TRAKTAT ÜBER KATZENPHILOSOPHIE
Nachdem ich den Samstag meinen Träumereien und meinen universitären Pflichten – der Vorbereitung des gesamten Wochenprogramms – gewidmet hatte, machte sich am Sonntag das schlechte Gewissen wegen Titus’ Buch bemerkbar.
Seit ich den Auftrag übernommen hatte, waren kaum zehn Seiten zustande gekommen: die kleine Werther-Passage, ein paar Buddha-Aphorismen, der Abschnitt über die Liebe im Kleinen ... Zweifelsohne musste ich den Lehrgang in Alltagsmagie nun endlich voranbringen.
Ich warf einen Blick auf Mishima, die sich auf dem Sofa langweilte. Bevor mich also die übliche Sonntagnachmittagsdepression überkommen konnte, stapfte ich hoch zu Titus’ Arbeitszimmer, um mich dem Kapitel »Katzenphilosophie« zu stellen.
Während Mishima und ich die Wohnung des alten Redakteurs betraten, wurde mir klar, dass diese kleine Katze und ich ein richtiges Team geworden waren. Zusammen würden wir diese Herausforderung bewältigen.
Ich schaltete den Laptop ein und begann Material zusammenzustellen. Titus hatte in seiner Bibliothek mehrere Nachschlagewerke über Katzen, und eins davon kam mir wie gerufen: ein amerikanisches Buch mit dem Titel 10 Spiritual Lessons You Can Learn from Your Cat. Die Autorin Joanna Sandsmark schilderte im Vorwort, wie ihre Katzen sie gelehrt hatten, zu springen, ohne sich wehzutun, und zu schnurren, wenn sie glücklich war. Nicht schlecht für den Anfang, aber es musste noch etwas ganz anderes her.
Einer plötzlichen Inspiration folgend, fing ich an zu schreiben, ohne Mishima aus den Augen zu lassen.
I. SPIRITUALITÄT
Katzen sind Meister der Meditation und Experten in der Kunst des Yoga. Eine Katze kann stundenlang völlig regungslos verharren und sich auf eine Reise in ihr inneres Zentrum begeben, um sich dann plötzlich mit einem Satz in die Außenwelt zu katapultieren und sofort mit all ihren Sinnen präsent zu sein. Ihre Lebenskraft zieht sie aus der Ruhe, sie verschwendet keine Energie auf Zwischenzustände. Entweder sie ist in Bewegung, oder sie ruht. Ist sie in Bewegung, gibt sie alles. Und sie ruht, als würde sie sich nie wieder erheben. Sie verliert keine Zeit mit unschlüssiger Zauderei.
II. GEFÜHLSLEBEN
Es heißt, Katzen seien Egoisten, dabei sind sie in Wirklichkeit einfach nur klug. Sie bemühen sich nicht um den Menschen, denn sie wissen, dass der Mensch sich um sie bemüht. In ihrer scheinbaren Gleichgültigkeit liegt ihre Kraft. Sie ziehen es vor, sich umsorgen zu lassen, statt das Risiko einzugehen, selbst ihre Gefühle zu offenbaren. Als gute Taoisten, die sie sind, handeln sie, ohne zu handeln und herrschen, ohne zu herrschen. Sie beschränken sich darauf, ihre Würde zu wahren und in ihrem Verhalten ganz ihrer Laune zu folgen. Sie betteln nicht um Zuneigung, weshalb sie ihnen ganz von allein zuteil wird. Hunde haben Herren; Katzen haben Diener.
III. SINNESLEBEN
Eine Katze im Haus hält uns zu beständiger Aufmerksamkeit an. Katzen schärfen ihre Sinne, wachen über ihre Umgebung und registrieren jede kleinste Veränderung. Ihre stille Wachsamkeit ist voller aktiver Geduld. Bei ihrer scheinbaren Gelassenheit handelt es sich in Wirklichkeit um Konzentration. Diese Aufmerksamkeit trägt dazu bei, dass die Dinge sich zu ihren Gunsten entwickeln.
Ich hielt inne, beeindruckt, all das aus dem Ärmel geschüttelt zu haben. Als ich den Text noch einmal las, hatte ich das Gefühl, diese Worte stammten gar nicht von mir, als wäre ich bloß ein Medium gewesen, durch das Francis Amalfi gesprochen hatte. Aber wer war eigentlich Francis Amalfi?
Mishima klopfte mit dem Schwanz auf den Teppich, als wollte sie mich wieder zur Arbeit antreiben. Ich überlegte, welche Themen ich noch aufgreifen könnte: die Fähigkeit der Katzen, sich zur rechten Zeit zu verstecken, ihre nahezu übernatürliche Intuition ...
Es war, als erteilte ich mir selbst eine Lektion, als sollte auch ich von nun an wachsam durchs Leben gehen. Ich überschlug die Woche, die vor mir lag, und begriff, dass so gut wie alles geschehen konnte. Das Geheimnis lag darin, die Augen offen zu halten und ohne Furcht zu springen, wenn der Moment gekommen war.