KAPITEL 26
Heimliche Verlobung

Als ich Mr. H erzählte, dass Dallas und ich uns verloben würden, wusste sie nicht, ob sie sich freuen oder besorgt sein sollte. Am nächsten Tag teilte sie mir mit, ich dürfe niemanden darüber informieren. In wessen Auftrag sie diese Anweisung an mich weiterleitete, blieb unklar, aber vermutlich steckten Onkel Dave, Tante Shelly oder Mr. Rathbun dahinter. Wohlgemerkt sagte Mr. H nicht, ich könne nicht heiraten, sondern nur, ich dürfe niemandem davon erzählen. Keine Ahnung, weshalb nicht, aber inzwischen war es sowieso zu spät. Wir hatten bereits mehr oder weniger jedem davon erzählt, auch all meinen Freunden auf der Flag.

Ich dachte nicht, dass meine Beziehung zu Dallas in irgendeiner Weise vom Schicksal vorbestimmt war. An dieses alberne Zeug glaubte ich nicht. Ich hatte bloß das Gefühl, dass niemand auf der Welt besser zu mir passte als er. Er war witzig, abenteuerlustig und unglaublich nett. Besonders gefiel mir seine ruhige, verständnisvolle Art. Bei einem Streit hörte er sich immer erst alle Seiten an und brachte jeder Meinung denselben Respekt entgegen. Nach allem, was ich durchgemacht hatte, gab es für mich also doch ein Happy End, und ich würde an der Seite des Mannes leben können, den ich liebte. Mein Ring war einfach wunderschön, wofür auch Dallas’ Vater verantwortlich gewesen sein dürfte, der ja ein Juweliergeschäft führte. Der Ring war klassisch schlicht, mit zwei kleinen Brillanten, die einen großen einschlossen. Er stand für die Erfüllung all meiner Träume.

Ich war achtzehn und Dallas zweiundzwanzig. Aus mehreren Gründen heirateten die Leute in der Sea Org meistens schon sehr jung. Zum einen war es verboten, vor der Heirat Sex zu haben. Außerdem durften verheiratete Paare ein eigenes Zimmer für sich haben, während in den Räumen sonst bis zu sieben Mitbewohner untergebracht waren. Ich kannte einige, die bereits mit fünfzehn geheiratet hatten. Wer jünger als achtzehn war, musste dafür jedoch nach Las Vegas gehen, da Minderjährige in Kalifornien von Gesetz wegen erst ein psychologisches Gutachten einholen mussten.

So wie es aussah, würden Dallas und ich aufgrund der Flag-Vorschriften keine Kinder haben können. Allerdings war Dallas der Meinung, die bestehende Regel in der Sea Org würde sich irgendwann wieder einmal ändern und das Verbot von Kindern aufgehoben werden. Ich hielt das eher für unwahrscheinlich, aber mir genügte es im Moment auch völlig, mit Dallas zusammen zu sein und ein Teil seiner Familie zu werden.

Weihnachten kam, und alle hatten einen Tag frei. Blöd war nur, dass Dallas zu seiner Familie in San Diego fuhr und ich ihn nicht begleiten durfte. Also ging ich mit den anderen ins Restaurant und anschließend ins Kino. Von meinen Eltern lagen ein paar Geschenke für mich in der Post: ein Kuscheltier, eine Armbanduhr und einige Bücher, über die ich mich besonders freute. Damals wusste ich nicht, dass mein Onkel als Zeichen des guten Willens an meine Eltern alle Einschränkungen hinsichtlich der Kommunikation zu mir aufgehoben hatte. Wahrscheinlich versuchte er, sie auf diese Weise zufriedenzustellen, damit der Church keine Verurteilung drohte, sollten sie sich doch zu einer Klage entschließen. Dennoch war es das erste Mal, dass ich nach unserer Begegnung etwas von ihnen hörte.

Ein oder zwei Wochen nach der Anweisung von Mr. H, meine Verlobung nicht bekannt zu geben, wurde ich in das Büro von Mr. Rathbun im zwölften Stock gebeten. Er sagte, er habe von meiner geplanten Hochzeit erfahren und sei froh, mich so glücklich zu sehen. Allerdings müsse er mir raten, mit der Hochzeit und der Bekanntgabe der Verlobung noch ein wenig zu warten, da es den Anschein habe, dass jemand aus Dallas’ Familie, genauer gesagt, sein Onkel Larry, in Verdacht stand, verschiedene Anti-Scientology-Websites zu besuchen. Wie er mir erklärte, könne es die Kirche derzeit am wenigsten brauchen, wenn der mögliche PTS Larry meine Eltern kennenlernen würde, deren Status zwischen offiziellen SPs und irgendeiner Sonderform von SP zu schwanken schien. Befürchtet wurde offenbar, dass Larry, Mom und Dad gemeinsam versuchen könnten, die Church zu zerstören.

