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Es war der erste Weihnachtsfeiertag im
Workhouse, und von außen sah das Obdachlosenheim von
Islington so grimmig und bedrückend aus wie in den 1840er Jahren,
als es seine Tore zum ersten Mal für die Armen der Gemeinde
geöffnet hatte.
Innen jedoch war das Bild anders.Wo einmal die
Listen mit den Regeln gehangen hatten - Kein ungebührliches
Benehmen, Rauchen ist nur im Freien gestattet, Keine obszönen oder
gotteslästerlichen Ausdrücke -, hingen jetzt Plasma-Bildschirme
und Drucke von Damien Hirst.Wo einst klobige Holzschuhe über den
splitterigen Kiefernboden gepoltert
waren, tappten jetzt die weichen Sohlen von Tod’s Mokassins über
das polierte Parkett aus amerikanischer Eiche. Und wo es in den
alten Tagen nur einen gemeinsamen Kalt-Wasserhahn auf jedem
Stockwerk für alle - bis zu hundert Bewohner - gegeben hatte,
beeindruckte die alte Institution jetzt mit einer Fülle von
En-Suite-Badezimmern, edlen Duschkabinen sowie Regenduschen, die
allesamt mit hochmodernen Sanitärarmaturen von Phillippe Stark
ausgestattet waren.
Früher, im 19. Jahrhundert, hatte sich die
Arbeiterklasse der Gemeinde gefürchtet vor der Demütigung, in
dieses Gebäude gehen zu müssen. Heute konnten ihre Nachkommen nur
davon träumen. Wie auch die heruntergekommenen Terrassenhäuser des
Stadtteils, die vor langer Zeit von einem zukünftigen
Premierminister luxussaniert worden waren, war das Workhouse
(wie das alte, städtische Gebäude kürzlich von denen, die es in
»Lifestyle Apartments« umgewandelt hatten, wieder rückbenannt
worden war) jetzt das Reservat der Wohlhabenden.
Die hohen Mauern, die es umgaben, hatten einst die
ortsansässigen Arbeitslosen daran gehindert, auszubrechen. Nun
hielten dieselben Mauern ihre Ur-Ur-Enkel davon ab, einzubrechen.
Vierundzwanzig Stunden am Tag von einer Vielzahl an
Überwachungskameras und einem Team afrikanischer oder
osteuropäischer Portiers bewacht, war die hinter Toren abgeriegelte
Wohnanlage dafür bekannt, die sicherste in ganz London zu sein.
Selbst die Lieferanten der Delikatessen-Services hatten es sehr
schwer, Zugang zum Parkplatz zu bekommen, um die Biolebensmittel
und das luxuswattierte Toilettenpapier abzuliefern, das
die Besitzer während ruhiger Momente in der Arbeit im Internet
bestellt hatten.
Dieser hohe Grad an Sicherheitsmaßnahmen erwies
sich eher als Provokation denn als Abschreckung vor den Banden aus
den heruntergekommenen Gebäuden der Umgebung. Harte Gesichter in
Kapuzenpullis, die ihre Verweise wegen »anti-sozialem«Verhalten wie
militärische Auszeichnungen trugen. Schulmädchen mit nackten
Beinen, angezogen wie kleine Nutten, in superkurzen Miniröcken und
Schwindel erregend hochhackigen Stiefeln. Sie hingen Tag und Nacht
am Haupteingang des Workhouse’ herum, tranken, rauchten, fluchten
und machten Drohgebärden, wenn die Bewohner mit ihren VWs und
Porsches die Straße herunterröhrten und wild mit den
Fernbedienungen für die automatischen Schranken des Parkplatzes
wedelten, als ob ihr Leben davon abhinge.
An diesem Weihnachtsmorgen jedoch waren die
Kapuzenpullis und Nutten zu Hause und öffneten ihre
Weihnachtsgeschenke. Und Winston Churchill, der Tagesportier des
Workhouse’, war - einzigartig für die Bewohner des Gebäudes - zur
Kirche gegangen. Im gemeinsamen Fitnessraum im Untergeschoss, der
an Werktagen einem Hexenkessel aus Testosteron, Schweiß und
Calvin-Klein-Eau-de-Toilette glich, mussten die
Power-Plate-Fitnessgeräte und Laufbänder erst noch angestellt
werden.
Mindestens die Hälfte der Bewohner des Workhouse’
hatte London verlassen und verbrachte Weihnachten in Klosters,
Gloucestershire oder Ibiza, und daher knarzte das riesige
viktorianische Gebäude wie ein verlassenes Schliff.
Oben im dritten Stock faulenzten Mark und ich in
unseren Frotteebademänteln und fühlten uns alleine wunderbar.
Mark werkelte auf der Küchenseite unseres offenen
Wohnzimmers herum, während ich auf dem großen weißen Teppich neben
dem mit Edelstahl verkleideten freistehenden Kamin lag - einer der
vielen »Wow«-Faktoren, weswegen ich vor sieben Jahren schon bei der
ersten Besichtigung beschlossen hatte, die Wohnung zu kaufen. Fluf
fy lag neben mir auf dem Teppich, seine langen Hinterbeine hatte er
hinter sich ausgestreckt, seine Schnauze lag friedlich zwischen
seinen Pfoten, und er schnarchte sanft.
Obwohl der Himmel jenseits der riesigen
Schiebefenster bleigrau und schwer war - hier drinnen war es
wunderbar gemütlich. Die Flammen des Gasfeuers - bis zum Maximum
aufgedreht - flackerten und warfen einen warmen Schein auf die
unverputzten Ziegelwände, und ein Dutzend sternförmige
Papierlaternen ließen flackernde Schatten über die gewölbte Decke
tanzen. Die farbigen Christbaumkugeln, die grellbunten Lamettafäden
von Woolworth und die Ketten blinkender LED-Lämpchen an unserem
etwa zwei Meter fünfzig hohen Weihnachtsbaum funkelten und eine
riesige Plastikschneeflocke, überzogen mit glänzendem Glitter, war
an der Badezimmertür befestigt. Den letzten Touch gaben der
tanzende Mini-Weihnachtsmann und dieWeihnachts-CD Krazy Karaoke
Karols, die aus unserer Bang&Olufsen-Stereoanlage
dröhnte.
