KAPITEL 20
Strafe

Mr. Anne Rathbun unterzog mich einem Ethik-Interview mit E-Meter, im Grunde genommen einem auf eine Sitzung komprimierten Security-Check, und degradierte mich anschließend mit sofortiger Wirkung ins CMO EPF. Nachdem so viel schiefgelaufen war und sich sogar mein Onkel und meine Tante eingeschaltet hatten, war ich noch froh, dass die Strafe nicht schlimmer ausfiel. Ich konnte nicht glauben, dass ich wieder dorthin zurückkehren musste. Um meine Degradierung sichtbar zu machen, musste ich eine andere Uniform tragen. Mayra, Julia und ein weiteres Mädchen waren alle wegen Flirtens ebenfalls ins EPF gesteckt worden.

So streng und abgesondert wie beim RPF war es hier zwar nicht, aber es blieb erniedrigend, und darin lag ja auch die Absicht. Jede Mahlzeit bestand für uns aus Reis mit Bohnen. Ich musste Security-Checks über mich ergehen lassen und wurde dem Wäsche- und Putzdienst zugeteilt. Wohnen durften wir weiterhin in unserem Quartier auf der Hacienda. Anfangs quälte ich mich jeden Abend vor dem Schlafen mit Selbstvorwürfen über meine vielen Schwächen und hielt mich für die unwürdigste Person in der gesamten Sea Org. Ich bedauerte nicht, Martino getroffen zu haben, war jedoch von meinem unethischen Verhalten enttäuscht. Ich verstand nicht, wie ich meine Familie so hatte hintergehen und mich derart gegen sie hatte auflehnen können. Es würde mich noch viel Zeit kosten, so freundlich, respektvoll und glaubenstreu zu werden, wie es von mir erwartet wurde.

Morgens nach dem Aufwachen fühlte ich mich völlig mutlos, ohne Hoffnung auf Besserung, als würde eine dunkle Wolke über meinem Kopf hängen. Mir wurde gesagt, Cece, Martino, Tyler und die anderen hätten sich nur meines Namens wegen mit mir angefreundet, nicht weil ich ihnen sympathisch gewesen wäre. Es wurde mir nicht erlaubt, mit ihnen zu sprechen. Ich besaß kein eigenes Leben und nichts, worauf ich mich hätte freuen können. Es kostete mich alle meine Kräfte, jeden Morgen aufzustehen und die Aufgaben zu erledigen, die mich wieder aus diesem Elend herausbringen sollten. Damit zeigte ich natürlich genau die Reaktion, die man beabsichtigt hatte. In vielerlei Hinsicht ähnelte dies den Empfindungen, die ich mit zwölf bei meiner Ankunft auf der Flag gehabt hatte, doch diesmal war alles noch viel schlimmer.

Mayra hatte den Auftrag, mich zu beobachten und ständig im Blick zu behalten. Selbst im Waschraum musste sie vor meiner Kabine aufpassen. Es war mir verboten zu telefonieren, auch mit meinen Eltern. Sogar innerhalb des Wäschereidiensts wurden wir noch herabgestuft. Für die Schmutzwäsche der Leitungsebene waren wir nicht mehr vertrauenswürdig genug, stattdessen mussten wir für die CMO-Mitarbeiter waschen.

Im Zentrum meines Tagesablaufs standen die Security-Checks mit Mr. Rathbun. Inzwischen wurde mir klar, dass alle Freundlichkeit, die sie mir gegenüber demonstriert hatte, nur gespielt gewesen war. Im Grunde genommen hasste sie mich. Da ich jetzt bei Onkel Dave und Tante Shelly in Ungnade gefallen war, hatte sie es nicht mehr nötig, auf meine Verwandtschaftsbeziehungen Rücksicht zu nehmen. Jetzt konnte sie mir in aller Offenheit sagen, was für ein Riesenstück Scheiße ich doch war. Permanent betonte sie, ich würde eigentlich ins RPF gehören und wäre nur mit viel Glück davongekommen. Manchmal fand ich den Mut, ihr zu sagen, dann solle sie mich doch einfach überstellen, statt hier ihre kostbare Zeit mit mir zu verschwenden. »Vielleicht tue ich das auch«, schnappte sie dann zurück, ohne jedoch jemals etwas zu unternehmen.

Unsere Sitzungen waren lächerlich. Der Ablauf blieb immer der gleiche.

»Hast du deinen Namen in unangemessener Weise dazu benutzt, deine persönlichen Wünsche durchzusetzen?«, fragte sie etwa und sah mich erwartungsvoll an, so als hätte der E-Meter das bereits bestätigt.

»Nein«, antwortete ich dann, woraufhin sie rot anlief, die Lippen zusammenpresste und sich anscheinend nur mit größter Selbstbeherrschung davon abhalten konnte, mir für diese dürftige Antwort auf ihre Frage nicht eine schallende Ohrfeige zu verpassen.

Anschließend wiederholte sie zwanzig Minuten die gleiche Frage, bis ich mir endlich etwas aus den Fingern sog.

