9
Und so schlenderte Mark Curtis am folgenden Sonntagnachmittag um drei Uhr, über eine Stunde später als vereinbart, in mein Leben.
Im Nachhinein stellte ich fest, dass dies ein Zeichen gewesen war, das ich hätte bemerken sollen: Dass Mark, aus seinem Bedürfnis heraus, Menschen zu gefallen, gewöhnlich mehr versprach, als er halten konnte. Aber was ist der Sinn eines Rückblicks, außer, dass man sich dumm vorkommt, weil man es vorher nicht besser gewusst hatte?
Als ich ihm die Tür aufmachte, trug Mark Leinensandalen und Khaki-Shorts, die er seither anscheinend nicht mehr ausgezogen hat. An diesem Tag hatte er sie mit einem ausgewaschenen weißen T-Shirt kombiniert, auf das »Wag the Dog Walks«, der Name seines Hundebetreuungs-Unternehmens, aufgedruckt war.
Die Bezeichnung »Unternehmen« ist eigentlich unzutreffen. Das Wort impliziert Büros, Bankkonten, Angestellte, Gewinn- und Verlustrechnungen.
»Wag the Dog Walks« bestand hingegen aus Mark, seinem verrosteten VW-Bus und dem alten Nokia-Telefonkarten-Handy, auf dem ich ihn Anfang der Woche angerufen hatte.
»Annie?«
Mark fuhr sich mit einer Hand durch die widerspenstigen, von der Sonne strähnchenweise gebleichten schwarzen Locken, die attraktiv über seine Stirn fielen, sein markantes, wettergegerbtes Gesicht einrahmten, und seine kräftigen Schultern leicht berührten.
»Entschuldige, dass ich zu spät bin«, sagte er.
»Ich dachte, ich würde es rechtzeitig herschaffen, aber der Verkehr war unglaublich.«
Als er mich anlächelte, fühlte ich ein Kribbeln entlang meiner Wirbelsäule. Aber da ich Fluffy in dieser Woche dreimal gründlich mit Insektenspray eingesprüht hatte, wusste ich, dass es nicht schon wieder ein Getier war.
»Das macht nichts«, hörte ich mich sagen, obwohl ich die vergangenen dreißig Minuten damit verbracht hatte, lautlos meine Litanei zu wiederholen: Welche Zuverlässigkeit konnte ich von einem Hundeausführer erwarten, der dermaßen spät zu unserem Kennenlern-Treffen kam?
»Komm herein.«
»Danke. Soll ich die zuerst ausziehen?«
Er hob einen seiner überdimensionalen Füße und inspizierte die Sohlen seiner ziemlich verstaubten Sandalen.
»Ich habe wahrscheinlich halb Hampstead Heath mitgebracht.«
»Ach, mach dir keine Sorgen. Ich glaube nicht, dass der Fußboden noch schmutziger werden kann als Fluffy ihn bereits gemacht hat.«
Ich trat zur Seite, und er schlenderte an mir vorbei die kurze Diele hinunter in das Wohnzimmer, dessen Decke doppelte Raumhöhe hatte. Ich wartete auf den vom Makler beabsichtigten »Wow-Faktor«, von dem ich wusste, dass er auch von Mark kommen würde.Wie auf ein Stichwort blieb er in der Tür stehen, steckte die Hände in die Taschen seiner Shorts und stieß einen langen, beifälligen Pfiff aus.
»Wow!«, sagte er, »was für ein beeindruckender Raum!«
»Danke.«
Er spazierte in die Mitte des Zimmers und sah zur hohen Decke hinauf.
»Die Akustik muss hervorragend sein.«
»Das vermute ich«, sagte ich und starrte auf seine muskulösen, behaarten Waden. Gott, was führte ich da im Schilde? Nach dem Hundesitter gieren! Um Himmels willen!
»Du kennst dich also gut mit Akustik aus?«, lächelte ich albern.
Er nickte.
»Ich bin Musiker. Bassgitarrist.«
»Ach! Spielst du in einer Band?«
»Nicht wirklich.«
Er drehte sich um und grinste mich an.
Oh Gott, sah der gut aus, wenn er lächelte! Genau genommen, total umwerfend.
»Im Moment nicht«, fuhr er fort. »Die Sache mit dem Hunde-Service kostet mich mittlerweile viel Zeit.«
»Ach ja?«
Ich stellte fest, dass ich ebenfalls grinste, deshalb zog ich mit größter Anstrengung meine Mundwinkel nach unten.
