KAPITEL 6
Das Leben eines Kadetten, Teil
II
Die Vormittage eines Kadetten galten den Posten und der körperlichen Arbeit, die Nachmittage der Ausbildung.
Nach den Decks kamen das Mittagessen und das Aufräumen, gefolgt von der Ausbildung, die gegen Viertel vor zwei begann. Unsere akademische Ausbildung umfasste die üblichen Fächer wie Mathematik, Geographie, Lesen, Buchstabieren und Geschichte, doch wir mussten selbstständig mit Hilfe von Lehrbüchern und Prüfungsbögen, die man uns gab, lernen. Regulären Unterricht mit einem Lehrer gab es nicht. Wir durften nicht mal das Wort ›Lehrer‹ benutzen, da dieser Begriff durch ›Kursleiter‹ ersetzt worden war. Auch hieß es nicht ›Klassenzimmer‹, sondern ›Kursraum‹, nach L. Ron Hubbards so treffend betiteltem Grundsatzschreiben Was ist ein Kurs?
Während unserer Kurszeit mussten wir uns täglich durch einen Supervisor prüfen lassen. Dazu benutzte man eine von LRHs Erfindungen namens Elektropsychometer, die aber von allen nur kurz E-Meter genannt wurde. Der Prüfling musste in jeder Hand eine Blechdose halten. Dann wurde ein wenig Strom über die Dosen durch seinen Körper geleitet, während er befragt wurde. Der E-Meter hatte eine Nadel, die nach jeder Frage ausschlug, diese Ausschläge wurden dann vom Supervisor interpretiert. Wenn man sorgfältig die Bewegungen der Nadel beobachtete, konnte derjenige, der den E-Meter bediente, angeblich sehen, ob der Befragte die Wahrheit sagte. Die Idee dahinter war, dass der E-Meter wunde Punkte im Unterbewusstsein aufspürte, derer man sich vielleicht nicht bewusst war, die aber geklärt werden mussten. Diese Punkte kamen dann im Auditing zur Sprache. Mit anderen Worten: Der E-Meter war ein Instrument zur Unterstützung des Auditing-Prozesses.
Mit unseren täglichen Meter-Checks sollte herausgefunden werden, ob wir während unserer Studien auf etwas gestoßen waren, das wir nicht ganz verstanden hatten. Bei Scientology war man überzeugt, dass man, wenn man in einem Text ein Wort oder eine Passage nicht nachvollziehen konnte und daran vorbeilas, weder beim Lernen noch im Leben Erfolg haben würde. LRH behauptete, der Versuch, um ein unverstandenes Wort herumzulernen, sei der ausschlaggebende Faktor für Dummheit, die Wurzel allen Fehlverhaltens, das bis zur Kriminalität führen könnte. LRH schrieb: »Wenn man an einem Wort vorbeiliest, das man nicht versteht, überkommt einen ein Gefühl der Leere, einen innerlichen blinden Fleck, so, als wäre man nicht da, und das kann bis zu nervöser Hysterie führen.« Dies, sagte er, könne einen sogenannten Blow herbeiführen, der einen unter Umständen dazu triebe, mit dem Lernen aufzuhören oder den Kursraum zu verlassen.
Man klärte ein Wort, indem man die korrekte Definition im Wörterbuch fand und es dann in eigenen Sätzen immer wieder verwendete, bis man es sich angeeignet hatte. Dieser Prozess wurde mit jeder Bedeutung des Worts inklusive aller Synonyme und Idiome wiederholt. Doch Gott bewahre, wenn man beim Lernen dieser verschiedenen Bedeutungen und Ursprünge des Worts auf einen anderen Begriff stieß, den man nicht verstand. Dann hatte man ganze Wortketten, die man klären musste, und saß stundenlang vor den Wörterbüchern, nur um nicht durch den Meter-Check zu fallen. Den Ursprung des Wortes musste man auch immer kennen.
Fiel man beim Meter-Check durch, musste man wieder ganz von vorne anfangen und jedes einzelne Wort aufschreiben und klären, das man nicht verstanden hatte. Das Gleiche musste man mit jedem falsch verstandenen Wort wiederholen.