»Also gut«, begann ich an diesem Punkt und erklärte beispielsweise: »Letztens kam der Steward vom Service an unseren Tisch und fragte, ob wir noch etwas bräuchten, und ich bat ihn, ein wenig Butter zu bringen. Sofort war er mit der Butter zurück, und ich hatte den Eindruck, er beeilte sich nur so sehr, weil er wusste, wer mein Onkel war, und prompt hatte ich ein schlechtes Gewissen.«

Meine Antworten stachelten Mr. Rathbun unvermeidlich dazu an, sich noch üblere Dinge auszudenken. »Und, führte deine Bitte dazu, dass er die anderen nicht mehr nach bestem Vermögen bedienen konnte?« Gefolgt von: »Wie viele andere konnte er nicht bedienen, weil er zu sehr damit beschäftigt war, dir deine Sachen zu bringen?«

Der E-Meter hielt fünfzehn für die richtige Antwort, also stimmte ich einfach zu. So liefen diese Security-Checks. Wer nichts zu gestehen hatte, musste geschickt genug sein, aus dem Stegreif etwas Passendes zu erfinden, um es hinter sich zu bringen.

War ich nicht beim Saubermachen, Wäschewaschen oder in Sitzungen bei Mr. Rathbun, dann hörte ich mir in der Mitarbeiterschule LRHs State of Man-Kongressvorträge an. Im typischen LRH-Stil rangierten die Themen dieser Vorlesungen von diversen griechischen Philosophen über die Geschichte des alten Roms und dessen Niedergang wegen Out 2Ds bis zu all den früheren Leben, die L. Ron Hubbard während dieser Zeiträume angeblich gelebt hatte. Letzten Endes ging es darum, wie wichtig Ehrlichkeit und untadelige Gefolgsleute waren. Alle, die Scientology ablehnten oder die schlecht über andere Menschen oder Dinge sprachen, taten das nur, weil sie etwas Schändliches zu verbergen hatten. Inwiefern ihre Aussagen tatsächlich zutrafen, spielte dabei keine Rolle.

Mit anderen Worten, wer mit etwas nicht einverstanden war und den Mund aufmachte, dem wurde vorgeworfen, bloß selbst etwas zu verbergen zu haben. Und wenn sich in dessen heutigem Leben nichts finden ließ, dann musste dieses Fehlverhalten aus der persönlichen Vergangenheit rühren. Daher war mir nie klar, ob ich womöglich nur so fühlte, weil ich in meinem früheren Leben die schrecklichsten Verbrechen begangen hatte, die man sich überhaupt vorstellen konnte. Verbrechen, die so schlimm waren, dass sie in meinem tiefsten Inneren vergraben waren. Worin aber bestanden diese verborgenen Verbrechen, die mir jeder einzureden versuchte?

An einem der vielen eintönigen Tage saß ich mittags in den Schulungsräumen und hörte meine Bänder, als ein Mädchen eintrat, dessen Gesicht mir bekannt vorkam. Es war Kiri, ihm folgten ungefähr zwanzig weitere Kids von der Ranch, darunter auch B. J. Ich war verblüfft. Ich konnte mir nicht erklären, was sie hier wollten. Sobald sie mich sahen, lächelten und winkten sie alle aufgeregt, als sie jedoch näher kommen wollten, ermahnte die Aufsicht sie zum Weitergehen, da Gespräche im Kursraum strikt verboten waren.

Mayra behielt mich ständig im Auge, das hatte ich nicht vergessen, aber ich wusste auch, dass sie während der Kurse nicht dazu verpflichtet war, mir auf die Toilette zu folgen. Jetzt musste nur noch Kiri dieselbe Taktik anwenden. Und tatsächlich warfen Kiri und ihre Freundin Caitlin mir zwanzig Minuten später vielsagende Blicke zu und gingen in Richtung Toiletten.

Ich wartete eine knappe Minute und erhob mich dann ebenfalls. »Wohin willst du?«, fragte Mayra. Ich sagte, ich müsse auf die Toilette, und sie gab ihr Einverständnis unter der Bedingung, anschließend einen E-Meter-Check durchzuführen. Gib mir zehn Meter-Checks, dachte ich. Mir doch egal. Ich wollte bloß meine Freundinnen treffen.

Sie erwarteten mich bereits. Ich umarmte sie herzlich und freute mich riesig. Dann wollte ich wissen, was sie hier machten.

»Wir sind ins EPF gesteckt worden«, erklärte Kiri. »Wir werden jetzt auf die Flag versetzt.« Ich erschrak.

»Und was ist mit der Ranch?«, fragte ich.

»Deine Mom und dein Dad waren im Rahmen irgendeiner Spezialmaßnahme auf der Ranch, um für jeden von uns einen Guardian zu finden und uns dann auf die Flag zu schicken. Wer untauglich für die Flag war, kam ins PAC. Auf der Ranch ist keiner mehr.«

Es verschlug mir die Sprache. Eine Ranch ohne Kinder war kaum vorstellbar. Keiner wusste genau, warum sie geschlossen wurde. Jahre später erwähnte Mom erst, dass Onkel Dave ihr gegenüber gesagt habe, die Ranch sei nicht nur eine Geldverschwendung, sondern auch eine störende Ablenkung für die Eltern auf der Int Base. Die Kids sollten in scientologischen Studien geschult werden und einen richtigen Job erlernen.

Trotz meines Entsetzens freute ich mich wahnsinnig, dass sie in Clearwater waren. Aber ich sah auch die Angst in ihren Gesichtern. Sie alle waren gerade an einen Ort dreitausend Meilen weit weg von ihren Eltern in der Int geschickt worden. Doch zumindest blieben sie zusammen. Ich hatte vor drei Jahren den Trip mit gerade mal zwölf Jahren ganz allein machen müssen. Ich umarmte sie noch einmal und beruhigte sie, dass es ihnen hier schon gefallen würde. Sie erkannten an meiner CMO EPF-Uniform, dass ich in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte, und ich erzählte ihnen in aller Kürze, was geschehen war.

