31
Am nächsten Morgen war die mündliche
Verhandlung. Mark und ich trafen zufällig gleichzeitig am Royal
Court of Justice in der Fleet Street ein. Er wurde von Greenwood
und ihrer gedrungenen, dunkelhaarigen Gerichtsanwältin begleitet.
Ich kam zusammen mit Williams und Simon, dem jungen, großen Anwalt
aus besseren Kreisen, den Williams mir vor einer Stunde vorgestellt
hatte, und der meinen Fall vor Gericht vertreten würde.
Fluffy, voller Schwung nach seinen Abenteuern im
Natural History Museum und im Geschäft, kam mit mir an. Als er Mark
sah, sprang er sofort an ihm hoch, und Mark bückte sich, um ihm den
Kopf zu tätscheln.
Ich starrte meinen Bald-Ex-Ehemann finster an, als
ob er eine Art Tierschänder wäre, und zerrte Fluffy von ihm weg.
Ich zog mir die Griffe meiner Downtown-Tasche
über die Schulter und rauschte in meinem schwarzen
Teenflo-Hosenanzug, umgeben von meinem juristischen Team, wie ein
Preisboxer auf dem Weg zu einem großen Wettkampf den Flur
entlang.
Clarissa, Dad und Norma warteten, zusammengedrängt
mit ein paar Metern Abstand zu Marks Eltern, außerhalb des
Verhandlungsraumes auf mich. Dennis vermied es, mich anzusehen, als
ich an ihm vorbeiging, aber Jackie und ich tauschten ein trauriges
Lächeln und die kürzestmögliche Begrüßung aus.
»Hallo, Jackie.«
»Hallo, Annie.«
In dem flaschengrünen Rock mit pfirsichfarbener
Bluse schien meine Schwiegermutter eine andere Frau zu sein als
die, die mit mir einen solchen Spaß beim Anprobieren der
Designerkleidung gehabt hatte - war das wirklich erst vor ein paar
Wochen gewesen? Es schien mir wie eine Ewigkeit. Die fröhliche
Jackie war verschwunden. Diese hier war die echte - unkompliziert,
loyal, bodenständig, besorgt aussehend -, und ich liebte sie dafür
um so mehr.
Ich wollte ihr sagen, dass ich getan hatte, was sie
vorgeschlagen hatte. Dass ich versucht hatte, die Dinge mit Mark zu
klären, dass aber meine Bemühungen in einem Desaster geendet
hatten. Doch dazu gab es keine Gelegenheit. Die Nähe, die wir für
kurze Zeit genossen hatten, als sie mich in der Arbeit besucht
hatte, würde nie mehr wiederkommen. Meine Schwiegermutter und ich
waren in gegensätzlichen Lagern.
Clarissa sah ebenso besorgt aus. Sie hatte Schatten
unter den Augen, und gekleidet in ein verblichenes Kleid und
einen dunklen Leinenblazer, sah sie unter den strahlend hellen
Leuchtstoffröhren noch blasser aus als sonst.
»Natürlich werde ich da sein, Liebling«, hatte sie
mir versprochen, als ich sie bat, zu kommen und mich am Tag der
Verhandlung zu unterstützen. Ich hätte es ohne sie einfach nicht
durchstehen können. Nun umarmte sie mich und drückte mich fest an
sich.
»Mir ist so schlecht!«, flüsterte ich. »Ich habe
solche Angst! Ich will weglaufen!«
»Unsinn!«, flüsterte sie zurück. »Du kannst das!
Weißt du noch, was Miss Davis früher gesagt hat?«
Miss Davis hatte uns in der Schule in antiker
Geschichte unterrichtet. Mit ihren großen Kugelaugen und ihrer
kleinen Stupsnase sah sie genau wie ein Chihuahua aus, wenn sie vor
einer Klasse gelangweilter Mädchen mit schweren Schritten auf und
ab ging, die Namen griechischer und römischer Helden auf uns
abfeuerte und unregelmäßig mit ihrem Lineal auf das Pult des
Mädchens schlug, das nicht aufpasste. Clarissa und ich waren die
schlimmsten Missetäter gewesen.
»Miss Davis? Meinst du damit ›Wenn ihr beiden nicht
damit aufhört, euch gegenseitig Zettel zuzustecken, dann schicke
ich euch zur Direktorin‹?«, fragte ich jetzt.
»Nein. Ich meine damit ›Mit deinem Schild oder auf
deinem Schild<!«
Dies waren angeblich die Worte gewesen, mit denen
spartanische Frauen ihre Söhne in die Schlacht verabschiedet
hatten: »Komme mit deinem Schild zurück oder auf deinem
Schild.« Das hatte bedeutet, dass die jungen Männer mit der
Einstellung in die Schlacht ziehen sollten, entweder
zu gewinnen oder einen ehrenhaften Tod zu sterben, also nach Hause
getragen zu werden.
»Ich vermute, heute sollte ich sagen: ›Mit
deinem Hund oder auf ihm‹«, murmelte Clarissa, bevor sie
mich losließ.