Mir waren die Meter-Checks verhasst, sie machten mich ungeheuer nervös. Sie wurden vor der ganzen Klasse durchgeführt, und alle bekamen es mit, wenn man durchfiel. Die Kursleiterin fragte zum Beispiel:
»Hast du bei deinen Studien irgendein Wort oder Zeichen gelesen, das du nicht vollkommen verstanden hast?«
Dann sah sie erwartungsvoll auf den E-Meter, um festzustellen, ob man durchkam oder nicht. Fiel man durch, sorgte sie dafür, dass die ganze Klasse es hörte.
Abgesehen von den Meter-Checks kamen von der Kursleiterin so gut wie keine Anweisungen. Wenn man etwas im Text nicht verstand, fragte sie nur, welches Wort genau man nicht verstand, half einem aber nicht, die Sache zu klären. Der Gedanke dahinter war, dass Erklärungen von Seiten des Kursleiters nicht hilfreich waren, weil man dann allein durch die Frage nach der Bedeutung eines Wortes und damit faktisch mit einem missverstandenen Wort durchkam. Es ist kein Wunder, dass mir auch die Schule immer weniger gefiel. Vor meiner Zeit als Kadett war ich ein ziemlich kluges Kind gewesen, das sehr gerne las, aber schon nach kurzer Zeit raubten mir diese monotonen und ermüdenden Lehrmethoden jegliche Motivation. Ganz gleich, welchen pädagogischen Wert es auch haben mochte, die Definitionen von Wörtern zu lernen, er wurde durch den unpraktischen und beschränkten Lernprozess ohnehin wieder zunichtegemacht. Obwohl ich schon früh lesen und schreiben konnte, verlor ich durch die reine Konzentration auf einzelne Wörter die Lust an beidem.
Die Meter-Checks fand ich besonders nervenaufreibend, und ich tat alles, um sie zu vermeiden. Wenn man gerade ein Wort klärte, konnte man nicht geprüft werden, also hatte ich immer ein Wörterbuch vor mir aufgeschlagen und tat so, als würde ich ein Wort prüfen oder es in Sätze einbinden. Zwar ersparte ich mir dadurch die Peinlichkeit, beim Meter-Check durchzufallen, kam aber beim Lernen nicht weiter. Es war reine Ablenkung. Ich war so damit beschäftigt, einzelne Begriffe zu klären, dass ich den Text, den ich eigentlich lesen sollte, nicht mehr verstand. Manchmal wollte ich meine Freunde bitten, mir bestimmte Dinge zu erklären, aber wir durften nicht mit anderen Schülern reden, sonst wurden wir vor allen anderen angeschrien oder sogar zum Ethik-Offizier geschickt.
Die Schule ging von Viertel vor zwei bis sechs Uhr, mit einer Viertelstunde Pause dazwischen. Dann durften wir essen, entweder etwas, das wir in der Kantine kauften, oder eine Orange oder einen Apfel, die wir so bekamen. Außerdem durften wir auf dem Spielplatz spielen, den wir selbst gebaut hatten. Nach der Pause gab es erst einen Appell, bevor wir wieder mit dem Lernen anfingen. An manchen Tagen hatten wir fünfundvierzig Minuten Sport, was wahrscheinlich noch der freieste Unterricht war. Einmal die Woche kam ein Fitnesstrainer zur Ranch und unterzog uns einem Fitness-Test. Da wir von den Decks alle in guter körperlicher Verfassung waren, kamen wir ohne Probleme durch. Wenn der Fitness-Trainer nicht da war, taten wir, was uns gerade so einfiel. Einige spielten Fußball oder Volleyball, aber es gab keine festgelegten Mannschaften und keinen Trainer, und normalerweise spielten die sechzehnjährigen Jungen. Da konnte ein kleines Mädchen kaum mitmachen, ohne niedergetrampelt zu werden, was ich aus eigener Erfahrung wusste. Daher gab ich es, wie viele in meinem Alter, einfach auf und ging in einen Raum, wo wir uns an Gymnastik oder Aerobic versuchten.
Abendessen und Aufräumen fanden zwischen sechs und Viertel vor sieben statt, danach folgte unsere scientologische Ausbildung. Unsere normalen Schulfächer waren als Ergänzung zu unseren scientologischen Studien gedacht. Die Abendsitzungen aber waren für die echten Einführungskurse in Scientology bestimmt. Natürlich waren wir zu diesem Zeitpunkt oft schon müde. Schließlich hatten wir bereits einen Zwölf-Stunden-Tag hinter uns.