Ich hielt solche Befürchtungen zwar für unbegründet, doch Mr. Rathbun sah darin anscheinend eine echte Bedrohung. Da ich nur mit wenigen Wochen rechnete, fand ich die Verzögerung verschmerzbar. Zudem war Mr. Rathbun mir gegenüber extrem freundlich, und ich wollte ihm die Sache nach Möglichkeit gerne erleichtern.

Auch wenn Onkel Larry uns erst einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, träumte ich weiter mit Vorliebe davon, wie mein großer Tag aussehen würde. Ob ich mir die Dinge, von denen ich träumte, überhaupt jemals würde leisten können, war eine andere Frage. Ich hatte keinen Vater, der für meine Hochzeit bezahlte, was mich jedoch nicht davon abhielt, gelegentlich in Braut-Zeitschriften zu blättern. Ich strich mir Kleider an, die mir gefielen, wählte Musik für die Hochzeit aus und benannte meine Brautjungfern. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, meine Großmutter zu bitten, mir Geld zu leihen, das ich ihr dann später zurückzahlen würde. Doch diese Absicht wäre aufgrund meines bescheidenen Einkommens gar nicht realisierbar gewesen. Seit meinem Weggang aus Florida hatte ich keinen Kontakt mehr mit ihr gehabt. Nur zu Weihnachten war ein Geschenk von ihr eingetroffen, zusammen mit einer Karte, auf der sie schrieb, wie sehr sie mich vermisste. Heute bin ich mir sicher, dass sie das Geld sowieso nie hätte zurückhaben wollen.

Kurz nach meinem Gespräch mit Mr. Rathbun wurde Dallas plötzlich regelmäßig von seinem Arbeitsplatz fortgerufen, um Ethik-Interviews mit dem E-Meter zu absolvieren. In erster Linie versuchten sie darin sicherzustellen, dass wir nicht die Grenze zu einem Out 2D überschritten. Einmal erhielt Dallas ein Roll Back, eine Auditing-Sitzung, in der die Quellen für »feindliche Propagandalinien« aufgespürt werden sollen. Unter einer feindlichen Propagandalinie wird bei Scientology jede Art von Kritik an der Church oder ihren Unterabteilungen verstanden. Dallas musste Fragen beantworten, die aufdecken sollten, warum er mich tatsächlich heiratete. »Was hat Sie auf die Idee gebracht, Jenna zu heiraten?«, wollte der Auditor von ihm wissen.

Die Anwendung eines Roll Back war in diesem Fall völlig unangebracht, da dieses Verfahren sicherlich nicht zur Klärung der Frage gedacht war, ob ein Antrag an mich eine feindliche Propagandalinie darstellte oder ob Dallas aufrichtige Absichten verfolgte. Doch die Church bemühte in ihrem Verfolgungswahn vermutlich das Roll Back, um nachzuforschen, wer Dallas beauftragt haben könnte, mich zu heiraten, in der Hoffnung, so an Informationen über meine Familie heranzukommen oder irgendwas in dieser Richtung. Auf jeden Fall hätte man ihm das alles niemals angetan, wenn ich nicht eine Miscavige wäre.

Auch ich wurde einem Roll Back unterzogen. Die Church schien daran interessiert zu sein, uns irgendetwas anzuhängen. Mutmaßungen über ein mögliches Out 2D gab es immer, wenn Leute begannen miteinander zu gehen, aber bei uns war die Sache entschieden schärfer. Ich wusste nicht mit Sicherheit, wer hinter dem Versuch steckte, unsere Hochzeitspläne zu beeinträchtigen, und ich wusste auch nicht, warum. Aber wer außer Onkel Dave und Tante Shelly kam dafür überhaupt in Frage? Am meisten ärgerte ich mich über die Tatsache, dass sie vor allem Dallas in die Mangel nahmen, wahrscheinlich weil er nicht so viele Security-Checks über sich hatte ergehen lassen müssen wie ich und sie deshalb dachten, er wäre leichter zu knacken.

