben, das sie davon abhielt. Es war naheliegend, dass dieses Zögern irgendwie in Verbindung mit meinen Eltern stand. Sollte die Church mich in die RPF stecken, müsste sie das meinen Eltern gegenüber erklären, die darauf sicherlich nicht sehr begeistert reagieren würden. Ganz abgesehen von all den anderen, die sich fragen würden, wie eine Miscavige denn derart ungehorsam sein konnte, dass sie die schwerste Strafe überhaupt verdiente.
Meine Eltern bildeten also zweifellos einen Faktor, doch es musste da noch mehr geben. Schließlich hatte ich mich der Strafe für mein Out 2D verweigert, womit ich vor aller Augen auf gravierende Weise den Sittenkodex der Gruppe verletzt hatte, und zeigte jetzt nicht einmal Reue, sondern lehnte mich weiter gegen sie auf. Im Vergleich dazu wirkte ihr Verhalten besonders widersprüchlich, so als könnten sie sich nicht entscheiden, wie sie mit der Situation umgehen sollten.
Womöglich war denen da oben ja auch inzwischen klar geworden, dass ich sowieso nicht in die RPF gehen würde. Seit sie mir Dallas genommen hatten, glaubte ich nicht, noch viel zu verlieren zu haben. Eher hätte ich bei der Polizei angerufen und eine Vermisstenanzeige nach Dallas aufgegeben, als in eine weitere Bestrafung einzuwilligen, die ich nicht verdient hatte. Dass sie es mittlerweile bedauerten, unsere Hochzeit verhindert zu haben, bildete ich mir nicht ein, aber zumindest schienen sie nun ratlos vor den Folgen ihrer Entscheidung zu stehen. Nachträglich einwilligen konnten sie nicht, da das im Grunde unsere Taten gerechtfertigt hätte. Wie sollten sie uns für ein Out 2D bestrafen und anschließend unser Zusammensein gutheißen? Stattdessen schienen sie die Absicht zu haben, uns voneinander getrennt zu halten, bis ich aufgab. Doch meine Hartnäckigkeit dürfte ihnen inzwischen gezeigt haben, dass es dazu nicht kommen würde.
Am Ende wandte ich mich aus lauter Verzweiflung und Niedergeschlagenheit erneut hilfesuchend an Mr. H. Es dauerte nicht lange, und unser Gespräch eskalierte in einen wilden Streit. Wir schrien einander an, bis sie mir wieder die Tür vor der Nase zuschlug. Also rammte ich sie ein zweites Mal ein, obwohl sie gerade erst repariert worden war. Wenige Minuten später packten mich drei Sicherheitsleute an Armen und Beinen, schleppten mich in einen kleinen Raum und hielten mich dort fest. Ich versuchte mit allen Mitteln, mich loszureißen. Als ich einen von ihnen in die Hoden trat, wäre ich sogar fast entwischt.
Mein aufsässiges Verhalten musste wohl nach oben weitergemeldet worden sein, denn zwei Tage später erhielt ich einen Anruf von Greg Wilhere, einem der führende Köpfe im RTC, der sich bereits auf den Weg vom Int zu mir gemacht hatte. Er bot mir einen Deal an: Wenn ich damit aufhörte, ständig durchzudrehen, würde er mich mit Dallas sprechen lassen. Ein paar Minuten später löste er seinen Teil der Abmachung ein. Ich hatte Dallas am Telefon.
Der Schwall an Gefühlen, der mich in diesem Moment überkam, war zusammen mit meiner völligen Erschöpfung einfach zu viel für meine Selbstbeherrschung. Ich brach in Tränen aus. Auch Dallas schien dem Weinen nahe, aber irgendetwas am Ton seiner Stimme klang falsch. Alles, was er sagte, wirkte höchst merkwürdig und wohl abgewogen. Zwischen den Sätzen entstanden außerordentlich lange, auffällige Pausen. Mir war sofort klar, dass jemand neben ihm stand und ihm seine Antworten vorsagte. Bei Leuten, die in Schwierigkeiten steckten, wurde diese Praxis häufig angewandt. Mich machte sie nur noch wütender. Ich bestand auf ein persönliches Treffen. Es regte mich furchtbar auf, dass sie uns wie ihr Eigentum behandelten.
»Sag mir, wo du bist«, forderte ich ihn auf.
»Das kann ich nicht, Jenna«, sagte er nach langer Pause. »Ich absolviere gerade ein Programm. Es geht Schritt für Schritt voran. Wenn ich damit fertig bin, können wir wieder zusammen sein, heißt es.«
»Und du glaubst das?«, fragte ich.
»Ich denke, es besteht die Chance. Mehr bleibt mir im Moment nicht übrig.« Seine Antwort klang hoffnungslos.
»Sag mir einfach, wo du steckst«, bettelte ich. Nach all den Kämpfen war ich nicht bereit, mich auf eine minimale Chance zu verlassen. Er blieb hart.