Als ich zwei Tage zuvor zur Arbeit gehetzt war,
hatte es in unserem Apartement noch keinerlei Anzeichen von
Weihnachten gegeben.Aber sobald ich gegangen war, hatte
Mark mit Fluffy einen Spaziergang zum Chapel Street Market gemacht
und die Weihnachtsstände geplündert. Als ich am Abend zurückkam,
hatte er bereits alles auf gehängt.
»Na, was sagst du jetzt?«, hatte er gefragt.
Er hatte in der Tür gelehnt, während Fluffy eine
Runde nach der anderen um den blinkenden Weihnachtsbaum gerannt war
und wie ein Wahnsinniger das haarige Ende seines Schwanzes gejagt
hatte.
Ich hatte es mit professionellen Augen
betrachtet.
»Ich würde sagen, es ist teilweise 1960er
Wohnwagen-Schrott und teilweise wie die Weihnachtskrippe in
Hamley’s Spielzeugparadies. Total geschmacklos, kitschig und völlig
überzogen. Und ich finde es großartig, Liebling! Du solltest
nächstes Jahr die Schaufenster von Haines & Hampton dekorieren.
Alles, was noch fehlt, ist ein beleuchteter Schlitten auf dem
Dach.«
Mark hatte meine Hand genommen und mich ins Schlaf
zimmer geführt. Fluffy war uns auf den Fersen gefolgt. Plötzlich
hatte er die Ohren gespitzt und geknurrt. Einen Moment später hatte
er sich von einem gutmütigen Mischling in einen tollwütigen Werwolf
verwandelt und sich gegen die Schiebefenster geworfen. Ein
lebensgroßes aufblasbares Plastik-Rentier mit einer leuchtend roten
Nase starrte von unserem überdachten Balkon zu uns herein.
»Wo, um Himmels willen, hast du das
aufgetrieben?« Ich schnappte nach Luft.
»Es war ein Restposten - zusammen mit dem tanzenden
Weihnachtsmann. Ich glaube, der Typ, der es mir verkauft hat,
wollte nach Hause.«
Ich hatte meinem Göttergatten die Arme um den Hals
geschlungen. »Wie kann ich dir jemals genug für das danken, was du
für mich tust?«
Witzigerweise war ihm sofort der perfekte Dank
eingefallen. Und das Bett stand genau hinter uns.
Von da an war alles großartig zwischen uns gewesen
- eigentlich viel besser, als es seit ewigen Zeiten gewesen war.
Mark hatte mich nicht angemeckert, wenn ich meinen Abfall nicht zum
Recyclen sortiert hatte, und ich hatte ihn nicht angemeckert, wenn
er seine matschverschmierten Wanderschuhe auf den weißen
Wohnzimmerteppich fallen gelassen hatte.
Er hatte mich nicht beschuldigt, dass ich jeden
Morgen als Erstes das Bad für mich allein in Beschlag nahm und ich
hatte mich nicht beschwert, dass seine Musik mich spätnachts nicht
einschlafen ließ. Er kochte mir, ohne dass ich darum bitten musste,
mein Lieblingsessen: Spaghetti Carbonara, in der Pfanne gebratenen
Kabeljau mit selbst gemachten Pommes frites, und
Delikatess-Erbsenpüree oder Schokoladen-Nemesis aus dem
River-Café-Kochbuch. Im Gegenzug verdrückte ich alles, ohne
auch nur einmal zu erwähnen, dass ich noch immer die
kohlehydratarme Diät machte, an die ich mich - leider ohne Erfolg -
die letzten drei Jahre gehalten hatte.
Als ich also am ersten Weihnachtsfeiertag in das
Gasfeuer starrte und Mark mit zwei frisch gebrühten Cappuccinos auf
mich zukam, war ich dankbar für das, was ich hatte. Wie schön es
war, gemeinsam mit den beiden Lebewesen, mit denen ich auf der Welt
am liebsten zusammen war, vor einem Feuer zu sitzen und die
Karaoke-Version von
»O Little Town of Bethlehem« mitzusingen - wenn auch
falsch.Außerdem roch ich den süßen, etwas medizinischen Geruch der
riesigen Nordmanntanne, und vom Ofen herüber wehte der betörende
Duft eines langsam bratenden Fasans, der in Pancetta eingewickelt
und mit in Calvados getränkten Äpfeln gefüllt war.
Wie üblich war Mark, der ein brillanter Koch war,
für unser Weihnachtsessen nur das Beste gut genug, aber ich war so
zufrieden an diesem Morgen, dass es mir völlig egal war, was es zum
Mittagessen geben würde - es hätten auch Fischstäbchen sein können.
Unser Weihnachten war zwar nicht das lebhafteste und geselligste -
mein Vater war mit seiner Freundin Norma und ihren beiden
halbwüchsigen Söhnen auf Barbados, und Marks Eltern, Jackie und
Dennis, kochten Mittagessen für ihre Kunden im Dog & Fox, ihrem
Pub außerhalb von Norwich -, aber zusammen zu Hause zu sein, das
war für Mark und mich einfach perfekt. Nachdem wir gegessen hatten,
zogen wir uns an und fuhren hinüber nach Hampstead Heath zu unserem
traditionellen Weihnachtsspaziergang auf der Heide, wie in jedem
der fünf Jahre, seit wir zusammen waren. Was könnte nach der
stressigen, alkoholseligen Adventszeit und dem Weihnachtsendspurt
in der Arbeit erholsamer sein als vierundzwanzig Stunden
Privatsphäre und häusliche Gemütlichkeit. Irgendwann ist es genug
Bollinger-Champagner, genug der Freundlichkeit, genug der
Diskussionen darüber, welches Designerkleid, welcher Lidschatten
und welche Clutch-Bag bei einer Kundin am besten aussieht. Genug,
denn sonst könnte sie das Gefühl bekommen, das Luxus-Modebusiness
für immer sattzuhaben.
Es gab noch einen Grund, warum ich an diesem
Weihnachtsmorgen so glücklich war. Es waren nur noch sechs Tage bis
zum 31. Dezember. Und das hieß, dass Mark und ich es ein weiteres
Jahr geschafft hatten. In den vergangenen zwölf Monaten hatte es
Zeiten gegeben, in denen ich Angst gehabt hatte, wir würden es
nicht packen. So, wie ich es auch im Vorjahr schon befürchtet
hatte. Oh, ja, und im Vor-Vor-jahr. Aber nun war es kurz vor
Silvester, und wir waren immer noch zusammen, dachte ich
selbstzufrieden, als ich den kakaobestäubten Milchschaum von meinem
Cappuccino löffelte und ihn ableckte. Es war, in der Tat, ein
Weihnachtswunder. Ein etwas kleineres Wunder, als die
»Jungfräuliche Geburt«, aber dennoch ein Wunder.
