RENDEZVOUS IM HIMMEL

Zunächst war eine kleine Recherche nötig, um herauszufinden, wo ich mit Gabriela verabredet war. »Denk einfach an den Himmel«, hatte sie gesagt. Darüber hatte ich erst einmal zu grübeln.

In der Mittagspause konsultierte ich in einer Buchhandlung ein paar Barcelona-Führer, und schließlich fand ich das Café Caelum – Lateinisch: Himmel. Das musste es sein. Der Reiseführer beschrieb es als ausgesprochen charmantes Café in der Nähe der Plaça del Pi. Offenbar handelte es sich um eine Teestube, wo ausschließlich von Nonnen hergestelltes Gebäck angeboten wurde. Etwas verblüfft durch diese Wahl notierte ich Straße und Hausnummer in meinem Kalender und ging nach Hause, um mir eine Siesta zu gönnen.

Das war etwas, was ich seit meiner Studentenzeit kaum noch tat. Als Student hatte ich zu den Faulpelzen gehört, die, um morgens ausschlafen zu können, nur zu den Spätveranstaltungen gingen, und vor den Prüfungen hielt ich dann eine ordentliche Siesta. Ich hatte immer die Hoffnung, dass die ganzen Informationen, mit denen ich mein Gedächtnis vollgestopft hatte, während des Schlafs eine gewisse Ordnung annehmen würden. Und meist funktionierte das auch, als hätte ich in meinem Kopf ein kleines Heinzelmännchen sitzen, das die Dinge in einer Nachtschicht sortierte und richtig abheftete.

Vielleicht würde mir die Siesta ja auch helfen, mich vor meiner heutigen Prüfung, dem Treffen mit Gabriela, zu beruhigen. Was in dieser Nonnen-Teestube geschehen würde, konnte meine Hoffnungen entweder vollends zunichtemachen oder auch der Beginn von etwas Neuem, Großartigem sein. Jedenfalls wollte ich schlafen, um die Welt zu vergessen, bis die Stunde der Wahrheit gekommen war.

Um fünf klingelte der Wecker, und Mishima räkelte sich faul auf dem Bett. Ich hatte das Gefühl, nur ganz kurz eingenickt gewesen zu sein, doch offensichtlich hatte ich ganze anderthalb Stunden geschlafen. Entschieden zu lange.

Ich sprang aus dem Bett und wankte wie ein Zombie unter die Dusche, wo der warme Wasserstrahl mich wieder ein wenig belebte. Währenddessen überlegte ich, ob ich mich rasieren sollte. Meine Stoppeln waren einen Tag alt, ein kaum wahrnehmbarer Schatten, aber die meisten Frauen mögen lieber glatt rasierte Männer. Vor allem, wenn man sich zur Begrüßung auf die Wangen küsst – wobei ich nicht wusste, ob das in unserem Fall geschehen würde. Andererseits – wenn ich allzu geschniegelt ankam, würde ich ihr vielleicht ein allzu großes Interesse signalisieren und sie damit unter Druck setzen und womöglich in die Defensive drängen.

Schließlich entschied ich gegen eine frische Rasur. Ich zog mir – so viel Sorgfalt musste schon sein – die besten Sachen an, die mein Kleiderschrank zu bieten hatte: eine graue Hose und einen engen blauen Pullover. Mein langer Mantel würde mir einen Hauch von Boheme verleihen.

Auf ins Abenteuer, versuchte ich mir Mut zu machen, und schloss, in der Hoffnung, ich würde als ein neuer Mensch zurückkehren, die Wohnungstür hinter mir ab.