In diesem Moment kam Mayra herein. Augenscheinlich wusste sie, was ablief, war aber glücklicherweise nicht in Petzlaune. Sie schien bereit, Stillschweigen über unser Toilettentreffen zu bewahren, bedeutete uns mit ihren Blicken jedoch, jetzt Schluss zu machen. Kiri, Caitlin und ich drückten einander die Hände und kehrten zu unseren Textstudien zurück.

In der Folgezeit war es der Höhepunkt meines Tages, wenn sie in den Kursraum traten und lächelten und mir zuwinkten. Ich versuchte immer, einen Platz mit Blick zur Tür zu ergattern, allerdings hatte ich nicht immer Erfolg. An einem anderen Tag in dieser Woche ging ich in ihren Kursraum unter dem Vorwand, dort putzen zu müssen. Kiri erzählte mir unter Tränen, wie sehr es sie ängstigte, so weit von ihren Eltern entfernt zu wohnen. Ich versuchte, sie zu beruhigen, und versicherte ihr, immer für sie da zu sein.

Etwas später an diesem Tag beschloss ich, mich für meine Freundinnen, die unübersehbar Probleme hatten, einzusetzen. Da ich ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatte, glaubte ich mich in der idealen Lage, helfen zu können. Ich schrieb meinem CO und berichtete ihr, dass einige der neuen Kadetten vermutlich irritiert und beunruhigt waren, weil sie ihre Eltern nicht mehr sehen konnten. Ich erzählte, wie niedergeschlagen Kiri war, und regte an, doch etwas dagegen zu tun, etwa eine große aufmunternde Sitzung für sie zu gestalten. Ich bot sogar an, selbst eine motivierende Rede zu halten.

Mein Plan ging nach hinten los. Am nächsten Tag nahm mein CO mich beiseite und schrie mich an: »Die Kinder von der Ranch sind noch keine Woche hier, und du flößt ihnen bereits dein Gift ein! Ich habe mit Kiri gesprochen. Es geht ihr ausgezeichnet!« Sie verbot mir, mit ihnen zu sprechen und sie zu treffen.

Ich spürte, wie ich vor Wut rot anlief, aber noch mehr Widerworte und ich würde ins RPF wandern. Julia reizte mich auch so schon bis zur Weißglut mit ihren ständigen gezielten Anfeindungen. Zu ihrer chronischen Quasselsucht kam jetzt noch ihr Hass auf mich, und diese Kombination war tödlich. Solange Höherrangige in der Nähe waren, gab sie sich übertrieben freundlich und höflich. Doch sobald sie fort waren, betrachtete sie mich voller Abscheu. Durch ihre anbiedernde Art und die Anschwärzungen anderer wuchs ihre Beliebtheit bei den Oberen immer stärker. Im Gegensatz dazu erhielt ich die Anweisung, nicht den üblichen Hin- und Rückweg zum WB zu nehmen, damit ich nicht versehentlich Onkel Dave oder Tante Shelly begegnen und sie stören würde.

Wochenlang musste ich all die negativen Bezeichnungen ertragen, mit denen Julia, mein CO und Mr. Anne Rathbun mich bedachten. Letztere griff mich nach jeder Sitzung persönlich an, nannte mich out ethics, einen Verbrecher und schließlich eine SP. Die dauernden Vorhaltungen, wie böse und schlecht ich doch sei, nötigten mich dazu, meine eigenen Empfindungen, Absichten und innersten Überzeugungen zu hinterfragen. Daraufhin vollzog sich bei mir ein geistiger Wandel. Ich begriff, dass all diese Leute, die mich als böse bezeichneten, ein einziger Haufen von Heuchlern waren, nichts weiter. Sie behaupteten, aus Sorge um andere Menschen zu handeln, obwohl in Wahrheit ihre Selbstsucht leicht auszumachen war. Man musste nur danach suchen und seinem Urteil vertrauen. Ich wusste, ich hatte Fehler gemacht, aber ich wusste auch, dass meine Vergehen keineswegs so schlimm waren, wie meine Umgebung mir einreden wollte.

Plötzlich hatte ich keine Angst mehr, die Dinge beim Namen zu nennen und meinem Urteil über andere, aber auch über mich selbst Vertrauen zu schenken. Bis dahin hatte ich meine Gefühle stets mit dem verglichen, was ich laut Scientology eigentlich empfinden sollte. Fühlte ich etwas anderes, dann lag das sicherlich an mir. Folgerichtig zweifelte ich ständig an mir selbst. Ich zweifelte daran, ein guter Mensch zu sein. Ich zweifelte daran, dass meine Freunde gute Menschen waren. Ich zweifelte daran, die richtigen Empfindungen zu haben – und das alles nur, weil Scientology mir das Gefühl gab, dass ich das Problem sei.