Als Nächster legte Dad seinen Arm um mich und
drückte mich an sich. »Wie hält sich mein wunderbares
Mädchen?«
»Es war noch nie besser«, sagte ich mit einem
verkrampften Lächeln. Obwohl wir in der Vergangenheit unsere
Differenzen wegen Mark gehabt hatten, war ich froh, dass er zur
letzten Schlacht hier war. In einem seiner grauen Savile-Row-Anzüge
mit einem roten Seidentuch, das aus seiner Jacketttasche lugte, sah
er glänzend und seriös aus. Allein seine Gegenwart beruhigte
mich.
Ebenso wie Normas. Sie hatte ihr übliches Outfit
aus hautengen Jeans, hochhackigen Stiefeln und erotischen Pullovern
ersetzt durch ein züchtiges, knielanges, dunkelblaues Kostüm,
kombiniert mit Pumps mit niedrigen Pfennigabsätzen. Dennoch
stellten der schwarze seidige Wasserfall ihrer geplätteten Haare,
ihre großen baumelnden Silberohrringe und ihre dunklen, violett
schimmernden Augen sicher, dass sie mehr denn je sexy wirkte - wie
auch die Rückseite ihres Rocks, der sich an ihr üppiges Hinterteil
schmiegte.
»Es ist so nett von dir, dass du gekommen bist«,
sagte ich, als ich sie umarmte.
»Um nichts auf der Welt wäre ich weggeblieben«,
antwortete sie, als ihre langen Arme mich umfingen. »Ich werde
immer für dich da sein, Liebes.«
Ich war den Tränen nahe.
Richterin Khan, eine kleine asiatische Schönheit
Anfang fünfzig, saß bereits am Richtertisch, als wir den
Gerichtssaal betraten. Williams hatte recht gehabt, als er mir
erzählte, dass sie beeindruckend war. Sie hatte fein geschnittene
Gesichtszüge, einen zusammengepressten kleinen Mund und kalte
dunkle Augen, die sich innerhalb einer Sekunde zu Schlitzen
verengten, aus denen sie ihre Pfeile schoss. Damit versetzte sie
jeden, der sie sah, in Angst und Schrecken. Und nicht nur Menschen,
sondern auch Fluffy, der nervös knurrte, als ich ihn hereinführte
und er sie ansah, und dann mit eingezogenem Schwanz unter den Tisch
schlich, an dem Williams, mein Gerichtsvertreter und ich
saßen.
Als Erstes erteilte die Richterin die Erlaubnis für
eine öffentliche Verhandlung, wie Mark und ich beantragt hatten.
Sonst wären unsere Familien aus dem Gerichtssaal ausgeschlossen
worden.
Dann stand Simon, mein Gerichtsanwalt, auf und
legte die Gründe dar, warum ich die Scheidung gegen Mark
eingereicht hatte - die absolute Zerrüttung unserer Ehe wegen Marks
Ehebruch -, und umriss dann die Vereinbarung, die ich vorgeschlagen
hatte.Während er sprach, blätterte Richterin Khan durch den Stapel
an Beweismaterialien vor ihr, nickte dann und wann, und schüttelte
gelegentlich ihren Kopf. Einige Male nahm sie einen Bleistift und
kritzelte etwas auf den Rand der Seiten. Aber als der Anwalt zu dem
Teil kam, der Fluffy betraf, legte sie ihren Bleistift hin und sah
auf.
»Selbst der Angeklagte hat beigepflichtet, dass die
Klägerin - und ich zitiere die Worte seiner Anwältin beim
Schlichtungstermin - >mehr als großzügig< bei ihrem
finanziellen Angebot gewesen war«, sagte der Anwalt.
»Mr. Curtis ist ein körperlich gesunder Mann. Ihr
Angebot wird ihn mit einer beträchtlichen Geldsumme versorgen, die
es ihm - wenn sie klug investiert wird - erlauben wird, den
gewohnten Lebensstil aufrechtzuerhalten, der durch die harte Arbeit
der Klägerin möglich war. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass
Mr. Curtis zu Beginn seiner Ehe über keinerlei eigenes Kapital
verfügt hat und dass die Beiträge, die er in der Zwischenzeit zu
den ehelichen Finanzen geleistet hat, zu vernachlässigen sind.
Alles, was Mrs. Curtis möchte im Gegenzug für diese großzügige
Vereinbarung, die sich auf die Hälfte ihrer Vermögenswerte beläuft,
ist, dass sie lediglich eines ihrer persönlichen Besitztümer -
Fluffy, den Hund - behalten kann. Sie hat ihn für einhundert Pfund
ihres eigenen Vermögens gekauft, bevor sie den Angeklagten
überhaupt getroffen, geschweige denn geheiratet hat.«
Hier stand Richterin Khan auf, nahm ihre schwarz
umrandete Brille ab und sah an ihrer eleganten Nase vorbei auf
Fluffy, der jetzt mit seinem Kopf zwischen den Pfoten und
geschlossenen Augen am Boden zu meinen Füßen lag.
»Verstehe ich das richtig, dass die Klägerin und
der Angeklagte ausschließlich darüber im Streit liegen, wer das da
bekommt?«, fragte sie.
»Ja, Euer Ehren!«
Sie beugte sich weiter vor über die Richterbank, um
Fluffy besser betrachten zu können, und die lange weiße
Pferdehaar-Perücke klappte an beiden Seiten ihres Gesichts nach
vorne wie die Ohren eines Spaniels.
