DAS HAUS DER TAUSEND SPIEGEL
Nachdem wir unser Mahl beendet hatten, brach Valdemar wieder in seine eigene Welt auf. Mir blieben die Rechnung und die zwei Stunden, bis der Plattenladen wieder öffnen würde.
Vertrieben von einer Gruppe hungriger Touristen, die beständig meinen Tisch umkreisten, stand ich auf, ohne ein rechtes Ziel vor Augen zu haben. Um den Menschenmassen aus dem Weg zu gehen, die sich die Ramblas hinunterschoben, tauchte ich tiefer ins Raval ein und streifte zwischen Telefonläden und pakistanischen Videotheken umher.
Wie zufällig stand ich plötzlich vor dem Café Marsel la, einem ebenso magischen wie dekadenten Ort, in dem ich seit meiner Studentenzeit nicht mehr gewesen war. Mit seinen vielen Spiegeln an den Wänden und seinem Hauch von Boheme war es mein Lieblingscafé gewesen.
Aus purer Nostalgie trat ich ein und stellte fest, dass sich in dem hohen Raum kaum etwas verändert hatte. Dieselben abgenutzten Spiegel, alte eingestaubte Weinflaschen, Hinweisschilder wie SINGEN VERBOTEN oder NACH VERZEHR TISCH RÄUMEN.
Ich ließ mich an einem der zahlreichen freien Tische nieder und sah mich um. Das Marsella ist das älteste Café Barcelonas – es existiert schon seit 18 20. Zu seinen berühmten Gästen hatte einst Jean Genet gezählt, der sich als junger Bursche im Barrio Chino, das jetzt Raval oder auch Ravalstán heißt, prostituierte.
Ein Kellner mit amerikanischem Akzent brachte mir meinen Kaffee und unterbrach meinen imaginären Spaziergang durch ein längst vergangenes Barcelona. Ich schaute auf die Uhr: halb vier. In einer knappen Stunde würde ich Gabriela wiedersehen. Allein der Gedanke daran verursachte mir kalte Schweißausbrüche.
Als ich sie an diesem Mittag wiedergesehen hatte, hatte ich einen körperlichen Schmerz und zugleich eine schwindelerregende Leere gefühlt. Als sei ich kurz davor, in einen Abgrund zu stürzen, und sie mein letzter Halt. In dem Augenblick hatte ich geglaubt zu sterben, wenn ich auf sie verzichten müsste.
Am Tisch mir gegenüber saß eine alte Trinkerin, die ihre Zigarette ohne Filter rauchte und mich mit mütterlicher Miene betrachtete. Sie hustete zwischen den einzelnen Zügen, und in ihren Augen sah ich den Gleichmut eines Menschen, der all seine Leidenschaften abgetötet hat und nun frei ist.
In dem Moment brachte der Kellner ihr die Spezialität des Hauses: ein Glas verdünnten Absinth mit einem angezündeten Stück Zucker. Die Alte wandte den Blick von mir, um sich ganz auf das Schauspiel der Flammen zu konzentrieren. Die Flamme erlosch, und die Alte setzte das Glas mit dem warmen Alkohol an die Lippen.
Mir schoss eine Zeile von Bukowski durch den Kopf: »Burning in Water – Drowning in Flame«.