Monate vergingen. Immer wieder erkundigte ich mich, wann wir heiraten dürften, ohne eine Antwort zu bekommen. Dallas war genauso frustriert wie ich, aber es gab offenbar kaum Möglichkeiten, die Sache zu beschleunigen. Schließlich schickte mir Tante Shelly einen Brief, in dem sie mir versicherte, wie sehr sie sich über meine Heiratspläne freute, und mich gleichzeitig davor warnte, Dummheiten zu begehen und ein Out 2D zu riskieren. Sie sagte, Linda vom Office of Special Affairs würde mich auf dem Laufenden halten, wann eine Heirat zwischen Dallas und mir möglich wäre. Ich war so genervt, dass ich Linda selbst ansprach. Ihrer Aussage zufolge war die Handhabung von Dallas’ Onkel äußerst schwierig und zeitraubend. Bislang hätte es keinerlei Fortschritte gegeben, und daran würde sich auch vermutlich noch eine ganze Weile lang nichts ändern.

Ich hatte nicht die geringste Idee, was sie mit der »Handhabung von Dallas’ Onkel« meinte. Viel ausrichten konnten sie bei ihm ohnehin nicht. Ich glaubte nicht einmal daran, dass eine Randfigur wie er die Hochzeit tatsächlich aufhalten konnte. Die Eltern von Dallas besaßen als großzügige Spender und als erfolgreiche Verbreiter von Scientology hohes Ansehen in der Kirche. Das Gewicht eines eventuell widerspenstigen Onkels sollte das allemal aufwiegen. Man hätte in jeder Familie einen Verwandten aufstöbern können, der Scientology gegenüber in irgendeiner Weise kritisch eingestellt war oder schon einmal eine Anti-Scientology-Website besucht hatte. Die ganze Sache war völlig abwegig. Schließlich waren meine Eltern diejenigen, die sich von Scientology abgewandt hatten, und dennoch kreisten alle Einwände gegen eine Hochzeit stets um den Punkt, dass von ihrem Zusammentreffen mit Larry eine Gefahr ausgehen könnte.

Dallas war stinkwütend, weil die Höherrangigen nie mit ihm, sondern immer nur mit mir sprachen. Er fand, ich solle meinen Onkel um Hilfe bitten, aber das wollte ich nicht, da er sicherlich bereits Bescheid wusste und keine Lust hatte sich einzumischen. Außerdem bestand die Gefahr, dass die Sache nach hinten losging und ich wegen versuchten Missbrauchs persönlicher Kontakte in Schwierigkeiten geraten würde. Dallas verstand mich nicht, wahrscheinlich weil Onkel Dave tatsächlich der einzige Mensch war, der uns helfen konnte. Aber wenn mein Onkel derjenige war, der uns im Weg stand, hätte ich ihn mit nichts in der Welt umstimmen können.

Ich versuchte, die Einwände gegen die Hochzeit ganz konkret zu entkräften. Mehrmals schlug ich Linda vor, dass wir auch einfach ohne meine Eltern und ohne Larry feiern könnten. Problem gelöst. Doch Linda interessierte sich nicht dafür. Sie hatte gar nichts zu entscheiden, das taten andere.

Nachdem wir uns monatelang den schwachsinnigen Vorwand mit Onkel Larry hatten anhören müssen, begingen Dallas und ich schließlich ein Out 2D und hatten vorehelichen Sex. Die möglichen Konsequenzen eines Out 2D waren mir natürlich stärker bewusst als jedem anderen, doch wir taten es trotzdem. Dallas und ich wollten zusammen sein, egal wie die Folgen aussahen. Wenn Probleme entstünden, würden wir uns ihnen stellen, wenn es so weit kam. In meinen Augen war es nichts Schlimmes, mit Dallas zu schlafen, auch wenn die Vorschriften anders aussehen mochten. Und was mich betraf, würde davon sowieso niemand erfahren. Nur wir beide wussten von dem Out 2D, daher hielt ich unser Geheimnis für bestens geschützt. Wir waren jung, wir waren verliebt, und wir waren entschlossen zu heiraten. Es war nur die Church, die verhinderte, dass wir unsere Beziehung absegnen lassen durften.

Out 2D war eine schlimme Sache, wenn man Ehebruch beging oder ständig die Partner wechselte. Doch wir beide hatten schließlich seit Monaten eine feste Beziehung. Wir waren diejenigen, die alle Vorschriften befolgten und eigentlich erst hatten heiraten wollen, während die Church irgendwelche Gründe erfand, warum wir den nächsten Schritt nicht gehen durften. Wir wollten das Richtige tun, und sie hinderten uns daran. Uns war klar, dass wir nach ihren Regeln niemals unser Glück finden würden, also machten wir, was wir wollten und was uns das Richtige erschien. Die Konsequenzen waren uns egal.

