3
Es war der erste Weihnachtsfeiertag im Workhouse, und von außen sah das Obdachlosenheim von Islington so grimmig und bedrückend aus wie in den 1840er Jahren, als es seine Tore zum ersten Mal für die Armen der Gemeinde geöffnet hatte.
Innen jedoch war das Bild anders.Wo einmal die Listen mit den Regeln gehangen hatten - Kein ungebührliches Benehmen, Rauchen ist nur im Freien gestattet, Keine obszönen oder gotteslästerlichen Ausdrücke -, hingen jetzt Plasma-Bildschirme und Drucke von Damien Hirst.Wo einst klobige Holzschuhe über den splitterigen Kiefernboden gepoltert waren, tappten jetzt die weichen Sohlen von Tod’s Mokassins über das polierte Parkett aus amerikanischer Eiche. Und wo es in den alten Tagen nur einen gemeinsamen Kalt-Wasserhahn auf jedem Stockwerk für alle - bis zu hundert Bewohner - gegeben hatte, beeindruckte die alte Institution jetzt mit einer Fülle von En-Suite-Badezimmern, edlen Duschkabinen sowie Regenduschen, die allesamt mit hochmodernen Sanitärarmaturen von Phillippe Stark ausgestattet waren.
Früher, im 19. Jahrhundert, hatte sich die Arbeiterklasse der Gemeinde gefürchtet vor der Demütigung, in dieses Gebäude gehen zu müssen. Heute konnten ihre Nachkommen nur davon träumen. Wie auch die heruntergekommenen Terrassenhäuser des Stadtteils, die vor langer Zeit von einem zukünftigen Premierminister luxussaniert worden waren, war das Workhouse (wie das alte, städtische Gebäude kürzlich von denen, die es in »Lifestyle Apartments« umgewandelt hatten, wieder rückbenannt worden war) jetzt das Reservat der Wohlhabenden.
Die hohen Mauern, die es umgaben, hatten einst die ortsansässigen Arbeitslosen daran gehindert, auszubrechen. Nun hielten dieselben Mauern ihre Ur-Ur-Enkel davon ab, einzubrechen. Vierundzwanzig Stunden am Tag von einer Vielzahl an Überwachungskameras und einem Team afrikanischer oder osteuropäischer Portiers bewacht, war die hinter Toren abgeriegelte Wohnanlage dafür bekannt, die sicherste in ganz London zu sein. Selbst die Lieferanten der Delikatessen-Services hatten es sehr schwer, Zugang zum Parkplatz zu bekommen, um die Biolebensmittel und das luxuswattierte Toilettenpapier abzuliefern, das die Besitzer während ruhiger Momente in der Arbeit im Internet bestellt hatten.
Dieser hohe Grad an Sicherheitsmaßnahmen erwies sich eher als Provokation denn als Abschreckung vor den Banden aus den heruntergekommenen Gebäuden der Umgebung. Harte Gesichter in Kapuzenpullis, die ihre Verweise wegen »anti-sozialem«Verhalten wie militärische Auszeichnungen trugen. Schulmädchen mit nackten Beinen, angezogen wie kleine Nutten, in superkurzen Miniröcken und Schwindel erregend hochhackigen Stiefeln. Sie hingen Tag und Nacht am Haupteingang des Workhouse’ herum, tranken, rauchten, fluchten und machten Drohgebärden, wenn die Bewohner mit ihren VWs und Porsches die Straße herunterröhrten und wild mit den Fernbedienungen für die automatischen Schranken des Parkplatzes wedelten, als ob ihr Leben davon abhinge.
An diesem Weihnachtsmorgen jedoch waren die Kapuzenpullis und Nutten zu Hause und öffneten ihre Weihnachtsgeschenke. Und Winston Churchill, der Tagesportier des Workhouse’, war - einzigartig für die Bewohner des Gebäudes - zur Kirche gegangen. Im gemeinsamen Fitnessraum im Untergeschoss, der an Werktagen einem Hexenkessel aus Testosteron, Schweiß und Calvin-Klein-Eau-de-Toilette glich, mussten die Power-Plate-Fitnessgeräte und Laufbänder erst noch angestellt werden.