Als ob er wüsste, dass über ihn geredet wurde,
stellte Fluffy seine Ohren auf, öffnete die Augen und rollte sie in
ihre Richtung. Nachdem er sie lange angestarrt hatte, gelegentlich
unterbrochen von einem weiteren tiefen Knurren, schloss er sie
wieder und schlief noch mal ein.
»Welche Hunderasse ist das?«
Nachdem er sich mit Williams beraten hatte, sagte
Simon: »Er ist das, was man eine Rassenkreuzung nennt, Euer
Ehren.«
»Ah, ein Mischling.« Ihre Nasenlöcher weiteten
sich. Sie setzte sich auf den Richterstuhl zurück und presste ihren
Rücken gerade wie einen Stock an die mit Leder gepolsterte
Lehne.
»Ich wundere mich, dass ihn überhaupt einer will!«,
bemerkte sie sarkastisch. »Wenn es meiner wäre, würde ich
vermutlich dafür bezahlen, ihn notschlachten zu lassen.«
Ich war kurz davor, aufzuspringen und zu
protestieren, und ich vermute, Mark ging es ähnlich. Aber Williams
legte eine Hand auf meinen Arm.
»Gut, ich schätze, wir machen besser weiter«, fuhr
Richterin Khan fort. »Wenn Mr. und Mrs. Curtis nichts Besseres mit
ihrem Geld zu tun haben, als es dafür auszugeben, meine Zeit zu
verschwenden, müssen wir nachsichtig sein, nicht wahr?«
Ihre Lippen öffneten sich zu einem eisigen Lächeln,
dass sich mir die Haare im Nacken aufstellten.
Als mein Anwalt geendet hatte, stand Marks Anwältin
auf. Eine Weile lang leierte sie herunter, wie Marks Rolle als
Hausmann es mir ermöglicht hatte, meine Karriere frei von
häuslichen Pflichten zu verfolgen, die sonst
möglicherweise meine Beförderung verhindert hätten. Dann begann
sie ein leidenschaftliches Plädoyer zu Fluffys Gunsten.
»Seit Tausenden von Jahren wurden Haustiere in
diesem Land lediglich als Teil des ehelichen Besitzes betrachtet.
Darauf basiert die Argumentation der Klägerin. Dennoch denke ich,
dass es in diesen aufgeklärten Zeiten akzeptiert ist, dass unsere
Beziehung zu Tieren - und insbesondere zu Hunden - viel komplexer
ist als unsere Beziehung zu etwa einem Stuhl, einem Auto oder gar
einem Haus. Daher ist es sicher vernünftig, wenn das Gericht eine
entsprechend umfassende Sichtweise einnimmt und anordnet, dass das
Wohlergehen des Tieres berücksichtigt wird, wenn es über seine
Zukunft entscheidet. In den Vereinigten Staaten ist es mittlerweile
Usus, die Interessen eines Haustieres zu berücksichtigen, so dass
mehr als einhundertneunzig zugelassene juristische Fakultäten
Seminare in tiergerechter Gesetzgebung anbieten. Ich möchte die
Aufmerksamkeit auf einige prominente Scheidungsfälle in den Staaten
lenken, die sich mit demselben Thema beschäftigt haben, mit dem wir
es heute auch hier zu tun haben. Zu den bekannten Fällen zählt der
von Drew Barrymore, der Schauspielerin, die gegen ihren Ex-Ehemann
wegen ihres Hundes Flossie gekämpft hat, und der von Dita von Teese
versus Marilyn Manson, die wegen des Sorgerechts für ihre
Dachshunde und Katzen vor Gericht gingen.«
»Das ist genug, bitte!«
Wie eine Machete schnitt Dschingis Khans
gebieterische Stimme ihr schnell und effektiv das Wort ab.
»Verteidigerin, so weit mir bewusst ist, befinden wir uns nicht in
den Vereinigten Staaten von Amerika, und Mr. und Mrs. Curtis sind
nicht Dita Striptease und Marilyn Monroe - ist die übrigens nicht
schon tot? Können Sie sich bitte auf das britische Gesetz
beschränken und den Fall, der zur Verhandlung ansteht. Sonst sitzen
wir hier bis in alle Ewigkeit. Mit anderen Worten: Kommen Sie zum
Punkt!«
Die Anwältin räusperte sich. »Ja, Euer Ehren. Dann
komme ich zum Punkt. Die Forderung von Mrs. Curtis beruht lediglich
auf der Tatsache, dass er bereits ihr gehörte, bevor sie den
Beklagten getroffen hat. In dieser Verhandlung beabsichtige ich zu
zeigen, dass Mr. Curtis dasselbe Recht darauf hat - wenn nicht gar
ein größeres -, den Besitz von Fluffy zu beanspruchen. Mr. Curtis
war in den letzten fünf Jahren beinahe ausschließlich alleine dafür
verantwortlich, für Fluffy zu sorgen. Im Rahmen seiner Tätigkeit
als Hundesitter hat er Fluffy mindestens zweimal am Tag Gassi
geführt. Es war Mr. Curtis, der zuhause bei Fluffy gewesen
ist...«
»... um ihm bei den Hausaufgaben zu helfen«,
murmelte Williams hinter vorgehaltener Hand.
