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Und so schlenderte Mark Curtis am folgenden
Sonntagnachmittag um drei Uhr, über eine Stunde später als
vereinbart, in mein Leben.
Im Nachhinein stellte ich fest, dass dies ein
Zeichen gewesen war, das ich hätte bemerken sollen: Dass Mark, aus
seinem Bedürfnis heraus, Menschen zu gefallen, gewöhnlich mehr
versprach, als er halten konnte. Aber was ist der
Sinn eines Rückblicks, außer, dass man sich dumm vorkommt, weil
man es vorher nicht besser gewusst hatte?
Als ich ihm die Tür aufmachte, trug Mark
Leinensandalen und Khaki-Shorts, die er seither anscheinend nicht
mehr ausgezogen hat. An diesem Tag hatte er sie mit einem
ausgewaschenen weißen T-Shirt kombiniert, auf das »Wag the Dog
Walks«, der Name seines Hundebetreuungs-Unternehmens, aufgedruckt
war.
Die Bezeichnung »Unternehmen« ist eigentlich
unzutreffen. Das Wort impliziert Büros, Bankkonten, Angestellte,
Gewinn- und Verlustrechnungen.
»Wag the Dog Walks« bestand hingegen aus Mark,
seinem verrosteten VW-Bus und dem alten Nokia-Telefonkarten-Handy,
auf dem ich ihn Anfang der Woche angerufen hatte.
»Annie?«
Mark fuhr sich mit einer Hand durch die
widerspenstigen, von der Sonne strähnchenweise gebleichten
schwarzen Locken, die attraktiv über seine Stirn fielen, sein
markantes, wettergegerbtes Gesicht einrahmten, und seine kräftigen
Schultern leicht berührten.
»Entschuldige, dass ich zu spät bin«, sagte
er.
»Ich dachte, ich würde es rechtzeitig herschaffen,
aber der Verkehr war unglaublich.«
Als er mich anlächelte, fühlte ich ein Kribbeln
entlang meiner Wirbelsäule. Aber da ich Fluffy in dieser Woche
dreimal gründlich mit Insektenspray eingesprüht hatte, wusste ich,
dass es nicht schon wieder ein Getier war.
»Das macht nichts«, hörte ich mich sagen, obwohl
ich die vergangenen dreißig Minuten damit verbracht hatte,
lautlos meine Litanei zu wiederholen: Welche Zuverlässigkeit
konnte ich von einem Hundeausführer erwarten, der dermaßen spät zu
unserem Kennenlern-Treffen kam?
»Komm herein.«
»Danke. Soll ich die zuerst ausziehen?«
Er hob einen seiner überdimensionalen Füße und
inspizierte die Sohlen seiner ziemlich verstaubten Sandalen.
»Ich habe wahrscheinlich halb Hampstead Heath
mitgebracht.«
»Ach, mach dir keine Sorgen. Ich glaube nicht, dass
der Fußboden noch schmutziger werden kann als Fluffy ihn bereits
gemacht hat.«
Ich trat zur Seite, und er schlenderte an mir
vorbei die kurze Diele hinunter in das Wohnzimmer, dessen Decke
doppelte Raumhöhe hatte. Ich wartete auf den vom Makler
beabsichtigten »Wow-Faktor«, von dem ich wusste, dass er auch von
Mark kommen würde.Wie auf ein Stichwort blieb er in der Tür stehen,
steckte die Hände in die Taschen seiner Shorts und stieß einen
langen, beifälligen Pfiff aus.
»Wow!«, sagte er, »was für ein beeindruckender
Raum!«
»Danke.«
Er spazierte in die Mitte des Zimmers und sah zur
hohen Decke hinauf.
»Die Akustik muss hervorragend sein.«
»Das vermute ich«, sagte ich und starrte auf seine
muskulösen, behaarten Waden. Gott, was führte ich da im Schilde?
Nach dem Hundesitter gieren! Um Himmels willen!
»Du kennst dich also gut mit Akustik aus?«,
lächelte ich albern.
Er nickte.
»Ich bin Musiker. Bassgitarrist.«
»Ach! Spielst du in einer Band?«
»Nicht wirklich.«
Er drehte sich um und grinste mich an.
Oh Gott, sah der gut aus, wenn er lächelte! Genau
genommen, total umwerfend.
»Im Moment nicht«, fuhr er fort. »Die Sache mit dem
Hunde-Service kostet mich mittlerweile viel Zeit.«
»Ach ja?«
Ich stellte fest, dass ich ebenfalls grinste,
deshalb zog ich mit größter Anstrengung meine Mundwinkel nach
unten.