Wie bei unseren Schulkursen saßen beim scientologischen Unterricht etwa vierzig Personen in einem Raum. Da die Schüler auf verschiedenen Level waren, arbeiteten manche an Drillübungen, während andere sich Aufnahmen von LRHs Vorträgen anhörten, Tonmodelle herstellten oder LRHs Bücher und Grundsatzschreiben lasen. Wir arbeiteten allein und zeigten mit Hilfe eines Prüfbogens, wie weit wir waren.
Wir lernten viele verschiedene Aspekte von Scientology kennen, von der Beziehung zwischen Thetan, Verstand und Körper bis zur Bedeutung der Klärung missverstandener Wörter. Wir bekamen auch den sogenannten Children’s Communications Course, eine Adaption des Kommunikationskurses für Erwachsene, in dem man lernte, Audits zu geben. Allerdings war in der Adaption viel verloren gegangen. Die Kommunikationskurse enthielten verschiedene Trainingsroutinen oder TRs, mit denen man seine Kommunikationsfähigkeiten perfektionieren sollte. Es gab eine Abfolge von TR-0 bis TR-4. Ziel dieser TRs war es, verschiedene Kommunikationstechniken zu isolieren und zu üben. Manche waren lange, praktische Übungen, um besser mit Abwehr und Ablenkung zurechtzukommen.
Bei den TRs übten wir paarweise mit unserem Zwilling. Bei der TR-0 mussten wir uns einander gegenübersetzen, und zwar so nah, dass wir uns fast mit den Knien berührten. Einer von uns war der Trainer, der andere der Schüler. Dann mussten wir uns ansehen, bis wir dabei keinerlei Unbehagen mehr empfanden, und durften uns nicht bewegen, nicht übermäßig blinzeln, nicht lächeln und nicht den Blick abwenden, sondern einfach nur den anderen anstarren. Vorgeblich war das Ziel, jemand anderen ohne Angst direkt anzusehen, aber in Wahrheit fühlte es sich wie ein Wettkampf an, wer länger den anderen anstarren konnte. Irgendwann geriet man in eine hypnoseähnliche Trance, bei der mein Partner immer vor meinen Augen verschwamm.
Als Nächstes kam TR-0 mit Provokationen, die weitaus schwierigste Übung. Wieder saßen wir einander gegenüber, aber statt uns wortlos anzustarren, mussten wir uns anhören, dass der Trainer sich über uns lustig machte und uns beleidigte. Ganz gleich, was gesagt wurde, wir durften nicht eine Miene verziehen. Die anderen Kinder im Kursraum hörten natürlich alles und lachten, wodurch es fast unmöglich war, die Konzentration aufrechtzuerhalten. Ziel dieser Trainingsroutine war es, nicht zu reagieren, allerdings verstand ich nie, warum es so wichtig war, nicht über Witze zu lachen. Manchmal war es schwer, ungerührt zu bleiben, ganz zu schweigen davon, nicht zu lachen.
Seltsamerweise war Alice im Wunderland ein wichtiger Bestandteil von TR-1 und TR-2. In TR-1, die Liebe Alice genannt wurde, lasen wir laut Passagen aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland vor, um zu üben, uns verständlich zu machen, ohne überdeutlich oder undeutlich zu sprechen. Unser Zwilling hatte die Aufgabe, bei jedem Fehler »Durchgefallen« zu sagen. TR-2 war eine Erweiterung von Liebe Alice. Bei dieser Übung las einer willkürlich ausgewählte Passsagen aus Alice im Wunderland vor, während der andere nach jeder Passage »gut« oder »danke« sagte, zum Zeichen, dass er ihn verstanden hatte. Diese Bestätigung war wichtig, denn so zeigten Auditoren Preclears in einer Sitzung, dass sie ihnen folgen konnten.
Damals fand ich die Übungen nicht seltsam. Erst im Rückblick kommen sie mir bizarr vor. TR-3 befasste sich mit der Technik, auf Fragen passende Antworten zu bekommen. Der Schüler stellte normale Fragen wie »Können Vögel fliegen?« oder »Können Fische schwimmen?«, und der Trainer sollte den Schüler ablenken, indem er vorsätzlich etwas Zusammenhangloses antwortete wie »Tja, Hunde können es jedenfalls« oder »Mir ist kalt«, um den Schüler zu zwingen, die Frage zu wiederholen. Die ganze Übung kreiste so lange um sich selbst, bis der Trainer beschloss, die korrekte Antwort zu geben.