»... und Mr. Curtis, der Fluffy zum Tierarzt
gebracht hat, wenn der Hund krank war, und Mr. Curtis, der ihn
abgerichtet, ihn gefüttert hat und sich in jeder anderen Hinsicht
wie der Hauptversorger des Hundes verhalten hat. Wenn das Gericht
anordnen würde, dass Mr. Curtis das alleinige Sorgerecht für Fluffy
zugesprochen würde, wäre diese Stabilität in Fluffys Leben
weiterhin garantiert und das Wohlergehen des Hundes gesichert.Wenn,
auf der anderen Seite, Fluffy in die Obhut von Mrs. Curtis gegeben
würde, sähe er einer ungewissen Zukunft entgegen.
Er würde sechs Tage die Woche alleine gelassen werden, endlose
Stunden eingesperrt in einer ungeeigneten Unterkunft, buchstäblich
ein Gefangener ohne Zugang zu den weiten Grünflächen - der
natürlichen Umgebung eines Hundes. Im Endeffekt wäre er das
hündische Gegenstück zu einem Schlüsselkind.«
Dschingis Khan seufzte. »Lassen Sie uns nicht eine
der wichtigsten Rollen, die das Familiengericht hat - zu
entscheiden, wer bei Scheidungen das Sorgerecht für die Kinder
bekommt -, durch so geschmacklose Vergleiche herabsetzen. Es würde
uns allen gut tun, uns daran zu erinnern, dass ein Hund ein Hund
ist.«
Williams presste seine Lippen in einem angespannten
Lächeln aufeinander. Es war klar, dass sich die Angelegenheit für
uns positiv entwickelte. Dennoch hatte Marks Verteidigerin eine
unerfreuliche Überraschung in ihrem weißen Ärmel.
»Kurz gesagt, Euer Ehren«, fuhr sie fort. »Mr.
Curtis sorgt sich so sehr um Fluffys Wohlergehen, dass er mich
angewiesen hat zu sagen, dass er freiwillig auf das ganze Geld, das
ihm zusteht, verzichtet, wenn er dafür das alleinige Sorgerecht für
den Hund bekommt.«
Ich hätte erfreut sein sollen, aber ich war außer
mir. Das Angebot war gleichbedeutend mit einer finanziellen
Erpressung. Mein Vater hingegen sprang auf und rief quer durch den
Gerichtssaal: »Nimm das Geld, Annie!«
»Ordnung!«, Richterin Khan schlug mit dem Hammer
auf den Tisch. »Ruhe oder ich schließe die Öffentlichkeit von der
Verhandlung aus!«
»Ich bin nicht die verdammte Öffentlichkeit, ich
bin
ihr Vater!«, murrte mein Vater, als Norma ihn auf seinen Stuhl
zurückzog.
»Mrs. Curtis«, sagte Richterin Kahn und drehte sich
zu mir. »Vielleicht können wir diese Verhandlung abkürzen. Mr.
Curtis hat Ihnen ein Angebot gemacht, das Sie sicher nicht
ausschlagen können. Wenn Sie es annehmen und ihm... Wie war noch
mal der Name des Tieres?«, fragte sie den Gerichtsdiener.
»Fluffy, Euer Ehren.«
»Vielen Dank. Wenn Sie Ihrem Ehemann Fluffy
überlassen, können Sie dadurch einen riesigen finanziellen Gewinn
machen. Mehr als genug, um sich Dutzende neuer Hunde zu
kaufen.«
»Aber ich will nicht Dutzende neuer Hunde!«,
protestierte ich. »Ich will nur Fluffy. Ich liebe ihn, nicht
Hunde im Allgemeinen! Sie würden auch nicht zu einer Mutter sagen.
›Sie könnten sich jederzeit ein neues Kind holen<, oder? Sehen
Sie denn nicht, wie wichtig Fluffy mir ist?«
Sie sah mich so angewidert an als wäre ich eine
Nacktschnecke.
»Offensichtlich. Andernfalls, vermute ich, wären
Sie nicht hier und wir könnten uns dieses Theater ersparen. Als die
Mutter und Großmutter, die ich selbst bin, und da ich keine Hunde
besitze, behaupte ich nicht, dass ich Ihre Zuneigung zu einem Tier
- und nicht Kind - nachvollziehen kann. Das ist alles sehr
bewegend, aber wo bleibt da das Gesetz? So wie ich es sehe, gibt es
zwei Fragen. Erstens:Wem gehört Fluffy wirklich? Der, die ihn
gekauft hat, oder dem, der ihn abgerichtet und versorgt hat.
Zweitens: Sollen wir den Hund als beweglichen Gegenstand behandeln,
wie es das Gesetz
vorschreibt? Oder sollen wir seine Wünsche und sein Wohlergehen in
Betrachtung ziehen, wenn es zur Entscheidung über seine Zukunft
kommt, wie man es bei einem Kind machen würde?Wenn Mr. und Mrs.