»So, will jemand Geschenke?«, fragte Mark und
setzte sich neben mich.
»Ich, bitte!«
Er stellte seine Tasse ab und kroch unter den
Weihnachtsbaum. Dabei entblößte er für einen flüchtigen Augenblick
eine marmorweiße Pobacke unter seinem Bademantel. Nach einigem
Wühlen tauchte er mit einem Turm aus Schachteln und Päckchen auf,
die alle wunderschön in rot-goldenes Geschenkpapier gewickelt und
mit silbernen Schleifen zugebunden waren - Geschenke, die er
höchstpersönlich extra für Fluffy und mich verpackt hatte. Spontan
beugte ich mich zu ihm hinüber und küsste ihn.
»Mmm. Womit habe ich das verdient?«, sagte er mit
einem Lächeln.
»Nur so. Du siehst nur gerade ziemlich geil aus,
das ist alles.«
»Geil? Was ist das denn für ein Ausdruck? Den hast
du
doch von deinen halbwüchsigen Assistentinnen übernommen, oder? Du
meinst doch bestimmt weltmännisch, kultiviert und
unwiderstehlich?«
Wenn es etwas gab, das Mark nicht war, dann war es
weltmännisch und kultiviert. Aber unwiderstehlich? Ich sah auf
seinen großen, lächelnden Mund und die zerfurchten blauen Augen,
die weit auseinanderlagen in seinem markanten, vom Wetter gegerbten
Gesicht, das weicher wirkte durch den Heiligenschein aus
widerspenstigen dunklen Locken, die es umgaben. Mit vierzig war er
immer noch sehr attraktiv, sogar noch attraktiver als damals, als
er mit seinen fünfunddreißig Jahren zum ersten Mal in mein Leben
getreten war.
»Oh, ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass
du unwiderstehlich bist«, sagte ich, als ich ein paar Tannennadeln
herauspickte, die sich in seinem Haar verfangen hatten.
»Warum nicht?« Er formte seine Lippen zu einem
dicken spöttischen Kuss, und warf sich auf mich. Als wir wie Kinder
herumtollten, traf ich versehentlich Fluffy mit meinem Ellbogen. Er
wachte mit einem Jaulen auf und sprang auf seine Pfoten. Beim
Versuch mitzuspielen, packte er den Saum von Marks Bademantel,
versuchte ihm diesen auszuziehen, und stieß dabei Marks Cappuccino
um.
Bei den Geschenken kam Fluffy als Erster dran. Wir
hatten ihn fürchterlich verwöhnt, aber ich kann nicht behaupten,
dass er es zu würdigen gewusst hätte. Nicht einmal der von Hand
gebackene biologische Johannisbrot-Hundekuchen in Form einer
Schneeflocke konnte ihn dazu verführen, dass neue Kunstfell-Bett
auszuprobieren,
das wir ihm gekauft hatten. Er bevorzugte eindeutig das Papier, in
dem es eingewickelt gewesen war, und das er prompt in Fetzen riss
und über den ganzen Fußboden verteilte. Er sah toll aus im neuen
Set aus Halsband und Hundeleine von Burberry, das ich mit meinem
Mitarbeiterrabatt bei Haines in der Abteilung für Luxusgeschenke
gekauft hatte.Wenngleich mehr wie ein protziger nouveauriche
Rockstar als der Gutsherr mit Stammbaum, den ich mir erhofft hatte.
Aber mit seinem dünnen, Lurcher-typischen Körper, mit dem
überlangen Rücken, dem schreitenden Gang, den herausragenden
Hüftknochen und dem schwarz-weißen Fell, das wie ein altmodischer
Wischmopp auf seinem Kopf wuchs, war Fluffy nicht wirklich der Hund
für die Pedigree-Werbung.
Da verlieh ihm der Anhänger an seinem Halsband, in
Form eines Knochens und aus reinem Sterling-Silber mit
eingraviertem Namen, doch eher ein Upper-Class-Aussehen. Nicht,
dass Fluffy mit Designer-Accessoires zu beeindrucken wäre. In
Wirklichkeit war das einzige Geschenk, das ihn wirklich
interessierte, ein billiger Weihnachtsstrumpf, voll mit Kauknochen
aus Rinderrohhaut und Leckereien mit Lebergeschmack, die Mark bei
unserer Tierhandlung in der Nachbarschaft gekauft hatte. Fluffy
hatte sie (zusammen mit der Hälfte der Nylon-Netz-Verpackung) und
trotz unserer Warnungen, dass er sich den Appetit für das
Mittagessen ruinieren würde, innerhalb von Minuten
weggeputzt.
Als Nächstes öffneten wir abwechselnd unsere
Geschenke. Ich hatte Mark die neue Eric-Clapton-Autobiografie
gekauft. Er hatte mir einen Gutschein für einen Tag im
angesagtesten Londoner Spa besorgt. Ich hatte ihm ein
Paul-Smith-Sweatshirt geschenkt. Er mir eine sagenhaf te
Vivienne-Westwood-Tasche aus rotem Lackleder, mit der ich die ganze
Saison geliebäugelt hatte. Ich hatte ihm Kopfhörer von Bose für
seinen iPod geschenkt. Er hatte mir den
Achttausend-Pfund-Banksy-Druck gekauft - der ihm gefallen hatte,
als wir ihn vor einigen Monaten in einer Galerie in Soho gesehen
hatten. Jeder, der diese Geschenke sah, konnte denken, dass ich im
Vergleich zu meinem mehr als großzügigen Ehemann ein Geizkragen
war. Sie sollten jedoch wissen, dass alles, was Mark und ich
füreinander mit unseren Kreditkarten gekauft hatten, am Ende von
unserem gemeinsamen Bankkonto abgebucht werden würde. Ich sage
gemeinsames Bankkonto, weil es auf unser beider Namen lief.Wir
hatten beide Scheckbücher, EC-Karten und Zugang zum
Internet-Banking. Alles, was von diesem Konto gezahlt wurde, waren
gemeinsame Ausgaben.