Mindestens die Hälfte der Bewohner des Workhouse’ hatte London verlassen und verbrachte Weihnachten in Klosters, Gloucestershire oder Ibiza, und daher knarzte das riesige viktorianische Gebäude wie ein verlassenes Schliff.
Oben im dritten Stock faulenzten Mark und ich in unseren Frotteebademänteln und fühlten uns alleine wunderbar.
Mark werkelte auf der Küchenseite unseres offenen Wohnzimmers herum, während ich auf dem großen weißen Teppich neben dem mit Edelstahl verkleideten freistehenden Kamin lag - einer der vielen »Wow«-Faktoren, weswegen ich vor sieben Jahren schon bei der ersten Besichtigung beschlossen hatte, die Wohnung zu kaufen. Fluf fy lag neben mir auf dem Teppich, seine langen Hinterbeine hatte er hinter sich ausgestreckt, seine Schnauze lag friedlich zwischen seinen Pfoten, und er schnarchte sanft.
Obwohl der Himmel jenseits der riesigen Schiebefenster bleigrau und schwer war - hier drinnen war es wunderbar gemütlich. Die Flammen des Gasfeuers - bis zum Maximum aufgedreht - flackerten und warfen einen warmen Schein auf die unverputzten Ziegelwände, und ein Dutzend sternförmige Papierlaternen ließen flackernde Schatten über die gewölbte Decke tanzen. Die farbigen Christbaumkugeln, die grellbunten Lamettafäden von Woolworth und die Ketten blinkender LED-Lämpchen an unserem etwa zwei Meter fünfzig hohen Weihnachtsbaum funkelten und eine riesige Plastikschneeflocke, überzogen mit glänzendem Glitter, war an der Badezimmertür befestigt. Den letzten Touch gaben der tanzende Mini-Weihnachtsmann und dieWeihnachts-CD Krazy Karaoke Karols, die aus unserer Bang&Olufsen-Stereoanlage dröhnte.
Als ich zwei Tage zuvor zur Arbeit gehetzt war, hatte es in unserem Apartement noch keinerlei Anzeichen von Weihnachten gegeben.Aber sobald ich gegangen war, hatte Mark mit Fluffy einen Spaziergang zum Chapel Street Market gemacht und die Weihnachtsstände geplündert. Als ich am Abend zurückkam, hatte er bereits alles auf gehängt.
»Na, was sagst du jetzt?«, hatte er gefragt.
Er hatte in der Tür gelehnt, während Fluffy eine Runde nach der anderen um den blinkenden Weihnachtsbaum gerannt war und wie ein Wahnsinniger das haarige Ende seines Schwanzes gejagt hatte.
Ich hatte es mit professionellen Augen betrachtet.
»Ich würde sagen, es ist teilweise 1960er Wohnwagen-Schrott und teilweise wie die Weihnachtskrippe in Hamley’s Spielzeugparadies. Total geschmacklos, kitschig und völlig überzogen. Und ich finde es großartig, Liebling! Du solltest nächstes Jahr die Schaufenster von Haines & Hampton dekorieren. Alles, was noch fehlt, ist ein beleuchteter Schlitten auf dem Dach.«
Mark hatte meine Hand genommen und mich ins Schlaf zimmer geführt. Fluffy war uns auf den Fersen gefolgt. Plötzlich hatte er die Ohren gespitzt und geknurrt. Einen Moment später hatte er sich von einem gutmütigen Mischling in einen tollwütigen Werwolf verwandelt und sich gegen die Schiebefenster geworfen. Ein lebensgroßes aufblasbares Plastik-Rentier mit einer leuchtend roten Nase starrte von unserem überdachten Balkon zu uns herein.
»Wo, um Himmels willen, hast du das aufgetrieben?« Ich schnappte nach Luft.
»Es war ein Restposten - zusammen mit dem tanzenden Weihnachtsmann. Ich glaube, der Typ, der es mir verkauft hat, wollte nach Hause.«
Ich hatte meinem Göttergatten die Arme um den Hals geschlungen. »Wie kann ich dir jemals genug für das danken, was du für mich tust?«
Witzigerweise war ihm sofort der perfekte Dank eingefallen. Und das Bett stand genau hinter uns.