TR-4 galt der Übung, unseren Zwilling dazu zu bringen, beim Thema zu bleiben. Wir fragten zum Beispiel wieder »Können Vögel fliegen?«, doch unser Zwilling sollte die Frage nicht beantworten, sondern irgendetwas anderes sagen wie zum Beispiel: »Ich brauche ein Taschentuch.« Dann sagte man: »Ist gut, hier bitte«, und gab ihm ein Taschentuch, um sofort darauf auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen. »Ich frage noch einmal: Können Vögel fliegen?« und so weiter.
Alle TRs waren von Wiederholungen geprägt und sollten uns lehren, Kommunikation zu kontrollieren. Ich glaubte wirklich, das Ziel wäre es, unsere kommunikativen Fähigkeiten zu trainieren, aber die ewigen Wiederholungen hatten in vielerlei Hinsicht den entgegengesetzten Effekt. Mit der Zeit fühlte ich mich gezwungen, mein Gegenüber immer direkt anzusehen und ihm ständig zu bestätigen, dass ich gehört hatte, was er sagte. Tatsächlich bekam ich durch die TRs das Gefühl, es wäre falsch, zu reagieren oder meine Gefühle auszudrücken. Wenn wir uns im Alltag über etwas oder jemanden aufregten, hieß es immer: »Du musst die TRs üben.« Ich sollte ständig Kontrolle über meine Gefühle haben, und die Kurse halfen mir dabei, auch wenn ich dadurch meine Gefühle unterdrückte.
Obwohl die TRs dafür sorgten, dass unsere Interaktionen immer gleichförmiger wurden, waren die Erwachsenen auf der Ranch eindeutig überzeugt, wir würden dadurch bessere Sea Org-Mitglieder werden. Wir wuchsen schon seit frühester Kindheit mit den scientologischen Techniken auf, daher freuten sich unsere Eltern und andere Erwachsene für uns, waren sogar ein wenig neidisch darauf. Es war fast wie ein Privileg, das sie nie gehabt hatten.
Gegen neun endete der scientologische Unterricht. Dann mussten wir unsere Student Point Slips ausfüllen, Formulare, in die täglich mittels eines Punktesystems unsere Fortschritte eingetragen wurden. Zum Beispiel gab es zehn Punkte dafür, eine Seite eines LRH-Grundsatzschreibens gelesen zu haben, und jede geklärte Definition aus einem Wörterbuch gab weitere drei Punkte. Wir rechneten unsere Punkte zusammen und trugen den Wert in ein Diagramm, das uns zeigte, ob wir den Wert des Vortags über- oder unterschritten hatten. War Letzteres der Fall, wartete am nächsten Tag sofort der Meter-Check auf uns.
Nach dem Ausfüllen der Diagramme fragte uns der Supervisor, ob jemand einen Gewinn zu teilen habe. Ein Gewinn war etwas, das man gelernt hatte und jetzt anwenden konnte. Wenn jemand einen Gewinn teilte, mussten die anderen Beifall klatschen. Für einen Abend waren drei oder vier Gewinne normal. Ich nehme an, damit sollten wir sehen, dass es sich lohnte, die scientologischen Techniken zu lernen, und dass man einen Gewinn teilen konnte, wenn man nur tüchtig lernte. Im Umkehrschluss hieß das aber auch, dass man irgendwas falsch gemacht hatte oder dass etwas nicht mit einem stimmte, wenn man keinen Gewinn hatte.
Unsere Kurszeit beendeten wir immer damit, dass wir L. Ron Hubbard hochleben ließen. Dazu drehten wir uns alle zu seinem Bild, das an einer Wand hing. Obwohl LRH seinen Körper verlassen hatte, betrachteten ihn alle noch als unser Vorbild, als einen Mann, dem die Menschheit so am Herzen gelegen hatte, dass er ihr mit seiner Weisheit und seinen Techniken helfen wollte. Ganz gleich, in welchem Raum wir unterrichtet wurden, ein Bild von LRH hing in jedem, sogar in unseren Schlafzimmern. Dadurch hatte ich das seltsame Gefühl, er würde mich beobachten, ganz gleich, wohin ich ging.