»Wie lange wohnst du schon hier?«, wollte er wissen.
»Ungefähr vier Jahre.«
»Hast du sie gemietet?«, fragte er.
»Nein, ich habe sie vor einigen Jahren gekauft.«
Fast verlegen sah ich ihm zu, wie er eine 360-Grad-Drehung machte, und alles in sich aufnahm: Den freistehenden Kamin mit dem Stahlabzugsrohr, das Sechs-Sitzer-Sofa und die ziemlich große Edelstahlküche mit Profikoch-Ausstattung.
»Wahnsinnsküche«, sagte er und ging hinüber, um sie genauer zu inspizieren.
»Ich mag diesen Doppelherd. Es muss Spaß machen, darauf zu kochen.«
»Ja. Er ist großartig!«
Es war nicht der richtige Zeitpunkt zu gestehen, dass es fast nur eines gab, das ich bislang in meiner supermodernen Küche getan hatte: Die Fertiggerichte, von denen ich lebte, in die Mikrowelle zu schieben.
»Kochst du gerne?«
»Sehr gerne.« Mark fuhr mit einer Hand über die makellose Granitarbeitsfläche. Obwohl sein Erscheinungsbild ungepflegt war, bemerkte ich, dass er elegante, schlanke Finger und wunderbar glänzende Fingernägel hatte.
»Ich bin damit aufgewachsen. Meine Eltern haben ein Pub, etwas außerhalb von Norwich. Du weißt schon, so richtig altmodisch - Holzbalken, Pferdegeschirr, echtes Holzfeuer, gemütliche Stühle.«
»Wie nett.«
»Das ist es wirklich. Wie auch immer, als ich etwa elf war, haben sie einen Teil davon in ein richtiges Restaurant umgebaut. Wir wohnten darüber, und immer wenn Mum und Dad unterbesetzt waren, mussten meine ältere Schwester und ich in der Küche aushelfen. Da servieren sie nicht so einen Fraß, wie du ihn heute in diesen ganzen überteuerten Gastro-Pubs bekommst.«
»Du meinst, dass es bei ihnen keine Garnelen- und Spargelmousse mit Chili- und Erdnuss-Dip gibt? Oder Lammkeule und Ingwer in Ahornsirup, auf Wassermelonen-Püree und Kartoffelbrei?«
Mark lachte. »Ich sehe, wir speisen in denselben Läden. Nein, es ist ausschließlich gutbürgerliche Hausmannskost, aber in hoher Qualität. Brathähnchen mit allen Schikanen. Richtige Würste - frisch vom Metzger -, Kohl und selbst gemachter Kartoffelbrei. Ploughman’s Lunch - den traditionellen Käseteller mit Brot, Chutney und eingemachten Zwiebeln, mit anständigem Cheddar-Käse, ordentlichem Schinken, Tomaten aus dem Garten meines Vaters und hausgemachten eingelegten Essiggurken. Also lernte ich von Kindesbeinen an, wie man ein Steak oder einen Kidney Pie, den typisch britischen Auflauf in Teigkruste mit allem Drum und Dran, macht. Meine Spezialität war aber Fasanen-Schmorbraten. Mit Apfel- und Calvados-Sauce, Kohl, Kastanienfüllung und Bratkartoffeln mit Knoblauch.«
Mir lief schon das Wasser im Mund zusammen, obwohl ich nicht hätte sagen können, ob es am Gedanken an das Essen oder am Gedanken an Mark selbst lag. Ich brachte ein schwaches - »Mmh, ich bin beeindruckt« - zustande. Was auch mit Sicherheit stimmte.
Mark war umwerfend. Seine Stimme - ein kräftiger, rauer Bariton mit leichtem Norfolk-Akzent - kam aus einem sinnlichen Mund, der zu einem Gesicht gehörte, das wie eines der französischen Filmstars aus den 1960er Jahren aussah. Diese Art von Filmstar, die man nie ohne eine Gauloise zwischen ihren Lippen sah. Er hatte außerdem den schläfrigen Blick eines Mannes, der die ganze Nacht gevögelt hatte und gerade erst aus dem Bett gekrochen war. Wahrscheinlich war er gerade erst aus dem Bett gekrochen - zweifellos aus dem Bett einer verführerischen Freundin. Das war vermutlich der Grund, warum er sich so sehr verspätet hatte. Kaum war mir der Gedanke gekommen, merkte ich schon, dass ich rot geworden war.
»Himmel, diese Hitze!«, sagte ich, rannte zu einem der Fenster und riss es auf.