Mich plagte nicht ein Funken Schuldgefühl, und so gelang es mir, den Vorfall wochenlang geheim zu halten. Dallas jedoch gab dem ständigen Nachfragen am Ende nach. Inzwischen glaubte er tatsächlich, wir hätten etwas Verwerfliches getan. Auf großen Druck hin gestand er Anfang Juni alles. Mr. H war natürlich entsetzt. Sie hatte ihn zwar sehr geschickt interviewt, mit einer solchen Eröffnung aber niemals gerechnet. Als sie mich kurz darauf damit konfrontierte, wirkte sie bereits wieder gefasst und schien den ersten Schock verdaut zu haben. Ich erklärte, dass mir nichts leidtun würde, außer ertappt worden zu sein.

Selbstverständlich war ich stinksauer auf Dallas, aber das Gespräch würde noch warten müssen. Erst einmal musste ich Mr. H erklären, dass die Schuld an diesem Out 2D einzig bei denen lag, die uns nicht hatten heiraten lassen. Überraschenderweise widersprach sie mir nicht. Sie war lediglich verärgert und besorgt darüber, was als Nächstes geschehen würde. Kein Sea Org-Mitglied kam ungeschoren mit einem Out 2D davon, und Dallas und ich würden in dieser Hinsicht sicherlich nicht die Ersten sein. Auch wenn ich womöglich die Erste war, der es auch im Nachhinein nicht leidtat.

Ich wurde umgehend unter Beobachtung gestellt, was bedeutete, dass mir jemand auf Schritt und Tritt folgen sollte. Laut Mr. H steckte ich in gewaltigen Schwierigkeiten. Ich hatte sogar den Eindruck, als würde sie sich sogar ein wenig um mich ängstigen.

»Wo ist Dallas?«, fragte ich Mr. H. Es war mir völlig klar, dass bei Out 2Ds zuallererst die Schuldigen voneinander getrennt und zum Ableisten ihres RPF oft auf verschiedene Kontinente, zumindest aber auf verschiedene Stützpunkte verteilt wurden. Meist sahen sie einander nie wieder.

Mr. Hs Antwort war bestürzend, obwohl ich kaum etwas anderes erwartet hatte. Sie sagte mir, das gehe mich überhaupt nichts an, und dass ich angesichts des Ärgers, der mir bevorstand, keinen Gedanken an ihn verschwenden solle. Doch mich beschäftigte allein die Vorstellung, dass ich Dallas wahrscheinlich nie wiedersehen würde, wenn ich nicht rasch seinen Aufenthaltsort herausfand.

Mich überkamen Wut und panische Angst. Die Verhaltensregeln und Grundsätze der Sea Org verlangten von mir in solch ernsten Zeiten, nur ruhig sitzen zu bleiben und zu tun, was mir befohlen wurde, aber das konnte ich einfach nicht.

»Verdammte Scheiße, wo steckt er?«, fuhr ich Mr. H an.

Sie erschrak und erklärte, es nicht zu wissen. »Bullshit!«, schrie ich sie ohne Rücksicht auf meine Wortwahl an und stürmte aus ihrem Büro. Ich begann, nach ihm zu suchen, und riss jede Tür auf dem Flur auf. Anschließend ging ich nach unten, sah im Bus nach und fragte all seine Bekannten, denen ich unterwegs begegnete, ob sie ihn gesehen hatten. Keiner wusste etwas. Irgendjemand folgte mir die ganze Zeit und rief mir nach aufzuhören, aber ich suchte jeden Raum in dem gesamten HGB nach ihm ab.

Ich lief die zwei Meilen zum Hollywood Inn, doch dort fand ich ihn auch nicht. Wieder einmal drohte mein Leben in einen Scherbenhaufen zu zerfallen. Doch diesmal wollte ich es unter gar keinen Umständen zulassen. Der Sicherheitsmann des Hollywood Inn richtete mir aus, ich würde im Büro neben der Lobby am Telefon erwartet. In der Hoffnung, es wäre Dallas, rannte ich hinunter, traf dort aber nur Mr. Rathbun an, der mit ernster Miene auf mich wartete. Eine Sekunde lang war es mir peinlich, dass der zweitwichtigste Vertreter der Church herkommen und sich mit mir und meinem Out 2D beschäftigen musste, aber ich hatte genug davon, mich ständig nur nach dem RTC zu richten. Sie hatten mir mein ganzes Leben versaut. Ich wollte nichts weiter als die Erlaubnis zum Heiraten und einen Job in der Sea Org, der meinen Qualifikationen entsprach und nicht von der Stellung meines Onkels abhing. Ich hatte keine Lust mehr, wegen meines Nachnamens und der vom Verfolgungswahn getriebenen PR der Church ständig Security-Checks über mich ergehen lassen zu müssen. Andere Leute in meiner Situation wären entweder drin oder draußen gewesen, von ihren Familien abgeschnitten oder nicht. Ich hing permanent irgendwo dazwischen, was mich völlig verrückt machte. Mr. Rathbun versuchte, mich zum Hinsetzen zu bewegen.