»Ich kann dir nicht sagen, wo ich bin.«
Ein Riesenzorn stieg in mir auf. Ich hatte so viel riskiert, um ihn zu finden, und nun schien seine Loyalität mehr der Church als mir zu gelten. Es machte den Eindruck, als hätte sie trotz meiner enormen Anstrengungen gewonnen. Er war ihre Marionette, und sie schienen mir ihren Sieg mit Freude vorzuführen.
Verzweifelt und hysterisch nahm ich das Telefon und kletterte damit auf das Fensterbrett.
»Hör mir gut zu, Dallas, und wer sonst noch hier mithört – wenn ich nicht sofort erfahre, wo du steckst, werde ich aus diesem Fenster im vierten Stock springen. Ich meine es ernst.«
»Ich kann es dir nicht sagen, Jenna!«, rief er.
Während ich dort auf dem Fenstersims stand und auf die Autos hinuntersah, die vier Stockwerke tiefer vorbeirauschten, konnte ich nicht fassen, dass es so weit gekommen war. Es dämmerte bereits, der Wind zerrte an meinem Pullover, und die Straßenlichter unter mir verschwammen zu einem vagen Brei. Über nichts hatte ich die Kontrolle. Die Möglichkeit, mir das Leben zu nehmen, änderte daran etwas. Ich wusste, wie sehr die Church die Folgen fürchtete, wenn jemand unter ihrer Obhut starb oder Selbstmord beging. Besonders nach dem Fall Lisa McPherson konnten sie sich eine weitere PR-Schlappe nicht leisten und würden wahrscheinlich alles dafür tun, sie abzuwenden. Es war mein allerletzter Versuch zurückzugewinnen, was sie mir weggenommen hatten, indem ich das einzige Druckmittel einsetzte, das ich in meinen Augen noch besaß: mein Leben, gemeinsam mit ihrer Panik vor schlechter PR.
Und trotzdem weigerte sich Dallas immer noch, mir seinen Aufenthaltsort zu verraten. Ich legte auf. Sofort rief Mr. Wilhere jemand anderen im Büro an, um sich zu erkundigen, was geschah. Er ließ mir ausrichten, dass Dallas jetzt herüberkommen würde und ich ihn treffen könne. Daraufhin kletterte ich in den Raum zurück. Endlich hatte jemand meine Entschlossenheit, Dallas zu sehen, ernst genommen.
Etwa eine Stunde später stieg Dallas aus dem Fahrstuhl. Er wirkte stark mitgenommen und besorgt. Ich wollte ihn umarmen, doch stattdessen überwältigte mich plötzlich wieder der Zorn.
»Wo hast du gesteckt?«, wollte ich schluchzend wissen. »Warum hast du nicht nach mir gesucht?«
»Es tut mir leid, Jenna. Das kann ich dir nicht sagen.«
Bei diesen Worten verflog alle Erleichterung, die ich bei seinem Anblick verspürt hatte, und übrig blieb nur das schmerzvolle Bewusstsein über die Wahl, die er getroffen hatte. Er mochte behaupten, mit mir zusammen sein zu wollen, aber sobald er zwischen mir und der Church, zwischen meiner Sicherheit und dem Befolgen von Anweisungen wählen musste, dann würde er sich für die Church entscheiden. Das war uns nun beiden klar. Obwohl ich ihn endlich gefunden hatte, war er nun eigentlich endgültig für mich verloren. Es überstieg meine Kräfte. Ich begann auf ihn einzuschlagen. Da er viel größer und stärker war, blieben meine Aktionen wirkungslos, was mich nur noch mehr in Rage versetzte.
Und deshalb kletterte ich zum zweiten Mal an diesem Abend auf das Fensterbrett hinaus.
Heute weiß ich, dass Menschen, die im Stich gelassen wurden, das Bedürfnis verspüren, Menschen aus ihrem nächsten Umfeld zu testen, um zu sehen, ob diese sie genauso im Stich lassen, wenn es wirklich ernst wird. Im Rückblick fällt es mir schwer einzuschätzen, ob ich an diesem Abend ihn, die anderen oder mich selbst testen wollte. Ich weiß noch immer nicht, ob ich damals wirklich springen wollte, aber ich weiß noch ganz genau, wie ich in diesem Moment draußen vor dem Fenster noch einmal alle schmerzvollen Verluste spürte, die mir die Church immer und immer wieder zugefügt hatte: meine Eltern, mein Bruder, meine Freunde. Wenn sie mir jetzt noch Dallas nahmen, dann erschien ein Sprung aus dem Fenster gar keine so schlechte Idee.