»Also, wie alt ist dein Baby?«, fragte er.
Ich fuhr herum. »Mein Baby?«
»Yep.«
Er zeigte auf den Laufstall voller Spielsachen, der in der Nähe des Kamins stand.
»Ich liebe Kinder. Meine jüngste Schwester hat eines und meine älteste Schwester hat drei. Babys riechen wundervoll, nicht wahr?«
»Ähm, eigentlich ist es der Laufstall meines Welpen«, musste ich eingestehen.
Kichernd ging er zu der mit einem Netzstoff umspannten runden Matte, die ich vor drei Tagen bei Argos gekauft hatte, lehnte sich über den Rand und fischte eines der vielen Plüschtiere heraus, die Fluffy Gesellschaft leisten sollten.
»Du musst denken, dass ich total verrückt bin«, sagte ich, als er begann, den Arm von Mickey Mouse hin und her zu bewegen.
»Aber ich habe den Laufstall als Schlafplatz für Fluffy gekauft. Und wenn ich einen sicheren Platz für ihn brauche. Ich meine beispielsweise, was macht man mit einem außer Rand und Band geratenen Welpen, wenn man ein Bad nehmen will?«
Im selben Moment, in dem die Worte draußen waren, wünschte ich, ich hätte sie nie gesagt. Denn als Mark sich umdrehte und mich angrinste, fühlte ich mich so entblößt, als wäre ich splitternackt und gerade dabei, in die Dusche zu steigen.
Mark nickte. »Dann hast du keine Kinder?«, fragte er.
»Gott, nein!«, sagte ich.
Er warf mir einen seltsamen Blick zu.
»Hast du welche?«, konterte ich nach einer kurzen Pause.
»Bin noch nicht so weit gekommen.«
Ich fragte Mark, ob er Platz nehmen wollte, und er setzte sich in die eine Ecke des niedrigen, sechssitzigen Sofas, während ich mich in die andere Ecke verzog.
»Na, wo ist der kleine Mann?«, fragte er nach einer kurzen Pause.
»Fluffy? Oh, ich habe ihn vor ein paar Minuten im Badezimmer eingeschlossen. Ich versuche ihm beizubringen, dass er sein Hundeklo benutzt.Vermudich amüsiert er sich gerade damit, dass er meinen anderen Manolo kaut. Er hat bereits einen ruiniert.«
Mark runzelte belustigt die Stirn. »Was ist ein Manolo?«
»Du weißt schon. Ein Blahnik?«
Er war noch immer irritiert.
»Es ist eine Schuhmarke, genauer gesagt, eine Marken-Ikone. Manolo Blahnik ist der Name des Designers. Seine Mutter war Spanierin und sein Vater Tscheche - so kam er zu diesem klangvollen Namen. Er ist ein richtiger Künstler. Er begann damit, dass er in den 1960ern Schuhe für Ossie Clark entwarf, und seitdem hat er sie für alle kreiert - von John Galliano zu Isaac Mazrahi und Carolina Herrera.«
Mark schüttelte seinen Kopf.
»Ich fürchte, du sprichst eine Fremdsprache.«
»Sie sind alle Top-Modedesigner.«
»Ahh - Mode ist nicht meine Stärke. Wie du vermutlich sehen kannst«, fügte er hinzu, während er an seinem alten T-Shirt zog. »Du scheinst eine Menge davon zu verstehen.«
»Na ja, das ist mein Job«, erklärte ich. »Ich bin Stil- und Modespezialistin in der Personal-Shopping-Abteilung von Haines & Hampton.«
Er sah noch immer ratlos aus.
»Es ist ein Designerladen in Chelsea. Der Designerladen, genau genommen. Haines ist für die King’s Road, was Harvey Nicks für Knightsbridge oder Browns für die South Molton Street ist.«
Das schien ihm auch nichts zu sagen.
»Wir verkaufen alles.Von Designer-Handtaschen bis zu Designer-Schlüpfern.«
Er hob seine Augenbrauen.
»Designer-Schlüpfer - interessant.«
Ich kicherte.
»Wenn du Designer sagst, nehme ich an, dass du teuer meinst?«
»Ja, im Großen und Ganzen, sehr teuer.«
»Und was ist Personal-Shopping?«
»Na ja, wir haben einen besonderen Service. Wir beraten Menschen beim Einkaufen. Hey, willst du etwas trinken? Tee? Kaffee? Was mit Kräutern?«
»Danke. Kaffee wäre großartig. So, erzähl’ mir mehr über Personal-Shopping«, sagte er, als er mir in die Küche folgte.