»Wie lange wohnst du schon hier?«, wollte er
wissen.
»Ungefähr vier Jahre.«
»Hast du sie gemietet?«, fragte er.
»Nein, ich habe sie vor einigen Jahren
gekauft.«
Fast verlegen sah ich ihm zu, wie er eine
360-Grad-Drehung machte, und alles in sich aufnahm: Den
freistehenden Kamin mit dem Stahlabzugsrohr, das Sechs-Sitzer-Sofa
und die ziemlich große Edelstahlküche mit
Profikoch-Ausstattung.
»Wahnsinnsküche«, sagte er und ging hinüber, um sie
genauer zu inspizieren.
»Ich mag diesen Doppelherd. Es muss Spaß machen,
darauf zu kochen.«
»Ja. Er ist großartig!«
Es war nicht der richtige Zeitpunkt zu gestehen,
dass
es fast nur eines gab, das ich bislang in meiner supermodernen
Küche getan hatte: Die Fertiggerichte, von denen ich lebte, in die
Mikrowelle zu schieben.
»Kochst du gerne?«
»Sehr gerne.« Mark fuhr mit einer Hand über die
makellose Granitarbeitsfläche. Obwohl sein Erscheinungsbild
ungepflegt war, bemerkte ich, dass er elegante, schlanke Finger und
wunderbar glänzende Fingernägel hatte.
»Ich bin damit aufgewachsen. Meine Eltern haben ein
Pub, etwas außerhalb von Norwich. Du weißt schon, so richtig
altmodisch - Holzbalken, Pferdegeschirr, echtes Holzfeuer,
gemütliche Stühle.«
»Wie nett.«
»Das ist es wirklich. Wie auch immer, als ich etwa
elf war, haben sie einen Teil davon in ein richtiges Restaurant
umgebaut. Wir wohnten darüber, und immer wenn Mum und Dad
unterbesetzt waren, mussten meine ältere Schwester und ich in der
Küche aushelfen. Da servieren sie nicht so einen Fraß, wie du ihn
heute in diesen ganzen überteuerten Gastro-Pubs bekommst.«
»Du meinst, dass es bei ihnen keine Garnelen- und
Spargelmousse mit Chili- und Erdnuss-Dip gibt? Oder Lammkeule und
Ingwer in Ahornsirup, auf Wassermelonen-Püree und
Kartoffelbrei?«
Mark lachte. »Ich sehe, wir speisen in denselben
Läden. Nein, es ist ausschließlich gutbürgerliche Hausmannskost,
aber in hoher Qualität. Brathähnchen mit allen Schikanen. Richtige
Würste - frisch vom Metzger -, Kohl und selbst gemachter
Kartoffelbrei. Ploughman’s Lunch - den traditionellen Käseteller
mit Brot, Chutney und eingemachten
Zwiebeln, mit anständigem Cheddar-Käse, ordentlichem Schinken,
Tomaten aus dem Garten meines Vaters und hausgemachten eingelegten
Essiggurken. Also lernte ich von Kindesbeinen an, wie man ein Steak
oder einen Kidney Pie, den typisch britischen Auflauf in Teigkruste
mit allem Drum und Dran, macht. Meine Spezialität war aber
Fasanen-Schmorbraten. Mit Apfel- und Calvados-Sauce, Kohl,
Kastanienfüllung und Bratkartoffeln mit Knoblauch.«
Mir lief schon das Wasser im Mund zusammen, obwohl
ich nicht hätte sagen können, ob es am Gedanken an das Essen oder
am Gedanken an Mark selbst lag. Ich brachte ein schwaches - »Mmh,
ich bin beeindruckt« - zustande. Was auch mit Sicherheit
stimmte.
Mark war umwerfend. Seine Stimme - ein kräftiger,
rauer Bariton mit leichtem Norfolk-Akzent - kam aus einem
sinnlichen Mund, der zu einem Gesicht gehörte, das wie eines der
französischen Filmstars aus den 1960er Jahren aussah. Diese Art von
Filmstar, die man nie ohne eine Gauloise zwischen ihren Lippen sah.
Er hatte außerdem den schläfrigen Blick eines Mannes, der die ganze
Nacht gevögelt hatte und gerade erst aus dem Bett gekrochen war.
Wahrscheinlich war er gerade erst aus dem Bett gekrochen -
zweifellos aus dem Bett einer verführerischen Freundin. Das war
vermutlich der Grund, warum er sich so sehr verspätet hatte. Kaum
war mir der Gedanke gekommen, merkte ich schon, dass ich rot
geworden war.
»Himmel, diese Hitze!«, sagte ich, rannte zu einem
der Fenster und riss es auf.