Der Himmel wurde immer dunkler, aber ich versuchte, nur nach unten zu sehen und mir meinen nächsten Schritt zu überlegen. Ich fragte mich, ob ich Schmerz fühlen oder sofort tot sein würde. Die Gedanken an Schmerzen verdrängte ich schnell wieder und dachte daran, dass ich doch ein Thetan war. Irgendwie glaubte ich noch immer daran. Aber statt mir Kraft zum Leben zu schenken, drängte mich diese Thetan-Vorstellung in die andere Richtung. Schließlich würde ich nach dem Tod einfach in einem neuen Körper wiedergeboren werden. Das klang beruhigend. Ich konnte einen Schlussstrich ziehen und neu beginnen, vielleicht mit einer neuen Familie. Schließlich standen mir eine Milliarde Jahre zur Verfügung. War es da so schlimm, ein Leben wegzuwerfen, wenn mir noch Tausende blieben?
Dallas erkannte, wie ernst es mir war, als ich ihn fragte, ob ich sofort tot sein würde. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er nahm meine Hand und versprach mir zu erzählen, wo er gewesen und was alles geschehen war. Nach diesem Versprechen ließ ich mich durch das Fenster nach innen ziehen, wo wir uns in die Arme schlossen. Vielleicht bedeutete ihm mein Leben ja doch etwas.
Seinem Bericht zufolge hatte man ihn in der PAC festgehalten, im Kellergeschoss unter der Beobachtungsstation. Dort war er ständigen Security-Checks unterzogen worden und hatte ansonsten Abrissarbeiten verrichten und Fliesen legen müssen. Bei den Briefen, die er mir geschrieben hatte, war ihm der Inhalt vorgegeben worden, den er dann nur in eigene Worte kleiden sollte. Und wie ich erwartet hatte, hatte man ihn bei unserem kurzen Telefonat kontrolliert. Linda hatte ihm zugeflüstert, was er sagen konnte und was nicht. Man hatte ihn mit der Drohung erpresst, bei Widerstand würde man ihn zur Suppressive Person erklären und er würde weder seine Familie noch mich je wiedersehen. Er sagte mir, er habe nur tun wollen, was für alle das Beste war.
Nur zu gern hätte ich mich damit getröstet, dass Dallas mein Leben offensichtlich wichtig genug war, um zumindest eine Regel zu übertreten. Seine Betroffenheit war echt, er hatte in einer schrecklichen Zwickmühle gesteckt und nicht gewusst, was er tun sollte. Dafür fühlte ich mich prompt wieder als der schlechteste Mensch auf der Welt, genau wie sie es mir immer eingeredet hatten. Diesmal tat ich mich jedoch schwer, mein eigenes Martyrium zu vergessen. Aus Liebe zu ihm und der Angst, von ihm getrennt zu werden, hatte ich alles auf eine Karte gesetzt, wozu er, so weit ich sehen konnte, nicht bereit gewesen war. Er hatte eben viel mehr zu verlieren als nur mich.
Wir waren erst kurz zusammen, da erschien Mr. Wilhere, um mit mir unter vier Augen zu sprechen. Er bat Dallas, im Nebenraum zu warten.
»Jenna, du musst nur dein Programm absolvieren, dann bist du aus dem Schneider«, begann er. »Die meisten Leute würden für das, was du getan hast, in die RPF wandern, aber du hast Glück. Wie es aussieht, bleibt dir das erspart.«
»Was ist mit Dallas?«, fragte ich.
»Dallas interessiert mich nicht weiter. Wahrscheinlich wird er den Haien zum Fraß vorgeworfen.«
Das also war der Dank dafür, dass Dallas der Church den Vorzug gegeben hatte: Er galt als entbehrlich, diente ihnen lediglich als Mittel zum Zweck, und der Zweck bestand darin, die Kirche vor PR-Problemen zu bewahren, indem er mich davon abhielt, für einen Skandal zu sorgen. Was den Umgang mit mir betraf, so waren sie mit ihrem Latein offensichtlich am Ende.
Kurz darauf traf Linda ein, um Dallas abzuholen. Mittlerweile war ich psychisch und physisch derart ausgelaugt, dass ich mich für die Art, wie ich ihn behandelt hatte, schämte. Ich willigte ein, nach Hause zu gehen und mir mein weiteres Vorgehen zu überlegen. Kaum war ich in meinem Zimmer, da wurde mir klar, dass es ein Fehler gewesen war, Dallas allein zu lassen, vor allem, nachdem Mr. Wilhere davon gesprochen hatte, ihn den Haien zum Fraß vorzuwerfen. Ich musste zu ihm, bevor sie ihn an einen anderen Ort bringen konnten.
Um nicht denselben Fehler zweimal zu machen, eilte ich also zur PAC hinüber und fand ihn tatsächlich in einem Zimmer, vor dem ein Sicherheitsmann postiert war.
In dieser Nacht schlief ich mit ihm in einem Zimmer. Es war das erste Mal, dass wir uns ein Quartier teilten, und ich genoss das Gefühl, ihm endlich nahe zu sein.