Flüchtig sah ich mein Spiegelbild im Chromwasserkessel. Oh Gott, sah ich fürchterlich aus! Es war mir gar nicht in den Sinn gekommen, mich für den Hundesitter in Schale zu werfen, aber jetzt wünschte ich, ich hätte es getan. Ich fuhr mir mit den Fingern durch meine platten Haare, um sie in einen windzerzausten Look zu bringen, und drehte mich um.
»Na ja, ganz unterschiedliche Menschen kommen zu uns und wollen besser - oder auch nur anders - aussehen, trendiger, wie wir sagen, aber sie wissen nicht, wie sie den Look, den sie wollen, hinbekommen. Mein Job - und der meiner Kolleginnen - ist es, mit ihnen, oder an ihrer Stelle, durch den Laden zu gehen und das herauszusuchen, was ihnen steht und ihrem Budget entspricht.«
»Ahh. Du bist also Verkäuferin?«, fragte Mark.
»Ähm, ja, ich schätze, das bin ich.«
Ich setzte mich auf die Theke, damit ich ihn besser sehen konnte. Groß, schlank, sonnengebräunt und schätzungsweise Mitte dreißig, war Mark auf eine zerzauste, etwas ungepflegte Art, wirklich unglaublich attraktiv.
»Aber zu meinem Job gehört mehr, als nur verkaufen«, schwafelte ich weiter.
»Die Leute, die zu uns kommen - fast alles Frauen -, kommen aus den unterschiedlichsten Gründen. Manchmal sind sie superreich - du weißt schon, junge Erbin oder Trophäe - mit unerschöpflicher Chanel-Geldbörse. George Haines, der Eigentümer des Geschäfts, betet sie an, weil sie bei jedem Besuch ein absolutes Vermögen ausgeben. Du würdest nicht glauben, wie viel - mehrere zehntausend Pfund auf einmal.«
Mark war sichtlich überrascht. »Für Klamotten?«
Ich nickte.
»Klamotten, Make-up, Kosmetikartikel und am meisten für Accessoires. Das ist in einem Geschäft wie unserem nicht schwer. Ich meine, sechs- oder siebenhundert Pfund für eine Handtasche auszugeben, ist für eine wirkliche Mode-Enthusiastin ganz normal. Eigentlich hält man das noch für günstig! Und, ganz egal wie viel sie kosten, gibt es lange Wartelisten für sie.«
»Wartelisten für Handtaschen? Und zu diesen Preisen? Du willst mich wohl veräppeln!«
Ich schüttelte den Kopf.
»Selbst für den Taschenklassiker Birkin-Bag von Hermès, der über tausend Pfund kostet. Du kannst dir also vorstellen, dass die Rechnung ziemlich hoch wird, wenn eine Frau ein komplettes neues Outfit will -Tasche, Schuhe, Hosenanzug, Accessoires -, und manche von ihnen wollen das jede Woche. Neulich gab eine Kundin über fünfundzwanzigtausend Pfund für ein Kleid aus, das sie zu einem Wohltätigkeitsball tragen wollte. Sie hätte stattdessen einfach das Geld spenden sollen.«
»Das ist verrückt!«
Ich lachte. »Ich weiß. Aber diese Frauen sind die Kundinnen, die für mich am wenigsten interessant sind.«
»Warum?«
Ich zuckte mit den Achseln.
»Sie können sehr anstrengend sein, und meistens haben sie schon so viel Kleidung, dass sie gar nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Sie kommen und wollen immer noch mehr von demselben oder zumindest irgendetwas vom angesagtesten Designer, egal ob es ihnen steht oder ihrem Alter entspricht.«
Der Kessel fing an zu kochen, und so sprang ich von der Theke herunter, öffnete eine Schranktür und nahm die Büchse mit löslichem Kaffee heraus.
»Schwarz oder mit Milch?«, fragte ich. »Ich glaube, ich habe noch einen Rest Milch.«
»Ähh...« Mark wirkte etwas skeptisch. »Ähmm, tut mir leid, dass ich frage, aber hast du keinen echten Kaffee?«
»Du meinst richtigen Kaffee? Oh Gott, nein. Das ist mir viel zu nervig. Nimmst du ihn etwa?«
Er nickte. »Es ist ganz einfach. Du solltest dir eine Kaffeemaschine kaufen. Oder eine dieser elektrischen Espressomaschinen.«
Dann lächelte er entschuldigend.