Das Einzige, was an diesem Konto nicht gemeinsam
war, war das Geld, das darauf eingezahlt wurde.
Das kam ausschließlich von mir.
Wie ich meinem Vater oft sagte, wenn er sich über
Mark beschwerte, war - außer den vertauschten Rollen - nichts
Ungewöhnliches an unserer Situation, die sich in Millionen Ehen
rund um den Globus wiederholte. Ich als der Hauptverdiener brachte
den größten Teil unseres Einkommens nach Hause und mein Ehepartner,
der ein Taschengeld verdiente, half mir, es auszugeben. Und Geld
ausgeben, das war eine von drei Sachen, die mein Mann richtig gut
konnte. Die anderen waren Kochen und Sex.
»Wow!«, sagte ich, als ich den Banksy ausgepackt
hatte.
»Du hast ihn wirklich gekauft!«
»Jep.« Er sah ihn stolz an und lächelte.
»Ich bin in derselben Woche noch einmal mit meiner
Visa-Card zurückgeschlichen.«
»Erstaunlich!«
»Gefällt er dir?«
»Natürlich! Er ist toll!«
So toll, wie der Druck sein konnte, angesichts
dessen, dass es das Bild einer Ratte war, die ein Plakat trug, auf
das die Worte »Willkommen in der Hölle« gekritzelt waren.
»Ich bin nur so... also, ich bin überrascht, dass
du so viel Geld ausgegeben hast, das ist alles.«
»Ich weiß, es ist unglaublich extravagant«, fuhr
Mark fort und sah mich zweifelnd an. »Aber ich dachte, er würde dir
gefallen!«
»Oh, ja, ich mag ihn! Sehr sogar! Ich meine, er ist
großartig, Mark. Ein brillantes Geschenk! Dank dir
vielmals! Was meinst du, wo sollen wir ihn aufhängen?«
»Also, ich bin mir nicht sicher. Ich dachte -
vielleicht hier?«
Er zeigte auf das kleine Galeriegeschoss, das
teilweise die Küche überdachte. Es war unser Arbeitsbereich, in dem
Marks digitales Klavier stand, das ich ihm - in der vergeblichen
Hoffnung, es würde ihn zur Komposition seines Nr. I-Hits
inspirieren - zum letzten Geburtstag gekauft hatte.
»Mmm?«
Er sah plötzlich enttäuscht aus. »Warum sagst du
das in diesem Ton, Annie?«
»In welchem Ton?«
»Misstrauisch. Mmm? Als ob du glauben
würdest, dass ich den Banksy für mich gekauft habe.«
Ich fluchte, dass er ein so guter Gedankenleser
war. »Mark! Wie schrecklich so etwas zu sagen!«
»Ich glaube nur, dass das Bild dort oben gut
aussehen würde - du nicht?«
»Ja. Fantastisch.«
»Wirklich? Schau, ich weiß, dass es ziemlich teuer
war, aber ich habe es als Investition gesehen. Ich meine,
zusätzlich zu deinem Geschenk. Ich bin sicher, dass ich im
Guardian gelesen habe, dass die Preise für Banksy-Drucke
immer weiter nach oben schießen. Stimmt doch?«
»Oh, ja!«
»Und ich dachte, dass du zu Weihnachten etwas
Besonderes verdienst.«
Er sah plötzlich verlegen aus.
»Ich wollte dich verwöhnen. Du hast in diesem Jahr
so hart gearbeitet und warst so erfolgreich, während ich... Na, ja
- ich war verdammt nutzlos, oder nicht? Wie üblich.«
»Warst du nicht!«
»Hör mit dem Scheiß auf, Annie.«
Marks Ausbrüche aus sich-selbst-zerfleischender
Objektivität ließen mich immer dahinschmelzen. Ich konnte es nicht
ertragen, ihn so außer sich zu sehen. Er war so davon überzeugt,
Gitarrenmusik zu komponieren und Songtexte zu schreiben. Das tat
er, seitdem er vor hundert Jahren die Universität verlassen hatte -
auf der er laut meinem Vater einen extra Abschluss in Faulheit
abgelegt
hatte. Er arbeitete so hart an seinen Kompositionen, aber mit
wenig Ergebnis. Von den Ausschnitten, die ich von seinen Songs
gehört hatte - wenn er sich mal herabließ, sie mir vorzuspielen -,
glaubte ich fest daran, dass sie Erfolg haben würden,vorausgesetzt,
dass er endlich jemanden finden würde, der sie aufnahm.
Aber wann würde das sein? Kein Wunder, dass er
frustriert war. Während ich, seit wir vor fünf Jahren geheiratet
hatten, eine Karrierestufe nach der nächsten emporgeklettert war,
hatte seine Karriere nirgendwo hingeführt. Er hatte Ehrgeiz - oder
wenigstens so etwas Ähnliches -, aber hatte er auch genügend
Talent? Ich hielt seine Musik für großartig, aber leider schienen
die Leute in der Musikbranche anderer Meinung zu sein. Jahr für
Jahr machte Mark weiter, endlos verbesserte er seine Arrangements,
schrieb sie um und feilte so lange an ihnen, bis sie ganz
durchgewetzt waren. Auf seinem Schreibtisch türmten sich die
Absagen der Musikverlage, -produzenten und -agenten. Einige waren
freundlich - Absagen im Stil von
»Meine-Liste-ist-schon-so-voll-dass-ich-nichtin-der-Lage-wäre-Ihren-offensichtlich-vielfältigen-Ta-lenten-Genüge-zu-tun«.
Andere waren schlichtweg beleidigend, und einige Agenten machten
sich nicht einmal die Mühe, ihm zu antworten. Vermutlich hatten sie
nicht mal die CDs angehört, die er ihnen geschickt hatte, sondern
sie geradewegs in den Papierkorb befördert, wie ich es mit den DVDs
der alten Fernseh-Sitcoms tat, die man scheinbar mit jeder
Sonntagszeitung kostenlos bekam.
»Oh, Liebling. Jetzt spiel’ nicht verrückt!«, sagte
ich zu Mark. »Du bist ein ausgezeichneter Komponist!«
»Ich bin Schrott!«
»Bist du nicht. Ich glaube an dich.«
»Danke. Aber was verstehst du schon von
Musik?«
Das war Marks leicht beleidigende Antwort, wann
immer ich seine Arbeit lobte.