»Also, wie alt ist dein Baby?«, fragte er.
Ich fuhr herum. »Mein Baby?«
»Yep.«
Er zeigte auf den Laufstall voller Spielsachen, der
in der Nähe des Kamins stand.
»Ich liebe Kinder. Meine jüngste Schwester hat
eines und meine älteste Schwester hat drei. Babys riechen
wundervoll, nicht wahr?«
Ȁhm, eigentlich ist es der Laufstall meines
Welpen«, musste ich eingestehen.
Kichernd ging er zu der mit einem Netzstoff
umspannten runden Matte, die ich vor drei Tagen bei Argos gekauft
hatte, lehnte sich über den Rand und fischte eines der vielen
Plüschtiere heraus, die Fluffy Gesellschaft leisten sollten.
»Du musst denken, dass ich total verrückt bin«,
sagte ich, als er begann, den Arm von Mickey Mouse hin und her zu
bewegen.
»Aber ich habe den Laufstall als Schlafplatz für
Fluffy gekauft. Und wenn ich einen sicheren Platz für ihn brauche.
Ich meine beispielsweise, was macht man mit einem außer Rand und
Band geratenen Welpen, wenn man ein Bad nehmen will?«
Im selben Moment, in dem die Worte draußen waren,
wünschte ich, ich hätte sie nie gesagt. Denn als Mark sich umdrehte
und mich angrinste, fühlte ich mich so entblößt, als wäre ich
splitternackt und gerade dabei, in die Dusche zu steigen.
Mark nickte. »Dann hast du keine Kinder?«, fragte
er.
»Gott, nein!«, sagte ich.
Er warf mir einen seltsamen Blick zu.
»Hast du welche?«, konterte ich nach einer kurzen
Pause.
»Bin noch nicht so weit gekommen.«
Ich fragte Mark, ob er Platz nehmen wollte, und er
setzte sich in die eine Ecke des niedrigen, sechssitzigen Sofas,
während ich mich in die andere Ecke verzog.
»Na, wo ist der kleine Mann?«, fragte er nach einer
kurzen Pause.
»Fluffy? Oh, ich habe ihn vor ein paar Minuten im
Badezimmer eingeschlossen. Ich versuche ihm beizubringen, dass er
sein Hundeklo benutzt.Vermudich amüsiert er sich gerade damit, dass
er meinen anderen Manolo kaut. Er hat bereits einen
ruiniert.«
Mark runzelte belustigt die Stirn. »Was ist ein
Manolo?«
»Du weißt schon. Ein Blahnik?«
Er war noch immer irritiert.
»Es ist eine Schuhmarke, genauer gesagt, eine
Marken-Ikone. Manolo Blahnik ist der Name des Designers. Seine
Mutter war Spanierin und sein Vater Tscheche - so kam er zu diesem
klangvollen Namen. Er ist ein richtiger Künstler. Er begann damit,
dass er in den 1960ern Schuhe für Ossie Clark entwarf, und seitdem
hat er sie für alle kreiert - von John Galliano zu Isaac Mazrahi
und Carolina Herrera.«
Mark schüttelte seinen Kopf.
»Ich fürchte, du sprichst eine Fremdsprache.«
»Sie sind alle Top-Modedesigner.«
»Ahh - Mode ist nicht meine Stärke. Wie du
vermutlich sehen kannst«, fügte er hinzu, während er an seinem
alten T-Shirt zog. »Du scheinst eine Menge davon zu
verstehen.«
»Na ja, das ist mein Job«, erklärte ich. »Ich bin
Stil- und Modespezialistin in der Personal-Shopping-Abteilung von
Haines & Hampton.«
Er sah noch immer ratlos aus.
»Es ist ein Designerladen in Chelsea. Der
Designerladen, genau genommen. Haines ist für die King’s Road, was
Harvey Nicks für Knightsbridge oder Browns für die South Molton
Street ist.«
Das schien ihm auch nichts zu sagen.
»Wir verkaufen alles.Von Designer-Handtaschen bis
zu Designer-Schlüpfern.«
Er hob seine Augenbrauen.
»Designer-Schlüpfer - interessant.«
Ich kicherte.
»Wenn du Designer sagst, nehme ich an, dass
du teuer meinst?«
»Ja, im Großen und Ganzen, sehr teuer.«
»Und was ist Personal-Shopping?«
»Na ja, wir haben einen besonderen Service. Wir
beraten Menschen beim Einkaufen. Hey, willst du etwas trinken? Tee?
Kaffee? Was mit Kräutern?«
»Danke. Kaffee wäre großartig. So, erzähl’ mir mehr
über Personal-Shopping«, sagte er, als er mir in die Küche
folgte.