Zum ersten Mal konnte ich mich nun als das sehen, was ich war: ein Mensch, der Fehler machte und sich bessern wollte. Ich mochte nicht die besten Entscheidungen getroffen haben, aber deshalb war ich noch lange nicht schlecht oder gar böse. »Böse« – damit hatten sie den Bogen überspannt. In der ein oder anderen Frage hatte ich vielleicht schon geschwankt, aber ich war fest davon überzeugt, nicht böse zu sein. Das Leben anderer Menschen bedeutete mir viel, dessen war ich mir sicherer als irgendetwas sonst. Meine Freunde bedeuteten mir extrem viel, und ich hätte ihr Wohl jederzeit über mein eigenes gestellt. Ich konnte also keine SP sein, denn SPs dachten anders. Ich hegte nicht den geringsten Zweifel daran, ein guter Mensch zu sein, und es war mir völlig egal, was andere darüber dachten oder sagten, mochten sie auch noch so bedeutend sein.

Mit dieser Erkenntnis begann ich mit einem Mal auf mich selbst zu hören. Statt meine Gefühle und Wahrnehmungen abzutun, folgte ich ihnen nun, selbst wenn sie mich zu einer Ansicht führten, die Scientology für falsch hielt.

Es war erstaunlich. Wenn mich jetzt jemand anschrie, sagte ich lediglich »Yes, Sir«, und dies derart gelangweilt, unglaubwürdig und sinnentleert, dass es die Leute mit der Zeit richtig auf die Palme brachte. Ich ließ sie einfach nicht an mich herankommen. Ich lächelte sogar ein wenig, da ich ihnen sowieso nicht zuhörte und sie sich dann so schön aufregten. Bei Dienstgruppentreffen wurde ich aufgefordert, vor versammelter Mannschaft meinen Flap zu schildern. Dabei handelte es sich um irgendeinen Schnitzer, der in meinen Sitzungen zur Sprache gekommen war. Womöglich hatte ich einer Freundin zugelächelt, was mangelnder Konzentration auf meine Studien gleichkam. Oder ich hatte mich kurz mit Mayra unterhalten, statt wie ein Sklave zu schuften. Jeder kleine Fehler musste in meinen Sitzungen behandelt werden.

»Jenna, hast du einen Flap zu berichten?«, forderte mich der CO dann vor allen anderen auf.

»Nein, außer dem, über den jeder hier Bescheid weiß und von dem ich letzte Woche bereits berichtet habe«, erwiderte ich.

Das würde mir unweigerlich neue Vorwürfe einbringen. »Oh, wirklich sehr clever, Jenna! Musst du wieder vor allen den Klugscheißer gegenüber deinem CO abgeben! Ändere gefälligst deine Einstellung, oder du landest ganz schnell beim Töpfe- und Pfannenspülen in der Kombüse!« Sie benutzte mich vor den anderen als Musterbeispiel, wie man sich nicht zu verhalten hatte.

Toms Frau Jenny war inzwischen auf der Flag und bekleidete den ehemaligen Posten meiner Mom im Überwachungsausschuss. Ich erinnerte mich noch immer gern an die Zeit, die ich mit ihr bei meinem Key to Life-Kurs verbracht hatte. Sie wollte mit mir allein sprechen in der Hoffnung, meine Sicht der Dinge ändern zu können. Sie erzählte mir, dass auch sie ein paarmal in Schwierigkeiten gesteckt und nicht immer die Folgen, die sich daraus für sie ergeben hatten, für gerechtfertigt gehalten habe, doch das wiederholte Aufsagen von zwei Regeln LRHs für glückliches Leben habe ihr bei der Bewältigung dieser Phase geholfen. Die eine, »Sei zu allen Erfahrungen fähig«, und die andere, »Verursache nur Dinge, die andere problemlos zu erfahren fähig sind«.

Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich sie richtig verstand, glaubte jedoch, dass sie auf meiner Seite war. Am nächsten Tag appellierte sie dann aber vor allen anderen an mich, dankbar zu sein dafür, dass mir so viel geschenkt wurde, und mehr Mitgefühl zu zeigen.

Ich war perplex. »Mitgefühl?«, fragte ich. »Meinen Sie das im Ernst?«

Ich hatte diesen ganzen Ärger doch nicht, weil ich zu wenig, sondern weil ich zu viel Mitgefühl gezeigt hatte. Ich hatte mit Menschen Freundschaft geschlossen, die als zu tiefstehend für Freundschaften angesehen wurden. Unwillkürlich ging mir durch den Kopf, wie widersprüchlich und selbstgefällig eine anerkannte Autorität hier doch auftrat.

Ich hatte lediglich versucht, Kiri ein wenig Sicherheit zu geben, weil ich früher ebenso verängstigt gewesen war wie sie. Ich hatte mich also um das höhere Wohl bemüht und war dafür als selbstsüchtiges, privilegiertes Gör hingestellt worden. Im Moment hatte ich nicht den Eindruck, dass die CMO sich dem Dienst an der Menschheit verpflichtet fühlte. Es schien ihr vielmehr um ein Anziehen der Daumenschrauben zu gehen.

Jenny tat meine heftige Reaktion mit einem Lachen ab. »Na, das war ja wieder echt Jenna.« Keine Ahnung, was sie damit meinte, aber wenigstens wurde ich nicht beschuldigt, Widerworte gegeben zu haben.

Nach zwei Monaten gab Mr. Rathbun meine Security-Check-Sitzungen an Jelena ab, einen CMO-Auditor. Jelena trug während unserer Sitzungen stets einen Kopfhörer und ein Mikro. Immer wieder konnte ich hören, wie ihr über Kopfhörer Anweisungen erteilt wurden, welche Fragen sie mir stellen sollte, wodurch die Sitzungen häufig bis zu acht Stunden dauerten. Um die Sache hinter mich zu bringen, konnte ich nur so schnell wie möglich antworten und versuchen, die Nadel ins Schweben zu bringen, indem ich an etwas Erfreuliches dachte – eine Aufgabe, die mir in letzter Zeit zunehmend Probleme bereitete.