»Na ja, ich höre Radio. Und gelegentlich sehe ich
MTV. Außerdem weißt du, dass ich nicht wüsste, was ich ohne dich
tun sollte.Wo ich doch so lange im Geschäft arbeite. Wer würde für
Fluffy sorgen, wenn du einen Ganztagsjob hättest? Und wer würde für
mich sorgen?«
Schließlich gelang es mir mit meinen
Schmeicheleien, seine Stimmung zu heben und wir gingen ins Bett.
Während Fluffy auf dem Teppich döste und rhythmisch schnarchte,
liebten wir uns mit mehr Zärtlichkeit, als wir es seit langem getan
hatten. Ich war selbst erstaunt, dass ich meinen Orgasmus nicht
vortäuschen musste - das hatte ich in letzter Zeit etwas zu oft
getan. Es war nicht so, dass ich keinen Sex mehr mit Mark wollte,
aber wenn ich von der Arbeit heimkam, war ich so müde, dass mir
eine Tasse Ovomaltine lieber war als die Nacht der Leidenschaft,
die im Angebot war. Wahrscheinlich wurde ich alt.
Danach kuschelten wir im Bett und sahen uns die DVD
von Ist das Leben nicht schön? an.
»Was ist das für ein Geruch?«, fragte Mark
plötzlich. »Irgendetwas brennt. Oh, Scheiße, das muss der Fasan
sein!«
Er sprang aus dem Bett und rannte splitternackt in
die Küche, Fluffy dicht auf seinen Fersen.
Ich lächelte in mich hinein, setzte mich auf,
lehnte mich an den hohen Kissenstapel und lauschte der häuslichen
Symphonie, die aus der Küche kam: das Klackern eines
Bräters, der aus dem Ofen genommen wurde, das Rascheln von
Alufolie, das Rattern der Messerschublade, gefolgt von einer Reihe
von Flüchen.
»Kein Grund zur Panik, Schwester«, rief er.
»Es könnten Verbrennungen dritten Grades sein, aber
ich glaube, ich kann ihn retten. Möglicherweise müssen wir jedoch
amputieren.«
Ein paar Minuten später erschien er mit einer
verkohlten Keule in der Hand und fragte: »Würdest du sagen, das
hier ist durch?«
Während ich mich kaputtlachte, schnappte sich
Fluffy die verbrannte Gabe, balancierte sie zwischen seinen großen
Vorderpfoten und machte es sich auf dem Bettvorleger gemütlich, um
sie zu zerbeißen. Zu seiner großen Verstimmung nahm Mark sie ihm
weg, weil er befürchtete, dass die Knochen in seinem Maul splittern
könnten. Dann schloss er die Schlafzimmertür hinter mir und dem
schlecht gelaunten Köter, und ging in die Küche zurück, um die
Reste des Weihnachtsessens zu retten.
Das Eheleben! Nichts konnte es schlagen, dachte
ich, während Fluffy, wütend darüber, dass er aus der Küche
ausgeschlossen worden war, erst an der Tür winselte und dann zu
einer seiner häufigen Such-und-zerreiß-es-Missionen unter unser
Bett kroch.Wie recht ich doch gehabt hatte, mit Mark
zusammenzubleiben!
Nachdem ich vor achtzehn Monaten seine Affäre mit
Fern, unserer australischen Pilates-Lehrerin, entdeckt hatte, hatte
mich meine beste Freundin Clarissa gewarnt, dass Marks Unreife
angeboren wäre und er nie zur Ruhe kommen würde. Über einer Flasche
chilenischem Sauvignon
Blanc und einer großen Schale gesalzener Mandeln im Roach and
Parrot in der Upper Street versicherte ich ihr, dass sie
falschlag.
»Mark sagt, er hätte die Affäre nur begonnen, weil
er unglücklich und frustriert war«, sagte ich zur
Rechtfertigung.
»Es war zum Teil mein Fehler.«
»Deiner?« Aufgebracht rutschte Clarissa auf
ihrer Stuhlkante nach vorne. Selbst in alten schwarzen Hosen und
einer marineblauen Strickjacke ihres Ehemannes, die nicht nur drei
Nummern zu groß für sie war, sondern auch schon bessere Tage
gesehen hatte, brachte es meine große, schlanke Freundin fertig, so
elegant wie Erin O’Connor auszusehen. Selbst in unserer
dunkelblauen Schuluniform hatte sie gut ausgesehen - ein
Kunststück, das keinem anderen Mädchen gelungen war.
»Haltung liegt ihr im Blut«, hatte mir ihre Mutter
einmal im Wohnzimmer des Familienwohnsitzes in Cadogan Square
gesagt - einem düsteren Ort voller dunkler, mit Firnis überzogener
Porträts ihrer Ahnen, und schwerer viktorianischer Möbel, die wie
die Finanzen der Familie Garland schon bessere Tage gesehen
hatten.
»Weißt du Liebes, Clarissas Großmutter war eine
Herzogin. Und die Herkunft lässt sich erkennen, wie wir alle
wissen.«
Vielleicht wollte mich die »Ehrenwerte« Mrs.
Garland davor warnen, mich mit ihrer Tochter anzufreunden: Bei
meinem familiären Hintergrund war eine adäquate Herkunft etwas, was
ich nie besitzen würde, wenigstens nicht in ihren Augen. Aber das
Sympathische an Clarissa war,
dass sie - schon im Alter von elf Jahren - keinen Deut auf all das
gab. Wir beide waren von unserem allerersten Schultag an
unzertrennlich, obwohl ich meine Großmutter »Nan« nannte und nicht
»Ihre Lady«, die H’s an Wortanfängen verschluckte, und die Erbsen
mit der Gabel von meinem Teller aß (obwohl meine neuen Lehrer das
schnell beendeten).
Es stellte sich heraus, dass Clarissa verzweifelt
darum bemüht war, die kippelnde aristokratische Seite ihrer Familie
hinter sich zu lassen, statt sie zu stärken. Sobald sie die Schule
beendet hatte, wurde sie Mitglied der Sozialistischen
Arbeiterpartei und zog mit James zusammen, dem mittellosen Sohn
eines walisischen Minenarbeiters, der Jura studierte und
links-gerichtet war. Siebzehn Jahre später war James Kronanwalt und
ein treuer Anhänger der Liberalen, während Clarissa
Sozialarbeiterin war und die gehetzte, irgendwie ausgelaugte Mutter
ihrer vier hinreißenden Töchter Rachel, Rebecca, Emily und Miranda.