Flüchtig sah ich mein Spiegelbild im
Chromwasserkessel. Oh Gott, sah ich fürchterlich aus! Es war mir
gar nicht in den Sinn gekommen, mich für den Hundesitter in Schale
zu werfen, aber jetzt wünschte ich, ich hätte es getan. Ich fuhr
mir mit den Fingern durch meine platten Haare, um sie in einen
windzerzausten Look zu bringen, und drehte mich um.
»Na ja, ganz unterschiedliche Menschen kommen zu
uns und wollen besser - oder auch nur anders - aussehen,
trendiger, wie wir sagen, aber sie wissen nicht, wie sie den
Look, den sie wollen, hinbekommen. Mein Job - und der meiner
Kolleginnen - ist es, mit ihnen, oder an ihrer Stelle, durch den
Laden zu gehen und das herauszusuchen, was ihnen steht und ihrem
Budget entspricht.«
»Ahh. Du bist also Verkäuferin?«, fragte
Mark.
»Ähm, ja, ich schätze, das bin ich.«
Ich setzte mich auf die Theke, damit ich ihn besser
sehen konnte. Groß, schlank, sonnengebräunt und schätzungsweise
Mitte dreißig, war Mark auf eine zerzauste, etwas ungepflegte Art,
wirklich unglaublich attraktiv.
»Aber zu meinem Job gehört mehr, als nur
verkaufen«, schwafelte ich weiter.
»Die Leute, die zu uns kommen - fast alles Frauen
-, kommen aus den unterschiedlichsten Gründen. Manchmal sind sie
superreich - du weißt schon, junge Erbin oder Trophäe - mit
unerschöpflicher Chanel-Geldbörse. George Haines, der Eigentümer
des Geschäfts, betet sie an, weil sie bei jedem Besuch ein
absolutes Vermögen ausgeben. Du würdest nicht glauben, wie viel -
mehrere zehntausend Pfund auf einmal.«
Mark war sichtlich überrascht. »Für
Klamotten?«
Ich nickte.
»Klamotten, Make-up, Kosmetikartikel und am meisten
für Accessoires. Das ist in einem Geschäft wie unserem nicht
schwer. Ich meine, sechs- oder siebenhundert Pfund für eine
Handtasche auszugeben, ist für eine wirkliche Mode-Enthusiastin
ganz normal. Eigentlich hält man
das noch für günstig! Und, ganz egal wie viel sie kosten, gibt es
lange Wartelisten für sie.«
»Wartelisten für Handtaschen? Und zu diesen
Preisen? Du willst mich wohl veräppeln!«
Ich schüttelte den Kopf.
»Selbst für den Taschenklassiker Birkin-Bag von
Hermès, der über tausend Pfund kostet. Du kannst dir also
vorstellen, dass die Rechnung ziemlich hoch wird, wenn eine Frau
ein komplettes neues Outfit will -Tasche, Schuhe, Hosenanzug,
Accessoires -, und manche von ihnen wollen das jede Woche. Neulich
gab eine Kundin über fünfundzwanzigtausend Pfund für ein Kleid aus,
das sie zu einem Wohltätigkeitsball tragen wollte. Sie hätte
stattdessen einfach das Geld spenden sollen.«
»Das ist verrückt!«
Ich lachte. »Ich weiß. Aber diese Frauen sind die
Kundinnen, die für mich am wenigsten interessant sind.«
»Warum?«
Ich zuckte mit den Achseln.
»Sie können sehr anstrengend sein, und meistens
haben sie schon so viel Kleidung, dass sie gar nicht wissen, was
sie damit anfangen sollen. Sie kommen und wollen immer noch mehr
von demselben oder zumindest irgendetwas vom angesagtesten
Designer, egal ob es ihnen steht oder ihrem Alter
entspricht.«
Der Kessel fing an zu kochen, und so sprang ich von
der Theke herunter, öffnete eine Schranktür und nahm die Büchse mit
löslichem Kaffee heraus.
»Schwarz oder mit Milch?«, fragte ich. »Ich glaube,
ich habe noch einen Rest Milch.«
»Ähh...« Mark wirkte etwas skeptisch. »Ähmm, tut
mir leid, dass ich frage, aber hast du keinen echten Kaffee?«
»Du meinst richtigen Kaffee? Oh Gott, nein. Das ist
mir viel zu nervig. Nimmst du ihn etwa?«
Er nickte. »Es ist ganz einfach. Du solltest dir
eine Kaffeemaschine kaufen. Oder eine dieser elektrischen
Espressomaschinen.«
Dann lächelte er entschuldigend.