Nach einigen Monaten im EPF wurde mir eines Tages endlich wieder erlaubt, mit allen anderen sonntags zur Schule zu gehen. Dort sah ich auch Martino wieder. Da Mayra zu alt für die Schule war, stand ich an diesem Tag unter der Beobachtung von Steven, einem jungen CMO-Mitglied. Ich bemerkte sofort, dass Martino, der zu MEST-Dienst abkommandiert worden war, ebenfalls Aufpasser hatte. Als Steven für einen Moment den Anschluss verlor, schlüpfte ich rasch in den Raum, in dem Martino sich aufhielt.

Er wirkte sehr vorsichtig. Ich bedeutete ihm, dass ich mit ihm reden wolle, aber er sah nur zu seinen beiden Begleitern, die mich misstrauisch beäugten. Ich winkte ihm, trotzdem zu kommen. Seine Aufpasser tauschten Blicke aus und sahen dann fort, was hieß, sie würden tun, als merkten sie nichts. Sie waren halt nur Kadetten und damit nicht so engstirnig wie die CMO-Leute, die mich verfolgten. Tränen traten mir in die Augen, sobald Martino sich näherte.

»Es tut mir so schrecklich leid«, flüsterte ich ihm zu. »Ich habe nie gewollt, dass so etwas geschieht. Ich hab sie angefleht, dich aus alldem herauszuhalten. Es ist mir so furchtbar unangenehm, dich hineingeritten zu haben.«

Er fiel mir ins Wort und wollte davon nichts hören. »Aber das ist doch nicht deine Schuld«, sagte er. »Davon kann überhaupt keine Rede sein. Ich habe eher das Gefühl, dir alles versaut zu haben. Immerhin steckst du jetzt im CMO EPF.« Entschuldigend deutete er auf meine Uniform.

In diesem Augenblick kam der kleine Steven herein. »Was ist denn hier los?«, fragte er im ernsten Ton eines Polizeibeamten, aber mit der Stimme eines kleinen Jungen. Er war erst zehn und einen ganzen Kopf kleiner als ich. Es wäre in jeder Situation schwierig gewesen, ihn überhaupt ernst zu nehmen, aber es war schon bestürzend zu sehen, wie gebieterisch ein kleiner Junge als Wächter auftreten konnte, sobald man ihm ein wenig Macht gab. Martino drückte mir kurz die Hand, dann wandte er sich zum Gehen. Die beiden Jungs, die ihn beobachteten, waren Freunde von ihm, und so würde er nach diesem Miniplausch vermutlich eher ungeschoren davonkommen als ich.

Nachdem Martino verschwunden war, sah ich Steven bittend an, nichts zu sagen. Steven war vor dieser ganzen Sache mal mein Freund gewesen. Ich hatte ihn sogar einmal vor dem Zorn Julias gerettet und hoffte nun, er würde sich revanchieren, aber ich hatte Pech. Ein paar Minuten später hing er bereits am Telefon und berichtete, was vorgefallen war. Ungefähr eine halbe Stunde dauerte es, dann fuhr der Wagen der Org am Quality Inn vor, um mich abzuholen. Die Schule war beendet, bevor sie begonnen hatte. Ein weiterer Besuch wurde mir verboten.

Es schien unmöglich, den Kreislauf zu durchbrechen. Selbst wenn ich mich tadellos verhielt, tauchten unentwegt Dinge auf, die mich zurückwarfen. Es raubte mir die letzten Kräfte.

Ich war bereits seit Monaten ein Schandfleck für das ganze Universum, als mein CO mich fragte, was mich davon abhielt, mein Programm erfolgreich zu absolvieren. Ich war ehrlich und antwortete ihr, dass ich einige der Behauptungen, die über mich gemacht worden waren, einfach nicht auf sich beruhen lassen konnte. Etwa, dass ich beim geringsten Anlass sofort zu meinen Eltern rennen würde oder dass die Ranch meinetwegen geschlossen wurde. Außerdem war ich nicht einverstanden, wie viel Aufhebens darüber gemacht wurde, dass ich das Telefon benutzte. Ich erzählte ihr, mir sei aus vertraulichen Gesprächen mit Freunden von der Ranch bekannt, dass andere ständig mit ihren Eltern auf der Int telefonierten.

Ich bat um ein Gespräch mit Tante Shelly. Diese willigte zögerlich, aber auch erleichtert ein, so als hätte sie schon seit einer Weile mit mir reden wollen. Das Treffen fand in einem der Auditing-Räume im WB statt. Shelly trat schroff und reserviert auf und begrüßte mich nur mit einem kurzen Hallo statt mit der sonst üblichen Umarmung.

Nachdem ich meine Fortschritte aufgezählt hatte, fing ich an, die Vorwürfe, die man mir gemacht hatte, anzufechten. Doch sobald ich die Einzelheiten erwähnte, wurde sie stinksauer.