Der Supervisor rief: »Hip! Hip!«, und wir antworteten: »Hurrah!«, und klatschten ein paar Minuten.
Nach diesem Salut gingen wir in unsere Schlafräume und machten uns bettfertig. Ich teilte mir mit sieben Mädchen ein Zimmer. Wir duschten alle abends, weil morgens nie genug Zeit dazu war. Während wir darauf warteten, an die Reihe zu kommen, plauderten wir mit den anderen Mädchen und putzten uns die Zähne. Diese knappe halbe Stunde bot eine der wenigen Gelegenheiten, in der wir uns mit unseren Freunden unterhalten konnten.
Um Punkt halb zehn wurde das Licht gelöscht, und der Master-at-Arms ging herum, um sicherzustellen, dass alle im Bett lagen. Und am nächsten Tag begann alles von vorn.
Nur am Donnerstag wich der tägliche Stundenplan etwas ab. Bei Scientology beginnt und endet die Woche donnerstags um vierzehn Uhr, und zum Start der neuen Woche gehörte die mühsame Sammlung und Auswertung unserer Wochendaten, damit unsere Supervisoren – in der Regel auch Kinder – unsere Fortschritte einschätzen konnten. Um Punkt vierzehn Uhr versammelten wir uns für zwei Stunden zu den sogenannten Thursday Basics, den »Donnerstagsgrundlagen«, im Schulgebäude. Dann wurden die täglichen Einträge von den Schülerpunkteformularen zusammengerechnet und in Diagramme übertragen, damit man prüfen konnte, ob wir Fortschritte machten oder nicht.
Donnerstags mussten wir auch die Wochenstatistik von unseren Posten erstellen. Jeden Tag wurde geprüft, ob wir die Tätigkeiten unserer Posten in ein Diagramm eintrugen und uns damit unsere Leistungen vor Augen führten. Ich als Medical Liaison Officer wurde jeden Tag anhand der Anzahl gesunder Kadetten bewertet.
Donnerstags trug ich die Ergebnisse dieser täglichen Diagramme in Tabellen ein. Wenn ich einen Berg an Daten und Zahlen übertragen hatte, zeigte das daraus resultierende Diagramm, ob ich mich in eine gute Richtung entwickelte (aufwärts) oder in eine schlechte (abwärts). Aufgrund der Richtung und Steigung oder Neigung der Kurve bekam ich einen entsprechenden Ethik-Zustand zugewiesen, der mir helfen sollte, meine Postenstatistik zu verbessern. Je nachdem, wie mein Zustand war, musste ich in der folgenden Woche verschiedene Schritte unternehmen, um meine Statistik zu halten oder zu verbessern.
Ethik-Zustände bestimmten nicht nur die Fortschritte auf unseren Posten, sie waren auch integraler Bestandteil bei der Bewertung von uns als Menschen. Nach LRH gab es zwölf dem Wert nach abgestufte Zustände, und alle Scientologen waren stets bemüht, ihren Zustand zu verbessern, da dies unweigerlich zu größerem Glück und Wohlstand und einem besseren Leben führte. Jeder begann im Zustand der ›Nichtexistenz‹ und konnte über die zwölf einzelnen Stufen seinen Zustand und somit auch sein Wohlbefinden steigern.
Die Ethik-Zustände waren, in absteigender Reihenfolge:
Macht
Machtwechsel
Überfluss
Normal
Notlage
Gefahr
Nichtexistenz
Belastung
Zweifel
Feind
Verrat
Verwirrung
Jeder Zustand unter ›Nichtexistenz‹ wurde als niedrig eingestuft und mit entsprechenden Strafmaßnahmen behandelt. »Niedriger Ethik-Zustand« hieß, dass man sich gegen die Gruppe gestellt, ihre Regeln verletzt hatte und korrigiert werden musste. Das geschah häufig durch Demütigungen. Zum Beispiel erhielt man nur Bohnen und Reis zu essen, wurde von den Org Awards ausgeschlossen und bekam seine Privilegien entzogen oder reduziert. Allerdings konnte ein niedriger Ethik-Zustand auch selbst eine Strafe sein: Hatte man etwas falsch gemacht, konnte man als Strafe dafür in einen niedrigeren Zustand versetzt werden und musste sich wieder hocharbeiten. Alles konnte einen in einen niedrigeren Ethik-Zustand versetzen, ob man nun Widerworte gab, ungehorsam war oder auch nur seinen Schlüssel verlor.