»Aber das ist ja deine Sache. Löslicher Kaffee ist
okay. Erzähl’ mir mehr von deinen Kunden.«
Verlegen löffelte ich braunes Granulat in einen
Becher und schüttete kochendes Wasser darüber.
»Die, die ich wirklich mag, sind Karrierefrauen mit
einem begrenzten Gehalt. Sie sind Lehrerinnen, Rechtsanwältinnen
oder Schauspielerinnen oder sie arbeiten in einer Bank oder
vielleicht sogar in einer Boutique. Eine meiner Kundinnen ist
Ministerin, obwohl ich nicht sagen darf, welche. Unser Service ist
absolut vertraulich, und wir sind stolz darauf, dass wir sehr
diskret sind.
Wie auch immer, vielleicht geht Frau
Wer-auch-immer-sie-ist in nächster Zeit zu einer besonderen
Veranstaltung und weiß überhaupt nicht, was sie tragen soll. Oder
sie ist gerade sechzig geworden und hat ihr Selbstvertrauen
verloren. Oder ihre Ehe ist gerade gescheitert oder droht in die
Brüche zu gehen, oder sie wurde gefeuert. Oder sie fängt demnächst
einen neuen bedeutenden Job an und macht sich Sorgen darüber, den
richtigen ersten Eindruck bei ihren neuen Kollegen zu hinterlassen.
Wir versuchen zu verstehen, was sie will, und helfen ihr dann
dabei, ihr Ziel zu erreichen, was immer es ist, zu einem
Preis, den sie sich leisten kann. Das Beste aus ihr selbst
herauszuholen, damit sie sich selbstsicher und gut fühlt.«
Diese verknitterten blauen Augen blinzelten mich
ungläubig an.
»Und das tust du, indem du ihr unglaublich teure
Kleidung verkaufst?«
»Na ja, ich weiß, dass es komisch klingt, aber -
ja. Du musst doch schon von ›Shopping-Therapie‹ gehört haben.
Manchmal geht es nur darum, jemandem dabei zu helfen, sich eine
außergewöhnliche Handtasche auszusuchen, oder einen Gürtel, der die
gesamte Garderobe auf den neuesten Stand bringt. Manchmal verkaufe
ich der Kundin auch gar nichts, sondern schicke sie für einen neuen
Haarschnitt zu unserem Friseur oder hole eine der Kolleginnen aus
der Kosmetik-Abteilung, damit sie ihr ein neues Make-up verpasst.
Wenn man so etwas macht, geben sie vielleicht nicht viel Geld aus -
vielleicht geben sie auch gar kein Geld aus -, aber sie sind immer
so dankbar. Und du kannst darauf wetten, was du willst, dass sie,
wenn sie Geld zum Ausgeben haben, wieder in unseren Laden
kommen.«
»Du bist also eine Art
›Shopping-Therapeutin‹?«
Ich lachte. »Das ist eine großartige
Bezeichnung!«
Ach, Mark war nett an diesem Tag. Er war sehr, sehr
nett und überhaupt nicht so, wie ich es von jemandem erwartet
hätte, dessen Beruf es war, anderer Leute Hunde auszuführen. Zu
diesem Zeitpunkt schien es, als hätte ich schon ewig geredet, und
ich hatte es so genossen, dass ich vergessen hatte, warum er
gekommen war. Und als er plötzlich sagte: »Stellst du mich ihm dann
vor?«, dauerte
es einen Moment, bis ich mich daran erinnerte, wovon er
sprach.
Ich ließ ihn auf dem Sofa sitzen, ging durch mein
Schlafzimmer zum angrenzenden Bad und öffnete zögernd die Tür. Noch
vor einer Woche war es mein persönliches Mini-Spa gewesen, ein
Hafen voller Frieden, Ruhe und Ordnung, mit Stapeln blütenweißer
Handtücher und farblich abgestimmten Töpfen teurer Körperpeelings,
Duschgels und -lotionen, die ich bei Haines gekauft hatte. Es hatte
wundervoll gerochen - nach einer Mischung aus Chanels
Allure, nach dem ich süchtig war, und dem Grapefruit-Duft
der Jo-Malone-Kerze, die mir Norma, die neue Freundin meines
Vaters, zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. (»Eine Flamme von
der Flamme«, wie sie es so süß genannt hatte.) Nun standen auf der
Ablage über dem eleganten runden Waschtisch von Philippe Stark
große blaue Behälter mit Bleiche aufgereiht, grelle Packungen mit
Fleckentfernern und Flaschen mit mintgrünem Desinfektionsmittel.
