10000 ARTEN, »ICH LIEBE DICH« ZU SAGEN
Jeder Verliebte spürt die Versuchung, die Vergangenheit der geliebten Person erforschen zu wollen. Man will die Geliebte besser verstehen und möglichst nicht enttäuschen. Ich wusste fast nichts über Gabrielas Vergangenheit außer, dass sie in Osaka gelebt hatte und Japanisch sprach, also verordnete ich mir noch am selben Abend einen Crashkurs in japanischer Kultur.
Meine Mittel waren beschränkt. Ich verfügte über Der Seemann, der die See verriet von einem Autor, der so hieß wie meine Katze, sowie eine Anthologie mit Haikus und anderen kurzen japanischen Gedichten, die ich vor Jahren geschenkt bekommen hatte.
Bei den Haikus, diesen kleinen Perlen japanischer Dichtkunst, fand ich eins von Issa, das mir ideal er schien, um es Mishima vorzutragen, die mich lässig vom Sofa aus beobachtete.
Die Katze hat geschlafen:
Sie streckt sich, gähnt und geht
auf Liebe aus.
Mishima antwortete mit ein paar Schwanzschlägen, bewegte sich aber nicht von ihrem Platz. Wahrscheinlich war sie noch zu jung, um auf Liebe auszugehen. Anschließend las ich ihr ein japanisches Volkslied vor, das ich reizend fand:
Zwei Dinge werden sich nie verändern,
nicht heute und nicht morgen,
denn es gibt sie, seit die Zeit Zeit ist:
das Fließen des Wassers
und das süße und sonderbare Wesen der Liebe.
Das schien mir allerdings eine gute Definition für die Liebe, denn wäre sie nicht sonderbar und unvorhersehbar, wäre ich wohl kaum erneut mit Gabriela verabredet.
Ich fühlte mich beinahe gefährlich glücklich – der Abgrund der Liebe, von dem Stendhal gesprochen hatte – und strotzte vor Energie. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass Verliebte in Wirklichkeit nicht in eine andere Person, sondern in das Leben selbst verliebt sind. Genau so ging es auch mir.
Das einzige Problem war, dass ich nicht wusste, wie lange ich meine Gefühle für mich behalten konnte. Ungeachtet meiner Vorsätze spürte ich, sobald ich in ihrer Nähe war, das Verlangen, ihr geradeheraus meine Liebe zu gestehen. Das aber kam definitiv nicht infrage. Vorerst hatte sie mir nur ihre Freundschaft angeboten, und ich musste mich daran klammern wie an den letzten Strohhalm. Was mich nicht daran hinderte, für mich privat die ungeheuerlichsten Liebeserklärungen zu proben.
Dafür kam mir ein Büchlein aus Titus’ Bibliothek mit dem Titel 10 000 Ways to Say I Love You wie gerufen.
Kaum zu glauben, dass es so viele Varianten geben soll, doch der Autor – ein gewisser Godek – hatte sich vorgenommen, den Guinness-Rekord in dieser Disziplin zu brechen. Hier ein paar von den extravagantesten Vorschlägen:
* Sich mit einem möglichst ungiftigen Filzstift ICH LIEBE DICH auf die Zähne schreiben (auf jeden Zahn einen Buchstaben) und breit lächeln, damit die geliebte Person es lesen kann.
* Überall in ihrer Gegend Plakate mit einem Foto von dir und ihrem Namen aufhängen, auf denen steht: ICH LIEBE DICH.
* Es ihr mit einem kleinen Löffel an ein Glas schlagend durchs Telefon morsen (wenn sie das Morsealphabet kennt).
* Ihr dich selbst in Packpapier eingewickelt zum Geburtstag schenken.
* Eine Pizza mit ihr teilen, auf der aus den Zutaten ein Herz geformt ist.
* Die Augen schließen, damit sie dich küsst, und dir vorher ICH LIEBE DICH auf die Lider schreiben.
Das letzte gefiel mir am besten, aber man muss wohl im Teenageralter sein, damit so etwas nicht lächerlich wirkt. Ich persönlich bevorzugte die flammenden Shakespeare-Verse:
Zweifle an der Sonne Klarheit,
Zweifle an der Sterne Licht,
Zweifl’, ob lügen kann die Wahrheit,
Nur an meiner Liebe nicht.