»Ich nehme mir extra Zeit, um mit dir zu reden, und dann willst du mir bloß erzählen, dass ich unrecht hatte? Selbst wenn einige Vorwürfe gegen dich nicht hundertprozentig zutreffend gewesen sein sollten, eine Menge Dinge in deiner Ethik-Akte stimmen definitiv.« Sie ließ ihre Worte wirken, bevor sie in sanfterem Ton fortfuhr: »Meiner Meinung nach gründen deine Schwierigkeiten in falsch verstandenen Worten aus Kursen, insbesondere Worten aus Vol Zero. Du musst einfach zurückgehen und die Worte clearen.« Das war ihre Art einzugestehen, dass ich nicht allein die Schuld trug und kein von Grund auf schlechter Mensch war.

Ich dachte schon, sie würde es dabei belassen, doch dann schloss sie noch eine Warnung bezüglich Männern an: »Viele gieren nach Macht und Informationen und heiraten aus diesem Motiv heraus CMO-Mädchen, die sie anschließend nach unten ziehen. Darauf musst du unbedingt achtgeben, denn in der Vergangenheit ist das schon oft passiert.«

Obwohl sie es nicht offen aussprach, war ich damit offenbar mehr oder weniger begnadigt. Die Nebenbemerkung über Männer bedeutete wohl, dass sie Martino eine Teilschuld gab und mich für sein ahnungsloses Opfer hielt. Ich sollte mich also von ihm fernhalten und mich auf das Clearing meiner missverstandenen Wörter konzentrieren. Shelly schloss mich nach der Unterhaltung sogar kurz in die Arme.

Wundersamerweise wurde ich am nächsten Tag bereits ganz anders behandelt. Anscheinend brachte Tante Shelly zumindest ein paar meiner Einwände Verständnis entgegen, denn ihr Sinneswandel war entschieden genug, sich sofort auf ihre Umgebung abzufärben. Ursprünglich hatte sie bestimmt demonstrieren wollen, dass Widerspruch ihr gegenüber nicht akzeptabel war und niemand damit ungeschoren davonkam. Allerdings dürfte ihre Wut weitgehend eine bloße Pflichtübung gewesen sein, da wahrscheinlich vor allem mein Onkel sich über meine unerwünschten Freundschaften aufgeregt hatte. Tante Shelly musste mächtig verärgert tun, weil sie sonst selbst in Schwierigkeiten geraten wäre. Was auch immer dahintergesteckt haben mochte, sie war es jedenfalls leid, auf mich sauer zu sein, und zeigte sich deutlich umgänglicher.

Plötzlich wurde ich nicht länger als Feind der Gruppe betrachtet, sondern als jemand, der immense Fortschritte auf seinem Weg der Erholung gemacht hatte und der schon bald wieder mit allen gut klarkommen würde. Damals betrachtete ich diesen Wandel schlicht als willkommene Erleichterung, aber rückblickend stellte er auf exemplarische Weise dar, welchen gewaltigen Einfluss Onkel Dave und Tante Shelly auf alle anderen ausübten. Monatelang hatte man mich vorgeführt und schikaniert. Ich war zurechtgestutzt und zum niedersten aller Geschöpfe erklärt worden. Und schließlich bedurfte es lediglich eines Gesprächs mit Tante Shelly, um die Dinge wieder ins rechte Licht zu rücken. In meinem Fall hatte sich dieser Einfluss zu meinem Vorteil ausgewirkt, da Tante Shelly mir wohlgesonnen war und mir vergeben wollte, aber ich musste mit Schrecken daran denken, was geschehen konnte, wenn Onkel Dave oder Tante Shelly jemandem schlichtweg nicht vergeben wollten.

Von meinen CMO EPF-Pflichten befreit war ich dadurch allerdings längst noch nicht. Immerhin wurden mir kurze Gespräche mit meinen Freunden von der Ranch gestattet, solange ich nicht zu engen Kontakt mit ihnen hatte. Schon bald kamen viele der Kinder von der Flag Cadet Org ins EPF, darunter Martino, Jasmine und Cece. Das war gut, denn meine Flag-Freunde schlossen rasch Freundschaft mit meinen Bekannten von der Ranch, insbesondere mit B. J., dem der Abschied von der Westküste noch immer große Probleme bereitete. Ein wenig wohl auch mir zuliebe kümmerten sie sich um ihn. Im November 1999, fünf Monate nach meiner Degradierung ins CMO EPF, durfte ich schließlich wieder aufsteigen.

Als nunmehr wieder vollwertiges Mitglied der CMO wurde mir ein neuer Aufgabenbereich zugeteilt. Ich wurde Flag Crew Programs Operator. Die Flag Crew bestand aus fünfhundert Leuten und war für den Betrieb jener fünf Hotels und vier Restaurants zuständig, die von öffentlichen Scientologen, wenn sie in Clearwater waren, genutzt wurden. Jedes Hotel hatte seine eigenen Zimmermädchen, sein eigenes Wartungspersonal, jedes Restaurant seinen eigenen Leiter, seine Kellner, Köche, Spüler und Hilfskellner. Meine Arbeit bestand darin, Programme durchzuführen, um organisatorische Störungen zu beseitigen.

Die Stellung gefiel mir viel besser, als ein Vollzeitschüler zu sein. Ich hatte einen Job, was ich mir immer gewünscht hatte. Ich war nicht den ganzen Tag in einem Kursraum eingesperrt, sondern konnte mich frei im Haus bewegen. Ich lernte neue Menschen kennen, gewann Freunde und hatte das Gefühl, etwas Produktives zu tun. Mein Chef, der den Betrieb leitete, war ein richtig cooler Typ. Er war intelligent, hilfsbereit, verständnisvoll, und er wusste meinen hohen Arbeitseinsatz zu schätzen. Gelegentlich wurde ich dafür gerügt, meine Zivilkleidung auf unschickliche Art zu tragen. Aus PR-Gründen war es uns gestattet, sonntags in Zivil herumzulaufen, aber mein CO musste mich wiederholt ermahnen, etwas anzuziehen, das weniger körperbetont und meiner Position angemessener war, da ich schließlich kein kleines Mädchen mehr sei. Meiner Ansicht nach war meine Kleiderwahl nicht sonderlich extravagant.