Trotz der Verwendung von Dufterfrischern für den gewerblichen
Bedarf- die nicht nur eine leichte Brise, sondern eher einen
Tornado spendeten, die Art, die angeblich Geruch nicht nur
überdeckten, sondern alles bis aufs Letzte vernichteten - stank der
Raum wie eine Mischung aus dem Treppenhaus einer Parkgarage und den
Toilettenräumen des Glastonbury Festivals.
Resigniert stellte ich fest, dass Fluffy sich
wieder auf dem Granitfußboden erleichtert hatte. Danach hatte er
sich im jungfräulich sauberen Streu seines Hundeklos zum Schlafen
zusammengerollt, halb zugedeckt mit meinem Badetuch. Es war ihm
irgendwie gelungen, es von meinem
Handtuchwärmer zu ziehen. Als ich ihn hochhob, öffnete er die
Augen und blinzelte mich schläfrig an. Er gähnte und streckte sich
in meinen Armen, als ich ihm das Streu aus seinem Fell zupfte und
ihn hinaustrug. Als ich zur Tür kam, sah ich, wie Mark an der Spüle
heimlich seinen Kaffee ausgoss.
Ich räusperte mich laut.
»Hier ist er.«
Ich setzte mich auf das Sofa, Fluffy auf meinem
Schoß.
Mark kam herüber und setzte sich neben mich.
»Hallo, kleines Kerlchen.« Er kraulte Fluffy unter
dem Kinn. Fluffy rollte sich auf den Rücken, sah ihn mit einem
Zwinkern in den Augen an, öffnete sein Maul und begann, auf einem
von Marks Fingern herumzukauen.
»Du bist ein richtig kleiner Süßer, oder?«
»Glaubst du?«
Ich schielte kritisch zu Fluffy hinüber. In den
ersten Tagen war Fluffy schrecklich krank gewesen und hatte hohes
Fieber gehabt. Aber die Heilnahrung für Welpen hatte - zusammen mit
der Ersatzmilch für Hundebabys, die ich ihm die ganze Nacht
hindurch stündlich eingeflößt hatte, und den gelegentlichen Resten
der Marks & Spencer-Delikatessen von meinem Teller - Wunder
gewirkt. Sein geflecktes Fell war weicher und geschmeidiger, seine
Augen waren strahlender, und er schien mehr Energie zum Spielen zu
haben. Ich hingegen sah nach sechs unruhigen Nächten aus wie einer
meiner häufig gewaschenen Putzlappen.
»Autsch!«, sagte Mark, als Fluffy an seinem Daumen
kaute.
»Lass das, Fluffy!«
»Das ist in Ordnung. Ich bin hart im Nehmen. Ich
kann es aushalten. Wie alt ist er?«
»Das weiß ich nicht genau.«
Ich gab Mark eine Kurzfassung, wie ich Fluffy am
letzten Sonntag in Camden Town gerettet hatte.
»Es ist großartig, dass du ihn mitgenommen hast«,
sagte er, als ich fertig erzählt hatte. »Aber wie willst du das
hinkriegen? Wie willst du neben all dem Personal-Shopping einen
Hund auf die Reihe bekommen?«
Es war dieselbe Frage, die Clarissa mir am
Montagmorgen gestellt hatte. Und Mr. McClaw, der Tierarzt. Und Dad
und Norma, als ich sie am Dienstag eingeladen hatte, um den
Neuankömmling kennenzulernen. Und das, obwohl mein Vater sich sehr
direkt ausgedrückt hatte: »Du musst völlig verrückt sein, soviel
gutes Geld für diese räudige Ratte zu bezahlen!«, hatte er
gekläfft, als er missbilligend auf dem Sofa saß. »Was zum Teufel
willst du mit ihm machen?«
»Ach, sei nicht so ein alter Miesepeter, Bob! Er
ist wunderschön!«, hatte Norma geschnurrt, als sie mit Fluffy in
kniehohen schwarzen Lederstiefeln, hautengen Hüftjeans und einem
pinkfarbenen T-Shirt mit Graffiti-Druck, das jede Kurve ihrer
ausladenden Brüste wie eine zweite Haut einhüllte, auf dem Fußboden
herumgekrabbelt war. Anstatt mit den Jahren älter und reifer zu
werden, wurden die Freundinnen meines Vaters immer jünger und
glamouröser. Mit achtunddreißig war Norma nur drei Jahre älter als
ich. Obwohl sie eine alleinerziehende Mutter von zwei Jungen im
Teenageralter war - Jason und Shane
- und erfolgreich ein Geschäft führte, das dekorative
Schokoladentafeln an Catering-Unternehmen lieferte, sah sie aus wie
eine Zwanzigjährige. Und außerhalb des Geschäfts und außer
Reichweite ihrer Söhne benahm sie sich auch so.