Als MLO musste ich meine wöchentlichen Leistungen in eine Karte eintragen. Bei Verbesserungen auf meinem Posten verbesserte sich auch mein Ethik-Zustand. Wenn viele Kinder krank wurden, ging meine Leistungskurve nach unten, was ich wiedergutmachen musste, indem ich mich in den Ethik-Zustand ›Gefahr‹ eintrug. Die Ethik-Zustände konnten in den einzelnen Aufgabenbereichen variieren. Zum Beispiel war es möglich, dass man bei seinen Finanzen in ›Zweifel‹ war, bei seiner Gesundheit aber in ›Überfluss‹.
Für mich als Siebenjährige war die Erstellung all dieser Listen und Diagramme lächerlich und bedeutungslos. Ich war keine Perfektionistin, und Details interessierten mich kaum. Rückblickend kann ich fast nicht glauben, dass all das von uns erwartet wurde. Die Analyse dieser vielen Zahlen war nicht nur ermüdend, sondern auch unglaublich zeitaufwendig. Es zwang uns, all unsere Konzentration auf Zahlen und Formulare zu richten, ohne deren Bedeutung wirklich ermessen zu können. Wir mussten uns die Ergebnisse ansehen, Schlussfolgerungen ziehen und den vorgeschriebenen nächsten Schritten folgen. All diese Arbeit mit Zahlen, Statistiken und Trends war eine wesentliche Übung für unser Leben als erwachsene Scientologen. Je mehr wir uns daran gewöhnten, jede Woche unser Leben zu quantifizieren, desto weniger Schwierigkeiten würden wir in der Zukunft damit haben.
Zu den Thursday Basics gehörten aber auch die wöchentlichen E-Meter-Checks, die sich von denen unserer Schulstunden unterschieden. Während dieser Checks mussten wir uns in einer Reihe aufstellen, und dann setzte sich einer nach dem anderen mit den Dosen in der Hand hin. Aber im Gegensatz zu unseren täglichen Checks wurden keine Fragen gestellt. Der Prüfer des E-Meters, immer ein Erwachsener, beobachtete einfach den Ausschlag der Nadel und befand dann auf ›sauber‹, ›schmutzig‹, ›bestanden‹ oder ›durchgefallen‹. Wenn die Nadel gleichmäßig ausschlug, war sie ›sauber‹ oder ›fließend‹, und man hatte bestanden. Ich versuchte oft, nur an Schönes zu denken, um die Prüfung zu bestehen, erfuhr aber das Ergebnis immer erst später am Abend, wenn es vor der Gruppe vorgelesen wurde.
Wenn wir durchfielen, mussten wir eine O/W-Aufstellung anfertigen. O/W war die Abkürzung für Overts und Withholds – Offenes und Verdecktes –, was im Grunde nichts anderes bedeutete als Sünden und Geheimnisse. Overts waren Sünden oder Missetaten, während Withholds all das umfasste, was man zu verbergen versuchte. Also mussten wir im Grunde unsere Sünden beichten. Die Vorgaben dazu waren sehr präzise: Zuerst schrieben wir auf, was wir falsch gemacht hatten, dann wurden Zeit, Ort, Art und Weise und die Gelegenheit angegeben. Wir mussten so lange schreiben, bis alles gebeichtet war und wir uns besser fühlten. Danach bekamen wir einen weiteren Meter-Check. Bei diesem Mal aber wurden wir gefragt: »Ist diese O/W-Aufstellung vollständig, oder wurde etwas ausgelassen?« Wenn wir wieder durchfielen, mussten wir weiterschreiben, und zwar so lange, bis unsere Nadel gleichmäßig ausschlug.