Curtis wirklich sein Wohlergehen am Herzen liegt, sollten wir
vielleicht Letzteres tun. So wie wir es bei Kindern machen, die für
alt genug gelten, ihre eigenen Wünsche auszudrücken, und ihm in
dieser Angelegenheit seine eigene Meinung lassen. Das heißt, wenn
er alt genug ist, eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Bei
dieser Gelegenheit, wie alt ist der Hund?«
»Fünf Jahre, Euer Ehren«, sagten Mark und ich
gleichzeitig. »Aber jedes Menschenjahr ist gleichbedeutend mit
sieben Jahren im Leben eines Hundes, was ihn dreißig Jahre alt
macht«, fuhr Mark fort.
»Fünfulddreißig!«, unterbrach mein Vater
empört. »Hoffnungslos!«,bemerkte er zu Norma. »Der kann noch nicht
einmal das Fünfer-Einmaleins!«
»Auch ich habe ein wenig recherchiert, wie ähnliche
Fälle in den Vereinigten Staaten gehandhabt werden«, sagte
Richterin Khan, weiterhin essigsauer lächelnd.
»Die Anwälte von Mr. Curtis sind nicht die
Einzigen, die wissen, wie man die Suchmaschine von Google benutzt.
Ich bin dabei auf einen sogenannten Ruftest gestoßen, den ich jetzt
anwenden werde. Nur zur Unterhaltung. Da alle so entschlossen sind,
Zeit zu verplempern, kann ich selbst auch etwas davon
verplempern.«
Ich schluckte heftig, als mich die Angst überkam.
Ich wusste, was gleich passieren würde. Mark auch. Unsere Augen
trafen sich für einen kurzen Moment quer durch den Gerichtssaal
hinweg, und ich wusste, dass wir genau
an das Gleiche dachten: An den Sonntagabend nach dem Wochenende,
an dem wir auf die Kinder von Clarissa und James aufgepasst hatten.
Als wir nach Hause gekommen, uns ins Bett gelegt und die DVD mit
Die schreckliche Wahrheit angesehen hatten, in der Lucy und
Jerry Warriner alias Irene Dunne und Cary Grant wegen des
Sorgerechts für ihren Foxterrier, Mr. Smith, vor Gericht gezogen
waren. Auch der Richter im Film hatte den sogenannten »Ruftest«
angewandt. Damals hatten wir geschworen, dass in unserer Beziehung
so etwas nie passieren würde. Nun waren wir hier in derselben
Situation.
»Mr. und Mrs. Curtis«, ordnete Richterin Khan an,
»würde es Ihnen etwas ausmachen, aufzustehen und auf
gegenüberliegende Seiten des Raums zu gehen?«
Als wir das taten, öffnete Fluffy seine Augen, hob
seinen Kopf und beobachtete uns neugierig.
»Sie, Mr. Curtis, ein wenig näher an das Fenster,
und Mrs. Curtis mehr auf die andere Seite.Vielen Dank. Okay! Nun
Mr. Williams, würden Sie das Tier bitte in die Mitte des Raums
führen? Ja, das ist sie. Wir wollen es so fair wie möglich
machen!«
Als er neben Williams in der Mitte des Raums stand,
registrierte Fluffy, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren. Sein
Gesicht hellte sich auf und sein Schwanz wedelte wie ein Metronom,
das auf allegro eingestellt war.
»Also, Mr. und Mrs. Curtis, wenn ich bis drei
gezählt habe, möchte ich, dass Sie beide gleichzeitig Ihren Hund
rufen, so dass jeder sehen kann, bei wem er lieber sein möchte. Ich
möchte, dass Sie, Herr Anwalt, zur selben Zeit die Leine abmachen.
Sind Sie bereit?«
Nein, war ich nicht. So viel würde vom Ausgang
abhängen. Als ich auf der einen Seite im Gericht stand, wünschte
ich, dass ich wie Irene Dunne das Lieblingsspielzeug meines Hundes
in einem Pelzmuff versteckt hätte, um ihn zu mir zu locken. Ich
verfluchte mich selbst, dass ich daran nicht gedacht hatte. Oder an
Darcies Trick, kleine Speckreste in der Hosentasche zu haben. Ich
fragte mich auch, ob sie Mark davon erzählt hatte - oder er selbst
den Speck in ihrer Hose gefunden hatte? Aber jetzt war nicht der
richtige Zeitpunkt, darüber nachzugrübeln, was die beiden
miteinander getrieben hatten. Ich musste meine ganze Energie darauf
konzentrieren, Fluffy dazu zu bringen, zu mir zu kommen und nicht
zu Mark zu gehen.
»Eins, zwei, drei!«, sagte Richterin
Khan.
Während Williams mit dem Clip der Leine kämpfte,
begannen Mark und ich, Fluffy so laut wir konnten zu rufen.
»Fluffy! Fluffyball!«
»Hierher, Junge, hierher!«
»Fluffy, Liebling, komm’ zu mir!
Liebling!«
Als wir ihn quer durch den Raum riefen, sah Fluffy
zuerst zu mir, dann zu Mark, dann wieder zu mir zurück und dann zu
Mark. Dann stand er auf und ging zu Clarissa hinüber. Norma
kicherte und steckte Clarissa damit an, dann Marks Eltern und
schließlich alle im Gerichtssaal - das heißt alle außer Mark, mir
und Richterin Khan.