Martino sah ich kaum noch. Nach seinem Abschluss der EPF hatte er den Job übernommen, Preclear-Akten von und zu den jeweiligen Fallbetreuern zu bringen, und da das nichts mit meinem Bereich zu tun hatte, kam ich auch nur selten in seine Nähe. Ein- oder zweimal lief ich durch das Hotel, um zu sehen, ob ich ihm zufällig begegnete, hatte aber kein Glück. Ich liebte ihn noch immer und musste ständig an ihn denken. Ich hörte Gerüchte von anderen Mädchen, die in ihn verliebt waren, und nahm an, dass er dadurch abgelenkt wurde. Außerdem wusste ich, dass ihm mit RPF gedroht worden war, sollte er noch einmal Mist bauen. Zu unseren gemeinsamen Freunden hatte ich allerdings weiter engen Kontakt.

Weihnachten kam und ging, ein weiteres Weihnachten weit fort von meiner Familie, nichts weiter. Flüge zur Int, um Bier-und-Käse-Partys zu besuchen oder mit den anderen Miscaviges Familientrips zur Skihütte zu unternehmen, waren schon lange Geschichte. Mit meinen Eltern hatte ich seit Juli, kurz bevor ich ins CMO EPF gehen musste, nicht mehr gesprochen. Ab und zu trafen Briefe ein, meist von Dad. Keine Ahnung warum, aber es verlieh mir ein wenig Sicherheit, sie wieder zusammen zu wissen. Es gab mir das Gefühl, als wäre alles wieder ein wenig so wie vor Don und vor Moms RPF. Vermutlich machten sie beide inzwischen ihre lange Trennung für Moms Affäre verantwortlich. Praktische Folgen hatte das alles für mich natürlich nicht, dafür traf ich sie zu selten.

Mit der Zeit gelang es mir besser, die ständigen Gedanken an Martino zu verdrängen. Ich wechselte meinen Unterrichtstag, damit ich ihm sonntags nicht begegnen konnte. Während der Kurse saß ich stets neben einem Jungen namens Wil, der sehr groß und sehr nett war. Er hielt mir immer einen Platz frei, daher wusste ich, dass er mich mochte. Er war cool und lustig, und er spielte Gitarre, was mich sehr beeindruckte. Ich unterhielt mich gern mit ihm, da er auch gut zuhören konnte. Er war nicht in der Sea Org aufgewachsen, und ich lauschte fasziniert, wenn er von seinem Leben in der Wog-Welt sprach.

Ich empfand für Wil jedoch nie dasselbe wie für Martino, auch wenn ich ihm nicht länger nachtrauerte. Alles verlief gut, bis ich eines Tages nach dem Unterricht mit den anderen auf den Bus zurück zur Hacienda wartete. Wil wartete mit mir und hielt meine Hand, um sich von mir zu verabschieden. Plötzlich sah ich Martino vorbeirennen. Demonstrativ sah er in die andere Richtung. Da wir nicht mehr am selben Tag Unterricht hatten, war es ein wirklich seltsamer Zufall. Ich hatte ihn seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. In der darauffolgenden Woche kam ich in den Kursraum und nahm neben Wil Platz. Auf der anderen Seite von ihm saß Martino und grinste mich breit an. Ich hatte absichtlich meinen Kurstag geändert, um ihm und neuen Scherereien aus dem Weg zu gehen, und nun saß er direkt an meinem Tisch. Ich war genervt und sogar ein wenig wütend auf ihn. In meinen Augen hatte er einfach das Interesse an mir verloren und dadurch natürlich meine Gefühle verletzt. Andererseits war es auch denkbar, dass er mir nur ausgewichen war, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. So oder so, ich gab mir alle Mühe, über ihn hinwegzukommen, und glaubte auch, es geschafft zu haben.

Martino schien die Unruhe zu genießen, die er durch seine Anwesenheit erzeugte, was meinen Ärger noch verstärkte. Ich packte Wils Arm, und wir wechselten in den Nebenraum, aber Martino wechselte ebenfalls und setzte sich wieder direkt an unseren Tisch. Ich hätte ihn am liebsten gewürgt, aber selbst Wil fand die Sache offenbar eher komisch als unangenehm. Ich konnte einfach nicht begreifen, warum Martino das tat. Ich hatte endlich einen Schlussstrich gezogen, und jetzt mischte er sich wieder ein. Ich beschloss, so zu tun, als ob er nicht da wäre.

In der folgenden Woche sollte es noch schlimmer kommen. Ich hatte kürzlich Neuigkeiten von Justin gehört, von dem ich seit über einem Jahr keine Nachricht mehr bekommen hatte. Ein Freund von der Ranch, der die Flag besuchte, hatte mit ihm gesprochen und kannte seine Nummer. Ich nahm mir vor, ihn während der Mittagspause anzurufen.