Aber wichtiger als das war, wenigstens für mich, dass sie immer
noch meine beste Freundin war.
»Weißt du, ich habe Mark in letzter Zeit nicht
genügend Aufmerksamkeit geschenkt«, hatte ich angefangen zu
erklären.
»Ich habe ihm meine Liebe nicht genug gezeigt. Ich
war zu sehr mit meinem Job beschäftigt.«
Clarissa hatte ihr langes, glattes, aschblondes
Haar geschüttelt.
»Weil du in deinem Job hervorragend bist! Du warst
unglaublich erfolgreich bei der Leitung der
Personal-Shopping-Abteilung von Haines. Die Vogue hat dich
nicht
umsonst in ihrer letzten Ausgabe die ›Königin der Stilberatung<
genannt, Liebling. Mark sollte dafür Verständnis haben. Er sollte
stolz auf dich sein.«
»Ach, das ist er. Ich bin sicher, dass er das
ist.«
»Sagt er es dir so oft?«
»Ja«, hatte ich gesagt. Aber als mich Clarissa
forschend ansah, gab ich zu: »Nein, in letzter Zeit nicht.«
»Du darfst keine Schuldgefühle haben, nur weil du
deinen Job gut machst,Annie. Du hast eine echte Begabung, Menschen
zu helfen, ihr Erscheinungsbild zu verbessern. Ich meine, denk’ mal
daran, was du für diese Wie-heißt-sie-gleich-nochmal getan
hast.«
»Wer ist Wie-heißt-sie-gleich-nochmal?«
»Du weißt schon - die geheime Staatssekretärin für
Wen-auch-immer. Die Boulevardpresse nennt sie in einem Moment eine
politische Belastung, und am nächsten Tag klatschen alle
Hochglanzmagazine des Landes ihr Bild auf die Titelseite.«
»Ach, das war nicht schwer, sie besser aussehen zu
lassen, weil sie nicht mehr schlimmer aussehen konnte.«
»Mark sollte dir dankbar sein. Einer von euch
beiden muss ein vernünftiges Einkommen nach Hause bringen, Herrgott
noch mal.«
»Das weiß ich ja. Aber ich glaube, er kapiert
einfach nicht, dass alles Geld kostet.«
Ich knabberte ein paar Mandeln und spülte sie dann
mit einem kräftigen Schluck Sauvignon hinunter.
»Und dann ist da die Sache mit dem Baby.«
»Ah. Die verdammte Sache mit dem Baby, das immer
noch seinen hässlichen, kahlen, kleinen Kopf hebt«, hatte
Clarissa gesagt, wobei sie die Konsonanten betont deutlich
aussprach.
»Das ist nicht witzig. Das ist eine ernste Sache.
Du kannst Mark nicht verübeln, dass er eine Familie gründen
will.«
»Vermutlich nicht. Männer haben so traurig
zerbrechliche Egos, dass sie ihre Männlichkeit mit Samenergüssen
beweisen müssen. Denk’ doch nur an James.Trotzdem. Du kannst mich
ja altmodisch nennen, aber ich glaube nicht, dass mit einer anderen
Frau zu schlafen, die beste Methode ist, die eigene zu
schwängern.«
»Sicher nicht. Aber du kennst mich. Ich bin noch
nicht bereit, Mutter zu werden.«
Clarissa hob ihre geschwungenen, aristokratischen
Augenbrauen.
»Du bist in den Enddreißigern, Liebling.
Tick-tack und der ganze Bullshit.«
»Danke, dass du mich daran erinnerst. Du klingst
wie Mark. Und wie mein Vater. Weißt du was? Selbst du gibst
insgeheim zu, dass ich Mark vergrault habe, weil ich noch keine
Kinder haben will!«
»Aber du musst doch davon ausgegangen sein, dass er
irgendwann welche will. Immerhin kommt er aus einer großen,
fröhlichen Familie. Wie viele Schwestern hat er? Sechs?
Sieben?«
»Drei. Über die zahlreichen Nichten und Neffen habe
ich den Überblick verloren.«
Ich schob die halbleere Nussschale auf ihre Seite
des Tischs.
»Bitte sorg’ dafür, dass ich keine mehr kriege.
Unter Androhung der Todesstrafe. Außer diesen hier«, fügte ich
hinzu,
als ich mir eine letzte Hand voll in den Mund schaufelte. Heute
war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt für meine Dauerdiät.
Aber wann war er das schon?
»Ich schätze, ich muss mich in Zukunft mehr
anstrengen, um ihn zufriedenzustellen, wenn ich ihn davon abhalten
will, eine weitere Affäre zu haben.«
»Tolle Idee«, kommentierte Clarissa trocken.
»Bekomm’ viele Babys und noch mehr Babys, nur um
Mark glücklich zu machen. Eine Brut plärrender Bälger, die die
Wohnung überrennen - das sollte ihn vom Streunen abhalten.«
Clarissa hatte verzweifelt ihren Kopf
geschüttelt.
»Du solltest dich selbst hören, Annie. Du
klingst wie eine misshandelte Ehefrau, die sich selbst die Schuld
für das ungeheuerliche Benehmen ihres Mannes gibt und dann zu ihm
zurückgeht, um sich wieder verprügeln zu lassen.«
Als ich am ersten Weihnachtsfeiertag im Bett lag,
versuchte ich diese Unterhaltung aus meinem Kopf zu verbannen und
konzentrierte mich stattdessen auf die alten Schwarzweißbilder
einer amerikanischen Kleinstadt von 1946, die in Ist das Leben
nicht schön? über den Bildschirm flackerten. Aber selbst als
ich einen verzweifelten George Bailey alias James Stewart sah, der
seinem Schutzengel Clarence erzählte, sein Leben sei ein kompletter
Fehler gewesen, dachte ich an Marks Affäre.
Trotz all dem, was Clarissa gesagt hatte, nachdem
ich Ferns widerlichen roten Tanga zwischen den ekligen Socken in
seiner Sporttasche gefunden hatte, wusste ich, dass es richtig
gewesen war, zu ihm zu stehen. Immerhin war
die Affäre nur eine Begegnung - ein Brief Encounter -
gewesen, wenn Sie mir die Anspielung auf den Film verzeihen
mögen.Außer dass Mark und Fern - anders als Celia Johnson und
Trevor Howard, die verliebten Stars eines meiner liebsten
Schwarzweißfilme - echten Sex miteinander gehabt hatten, statt nur
darüber nachzudenken. Und wenn ich mit meiner Vermutung richtiglag,
hatten sie es auf ein paar Male gebracht.
