NICHTS IST REAL

»Weißt du was? Ich habe manchmal das Gefühl, der Unfall, den ich in Patagonien hatte, ist vielleicht gar nicht so abgelaufen, wie ich denke.«

Valdemar hatte es sich wieder auf derselben Sofaseite bequem gemacht, saß im Dunkeln da und rauchte. Kurz vor Mitternacht war er hinuntergekommen, ich wollte gerade schlafen gehen. Neben der Mittagszeit waren diese Nachtstunden offenbar seine beste Zeit.

Das ist es, dachte ich bei mir, bevor ich etwas erwiderte. Er hat einen festen Zwölfstundenrhythmus. Dazwischen ist er noch nie aufgetaucht.

»Ach nein? Wie ist er denn abgelaufen?«

Valdemar nahm einen tiefen Zug und für einen Augen blick war seine schweißbedeckte Stirn hell erleuchtet.

»Manchmal habe ich den Verdacht, dass ich bei diesem Unfall damals gestorben bin. Du hattest ganz recht: Es ist unmöglich, einen Sturz aus dreißig Metern Höhe zu überleben. Vielleicht war alles, was seither passiert ist, nichts als ein Traum: der Weg an dem zugefrorenen Fluss entlang, das Blitzlicht, die Rettung, das Krankenhaus, die Rückkehr nach Barcelona, diese Unterhaltung hier ... Nichts von alldem ist real.«

»Aber wenn es nicht real ist«, erwiderte ich, »wie können wir dann hier sitzen und darüber reden?«

»Das gehört alles zu dem Traum. Das ist nämlich der einzige Ort, an dem die Toten leben können.«

»Ich bin also Teil deines Traums.«

»So ungefähr.«

»Dann lebe ich also auch nur in deinem Kopf, oder noch schlimmer, im ewigen Traum eines Toten.«

»So in etwa.«

Eine Weile saßen wir schweigend da. Valdemar, in zwischen ohne Hut, hatte den Kopf auf die Sofalehne gelegt und blies kaum zu erkennende Rauchwolken an die Decke. Plötzlich schien ihm ein Gedanke durch den Kopf zu gehen, und er setzte sich auf und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus.

»Wann wirst du endlich aufhören, dir Gedanken zu machen, und dich mit dem Nichts anfreunden?«, fragte er mich unvermittelt.

»Vielleicht wenn ich die Gewissheit habe, dass ich tot bin«, antwortete ich.

»Das ist der größte Witz überhaupt«, sagte Valdemar, »denn das werden wir nie wissen.«