»Na, er hat seine Wünsche deutlich genug gemacht!«,
sagte sie und presste ihre Lippen zusammen. »Kann nicht behaupten,
dass ich ihm einen Vorwurf mache. Möchten Sie den Hund?«, fragte
sie Clarissa. »Wenn Sie wollen, gehört er Ihnen.«
Etwa eine Stunde verging, in der die Bündel der
Beweismaterialien, die wir dem Gericht vorgelegt hatten, im Detail
durchgegangen wurden, und die Honorarsätze der Anwälte klimperten
Stunde um Stunde. Es machte mich krank, wie unsere Beziehung vor
Fremden auseinandergenommen wurde, es gab Momente, in denen ich
sterben wollte. Sowohl Mark als auch ich wurden in den Zeugenstand
gerufen und mussten Fragen über das Verhalten des jeweils anderen
beantworten. Wie oft war Mark mir untreu gewesen? Wie sehr hatte
ich mich in häuslichen Belangen auf ihn verlassen? Wusste ich, wie
man den Ofen benutzte?Wie viele Stunden in der Woche hatte ich
wirklich zu Hause verbracht?
Dann präsentierte Marks Anwältin ein Fotoalbum, das
Aufnahmen zeigte, wie Fluffy mit den anderen Hunden, die Mark
ausführte, in Hampstead Heath spielte. Sie spielte auch eine
Tonaufnahme vor, auf der Fluffy wild bellte, die angeblich heimlich
gemacht worden war, während ich in der Arbeit war. Aber mein Anwalt
Simon stellte klar, dass sie überall hätte aufgenommen werden
können.
Meine Seite hielt dagegen, indem sie Darcies »Ein
Tag im Leben von Fluffy« auf PowerPoint vorführte.
»Sehr rührend«, sagte Richterin Khan sarkastisch,
als das letzte Bild, auf dem ich Fluffy auf einer Bank im Regent’s
Park knuddelte, ins Schwarze überging. »Obwohl ich bezweifle, dass
er einen Oscar gewinnen wird.«
Sie blätterte in ihren Notizen und sah dann wieder
auf.
»Sollte nicht eine Gutachterin zugunsten der
Klägerin aussagen?«
»Ja, Euer Ehren«, sagte Simon. »De facto war es
dieselbe
Frau, die auch den Film gedreht hat. Die Hundesitterin von Mrs.
Curtis, Miss Darcie Wells. Aber es tut mir leid, Miss Wells ist in
letzter Minute als Zeugin zurückgetreten.«
»Zurückgetreten? Aus welchem Grund?«
Er holte tief Luft und machte einen Schritt nach
vorne, wie ein Schauspieler, der gleich den vernichtenden Schlag
ausführen würde.
»Sie hatte einen Sinneswandel, nachdem Mr. Curtis
sie verführt hatte, ganz offensichtlich mit dem Zweck, sie dazu zu
überreden, ihre Aussage zugunsten seiner Ehefrau
zurückzuziehen.«
Jackie und Dennis schnappten nach Luft. Ebenso wie
Dad und Norma. Aber Mark sprang auf und sagte: »Das ist eine totale
Lüge!«
Dschingis Khan sah ihn finster über die Ränder
ihrer Brille an.
»Mr. Curtis, sich mit einem Zeugen einzulassen -
auch ohne zweideutige Absichten - ist ein sehr ernsthaftes
Vergehen. Bitte erklären Sie das. Und denken Sie daran, dass Sie
immer noch unter Eid stehen. Behaupten Sie, dass Sie keinen Sex mit
Miss Wells hatten?«
Mark war anständig genug, um wenigstens betreten
auszusehen.
»Na, ja, wir hatten Sex«, erklärte er und lief
tiefrot an, »aber nicht aus diesem Grund. Herrgott noch mal, ich
wusste nicht einmal, dass Darcie eine von Annies Zeuginnen war.Wie
sollte ich auch? Sie hat es mir gegenüber nie erwähnt!«
»Ich nehme an, dass Sie zu dieser Zeit so damit
beschäftigt waren, wichtigere Themen zu erörtern - mit Sicherheit
Vorfälle in Uganda!«, sagte Richterin Khan kurz angebunden. »Nun,
Frau Anwältin, sind wir jetzt mit all dem fertig?«
»Nicht ganz«, sagte Marks Gerichtsvertreterin und
stand erneut auf.
»Ich möchte Mrs. Curtis noch einmal als Zeugin
aufrufen.«
Was ging hier vor sich? Williams und ich sahen uns
mit gerunzelter Stirn an, und nach einem kurzen Wortwechsel mit ihm
sagte Simon: »Einspruch, Euer Ehren. Mrs. Curtis wieder in den
Zeugenstand zu rufen erscheint unnötig langwierig.«
»Diese ganze Angelegenheit ist unnötig langwierig«,
sagte Dschingis Khan dazwischen. »Oder sollte ich sagen unnötig und
langwierig?«
Sie wandte sich Marks Verteidigerin zu.
»Frau Anwältin?«
Sie räusperte sich.