Dennoch, Mark hatte darauf beharrt, dass er es nur
getan hatte, weil er wegen unserer Beziehung so niedergeschlagen
und frustriert gewesen war, und er hatte versprochen, dass es nie
wieder vorkommen würde. Und wenn man das Richtig und Falsch der
Situation in die Waagschalen der Gerechtigkeit wirft, die
Spitzentangas und all das - was wiegen dann ein paar Male
bedeutungsloses Gebumse gegenüber unserer Ehe?
In Ist das Leben nicht schön? schließen sich
die guten Leute von Bedford Falls zusammen, um George Bailey vor
dem finanziellen Ruin zu retten, während seine Frau Mary mit Tränen
des Stolzes in den Augen neben ihm steht.
Als ich mich unter die Bettdecke kuschelte,
gratulierte ich mir selbst dazu, dass sich die Dinge zwischen Mark
und mir während des letzten Jahres wirklich zum Besseren gewendet
hatten. Es war nicht einfach gewesen, aber wir hatten es geschafft,
den schwierigen Themen - wie Geld und Fern und Kinder kriegen, und
Geld und Fern und meine langen Arbeitszeiten, und die langen
Arbeitszeiten, die er nicht hatte, und Fern und Geld - aus dem Weg
zu gehen, und in Folge dessen hatten wir längst nicht mehr so viel
gestritten wie zuvor.
In derVorweihnachtszeit schien er glücklicher und
entspannter zu sein als das ganze Jahr über. Er machte sogar gute
Fortschritte mit einem neuen Song. Wenn man sein Talent endlich
einmal erkannt hätte, wäre sein Selbstbewusstsein wieder
hergestellt und dann, redete ich mir selbst ein, würden wir
glücklich bis in alle Ewigkeit leben, genau wie George und Mary
Bailey.
Es raschelte unter dem Bett und die Spitze von
Fluffys langem drahtigem Schwanz, die unter dem Volant hervorlugte,
sauste aufgeregt von einer Seite zur anderen. Er hatte unter dem
Müll, den wir unter das Bett geschoben hatten, etwas Interessantes
entdeckt, und nach den Geräuschen, die ich hören konnte, war er
gerade dabei, es in Fetzen zu reißen.
»Fluffy?«
Ich beugte mich über die Bettkante, hob den Volant
hoch und spähte in die Dunkelheit. Obwohl er wusste, dass ich da
war, nahm Fluffy keinerlei Notiz von mir, selbst dann nicht, als
ich auf seine Hinterpfoten klopfte.
»Was machst du da?«
Er ignorierte mich weiterhin. Was auch immer er
gefunden hatte - ein altes Höschen, einen angebissenen Keks,
zusammengeknüllte Strumpfhosen -, ich wusste, dass es ihm nicht gut
bekommen würde. Wahrscheinlich würde er es fressen, dann eine Weile
daran würgen und es schließlich auskotzen. Ich habe aufgehört zu
zählen, wie oft Mark und ich die erbrochenen Folgen von Fluffys
Zerstörungspartys hatten aufwischen müssen.
Was hatte er jetzt gefunden?
»Leg es hin!«, sagte ich in meinem besten
Befehlston.
Ich hätte mir meinen Atem sparen können. Es war
hoff nungslos, Fluffy etwas zu befehlen. Mark, der gut mit Hunden
konnte, sagte, dass Fluffy der ungehorsamste Hund sei, der ihm je
über den Weg gelaufen war.
»Hast du mich gehört, Fluffy? Ich sagte, leg es
hin!«
Fluffy warf mir einen trotzigen Blick zu, seine
Augen blitzten gelb im düsteren Dunkel unter dem Bett, und machte
dann ungerührt mit dem weiter, was er bisher getan hatte. Ich hörte
das nächste reißende Geräusch, gefolgt von einem Knirschen.
Ich sprang aus dem Bett, warf mir den Bademantel
über, packte ihn an den Hüftgelenken und zog ihn heraus. Obwohl er
ein gefährliches Knurren von sich gab, wusste ich, dass er mich
nicht beißen würde. Fluffy mochte vorgeben, dass er aggressiv war,
aber generell verabscheute er Gewalt - von gelegentlichen
Raufereien mit anderen Hunden mal abgesehen.
»Okay, das reicht jetzt!«, sagte ich.
»Gib es mir!«
Im Glauben, deshalb ein cleverer Hund zu sein, ließ
Fluf fy fallen, was er gerade gekaut hatte, bevor seine Schnauze
unter dem Bett auftauchte. Obwohl er mir einen unschuldigen Blick
zuwarf, hatte er Reste von rot-goldenem Papier zwischen seinen
Lefzen.
Ich ließ ihn los, und bevor er unter das Bett
zurückkriechen konnte, griff ich darunter und rettete seine
durchweichte Beute. Als ich es auf die Matratze warf, sprang er
hinterher und bellte aufgeregt. Ich folgte seinem Beispiel und
brachte das Ding außer Reichweite.
»Geh runter!«, sagte ich und stand auf der
Matratze,
während Fluffy Pirouetten in der Luft drehte und mit dem Maul nach
dem Papier schnappte.
»Geh runter! Böser Hund! Runter!«
Schließlich schlich er auf den Fußboden zurück, wo
er wachsam dasaß und das Päckchen mit sehnsüchtigem Blick
ansah.
Er hatte noch ein Weihnachtsgeschenk gefunden. Es
war in dasselbe teure rot-goldene Geschenkpapier eingepackt wie der
Banksy.
Ich las den Text auf der Karte.
»Darling«, hatte Mark in seiner krakeligen Schrift
gekritzelt.
»Eine Kleinigkeit für unsere Spaziergänge in
Hampstead Heath.« Danach hatte er so unterschrieben, wie er immer
nur für mich unterschrieb. Eine lange Zeile mit »X-en« und einem
Stern am Ende.
Er muss vorher vergessen haben, es mir zu geben,
dachte ich. Oder er wollte es als besondere Überraschung für später
aufheben.
In meinem Inneren fühlte ich mich warm und
wohlig.
Ich lächelte in mich hinein. Ja. Ich lächelte
wirklich.
