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Vielleicht stand ich unter Schock, denn das
Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass wir vor dem
Gerichtsgebäude standen - Norma, Dad, Clarissa, Williams, Simon und
ich. Alles, woran ich denken konnte, war, dass Mark und ich soeben
einen Bieterkrieg um unseren eigenen Hund geführt hatten, und dass
Mark eingewilligt hatte, fünfzigtausend Pfund für ihn zu bezahlen.
Das war vermutlich die ganze Summe, die er von der Scheidung
erhalten würde, wenn wir die Rechtsanwälte und die Gerichtskosten
bezahlt hätten.
»Was für eine Geldverschwendung!«, sagte mein
Vater.
»Und das für diesen Bastard Curtis. Ich werde ihn verdammt noch
mal umbringen.«
»Hör auf, Bob!«, sagte Norma.
»Nein, werde ich nicht! Er hat das Leben meiner
Annie ruiniert! Denkt an meine Worte, ich werde ihn dafür
drankriegen, und wenn es das Letzte ist, das ich tue. Und zu dir,
junge Frau«, fuhr er fort und wandte sich mir zu. »Lügen vor
Gericht zu erzählen, diesen Köter zu stehlen, und vor allem diesen
Idioten zu heiraten - wie konntest du nur? Die ganze Sache war ein
riesiges Schlamassel vom Anfang bis zum Ende.«
Mr. Williams versuchte sich einzumischen: »Nun, Mr.
Osborne...«
Aber mein Vater unterbrach ihn. »Ich will kein
weiteres Wort von Ihnen hören! Verstanden? Sie wagen es, sich
>Rechtsberater< zu nennen? Der Einzige, der von Ihrer
Beratung profitiert hat, war ein Penner - und nicht das Recht oder
Annie oder diese Töle!«
Genau in diesem Moment kamen Mark, seine Eltern und
seine Anwältinnen aus dem Gebäude. Jackie weinte immer noch, Mark
sah bleicher aus denn je und hielt Fluffy an der Leine. Als sie
näherkamen, wollte Fluffy zu mir und wedelte wie verrückt mit
seinem Schwanz. Als mein Vater Mark kommen sah, holte er gegen ihn
aus.
»Du dämlicher Bastard!«
Dieses Mal versetzte seine rechte Faust Mark einen
Schlag auf die Wange. Mark stolperte rückwärts und riss Greenwoods
Aktenkoffer zu Boden.Während ihre Papiere durch die Luft
flatterten, warf ich mich auf Dad. Clarissa versuchte mich
wegzuziehen, Fluffy sprang bellend
auf uns zu, und plötzlich schlugen Dennis’ Fäuste auf meinen Vater
ein. Als Nächstes vergrub Fluffy seine Fänge in Dads
maßgeschneidertem Jackett - der untere Teil des Ärmels blieb dabei
in seinen Zähnen -, und Dad stürzte sich wieder auf Mark.
Ich bemerkte, dass ein paar Blitzlichter
aufleuchteten. Ein paar Passanten waren stehen geblieben, um der
Prügelei zuzusehen, und eine Frau machte Aufnahmen von uns mit
ihrem Mobiltelefon.
Plötzlich war Norma mitten im Aufruhr und schob
Mark und Dad auseinander.
»Hört auf!«, brüllte sie. »Das reicht!«
Die Arme in die Seiten gestemmt entfaltete sie sich
zu voller Größe und sah uns finster an. »Was denkt ihr euch dabei,
euch zu prügeln wie Straßenjungs? Ist dieser Vormittag nicht
schlimm genug gewesen, auch ohne dass ihr eine Szene macht? Und
was zum Teufel denken Sie, was Sie da tun? Happy slapping -- Eine
Schlägerei fürs Familienalbum fotografieren?«, sagte sie und
drehte sich zur Besitzerin des Handys um, das noch immer
blitzte.
»Und Sie wollen eine erwachsene Frau sein! Sie
sollten sich was schämen! Gehen Sie nach Hause und bringen Sie
Ihren eigenen Kram in Ordnung!«
Beschämt steckte die Frau ihr Telefon in die Tasche
und ging davon.
Norma holte tief Luft und wandte sich an meinen
Vater.
»Bob Osborne, hat Annie heute nicht schon genug
durchgemacht? Musst du die Dinge noch schlimmer machen?«
»Halt dich da raus, Norma«, sagte er grob. »Das ist
eine Familienangelegenheit.«
Norma erstarrte. Dann schob sie ihren Pony zurück,
verschränkte die Arme über der Brust und starrte Dad trotzig
an.
»Und was bin ich bitte, wenn nicht Familie? Ich mag
nur ein paar Jahre älter sein als Annie, aber Gott weiß, dass ich
sie vom ersten Tag an geliebt habe, als wäre sie mein eigenes Kind.