»Aber das ist ja deine Sache. Löslicher Kaffee ist okay. Erzähl’ mir mehr von deinen Kunden.«
Verlegen löffelte ich braunes Granulat in einen Becher und schüttete kochendes Wasser darüber.
»Die, die ich wirklich mag, sind Karrierefrauen mit einem begrenzten Gehalt. Sie sind Lehrerinnen, Rechtsanwältinnen oder Schauspielerinnen oder sie arbeiten in einer Bank oder vielleicht sogar in einer Boutique. Eine meiner Kundinnen ist Ministerin, obwohl ich nicht sagen darf, welche. Unser Service ist absolut vertraulich, und wir sind stolz darauf, dass wir sehr diskret sind.
Wie auch immer, vielleicht geht Frau Wer-auch-immer-sie-ist in nächster Zeit zu einer besonderen Veranstaltung und weiß überhaupt nicht, was sie tragen soll. Oder sie ist gerade sechzig geworden und hat ihr Selbstvertrauen verloren. Oder ihre Ehe ist gerade gescheitert oder droht in die Brüche zu gehen, oder sie wurde gefeuert. Oder sie fängt demnächst einen neuen bedeutenden Job an und macht sich Sorgen darüber, den richtigen ersten Eindruck bei ihren neuen Kollegen zu hinterlassen. Wir versuchen zu verstehen, was sie will, und helfen ihr dann dabei, ihr Ziel zu erreichen, was immer es ist, zu einem Preis, den sie sich leisten kann. Das Beste aus ihr selbst herauszuholen, damit sie sich selbstsicher und gut fühlt.«
Diese verknitterten blauen Augen blinzelten mich ungläubig an.
»Und das tust du, indem du ihr unglaublich teure Kleidung verkaufst?«
»Na ja, ich weiß, dass es komisch klingt, aber - ja. Du musst doch schon von ›Shopping-Therapie‹ gehört haben. Manchmal geht es nur darum, jemandem dabei zu helfen, sich eine außergewöhnliche Handtasche auszusuchen, oder einen Gürtel, der die gesamte Garderobe auf den neuesten Stand bringt. Manchmal verkaufe ich der Kundin auch gar nichts, sondern schicke sie für einen neuen Haarschnitt zu unserem Friseur oder hole eine der Kolleginnen aus der Kosmetik-Abteilung, damit sie ihr ein neues Make-up verpasst. Wenn man so etwas macht, geben sie vielleicht nicht viel Geld aus - vielleicht geben sie auch gar kein Geld aus -, aber sie sind immer so dankbar. Und du kannst darauf wetten, was du willst, dass sie, wenn sie Geld zum Ausgeben haben, wieder in unseren Laden kommen.«
»Du bist also eine Art ›Shopping-Therapeutin‹?«
Ich lachte. »Das ist eine großartige Bezeichnung!«
Ach, Mark war nett an diesem Tag. Er war sehr, sehr nett und überhaupt nicht so, wie ich es von jemandem erwartet hätte, dessen Beruf es war, anderer Leute Hunde auszuführen. Zu diesem Zeitpunkt schien es, als hätte ich schon ewig geredet, und ich hatte es so genossen, dass ich vergessen hatte, warum er gekommen war. Und als er plötzlich sagte: »Stellst du mich ihm dann vor?«, dauerte es einen Moment, bis ich mich daran erinnerte, wovon er sprach.
Ich ließ ihn auf dem Sofa sitzen, ging durch mein Schlafzimmer zum angrenzenden Bad und öffnete zögernd die Tür. Noch vor einer Woche war es mein persönliches Mini-Spa gewesen, ein Hafen voller Frieden, Ruhe und Ordnung, mit Stapeln blütenweißer Handtücher und farblich abgestimmten Töpfen teurer Körperpeelings, Duschgels und -lotionen, die ich bei Haines gekauft hatte. Es hatte wundervoll gerochen - nach einer Mischung aus Chanels Allure, nach dem ich süchtig war, und dem Grapefruit-Duft der Jo-Malone-Kerze, die mir Norma, die neue Freundin meines Vaters, zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. (»Eine Flamme von der Flamme«, wie sie es so süß genannt hatte.) Nun standen auf der Ablage über dem eleganten runden Waschtisch von Philippe Stark große blaue Behälter mit Bleiche aufgereiht, grelle Packungen mit Fleckentfernern und Flaschen mit mintgrünem Desinfektionsmittel. Trotz der Verwendung von Dufterfrischern für den gewerblichen Bedarf- die nicht nur eine leichte Brise, sondern eher einen Tornado spendeten, die Art, die angeblich Geruch nicht nur überdeckten, sondern alles bis aufs Letzte vernichteten - stank der Raum wie eine Mischung aus dem Treppenhaus einer Parkgarage und den Toilettenräumen des Glastonbury Festivals.