Donnerstags mussten wir auch den Wochenbericht für unsere Eltern schreiben. Dafür gab es Formulare mit Leerstellen für Namen und Datum sowie Kästchen, in denen wir angeben konnten, welche Kurse wir geschafft hatten, ob unsere Statistik hoch oder niedrig war, ob wir Gewinne hatten und was wir sonst noch mitteilen wollten. Allerdings durften wir nichts Negatives schreiben. Denn die Erwachsenen der Ranch lasen die Wochenberichte, bevor sie zur Int Base geschickt wurden, und mögliche Klagen wurden als ›Schlechtmachen‹ behandelt. Das Gleiche galt für unsere Briefe, ob sie nun an Freunde, Verwandte oder die Eltern gingen. Wann immer ich einen Brief von meinen Eltern oder sonst wem bekam, war er schon geöffnet und wieder zugeklebt worden. Den anderen Kindern auf der Ranch erging es genauso. Ich weiß nicht, was der Zweck dieser Überwachung unserer Korrespondenz war. Vielleicht wurde so sichergestellt, dass wir unsere Eltern, die so viel arbeiten mussten, nicht störten oder aufregten. Also waren Beschwerden nicht nur auf der Ranch untersagt, sondern auch in Briefen.
Der Freitagabend verlief anders als die anderen Abende. Nach dem Abendessen gab es die Graduierung, bei der manche für den Abschluss von Kursen Zertifikate bekamen. Zur Graduierung versammelten wir uns entweder in der Mess Hall oder der Eingangshalle, wo wir in den Genuss einer scientologischen Vorführung kamen. Manchmal war es nur ein Musikvideo, häufiger jedoch die Diavorführung von der Rekrutierung neuer Sea Org-Mitglieder. Dabei sah man immer Bilder von Menschen in Uniform, darunter einige unserer Eltern, während im Hintergrund feierliche Musik und Parolen ertönten wie »Viele sind berufen, nur wenige auserwählt«.
Fast jede Woche wurde auch LRHs Mission durch die Zeit gezeigt. Dabei sah man L. Ron Hubbard, der sich bis mehrere Hundert Jahre zurück an seine früheren Leben erinnerte und seine Reise chronologisch aufschlüsselte, indem er auf diese früheren Leben Bezug nahm. Nur aus der Erinnerung nannte er Orte auf der ganzen Welt, wo er in seinen früheren Leben verschiedene unbekannte Gegenstände vergraben hatte. Dann zeigte die Diashow die Geschichte der ersten Sea Org-Mitglieder, die die Mission hatten, all diese Orte aufzusuchen, um diese Gegenstände zu suchen. Sie fuhren mit dem Schiff über die Weltmeere und fanden alles. Wenn ich das sah, bekam ich jedes Mal eine Gänsehaut.
Nach der Vorführung bekamen die Kinder, die einen Kurs abgeschlossen hatten, unter lautem Applaus ihre Zertifikate. Dann gab es die Verleihung von Titeln wie »Schüler der Woche«, »Kadett der Woche« und »Division der Woche«. Auch die Graduierung endete damit, dass wir uns vor LRHs Bild stellten und ihn dreimal hochleben ließen.
Das Beste kam nach der Graduierung, dann erhielten wir unser Taschengeld von fünf Dollar. Wir mussten dafür eine Unterschrift leisten, denn von dem Geld wurden Sozialabgaben abgezogen, also waren es eigentlich nur vier Dollar fünfzig. Außerdem gab es noch Abzüge, wenn Geburtstagsgeschenke für einen Erwachsenen oder eine Führungskraft gekauft wurden. Waren die Kadettenstatistiken insgesamt gut, bekamen wir manchmal einen Org Award, was hieß, dass wir vor dem Schlafengehen einen Film ansehen und Popcorn essen durften oder sogar einen Ausflug unternahmen. Danach gingen wir alle auf unsere Zimmer, um uns bettfertig zu machen.
Samstags gab es keine Schule, dafür mussten wir unsere Unterkünfte und alle öffentlichen Gebäude auf Hochglanz bringen. Ich war für das Schulgebäude eingeteilt. Trotz der anstrengenden Putzerei liebte ich die Samstage, weil ich dann meine Eltern sah und es am Samstagabend immer Nachtisch gab – normalerweise Chocolate Chip Cookies. Gegen zweiundzwanzig Uhr waren wir normalerweise mit dem Putzen fertig. Es war anstrengend, aber für den Luxus in der Wohnung meiner Eltern lohnte es sich.