Aber du - du hast mich bei ihr immer auf Abstand gehalten. Oh, ja!
Genau so, wie du mich bei dir selbst auf Distanz gehalten
hast.«
»Halt den Mund, Norma, das ist weder die Zeit noch
der Ort, um...«, begann Dad.
Er hatte keine Chance gegen diese verwandelte,
feurige Frau, die jetzt ihre Arme auseinandernahm und mit ihren
dekorativen Acrylkrallen herablassend an sein Revers
schnippte.
»Du gibst mir keine Anweisungen!«, sagte sie. »Ich
bin meine eigene Frau! Wer bist du, dass du mir sagen kannst,
worüber ich reden oder nicht reden soll? Du glaubst, dass ich nur
deine Geliebte bin? Zuerst bin ich meine eigene Geliebte! Ich bin
eine Mutter und eine Geschäftsfrau. Und ich habe die Nase voll
davon, dass du mich behandelst wie irgendeine - ich weiß nicht -
irgendeine Schlampe an deiner Seite.«
Jackie rang nach Luft, ebenso wie Dad.
»Ich habe nie...«
Jetzt konnte Norma nichts mehr aufhalten.
»Oh, es passt dir sehr gut, mich als gelegentliches
Spielzeug zu haben«, fuhr sie fort.
»Ich bin da, wenn du mich willst, weg, wenn du
nicht willst. Aber ich habe genug davon, im Abseits gehalten zu
werden, okay? Ich habe mir viel zu lange auf die Zunge gebissen.
Lass dir eines sagen, Bob: Du warst von Anfang an gegen Annies Ehe.
Und wenn du deinen Schwiegersohn ein wenig mehr unterstützt hättest
anstatt ihn ständig zu kritisieren, dann wäre dieses Fiasko
vielleicht nie passiert!«
Dad blieb der Mund offen. »Also ist es jetzt mein
Fehler? Mein Fehler, dass meine Tochter wegen diesem untreuen,
faulen Bastard ihr Zuhause verloren hat und eine Vorstrafe haben
wird?«
»Unser Sohn ist kein Bastard«, unterbrach
Jackie.
»Und ich schätze, es ist auch meine Schuld«, sprach
Dad weiter, »dass diese beiden wegen dieser dämlichen Scheidung
Tausende von Pfund die Toilette hinuntergespült haben?«
Während Norma und er sich weiter in den Haaren
lagen, sank ich auf die Steinstufen nieder.
Dazwischen klopfte Martha Greenwood Williams auf
die Schulter. »Ich werde mich wegen der Vereinbarung melden.
Vielleicht können Sie veranlassen, dass die Zahlung an Holtby von
dem Geld erfolgt, das Ihre Klientin meinem Klienten
schuldet.«
Williams nickte flüchtig, aber seine Augen klebten
weiterhin an Norma. Er war entzückt, als hätte er noch nie jemanden
wie sie gesehen.
Greenwood wandte sich an Mark. »Ich denke, es ist
Zeit, dass Sie Ihren Hund nehmen und wir gehen.«
»Nicht bevor ich mit Annie gesprochen habe«, sagte
Mark. Er ging zu mir herüber, wo ich saß, mit dem überdrehten
Fluffy, der ihn hinter sich herzog. Als er versuchte,
mir ein Gesichtspeeling mit seiner Zunge zu verpassen, stand Mark
über mir.
»Es tut mir leid«, sagte er schließlich.
Ich sah zu ihm auf. »Warum? Du hast gewonnen. War
es nicht das, was du wolltest?«
»Ich wollte nur, dass Fluffy gut versorgt ist, das
ist alles. Du weißt, dass du dich nicht um ihn kümmern kannst, wenn
du den ganzen Tag in der Arbeit bist.«
»Nun, so wie es jetzt ist, wäre das nicht mehr das
Problem gewesen«, sagte ich.
»Was meinst du damit?«
»Wenn du es unbedingt wissen willst: George Haines
hat mich gestern gefeuert.«
»Was?«
»Was wirklich eine gute Sache ist«, ergänzte ich
bitter, »weil ich nicht glaube, dass ich genug Urlaub übrig gehabt
hätte, um die Gefängnisstrafe abzusitzen, die mich erwartet.«
Mark hatte den Anstand, erschreckt auszusehen.
»Scheiße! Das ist alles zu einem Alptraum geworden.«
Ja, es war ein Alptraum. Die ganze Liebe, die ich
einmal für ihn empfunden hatte, hatte sich in puren Hass
verwandelt. Er war dabei, mich zu vergiften.
»Es tut mir so leid, Annie.«
»Was genau? Fünfzigtausend weniger zu haben oder
mein Leben zu ruinieren?«
»Glaube mir, ich wollte dich nicht in
Schwierigkeiten bringen. Meine Anwältin wollte alles wissen, und
als Darcie mir erzählte, was du ihr anvertraut hast, habe ich es
einfach weitergegeben, ohne darüber nachzudenken.