»Du bist so süß«, murmelte sie weiter, nahm Fluffy
auf den Arm und knuddelte ihn.
»Weißt du was, Bob, ich denke, wir sollten uns auch
so einen besorgen!«
»Wir?« Dad war entsetzt. »Was soll das wir
so plötzlich? Lass es. Und wenn ich du wäre, würde ich das Vieh
absetzen, bevor es dich überall anpinkelt!«
»Dein Vater... ist zum Totlachen!« Norma lachte
sich krank über Dad. Dann kreischte sie: »Oh mein Gott! Er
hat gepinkelt!«
»Widerlicher Köter!«
In der vergeblichen Hoffnung, dass er lernen würde,
sein Hundeklo mit Urinieren in Verbindung zu bringen, rannte ich
ins Badezimmer. Und als ich zurückkam, fragte Dad noch einmal.
»Also, was willst du mit diesem Ding tun, wenn du in der Arbeit
bist? Na, Annie? Hast du darüber nachgedacht? Und weil wir gerade
beim Thema sind, junge Dame, warum warst du heute nicht in der
Arbeit? Ich habe dich mittags im Laden angerufen.«
»Ich bin diese Woche krankgemeldet.«
»Ja«, hatte mein Vater gebrummt. »Krank im Kopf,
das ist es, was du bist. Erkrankt an der Verrückten
Hundekrankheit!«
Meine Sorge, wie ich mich um Fluffy kümmern könnte,
wenn ich wieder in die Arbeit ginge, hatte mich wach
gehalten, seit ich ihn bekommen hatte. Ich arbeitete sechs Tage
die Woche von neun Uhr morgens - manchmal früher, wenn eine Kundin
es wünschte - bis sechs oder sieben Uhr abends. Donnerstag war der
Tag mit den Abendöffnungszeiten, so dass wir bis neun Uhr geöffnet
hatten. Auch wenn ich nur die Stellvertreterin der
Abteilungsleitung war - meine Chefin, Eileen Grey, war kurz vor der
Pensionierung -, wusste ich, dass es keine Möglichkeit gab, Fluffy
mitzunehmen. Wie die meisten Kaufhäuser in London verfolgte Haines
& Hampton eine strikte Hundeverboten-Politik, mit Ausnahme der
Blindenhunde und der Hunde für Gehörlose. Abgesehen davon wollte
ich mir nicht vorstellen, was Fluffy mit seinem unzuverlässigen
Darm und seiner Blase mit dem samtweichen weißen Teppich anstellen
würde, der erst kürzlich verlegt worden war in der Lounge und den
Umkleidekabinen der Personal-Shopping-Suite, in der ich meine
Kunden bediente.
Nun sah es so aus, als ob ich die Antwort meiner
Gebete in Form von »Wag the Dogs Walks« gefunden hatte. Aber wie
bei Designerkleidung war Perfektion nicht billig zu haben.
»Ich mache zwei Sechzig-Minuten-Spaziergänge am
Tag«, hatte Mark erklärt. »Um neun Uhr morgens und dann wieder
mittags, so dass du dir aussuchen kannst, welcher dir lieber ist.
Wenn du willst, kann er bei beiden Runden mitgehen. Wenn du den
ganzen Tag in der Arbeit bist, ist es wohl am besten, wenn ich
Fluffy um die Mittagszeit mit hinausnehme, weil es den langen Tag
für ihn unterbrechen wird. Ich hole ihn hier ab und bringe ihn
danach wieder zurück.«
»Das klingt wunderbar. Darf ich fragen, was du
dafür verlangst?«
Er sah verlegen aus.
»Zehn Pfund pro Spaziergang. Ich weiß, dass das
viel ist, aber ich fürchte, das ist der normale Satz. Und anders
als einige andere Hundesitter, die ich kenne, die mit einem Rudel
von bis zu zwölf Hunden gehen, habe ich nie mehr als vier
gleichzeitig dabei, weil ich das Gefühl habe, dass ich nicht mehr
kontrollieren kann. Außerdem denke ich, dass es den Hunden
gegenüber nicht fair ist, mehr als ein paar zu nehmen, weil ich
ihnen nicht genug Aufmerksamkeit schenken kann, wenn es zu viele
sind. Aber du bist noch gar nicht alt genug für’s Gassi gehen, oder
Fluffball?«, sagte er und drehte sich mit seinen blauen Augen zu
Fluffy um, der auf seinen Schoß gekrabbelt war, um besser an den
überraschend langen, spitzen Fingernägeln seiner rechten Hand zu
kauen.