Der Vorwahl zufolge musste er irgendwo in L. A. wohnen. Auch wenn er der Sea Org den Rücken gekehrt hatte, so dachte ich doch, dass er womöglich noch in irgendeiner Form zur Scientology gehörte. Eine junge Frau meldete sich und holte ihn ans Telefon. Sein »Hallo« klang alles andere als begeistert, während ich vor Aufregung ganz aus dem Häuschen war. Zuerst tat er, als wüsste er gar nicht, wer ich war. Endlich nach reichlich Drängen und Bohren sprach er ganz offen.

»Hör mal. Meine Familie interessiert mich einen Dreck. Sie bedeutet mir überhaupt nichts. Du bist mit Ronnie und Bitty zusammen und ziehst deren Ding durch, und mit denen will ich auch nichts mehr zu tun haben.«

»Aber, Justin, ich bin gar nicht mit ihnen zusammen. Ich habe mit ihnen seit ewigen Zeiten nicht geredet. Was haben denn die Probleme, die du mit ihnen hast, mit mir zu tun?«

Es hatte alles keinen Sinn. Man konnte mit ihm nicht vernünftig reden.

»Die beiden interessieren mich einen Dreck. Und du interessierst mich auch einen Dreck. Ich hab keine Schwester.«

Mit diesen Worten legte er auf.

Ich war am Boden zerstört. Ich hatte keine Ahnung, was gerade geschehen war oder warum. Und dabei war es nicht ganz ungefährlich für mich gewesen, ihn anzurufen.

Als ich zurück in den Unterricht ging, konnte ich nur mit Mühe die Fassung bewahren. Ich hatte mit Justin zwar seit seiner Trennung von der Sea Org nicht mehr geredet, dass unser erstes Gespräch jedoch so verlaufen würde, hätte ich niemals für möglich gehalten. Nie hätte ich so viel Wut in ihm vermutet. Seine Worte bestätigten die schlimmsten Befürchtungen, die mich bei seinem Abgang von der Flag beschlichen hatten: dass ich ihn verlieren würde. Und jetzt wünschte er sich das sogar, das war das Schlimmste.

Wil merkte nichts, aber Martino, der erneut an unserem Tisch saß, erkannte sofort, wie aufgewühlt ich war, und fragte mich, was passiert sei. Ich bemühte mich mit aller Macht, ihm ohne zu weinen von meinem Anruf zu berichten. Martino fühlte mit mir und erklärte ein wenig albern, dafür würde er Justin windelweich prügeln, was mich zum Lachen brachte, da mein Bruder erheblich kräftiger war als Martino. Wil saß stumm daneben und nahm an der Unterhaltung überhaupt keinen Anteil. Als er ein paar Minuten später in Richtung Toiletten verschwand, legte Martino seine Hand auf meine. Ich hätte meine wegziehen können, tat es aber nicht.

Der restliche Tag verflog im Nu. Als ich zum Bus musste, wollte Wil mir einen Abschiedskuss geben, aber ich wich ihm aus, woraufhin er mich rundheraus fragte, ob es wegen Martino sei. Ich log und sagte, es würde nicht an ihm liegen, ich wolle es nur etwas langsamer angehen.

In den nächsten Tagen versuchte ich Wil aus dem Weg zu gehen, aber er ließ sich einfach nicht abschütteln. Ständig rief er meinen Pager an und trieb mich in die Enge. Bis er endlich seinen freien Tag hatte und nicht in der Schule war. Martino und ich konnten ungestört reden. Wir waren sofort wieder auf einer Wellenlänge, unterhielten uns über alles und nahmen Anteil an den Problemen des anderen. Als frischgebackenes Sea Org-Mitglied hinterfragte er Scientology nicht mehr so vehement wie früher, aber das tat ich ja auch nicht. Auswirkungen auf unser ungezwungenes Verhältnis hatte diese Veränderung jedenfalls nicht. Und beim Gehen lehnte er sich schließlich in so vertrauter Weise an mich, dass all die alten Gefühle wieder auf mich einstürmten. Ende der Woche konnte ich Wil einfach nicht länger im Unklaren lassen, was ich für Martino noch immer empfand. Er war traurig und hatte schon damit gerechnet. Als ich mit ihm Schluss machte, reagierte er dennoch richtig aufgebracht, aber ich wollte ihn nicht unnötig hinhalten.

Zwischen Martino und mir lief es danach fast wieder so wie vor dem großen Drama. Im Kursraum saßen wir mit unter dem Tisch ineinander verknoteten Beinen, und in den Pausen unterhielten wir uns. Der Schultag wurde wieder mein Lieblingstag der Woche.

Eines Nachmittags warteten wir auf den Bus und sprachen darüber, wie nervig es doch war, nicht fest befreundet sein zu dürfen. Wir waren beide in der Sea Org, also sollte es uns gestattet sein. Im Weg stand bloß, dass Tante Shelly und Anne Rathbun es verboten. Offen ausgesprochen wurde es nicht, aber im Grunde hielten sie ihn für einen schlechten Umgang, daher blieb ich unter permanenter Beobachtung. Da ich durch die Beziehung mit ihm bereits in Schwierigkeiten geraten war, würde eine Rückkehr zu ihm nur zeigen, dass ich mich nicht geändert hatte.

»Weißt du, Jenna«, sagte er, sah mich kurz an und senkte dann seinen Blick. »Ich … ich bin an einem Punkt, an dem es mir eigentlich schon egal ist, ob wir Ärger bekommen können.«

Und dann zog er mich an sich und küsste mich.