Mögen die Wissenden
es den Unwissenden erklären
Auf die Einführungsveranstaltung zu Bertolt Brecht hatte ich mich gewissenhaft vorbereitet. Brecht ist kein Autor, der die Studenten vom Hocker reißt. Vielleicht weil Moralpredigten in unserer Zeit nur noch ein müdes Lächeln verursachen. Und Brecht ist im Wesentlichen ein Autor mit einer moralischen Botschaft.
Was mir an Brecht am besten gefällt, sind die Titel seiner Theaterstücke: Der kaukasische Kreidekreis oder Der gute Mensch von Sezuan. Statt also die Studenten mit Brechts Biografie zu langweilen, konzentrierte ich mich auf ebendieses Stück, ein Paradebeispiel für sein episches Theater.
Das Stück beginnt mit einer Diskussion dreier Götter darüber, ob ein Mensch gut und gerecht sein und dabei in einer Welt von Egoisten überleben könne. Ihr Versuchskaninchen ist Shen-Té, eine Prostituierte, die in einem Dorf in der chinesischen Provinz Sezuan lebt. Sie ist die Einzige, die bereit ist, die drei Fremden in ihrer Hütte aufzunehmen. Mit dem Geld, das sie von ihnen bekommt, eröffnet sie einen Laden. Doch die Leute nutzen ihr selbstloses Engagement aus und bald ist sie ruiniert.
Nach dieser Lehre baut sie, als Mann getarnt, ein neues Geschäft auf, das sie mit harter Hand führt. Alle haben vor ihr Respekt, fragen sich jedoch, was aus der gütigen Shen-Té geworden ist. Am Schluss gibt sie sich zu erkennen, und man staunt über ihre List.
Brecht fragt also, ob wir uns tatsächlich als böse tarnen müssen, um gut sein zu können.
An dieser Stelle angelangt, meldete sich ein Student, den ich in diesem Trimester zum ersten Mal sah. Gespannt erwartete ich seinen Diskussionsbeitrag, doch ich wurde bald darauf enttäuscht. Er fragte: »Gibt es dieses Sezuan wirklich?«
Die drei, vier vereinzelten Gestalten, die zum Unterricht erschienen waren, lachten über die naive Frage. Etwas verwirrt antwortete ich: »Doch, diese Provinz gibt es, ich glaube, heute heißt sie Sichuan. Dort gibt es ein Reservat für Riesenpandas, das habe ich mal in einem Dokumentarfilm gesehen.«
Nun brach das ganze Seminar in Gelächter aus.
Was ist daran so komisch? fragte ich mich gekränkt. Ich räusperte mich, bemüht, meine Autorität wiederherzustellen.
»Es ist ganz unerheblich, ob die Geschichte in Sezuan spielt oder in Samarkand«, fuhr ich fort. »Brecht verwendet hier einen exotischen Schauplatz, um uns eine Parabel über das Gute zu erzählen. Was eine Parabel ist, wisst ihr ja, oder?«
Die kleine Besserwisserin mit der runden Brille setzte an: »Das ist eine Geschichte mit einer Botschaft, wie im Neuen Testament«, sagte sie.
»Richtig. Diese Parabelform haben aber auch viele moderne Autoren gewählt. Adorno, ein deutscher Philosoph, sagte, die Prosa von Kafka, insbesondere Das Schloß, sei in erster Linie parabolisch zu verstehen.«
»Wie kann ein Deutscher überhaupt ›Adorno‹ heißen?« Es war der Student, der vorher nach Sezuan gefragt hatte.
Ich ignorierte seine Provokation und nahm den Faden meines Vortrags wieder auf.
»Allerdings ist Der gute Mensch von Sezuan nicht so sentenzenhaft wie die Bibelgeschichten und auch nicht so pessimistisch wie Kafkas Erzählungen. Es ist mehr eine Einladung, sich mit einem komplexen Thema zu befassen. Wie die Geschichten von Nasreddin. Weiß jemand, wer das ist?«
»Das hat etwas mit dem Sufismus zu tun, glaube ich«, antwortete die Brillenschlange.
»Bravo. Deinen Einserschein hast du ja bald sicher. Nasreddin ist eine Figur, die in vielen Sufi-Geschichten mit einer Botschaft auftritt. Die Geschichte über Weisheit finde ich recht anschaulich. Wollt ihr sie hören?«
Niemand reagierte, also hob ich an: »Nasreddin kommt in ein kleines Dorf, wo man ihn mit einem großen Weisen verwechselt. Um die Menschen, die sich auf dem Dorfplatz versammelt haben, nicht zu enttäuschen, breitet er die Arme aus und sagt: ›Ich nehme an, wenn ihr hierher gekommen seid, wisst ihr schon, was ich euch zu sagen habe.‹
Die Leute antworten: ›Nein! Was hast du uns zu sagen? Wir wissen es nicht. Sag es uns!‹
Da erwidert Nasreddin: ›Wenn ihr bis hierher gekommen seid, ohne zu wissen, was ich euch sagen will, seid ihr noch nicht bereit, es zu hören.‹
Mit diesem Worten steht er auf und geht. Die Zuhörer sind verblüfft. Sie wollen ihn schon für verrückt erklären, als einer plötzlich ausruft: ›Nein, wie klug! Er hat recht! Wie konnten wir es wagen, hierher zu kommen, ohne zu wissen, was wir zu hören bekommen würden? Wir haben eine großartige Gelegenheit verpasst. Was für eine Erleuchtung, was für eine Weisheit. Wir wollen diesen Mann bitten, noch einmal zu uns zu sprechen.‹
Ein paar Leute aus dem Dorf brechen auf, ihn zu suchen, und bitten ihn, noch einmal zurückzukommen. Nach längerem Bitten kommt Nasreddin noch einmal in das Dorf. Auf dem Dorfplatz ist diesmal doppelt so viel Publikum. Wieder sagt er: ›Ich nehme an, ihr wisst, was ich euch zu sagen habe.‹
Die Leute haben ihre Lektion gelernt, und ein Sprecher antwortet: ›Natürlich wissen wir das. Darum sind wir ja gekommen.‹
Nasreddin senkt den Kopf und sagt: ›Also gut, wenn ihr schon wisst, was ich euch zu sagen habe, sehe ich keinen Anlass, es noch einmal zu wiederholen.‹
Wieder dreht er sich um und geht. Die Zuhörer sind perplex, und ein Fanatiker fängt an zu schreien: ›Brillant! Großartig! Wir wollen mehr hören! Dieser Mann soll uns mehr von seiner Weisheit schenken!‹
Eine Abordnung von Honoratioren eilt los, ihn erneut zu holen. Sie flehen ihn auf Knien an, er möge ihnen eine dritte und letzte Rede halten. Nasreddin will nicht, doch sie bitten und flehen so sehr, dass er einwilligt. Als er auf den Platz kommt, wird er von einer tosenden Menge empfangen.
›Ich nehme an, ihr wisst, was ich euch zu sagen habe.‹
Diesmal haben sich die Leute abgestimmt und den Dorfvorsteher dazu auserwählt, in ihrem Namen zu sprechen.
Die Zuhörer schweigen gespannt, und alle Blicke ruhen auf Nasreddin, der schließlich sagt: ›Mögen die, die es wissen, es denen erzählen, die es nicht wissen.‹
Mit diesen Worten dreht er sich um und verschwindet.«