Wenn ich nur nicht so verdammt dämlich gewesen wäre! Wenn ich nur
geahnt hätte, was passieren könnte, hätte ich es in einer Million
Jahre nicht erwähnt.«
Ich stand auf. »Ein wenig zu spät. Ich will
wirklich nicht noch mehr deiner speichelleckerischen
Entschuldigungen hören.«
»Ich habe ehrlich niemals beabsichtigt...«, fuhr er
emotionslos fort. Seine Stimme verstummte allmählich. »Ich
wünschte, wir könnten die Uhr zurückdrehen.«
»Nicht so sehr wie ich, glaub’ mir.«
Ich schob Fluffy von mir herunter und stand auf.
»Und weißt du, auf welchen Zeitpunkt? Auf den Tag, an dem ich zum
ersten Mal mit »Wag the Dog Walks« telefoniert habe. Ich hätte dich
nie, nie anrufen sollen.«
Mark biss sich auf die Lippen. Dann sagte er: »Ich
möchte, dass du ihn bekommst.«
»Was?«
»Ich möchte, dass du Fluffy bekommst.«
Für ein paar Sekunden war ich sprachlos. Welche
Ironie! Ich lachte.
»Nach all dem? Du machst Witze.«
Er hielt mir die Leine hin. »Komm schon - nimm
ihn.«
Ich starrte ihn finster an.
»Tut es dir leid, dass du mein ganzes hart
verdientes Geld für ihn ausgegeben hast? Nun, es tut mir leid, aber
im Gegensatz zu dir habe ich keine fünfzigtausend Pfund
übrig.«
Marks Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Ich
erinnerte mich plötzlich daran, wie lange es her war, dass er mich
liebevoll angesehen hatte.
»Ich werde Holtby bezahlen«, sagte er.
»Ich meine, ich werde ihn aus meinem Anteil der
Vereinbarung bezahlen. Ich wollte von vornherein kein Geld von dir.
Du hast darauf bestanden, dass ich es nehme.«
»Ich habe nicht bemerkt, dass du protestiert hast«,
konterte ich.
»Ich habe es versucht, aber ich hatte keine Chance.
Du bist einfach davon ausgegangen, dass wir es so machen
würden.«
Seine Augen funkelten mich an.
»Du kontrollierst die Schlüssel zur Kasse bis zum
Schluss. Egal, nimm’ ihn, bevor ich es mir anders überlege.«
Mark griff nach einer meiner geballten Fäuste,
öffnete meine Hand und schob mir das Ende von Fluffys Leine
zwischen die Finger.
In diesem Moment waren Kläfflaute von der anderen
Seite der Fleet Street zu hören. Fluffys Ohren stellten sich auf,
und wir drei drehten die Köpfe. Zwischen den Autos und Bussen, die
vorbeifuhren, sahen wir eine Frau auf der gegenüber liegenden
Straßenseite, die einen wunderschönen Cavalier-King-Charles-Spaniel
ausführte. Als er vor sich hintrottete, schwang sein aufgerichteter
Schwanz vor und zurück, so aufreizend wie der Federfächer einer
Stripperin. Im selben Moment, in dem Fluffy ihn sah, begann er zu
bellen und an der Leine zu ziehen, weil er zu ihm wollte.
Ich drückte die Leine zurück in Marks Hand. »Danke,
aber nein danke. Ich möchte überhaupt nichts von dir.«
Er sah erstaunt aus. »Nicht einmal Fluffy?«
»Nein. Und weißt du warum, Mark? Weil ich jedes
Mal, wenn ich ihn ansehen würde, an unsere Ehe denken
müsste.«
Mittlerweile verschwand der wedelnde Schwanz in der
Ferne, und Fluffy zog stürmisch an der Leine, um zu ihm zu kommen,
bevor er ganz verschwunden wäre.
Mark versuchte, sie wieder in meine Hand zu
pressen.
»Nimm’ ihn um Himmels willen!«
»Ich will ihn nicht!«
»Ich sagte, nimm’ ihn!«
»Nein!«
»Nimm’ ihn, Annie!«
Als wir die Leine zwischen uns hin und her schoben,
riss Fluffy sich los und raste die Treppen hinunter, um die sexy
Hündin auf der anderen Straßenseite zu verfolgen. Mark und ich
rannten hinter ihm her und brüllten, dass er stehen bleiben solle,
aber er nahm absolut keine Notiz von uns. Wenn es um seinen
Sexualtrieb ging, waren wir machtlos.
Mit flatternden Ohren, fliegenden schwarz-weißen
Fransen, wedelndem Schwanz und in Erwartung eines fantastischen
Ficks sprang Fluffy von der Bordsteinkante direkt in ein
entgegenkommendes Auto.