»Jenna, ich habe gehört, was passiert ist«, sagte er. Die Scham über den Vorfall sollte mich unterwürfig machen. »Du musst jetzt unbedingt ins Reine kommen.«

Ganz offensichtlich interpretierte er mein Verhalten als Wildes-Tier-Reaktion, das bekannteste Symptom für ein unentdeckt gebliebenes Withhold. Zweifellos glaubte er, mich beruhigen zu können, indem ich ihm alles offenbarte. Ich fühlte mich jedoch gerade ganz und gar nicht dazu in der Stimmung. Ich wollte einfach nur wissen, wo Dallas war.

»Man kümmert sich um ihn«, mehr verriet er mir nicht. Ich hatte keinen Bock auf seine Psychospielchen und drängte mich an ihm vorbei aus dem Büro.

Inzwischen war es dunkel geworden. Ich lief die zwei Meilen zum HGB wieder zurück, um meine Suche nach Dallas fortzusetzen. Während ich noch den Bürgersteig entlangstürmte, hörte ich das Geräusch eines langsamer werdenden Motors hinter mir und dann die Stimme von Mr. Rathbun, der mich anbrüllte, ich solle gefälligst einsteigen. Wir müssten uns unterhalten. Nach einer Weile hatte er mich überredet einzusteigen, da ich dachte, er wolle mir sagen, wo Dallas war.

Mr. Rathbun ließ sich noch eine Weile darüber aus, wie unbegreiflich es war, dass die ganze Sache so aus dem Ruder gelaufen sei. Jetzt allerdings blieb ihm, wie er sagte, nichts anderes mehr übrig, als Tante Shelly und Onkel Dave von meinen Taten in Kenntnis zu setzen. Ich fand es unfassbar, für wie naiv er mich hielt. Wie konnte er glauben, ich wüsste nicht, dass sie bereits über alles informiert waren? Ich legte mich aber nicht mit ihm an, sondern erklärte nur, dass ich nicht verstehen würde, was die Sache hier mit ihnen zu tun hätte. Kein anderes Sea Org-Mitglied wurde so wie ich Kontrollen und Überprüfungen unterworfen.

Mr. Rathbun stimmte mir zu. Er schwankte unverkennbar zwischen dem Gefühl, mich zusammenstauchen zu müssen, dem Verständnis für meine Situation und einer gewissen Sympathie, insgesamt also eine Haltung, die der von Mr. H sehr ähnelte. Er fuhr den Mulholland Drive hinauf, bis er den Wagen schließlich an einem Aussichtspunkt parkte und wir ausstiegen. Ich war zum ersten Mal hier oben auf dieser Straße. Anscheinend glaubte Mr. Rathbun, der Blick auf das lichterfunkelnde Los Angeles würde mich besänftigen. Als mich das fantastische Panorama aber nicht sofort in Demut verfallen ließ, wurde er fuchsteufelswild und schrie mich an, ich sei eine SP. Wir begannen einander anzubrüllen, bis er dermaßen sauer war, dass er in sein Auto stieg und davonfuhr.

Damit stand ich jetzt mitten in irgendeiner gottverlassenen Gegend und war mit meiner Suche nach Dallas kein Stück vorangekommen. Ich wusste nicht einmal, dass ich mich auf dem Mulholland Drive befand. Glücklicherweise bemerkte ich ein Stück über mir ein Liebespärchen, das offenbar Zeuge des ganzen Streits geworden war. Ich versuchte, mit meiner Sea Org-Uniform und den rot verquollenen Augen so normal wie möglich auszusehen, und ging zu ihnen, um nach einem Handy zu fragen. Die junge Frau hatte Mitleid mit mir und ließ mich telefonieren. Ich bedankte mich, sah erst auf das Handy, dann zurück zu ihr und stellte erschrocken fest, dass ich absolut niemanden hatte, den ich anrufen konnte.