»Das stimmt. Er hat noch nicht alle Impfungen. Und
er braucht weiter Medizin. Er darf den nächsten Monat noch nicht
mit anderen Hunden zusammenkommen. Ehrlich gesagt, habe ich nicht
den Hauch einer Ahnung, was ich bis dahin machen soll.«
»Na, ja, ich könnte Hausbesuche machen, bis er alt
genug ist, mit mir nach draußen zu gehen«, schlug Mark vor.
»Hausbesuche?«
»Ich komme ein- bis zweimal am Tag vorbei, um ihn
zu füttern oder ihm Tabletten zu geben, falls er sie braucht, und
um mit ihm zu spielen oder generell nach ihm zu sehen, damit es ihm
gut geht.«
Mark war ein Engel, den der Himmel geschickt
hatte.
»Wirklich?« Ich schnappte nach Luft.
»Das wäre unglaublich. Aber... würde das nicht sehr
teuer werden?«
Der Engel zuckte seine kräftigen Schultern.
»Also, eigentlich habe ich im Moment nicht so viel
zu tun. Ich bin mir sicher, dass wir uns einig werden. Ich denke,
es wäre maximal für einen Monat, oder? Dann kann Fluffy mit mir
rausgehen. Jedenfalls bin ich, was das Geld betrifft, flexibel, du
kannst mir immer noch die Anteile an einer Designer-Handtasche als
Ratenzahlung geben.«
Er lächelte.
»Abgesehen davon wäre es kaum Aufwand, weil ich
nicht weit weg wohne. Gleich drüben in Finsbury Park. Und deine
Wohnung liegt fast auf dem Weg nach Hampstead, wo ich zweimal am
Tag die Hunde ausführe. Klingen fünfzehn Pfund am Tag für ein paar
Hausbesuche zu viel? Denn wenn ja, dann bin ich sicher, dass es
noch Verhandlungsspielraum gibt. Und während ich hier bin, könnte
ich dir, wenn du willst, auch mit Fluffys Training helfen.«
»Training fürs Stubenreinwerden?«, sagte ich
erwartungsvoll.
»Das und ein paar grundlegende Befehle - Sitz!,
Steh!, Fuß!, Platz! -, du weißt schon, dieser Kram. Ich kann gut
mit Hunden.Vermutlich, weil ich auf dem Land aufgewachsen bin,
umgeben von Labrador- und Retrieverhunden.«
Ich seufzte. »Das klingt, als hättest du eine
idyllische Kindheit gehabt.«
»Ich schätze, das hatte ich«, sagte Mark ziemlich
wehmütig. »Du nicht?«
Ich dachte langsam, dass ich für einen Tag mehr als
genug über mich erzählt hatte, deshalb sagte ich nur. »Nicht
wirklich.« Und beließ es dabei.
»Das Problem bei einer so schönen Kindheit ist,
dass niemand einen davor warnt, dass erwachsen zu werden besonders
schwierig ist«, fuhr Mark fort, und es klang beinahe bedauernd.
Dann sah er auf seine Uhr.
»Mist! Es ist fünf Uhr. Ich muss weg. Also Annie,
willst du, dass ich Fluffys Hundesitter werde?«
Ich sah zu meinem Welpen und rechnete es schnell im
Kopf durch.Wenn ich Mark anheuerte, Fluffy zu Hause zu besuchen,
würde mich das im Laufe der nächsten Wochen ein kleinesVermögen
kosten, aber ich könnte es mir gerade noch leisten. Ich konnte es
mir hingegen nicht leisten, ihn abzulehnen, wenn ich Fluffy
behalten wollte.
»Ja, Mark, bitte. Es wäre eine große Erleichterung
für mich.«
»Prima.«
Er setzte Fluffy sanft auf den Fußboden und stand
auf, um zu gehen.
»Wenn das für dich in Ordnung ist, fange ich am
Montag an. Der Sonntag ist mir heilig - da schlafe ich bis drei.
Alles, was ich brauche, ist ein Satz Schlüssel, und dann sind wir
im Geschäft.«
»Schlüssel?«
»Damit ich reinkommen kann, um nach Fluffy zu
sehen, wenn du in der Arbeit bist. Pass auf, wenn du dir Sorgen
wegen der Sicherheit machst, kannst du jederzeit
ein paar meiner anderen Kunden anrufen und Referenzen
einholen.«
»Das ist nicht nötig«, antwortete ich. »Ich bin
sicher, dass ich dir vertrauen kann.«