»Da das Besitzverhältnis von Fluffy von
ausschlaggebender Bedeutung ist, Euer Ehren, möchte ich die
Klägerin noch einmal zu einem weiteren Punkt befragen.«
»Na schön. Einspruch abgelehnt. Aber können Sie
sich so kurz wie möglich fassen?«
Was ging hier vor sich? Ich sah Williams an, der
eine Augenbraue hochzog und kurz mit der Schulter zuckte. Ich
fühlte mich etwas unwohl, als ich wieder zum Zeugenstand
ging.
Die Richterin erinnerte mich, dass ich noch immer
unter Eid stand, und die Anwältin begann mich zu befragen.
»Können Sie bitte dem Gericht in Ihren eigenen
Worten erzählen, wie Sie Ihren Hund gekauft haben?«
Ich sah zu Williams, der sah zu Simon.
»Einspruch, Euer Ehren«, sagte er sofort, »die
Klägerin ist zu diesem Punkt bereits befragt worden.«
»Abgelehnt. Bitte beantworten Sie diese
Frage.«
Ich zögerte. Da fühlte ich, wie es mir langsam den
Magen umdrehte. Aber ich hatte keine andere Wahl als
weiterzumachen.
»Wie ich schon vorher gesagt hatte, habe ich ihn
von einem Penner in Camden Town gekauft. Fluffy war zu diesem
Zeitpunkt ein kleiner Welpe, und der Mann misshandelte ihn ganz
offensichtlich. Fluffy war dehydriert und fast verhungert.«
Die Anwältin schob ihr langes schwarzes Haar hinter
die Ohren und rückte ihre Brille zurecht. »Und können Sie dem
Gericht die exakte Summe nennen, die Sie dem Penner für den Hund
bezahlt haben?«
Ich fühlte mich extrem unwohl. Alle Augen waren auf
mich gerichtet. Ich räusperte mich und sagte: »Einhundert
Pfund!«
»Nur damit ich das richtig verstehe«, sie lächelte
mich harmlos an. »Der Penner sagte: ›Sie können diesen Welpen für
einhundert Pfund haben<, also öffneten Sie Ihre Handtasche und
gaben ihm das Geld?«
Ich zögerte, dann sagte ich: »Ja.«
»Ich verstehe.« Nun räusperte sie sich.
»Hatten Sie zu dieser Zeit einhundert Pfund in bar
in Ihrer Handtasche, Mrs. Curtis?«
»Ja«, stammelte ich und merkte, wie ich rot
wurde.
»Naja, nein...«, fügte ich hinzu. »Nicht die ganze
Summe.« Ich stoppte.
Es gab eine lange Pause, in der ich mich im Gericht
umsah. Bildete ich mir das ein, oder starrten mich alle irgendwie
seltsam an? Dad, Norma, Dennis, Mark - und sogar Clarissa?
Dann sagte Marks Anwältin: »Können Sie das bitte
genauer erklären?«
Ich wandte meinen Blick von den anderen Leuten ab
und sah auf meine Hände herunter.
»Ich hatte... na ja, dreißig oder vierzig Pfund bei
mir. Also gab ich sie dem Penner - als eine Art Anzahlung. Ich...
ich ging dann um die Ecke zur Bank und holte den Rest.«
»An einem Sonntag?«
»Ja. Von einem Bankautomaten.«
»Ich verstehe. Und können Sie uns sagen, was
anschließend geschah, Mrs. Curtis?«
»Nun, ich... ich...«
Noch immer sahen mich alle an.
Ich zögerte wieder. Und als ich das tat, stand
Simon auf und schrie wieder: »Einspruch!«
»Abgelehnt«, blaffte Richterin Khan. »Offen gesagt
kann ich nicht erkennen, wohin diese Art der Befragung führen soll,
aber wohin auch immer es gehen soll, ich möchte, dass wir so
schnell wie möglich dorthin kommen. Bitte beantworten Sie die
Frage, Mrs. Curtis!«
»Soll ich sie für Sie wiederholen, Mrs. Curtis? Was
haben Sie getan, nachdem Sie das Geld aus dem Geldautomaten geholt
hatten?«
Plötzlich konnte ich kaum atmen. Sie wusste es! Ich
sagte mir selbst, dass es nicht sein konnte. Wie konnten Marks
Anwälte das über den Penner herausgefunden haben? Wie konnten sie
wissen, was geschehen war, wenn ich niemandem davon erzählt hatte?
Nicht Clarissa, nicht Dad, nicht einmal Mark.
Niemand kannte die wahre Geschichte, wie ich zu
Fluffy gekommen war.
Keiner, zumindest keiner außer der verdammten
Darcie Wells.
Die erste Nacht schoss mir ins Gedächtnis, in der
sie und ich uns gemeinsam in der Single-Bar in der Nähe meiner
Wohnung betrunken hatten. Obwohl ich normalerweise keine große
Trinkerin war, hatten wir eine ganze Flasche Wein geleert, dann
eine weitere bestellt und von dieser mindestens die Hälfte
getrunken. Am nächsten Morgen war ich mit rasenden Kopfschmerzen
aufgewacht, die noch schlimmer wurden bei der Erinnerung daran,
dass ich ihr sehr viel mehr erzählt hatte, als ich je einem anderen
enthüllt hatte. Damals hatte ich es aus meinem Gedächtnis
gelöscht.Welche Bedeutung hatte es schon? Es war schon vor so
langer Zeit passiert.