Ich dachte: Bin ich nicht eine glückliche
Frau?
»Ist bei euch alles in Ordnung?«, rief Mark aus der
Küche. »Es ist gleich fertig.«
»Klasse!«, rief ich zurück. »Könnte nicht besser
sein. Bin in einer Sekunde bei dir.«
Ich wusste, dass ich das Geschenk sofort unter das
Bett zurücklegen und warten sollte, bis Mark daran dachte, es mir
zu geben. Aber die Neugier gewann die Oberhand. Was hatte er mir
für unsere Spaziergänge auf der Heide
gekauft? Einen Kaschmirschal bei N. Pearl’s in den Burlington
Arkaden? Einen Nicole-Farhi-Hut? Oder vielleicht ein Paar der
gelben, pelzgefütterten Marc Jacob-Handschuhe, die ich neulich
gesehen hatte, als ich zum Spionieren bei Harvey Nicks war?
Vorsichtig, um das Papier nicht weiter zu
zerreißen, klappte ich es auseinander und lugte hinein.
Mein Herz blieb stehen.Wie eine Schlange,
eingerollt in ein Nest aus Zellophan und goldenem Seidenpapier,
lagen da ein Hundehalsband und eine Leine. Die Leine war aus
feinstem, glänzendstem Straußenleder handgearbeitet.Vom
dazugehörigen Halsband hingen viele kleine Anhänger: emaillierte
Sterne, eine silberne Hundehütte, ein Handy mit kleinen diamantenen
Tasten und eine Hundeschüssel, zwischen denen kleine silberne
Herzen hingen.
Sie mussten Mark ein Vermögen gekostet haben,
schoss es mir durch den Kopf - das war wirklich das schönste
Halsband und die schönste Leine, die ich je gesehen hatte.
Nur eine Sache war falsch.
Die Farbe.
Sie waren pink.
Nachdem ich für einen Moment - oder auch zwei -
völlig verwirrt gewesen war, arbeitete mein Gehirn nun mit
grausamer Klarheit. Dieses pinkfarbene Set aus Halsband und Leine
war nicht für unseren - sehr männlichen Hund - gedacht. Ergo
war die lange Zeile der Küsse auf dem Geschenkanhänger nicht für
mich bestimmt.
»Das Essen steht auf dem Tisch!«, rief Mark
fröhlich aus dem Wohnzimmer.
»Beeil’ dich, mein Engel!«
Ich sank, unfähig zu antworten, auf das Bett. Das
durchweichte, halb aufgerissene Päckchen hing locker von meiner
Hand. Fluffy schnüffelte daran und wollte es haben. Dieses Mal ließ
ich ihn das Ende der Leine herausfischen und darauf herumkauen. Es
war mir egal, ob es Punkte von den Spuren seiner Zähne bekam.
Ich versuchte mir darüber klar zu werden, was der
größere Betrug war: Dass Mark eine weitere Affäre hatte, oder dass
er das Geschenk, das er für seine neue Geliebte gekauft hatte,
unter unserem Bett versteckt hatte.
Wie konnte er - wenn er wusste, dass es dort, genau
unter uns lag - mich so in seinen Armen halten, mich so lieben, als
ob er es ehrlich meinte, ohne von Schuldgefühlen zerrissen zu
werden? Und wenn er sich schuldig gefühlt hatte, hatte er es
besser versteckt als das verdammte Geschenk. Ich musste seinen
Gefühlen gegenüber völlig unempfänglich sein. Weil ich einfach
nicht in der Lage gewesen war, es zu bemerken.
Was für ein Idiot ich doch war!
Ich musste mich schnell entscheiden. Wie wollte ich
mich verhalten? Mark mit der Hundeleine erwürgen, nachdem er sich
zum Weihnachtsessen hingesetzt hatte? Oder das Päckchen dorthin
zurückschieben, wo es hergekommen war. Nichts sagen und vergessen,
dass ich das verfluchte Ding je gefunden hatte? Ich hatte das mit
Ferns Tanga versucht, aber - ganz offensichtlich anders als Mark -
war ich beim Unterdrücken meiner Gefühle ein hoffnungsloser Fall:
Es hatte nur sechs zerbrochene Tassen in ebenso vielen Sekunden
gedauert, bis er herausgefunden
hatte, dass zwischen uns beiden etwas ernsthaft in Schieflage
geraten war.
Als Mark eine Sekunde später durch die
Schlafzimmertür platzte, war mir die Entscheidung aus der Hand
genommen worden.
»Die verbrannten Opfergaben werden auf ihren
Tellern kalt, Kleines«, sagte er.
»Komm und...«
Seine Stimme verlor sich, als er das schmale Band
pinkfarbenen Straußenleders sah, das sich jetzt zwischen meiner
Hand und Fluffys gefletschten Zähnen spannte. Er erstarrte.
Unsere Augen trafen sich und die Farbe wich aus
seinem Gesicht.
»Oh, Scheiße!«, sagte er.
Er kam auf mich zu, schob Fluffy zur Seite und
kniete reumütig zu meinen Füßen.
»Ich weiß, wie es aussieht, Liebling«, sagte er,
legte seine Hand auf meine und drückte sie.
»Aber glaub’ mir, es war nur ein dummes
Techtelmechtel. Es bedeutet überhaupt nichts.«
Ich verdaute das einen Moment lang. »Vielleicht
nicht für dich«, sagte ich dann.
»Es tut mir so leid, Annie! Es ist einfach
passiert. Weißt du, ich...«
Ich schnitt ihm das Wort ab und zog meine Hand
weg.
»Ich will deine Entschuldigungen nicht
hören.«
»Bitte Liebling, lass es mich wenigstens
erklären.«
»Das kannst du nicht«, sagte ich.
»Dieses Mal nicht.« Ich seufzte. »Nie
wieder.«
»Annie?«, fragte er. »Was redest du da?«
Ich sah in die hinreißenden Augen meines Ehemannes
und ich wusste, dass, egal was immer er tat oder versprach, ich nie
wieder in der Lage sein würde, ihm zu vertrauen.
»Pass auf, Mark«, sagte ich. »Wir beide wissen,
dass diese Ehe nicht funktioniert. Für keinen von uns
beiden.«
Und dann sagte ich die vier kleinen Worte, die den
Anstoß für die ganze grauenhafte Kette der Ereignisse gaben: »Ich
will die Scheidung!«