Resigniert stellte ich fest, dass Fluffy sich wieder auf dem Granitfußboden erleichtert hatte. Danach hatte er sich im jungfräulich sauberen Streu seines Hundeklos zum Schlafen zusammengerollt, halb zugedeckt mit meinem Badetuch. Es war ihm irgendwie gelungen, es von meinem Handtuchwärmer zu ziehen. Als ich ihn hochhob, öffnete er die Augen und blinzelte mich schläfrig an. Er gähnte und streckte sich in meinen Armen, als ich ihm das Streu aus seinem Fell zupfte und ihn hinaustrug. Als ich zur Tür kam, sah ich, wie Mark an der Spüle heimlich seinen Kaffee ausgoss.
Ich räusperte mich laut.
»Hier ist er.«
Ich setzte mich auf das Sofa, Fluffy auf meinem Schoß.
Mark kam herüber und setzte sich neben mich.
»Hallo, kleines Kerlchen.« Er kraulte Fluffy unter dem Kinn. Fluffy rollte sich auf den Rücken, sah ihn mit einem Zwinkern in den Augen an, öffnete sein Maul und begann, auf einem von Marks Fingern herumzukauen.
»Du bist ein richtig kleiner Süßer, oder?«
»Glaubst du?«
Ich schielte kritisch zu Fluffy hinüber. In den ersten Tagen war Fluffy schrecklich krank gewesen und hatte hohes Fieber gehabt. Aber die Heilnahrung für Welpen hatte - zusammen mit der Ersatzmilch für Hundebabys, die ich ihm die ganze Nacht hindurch stündlich eingeflößt hatte, und den gelegentlichen Resten der Marks & Spencer-Delikatessen von meinem Teller - Wunder gewirkt. Sein geflecktes Fell war weicher und geschmeidiger, seine Augen waren strahlender, und er schien mehr Energie zum Spielen zu haben. Ich hingegen sah nach sechs unruhigen Nächten aus wie einer meiner häufig gewaschenen Putzlappen.
»Autsch!«, sagte Mark, als Fluffy an seinem Daumen kaute.
»Lass das, Fluffy!«
»Das ist in Ordnung. Ich bin hart im Nehmen. Ich kann es aushalten. Wie alt ist er?«
»Das weiß ich nicht genau.«
Ich gab Mark eine Kurzfassung, wie ich Fluffy am letzten Sonntag in Camden Town gerettet hatte.
»Es ist großartig, dass du ihn mitgenommen hast«, sagte er, als ich fertig erzählt hatte. »Aber wie willst du das hinkriegen? Wie willst du neben all dem Personal-Shopping einen Hund auf die Reihe bekommen?«
Es war dieselbe Frage, die Clarissa mir am Montagmorgen gestellt hatte. Und Mr. McClaw, der Tierarzt. Und Dad und Norma, als ich sie am Dienstag eingeladen hatte, um den Neuankömmling kennenzulernen. Und das, obwohl mein Vater sich sehr direkt ausgedrückt hatte: »Du musst völlig verrückt sein, soviel gutes Geld für diese räudige Ratte zu bezahlen!«, hatte er gekläfft, als er missbilligend auf dem Sofa saß. »Was zum Teufel willst du mit ihm machen?«
»Ach, sei nicht so ein alter Miesepeter, Bob! Er ist wunderschön!«, hatte Norma geschnurrt, als sie mit Fluffy in kniehohen schwarzen Lederstiefeln, hautengen Hüftjeans und einem pinkfarbenen T-Shirt mit Graffiti-Druck, das jede Kurve ihrer ausladenden Brüste wie eine zweite Haut einhüllte, auf dem Fußboden herumgekrabbelt war. Anstatt mit den Jahren älter und reifer zu werden, wurden die Freundinnen meines Vaters immer jünger und glamouröser. Mit achtunddreißig war Norma nur drei Jahre älter als ich. Obwohl sie eine alleinerziehende Mutter von zwei Jungen im Teenageralter war - Jason und Shane - und erfolgreich ein Geschäft führte, das dekorative Schokoladentafeln an Catering-Unternehmen lieferte, sah sie aus wie eine Zwanzigjährige. Und außerhalb des Geschäfts und außer Reichweite ihrer Söhne benahm sie sich auch so.