Abgesehen davon stand Darcie damals auf meiner
Seite. Dann, ein paar Wochen später, hatte sie eine Affäre mit Mark
gehabt. Und ich hatte sie gefeuert.
Plötzlich stellte ich mir Darcie nackt in Marks
Armen vor, nachdem sie sich geliebt hatten, und wie sie auf ihre
typische Art vor sich hinschnatterte. Mark musste es begierig
aufgenommen haben - ein bisschen Bettgeflüster mochte er schon
immer. Ich konnte sie beinahe hören,
wie sie ihm mit ihrer süßen Kleinmädchenstimme mein Geheimnis
ausplauderte, das mir jetzt das Genick brechen würde. »Annie war,
irgendwie, richtig... und sie war irgendwie so... und der Penner
war irgendwie, hey... und Fluffy war, was auch immer...«
Hatte sie jedes kleine Detail wiederholt, das ich
ihr in der Weinbar erzählt hatte? Auch, dass ich ihr erzählt hatte,
dass Mark gut im Bett war? Hatte Mark dann Greenwood vom Penner
erzählt? Oder war Darcie auf der Suche nach Rache aus eigenem
Antrieb zu Greenwood gegangen?
»Mrs. Curtis? Können Sie uns bitte erzählen, was
dann geschehen ist?«
Ich starrte Marks Anwältin an. Mein Puls begann wie
ein Trommelwirbel in meinen Ohren laut und heftig zu pochen. Selbst
wenn sie es wusste, wie wollte sie es beweisen? Ich konnte sagen,
dass Darcie log! Wer konnte es widerlegen? Keiner war an diesem Tag
da gewesen, außer mir und dem Penner.
Clarissa hatte recht: Heute war es ein Fall von
»Mit deinem Schild oder auf deinem Schild.«
Ich hob trotzig mein Kinn und sagte: »Ich ging
direkt zurück zur Jamestown Road, wo ich den Penner zurückgelassen
hatte, und gab ihm den Rest des Geldes.«
»Danke, Mrs. Curtis. Keine weiteren Fragen.«
»Die Zeugin kann den Zeugenstand verlassen.«
Als ich zu meinem Stuhl zurückkehrte, überwältigt
von der Erleichterung, es überstanden zu haben, lächelte mich Marks
Anwältin an wie eine Schlange, die gerade ein Kaninchen gefangen
hatte. Dann wandte sie sich der Richterin zu.
»Euer Ehren, ich möchte noch einen letzten Zeugen
aufrufen.«
Mrs. Khan gähnte. »Ist das wirklich nötig, Frau
Anwältin?«
»Er ist ein entscheidender Zeuge. Mr. Joseph
Holtby.«
»Wer ist Joseph Holtby?«, flüsterte Williams, als
ich mich neben ihn setzte.
»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, flüsterte
ich zurück. »Der Name sagt mir gar nichts!«
Ich brauchte Zuspruch, also griff ich hinunter und
streichelte Fluffy, der sich unter meinem Stuhl ausgestreckt
hatte.
Simon stand auf. »Ich erhebe Einspruch, Euer
Ehren«, sagte er.
»In den Unterlagen stand nichts darüber, einen
Joseph Holtby als Zeugen aufzurufen. Meine Klientin kennt niemanden
dieses Namens. Daher wäre alles, was er zu sagen hätte, für ihre
Forderung nach dem vollen Sorgerecht für ihr Haustier
irrelevant.«
»Im Gegenteil, Euer Ehren«, sagte Marks Anwältin.
»Mr. Holtbys Zeugenaussage ist überaus relevant. In der Tat wird
sie zeigen, dass die Klägerin nicht nur extrem ungeeignet ist, für
Fluffy zu sorgen, sondern auch, dass sie nicht einmal die
rechtmäßige Besitzerin ist. Darüber hinaus hat sie vor diesem
Gericht ein falsches Zeugnis abgelegt, und sie hat ihren Ehemann
vom ersten Tag an belogen!«
»Unsinn!«, schrie Clarissa und sprang von ihrem
Stuhl auf. »Das ist unmöglich!«
Zeitgleich sprang mein Vater mit hochrotem Gesicht
auf. »Wie können Sie es wagen, meine Annie eine Lügnerin zu
nennen!«, brüllte er.
Selbst Mark sah erschrocken aus, als er Greenwood
am Arm zog und sagte: »Hey, hören Sie! Das geht nun doch zu
weit!«
»Ordnung! Ordnung! Würden Sie sich bitte alle
wieder hinsetzen? Ordnung!«
Simon sah sich zu Williams um, der sich zu mir
umdrehte. »Wovon redet sie?«, murmelte er.
»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, zischte ich
zurück. Aber ich hatte sie.
»Na schön, Frau Anwältin«, sagte Richterin Khan mit
leidgeprüfter Stimme. »Rufen Sie Ihren Zeugen auf, wenn Sie wollen.
Aber ich hoffe, Sie haben sehr gute Gründe, solch schwerwiegende
Anschuldigungen gegen die Klägerin zu erheben.«
»Die habe ich, Euer Ehren«, sagte die Anwältin.
»Ich rufe Mr. Joseph Holtby auf.«