EIN KOMISCHER KERL
Kafkas Briefromanzen hatten mich wohl romantisch gestimmt; als ich das Institut verließ, beschloss ich jedenfalls, den Ort des Geschehens aufzusuchen.
Es war ein Uhr mittags, wie an dem Tag unserer Begegnung, und die Kreuzung war nur wenige Minuten von der Universität entfernt. Die Carrer Pelai befand sich auf der anderen Seite des Platzes. Dort war der Eisenbahnladen, wo die Spielzeuglok das Schaufenster auf- und abhetzte wie ein wildes Tier im Käfig. Genau gegenüber stand die Ampel, an der ich sie gesehen hatte. Das Satori-Territorium.
Doch diesmal fühlte ich nichts. Die Straße, auf der jetzt Busse, Autos und Motorräder vorbeizischten, war nur eine Straße wie jede andere.
Ohne Gabriela sieht es hier auch nicht anders aus als überall, dachte ich bei mir und musste über meine eigene Dummheit lachen.
Auf der anderen Straßenseite gab es ein kleines Café mit ein paar Tischen draußen. Womöglich war es keine schlechte Idee, dort ein Weilchen auszuharren für den Fall, dass sich das Wunder wiederholte. Nur weil ein Mensch an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Straße entlanggegangen ist, heißt das nicht, dass er es später noch einmal tun wird. Aber vermutlich ist die Wahrscheinlichkeit, ihn dort wieder zu treffen, höher als an jedem anderen Ort oder zu jeder anderen Zeit.
Während ich an dem einzigen freien Tisch Platz nahm, fiel mir der Witz von dem Betrunkenen ein, der, als er nachts nach Hause kommt, seine Schlüssel unter einer Laterne sucht – nicht weil er sie dort verloren hätte, sondern weil man dort besser sieht. Meine Suche nach Gabriela schien mir in diesem Augenblick ähnlich absurd. Aber vielleicht wollte ich auch nur ein paar Momente länger träumen.
Zwar schien die Sonne, dennoch war es erstaunlich, dass mitten im Winter draußen zwei von drei Tischen besetzt waren. An einem saß ein älteres, nordisch aussehendes Paar. Ich nehme an, für die beiden fühlten sich fünf Grad über Null und ein paar eisige Sonnenstrahlen bereits an wie Sommer. Am zweiten Tisch saß ein bärtiger Typ von etwa vierzig Jahren mit grauem Mantel, schwarzem, breitkrempigem Hut und weißem Schal. Er hielt einen dicken Stapel Papier in der Hand, der an der Seite mit einer Spiralbindung zusammengehalten war.
Ich bestellte einen Vermouth und vergewisserte mich, dass ich einen guten Blick auf die Kreuzung hatte. Würde es mir gelingen, Gabriela einzuholen, falls sie auf der Bildfläche erscheinen sollte? Alles hing davon ab, aus welcher Richtung sie kam: Kam sie von der Carrer Bergara her, würde ich aufspringen und darauf hoffen, dass die Ampel – und der Verkehr – mir keinen Strich durch die Rechnung machten, wie beim letzten Mal. Kam sie jedoch aus der entgegengesetzten Richtung, brauchte ich einfach nur an Ort und Stelle auf sie zu warten.
Ich malte mir aus, was wir zueinander sagen würden:
»Was für ein Zufall, Gabriela! Ich hätte dir neulich so gerne Hallo gesagt.«
»Mir ging’s genauso«, würde sie antworten. »Was für ein Zufall, dass wir uns so schnell wiedersehen.«
»Wie es scheint, hat uns das Schicksal aufs Neue zusammengeführt«, würde ich sagen, »obwohl man ihm manchmal zu Hilfe kommen muss, wie ja Gott auch.«
»Ganz egal«, wäre ihre Antwort. »Die Hauptsache ist doch, dass wir jetzt zusammen sind, nicht wahr?«
»So ist es, und nichts kann uns mehr trennen.«
Während ich tief ergriffen diesen Dialog entwarf, bemerkte ich, dass der Bärtige mich anstarrte, und zwar völlig schamlos und ohne jede Zurückhaltung. Ich starrte zurück, um ihn einzuschüchtern, doch er rührte sich keinen Millimeter. Es war, als hätte meine Anwesenheit ihn hypnotisiert.
Schließlich gab ich mich geschlagen und senkte den Blick auf das Manuskript auf seinem Tisch. Auf der Titelseite stand in großen Lettern:
DIE DUNKLE SEITE DES MONDES
Scheint ein ziemlicher Spinner zu sein, dachte ich bei mir. Um die Situation zu entschärfen, zahlte ich und stand auf. Der Mann mit dem Hut ließ mich trotzdem nicht aus den Augen.
Selbst als ich bereits ein ganzes Stück die Straße hinuntergegangen war, spürte ich im Rücken noch seinen bohrenden Blick.