»Du bist so süß«, murmelte sie weiter, nahm Fluffy auf den Arm und knuddelte ihn.
»Weißt du was, Bob, ich denke, wir sollten uns auch so einen besorgen!«
»Wir?« Dad war entsetzt. »Was soll das wir so plötzlich? Lass es. Und wenn ich du wäre, würde ich das Vieh absetzen, bevor es dich überall anpinkelt!«
»Dein Vater... ist zum Totlachen!« Norma lachte sich krank über Dad. Dann kreischte sie: »Oh mein Gott! Er hat gepinkelt!«
»Widerlicher Köter!«
In der vergeblichen Hoffnung, dass er lernen würde, sein Hundeklo mit Urinieren in Verbindung zu bringen, rannte ich ins Badezimmer. Und als ich zurückkam, fragte Dad noch einmal. »Also, was willst du mit diesem Ding tun, wenn du in der Arbeit bist? Na, Annie? Hast du darüber nachgedacht? Und weil wir gerade beim Thema sind, junge Dame, warum warst du heute nicht in der Arbeit? Ich habe dich mittags im Laden angerufen.«
»Ich bin diese Woche krankgemeldet.«
»Ja«, hatte mein Vater gebrummt. »Krank im Kopf, das ist es, was du bist. Erkrankt an der Verrückten Hundekrankheit!«
Meine Sorge, wie ich mich um Fluffy kümmern könnte, wenn ich wieder in die Arbeit ginge, hatte mich wach gehalten, seit ich ihn bekommen hatte. Ich arbeitete sechs Tage die Woche von neun Uhr morgens - manchmal früher, wenn eine Kundin es wünschte - bis sechs oder sieben Uhr abends. Donnerstag war der Tag mit den Abendöffnungszeiten, so dass wir bis neun Uhr geöffnet hatten. Auch wenn ich nur die Stellvertreterin der Abteilungsleitung war - meine Chefin, Eileen Grey, war kurz vor der Pensionierung -, wusste ich, dass es keine Möglichkeit gab, Fluffy mitzunehmen. Wie die meisten Kaufhäuser in London verfolgte Haines & Hampton eine strikte Hundeverboten-Politik, mit Ausnahme der Blindenhunde und der Hunde für Gehörlose. Abgesehen davon wollte ich mir nicht vorstellen, was Fluffy mit seinem unzuverlässigen Darm und seiner Blase mit dem samtweichen weißen Teppich anstellen würde, der erst kürzlich verlegt worden war in der Lounge und den Umkleidekabinen der Personal-Shopping-Suite, in der ich meine Kunden bediente.
Nun sah es so aus, als ob ich die Antwort meiner Gebete in Form von »Wag the Dogs Walks« gefunden hatte. Aber wie bei Designerkleidung war Perfektion nicht billig zu haben.
»Ich mache zwei Sechzig-Minuten-Spaziergänge am Tag«, hatte Mark erklärt. »Um neun Uhr morgens und dann wieder mittags, so dass du dir aussuchen kannst, welcher dir lieber ist. Wenn du willst, kann er bei beiden Runden mitgehen. Wenn du den ganzen Tag in der Arbeit bist, ist es wohl am besten, wenn ich Fluffy um die Mittagszeit mit hinausnehme, weil es den langen Tag für ihn unterbrechen wird. Ich hole ihn hier ab und bringe ihn danach wieder zurück.«
»Das klingt wunderbar. Darf ich fragen, was du dafür verlangst?«
Er sah verlegen aus.
»Zehn Pfund pro Spaziergang. Ich weiß, dass das viel ist, aber ich fürchte, das ist der normale Satz. Und anders als einige andere Hundesitter, die ich kenne, die mit einem Rudel von bis zu zwölf Hunden gehen, habe ich nie mehr als vier gleichzeitig dabei, weil ich das Gefühl habe, dass ich nicht mehr kontrollieren kann. Außerdem denke ich, dass es den Hunden gegenüber nicht fair ist, mehr als ein paar zu nehmen, weil ich ihnen nicht genug Aufmerksamkeit schenken kann, wenn es zu viele sind. Aber du bist noch gar nicht alt genug für’s Gassi gehen, oder Fluffball?«, sagte er und drehte sich mit seinen blauen Augen zu Fluffy um, der auf seinen Schoß gekrabbelt war, um besser an den überraschend langen, spitzen Fingernägeln seiner rechten Hand zu kauen.