Von da an war alles großartig zwischen uns gewesen - eigentlich viel besser, als es seit ewigen Zeiten gewesen war. Mark hatte mich nicht angemeckert, wenn ich meinen Abfall nicht zum Recyclen sortiert hatte, und ich hatte ihn nicht angemeckert, wenn er seine matschverschmierten Wanderschuhe auf den weißen Wohnzimmerteppich fallen gelassen hatte.
Er hatte mich nicht beschuldigt, dass ich jeden Morgen als Erstes das Bad für mich allein in Beschlag nahm und ich hatte mich nicht beschwert, dass seine Musik mich spätnachts nicht einschlafen ließ. Er kochte mir, ohne dass ich darum bitten musste, mein Lieblingsessen: Spaghetti Carbonara, in der Pfanne gebratenen Kabeljau mit selbst gemachten Pommes frites, und Delikatess-Erbsenpüree oder Schokoladen-Nemesis aus dem River-Café-Kochbuch. Im Gegenzug verdrückte ich alles, ohne auch nur einmal zu erwähnen, dass ich noch immer die kohlehydratarme Diät machte, an die ich mich - leider ohne Erfolg - die letzten drei Jahre gehalten hatte.
Als ich also am ersten Weihnachtsfeiertag in das Gasfeuer starrte und Mark mit zwei frisch gebrühten Cappuccinos auf mich zukam, war ich dankbar für das, was ich hatte. Wie schön es war, gemeinsam mit den beiden Lebewesen, mit denen ich auf der Welt am liebsten zusammen war, vor einem Feuer zu sitzen und die Karaoke-Version von »O Little Town of Bethlehem« mitzusingen - wenn auch falsch.Außerdem roch ich den süßen, etwas medizinischen Geruch der riesigen Nordmanntanne, und vom Ofen herüber wehte der betörende Duft eines langsam bratenden Fasans, der in Pancetta eingewickelt und mit in Calvados getränkten Äpfeln gefüllt war.
Wie üblich war Mark, der ein brillanter Koch war, für unser Weihnachtsessen nur das Beste gut genug, aber ich war so zufrieden an diesem Morgen, dass es mir völlig egal war, was es zum Mittagessen geben würde - es hätten auch Fischstäbchen sein können. Unser Weihnachten war zwar nicht das lebhafteste und geselligste - mein Vater war mit seiner Freundin Norma und ihren beiden halbwüchsigen Söhnen auf Barbados, und Marks Eltern, Jackie und Dennis, kochten Mittagessen für ihre Kunden im Dog & Fox, ihrem Pub außerhalb von Norwich -, aber zusammen zu Hause zu sein, das war für Mark und mich einfach perfekt. Nachdem wir gegessen hatten, zogen wir uns an und fuhren hinüber nach Hampstead Heath zu unserem traditionellen Weihnachtsspaziergang auf der Heide, wie in jedem der fünf Jahre, seit wir zusammen waren. Was könnte nach der stressigen, alkoholseligen Adventszeit und dem Weihnachtsendspurt in der Arbeit erholsamer sein als vierundzwanzig Stunden Privatsphäre und häusliche Gemütlichkeit. Irgendwann ist es genug Bollinger-Champagner, genug der Freundlichkeit, genug der Diskussionen darüber, welches Designerkleid, welcher Lidschatten und welche Clutch-Bag bei einer Kundin am besten aussieht. Genug, denn sonst könnte sie das Gefühl bekommen, das Luxus-Modebusiness für immer sattzuhaben.
Es gab noch einen Grund, warum ich an diesem Weihnachtsmorgen so glücklich war. Es waren nur noch sechs Tage bis zum 31. Dezember. Und das hieß, dass Mark und ich es ein weiteres Jahr geschafft hatten. In den vergangenen zwölf Monaten hatte es Zeiten gegeben, in denen ich Angst gehabt hatte, wir würden es nicht packen. So, wie ich es auch im Vorjahr schon befürchtet hatte. Oh, ja, und im Vor-Vor-jahr. Aber nun war es kurz vor Silvester, und wir waren immer noch zusammen, dachte ich selbstzufrieden, als ich den kakaobestäubten Milchschaum von meinem Cappuccino löffelte und ihn ableckte. Es war, in der Tat, ein Weihnachtswunder. Ein etwas kleineres Wunder, als die »Jungfräuliche Geburt«, aber dennoch ein Wunder.