»Das stimmt. Er hat noch nicht alle Impfungen. Und er braucht weiter Medizin. Er darf den nächsten Monat noch nicht mit anderen Hunden zusammenkommen. Ehrlich gesagt, habe ich nicht den Hauch einer Ahnung, was ich bis dahin machen soll.«
»Na, ja, ich könnte Hausbesuche machen, bis er alt genug ist, mit mir nach draußen zu gehen«, schlug Mark vor.
»Hausbesuche?«
»Ich komme ein- bis zweimal am Tag vorbei, um ihn zu füttern oder ihm Tabletten zu geben, falls er sie braucht, und um mit ihm zu spielen oder generell nach ihm zu sehen, damit es ihm gut geht.«
Mark war ein Engel, den der Himmel geschickt hatte.
»Wirklich?« Ich schnappte nach Luft.
»Das wäre unglaublich. Aber... würde das nicht sehr teuer werden?«
Der Engel zuckte seine kräftigen Schultern.
»Also, eigentlich habe ich im Moment nicht so viel zu tun. Ich bin mir sicher, dass wir uns einig werden. Ich denke, es wäre maximal für einen Monat, oder? Dann kann Fluffy mit mir rausgehen. Jedenfalls bin ich, was das Geld betrifft, flexibel, du kannst mir immer noch die Anteile an einer Designer-Handtasche als Ratenzahlung geben.«
Er lächelte.
»Abgesehen davon wäre es kaum Aufwand, weil ich nicht weit weg wohne. Gleich drüben in Finsbury Park. Und deine Wohnung liegt fast auf dem Weg nach Hampstead, wo ich zweimal am Tag die Hunde ausführe. Klingen fünfzehn Pfund am Tag für ein paar Hausbesuche zu viel? Denn wenn ja, dann bin ich sicher, dass es noch Verhandlungsspielraum gibt. Und während ich hier bin, könnte ich dir, wenn du willst, auch mit Fluffys Training helfen.«
»Training fürs Stubenreinwerden?«, sagte ich erwartungsvoll.
»Das und ein paar grundlegende Befehle - Sitz!, Steh!, Fuß!, Platz! -, du weißt schon, dieser Kram. Ich kann gut mit Hunden.Vermutlich, weil ich auf dem Land aufgewachsen bin, umgeben von Labrador- und Retrieverhunden.«
Ich seufzte. »Das klingt, als hättest du eine idyllische Kindheit gehabt.«
»Ich schätze, das hatte ich«, sagte Mark ziemlich wehmütig. »Du nicht?«
Ich dachte langsam, dass ich für einen Tag mehr als genug über mich erzählt hatte, deshalb sagte ich nur. »Nicht wirklich.« Und beließ es dabei.
»Das Problem bei einer so schönen Kindheit ist, dass niemand einen davor warnt, dass erwachsen zu werden besonders schwierig ist«, fuhr Mark fort, und es klang beinahe bedauernd. Dann sah er auf seine Uhr.
»Mist! Es ist fünf Uhr. Ich muss weg. Also Annie, willst du, dass ich Fluffys Hundesitter werde?«
Ich sah zu meinem Welpen und rechnete es schnell im Kopf durch.Wenn ich Mark anheuerte, Fluffy zu Hause zu besuchen, würde mich das im Laufe der nächsten Wochen ein kleinesVermögen kosten, aber ich könnte es mir gerade noch leisten. Ich konnte es mir hingegen nicht leisten, ihn abzulehnen, wenn ich Fluffy behalten wollte.
»Ja, Mark, bitte. Es wäre eine große Erleichterung für mich.«
»Prima.«
Er setzte Fluffy sanft auf den Fußboden und stand auf, um zu gehen.
»Wenn das für dich in Ordnung ist, fange ich am Montag an. Der Sonntag ist mir heilig - da schlafe ich bis drei. Alles, was ich brauche, ist ein Satz Schlüssel, und dann sind wir im Geschäft.«
»Schlüssel?«
»Damit ich reinkommen kann, um nach Fluffy zu sehen, wenn du in der Arbeit bist. Pass auf, wenn du dir Sorgen wegen der Sicherheit machst, kannst du jederzeit ein paar meiner anderen Kunden anrufen und Referenzen einholen.«
»Das ist nicht nötig«, antwortete ich. »Ich bin sicher, dass ich dir vertrauen kann.«
Wohin mit Fluffy -Getrennt von Tisch und Hund
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