»So, will jemand Geschenke?«, fragte Mark und setzte sich neben mich.
»Ich, bitte!«
Er stellte seine Tasse ab und kroch unter den Weihnachtsbaum. Dabei entblößte er für einen flüchtigen Augenblick eine marmorweiße Pobacke unter seinem Bademantel. Nach einigem Wühlen tauchte er mit einem Turm aus Schachteln und Päckchen auf, die alle wunderschön in rot-goldenes Geschenkpapier gewickelt und mit silbernen Schleifen zugebunden waren - Geschenke, die er höchstpersönlich extra für Fluffy und mich verpackt hatte. Spontan beugte ich mich zu ihm hinüber und küsste ihn.
»Mmm. Womit habe ich das verdient?«, sagte er mit einem Lächeln.
»Nur so. Du siehst nur gerade ziemlich geil aus, das ist alles.«
»Geil? Was ist das denn für ein Ausdruck? Den hast du doch von deinen halbwüchsigen Assistentinnen übernommen, oder? Du meinst doch bestimmt weltmännisch, kultiviert und unwiderstehlich?«
Wenn es etwas gab, das Mark nicht war, dann war es weltmännisch und kultiviert. Aber unwiderstehlich? Ich sah auf seinen großen, lächelnden Mund und die zerfurchten blauen Augen, die weit auseinanderlagen in seinem markanten, vom Wetter gegerbten Gesicht, das weicher wirkte durch den Heiligenschein aus widerspenstigen dunklen Locken, die es umgaben. Mit vierzig war er immer noch sehr attraktiv, sogar noch attraktiver als damals, als er mit seinen fünfunddreißig Jahren zum ersten Mal in mein Leben getreten war.
»Oh, ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass du unwiderstehlich bist«, sagte ich, als ich ein paar Tannennadeln herauspickte, die sich in seinem Haar verfangen hatten.
»Warum nicht?« Er formte seine Lippen zu einem dicken spöttischen Kuss, und warf sich auf mich. Als wir wie Kinder herumtollten, traf ich versehentlich Fluffy mit meinem Ellbogen. Er wachte mit einem Jaulen auf und sprang auf seine Pfoten. Beim Versuch mitzuspielen, packte er den Saum von Marks Bademantel, versuchte ihm diesen auszuziehen, und stieß dabei Marks Cappuccino um.
Bei den Geschenken kam Fluffy als Erster dran. Wir hatten ihn fürchterlich verwöhnt, aber ich kann nicht behaupten, dass er es zu würdigen gewusst hätte. Nicht einmal der von Hand gebackene biologische Johannisbrot-Hundekuchen in Form einer Schneeflocke konnte ihn dazu verführen, dass neue Kunstfell-Bett auszuprobieren, das wir ihm gekauft hatten. Er bevorzugte eindeutig das Papier, in dem es eingewickelt gewesen war, und das er prompt in Fetzen riss und über den ganzen Fußboden verteilte. Er sah toll aus im neuen Set aus Halsband und Hundeleine von Burberry, das ich mit meinem Mitarbeiterrabatt bei Haines in der Abteilung für Luxusgeschenke gekauft hatte.Wenngleich mehr wie ein protziger nouveauriche Rockstar als der Gutsherr mit Stammbaum, den ich mir erhofft hatte. Aber mit seinem dünnen, Lurcher-typischen Körper, mit dem überlangen Rücken, dem schreitenden Gang, den herausragenden Hüftknochen und dem schwarz-weißen Fell, das wie ein altmodischer Wischmopp auf seinem Kopf wuchs, war Fluffy nicht wirklich der Hund für die Pedigree-Werbung.
Da verlieh ihm der Anhänger an seinem Halsband, in Form eines Knochens und aus reinem Sterling-Silber mit eingraviertem Namen, doch eher ein Upper-Class-Aussehen. Nicht, dass Fluffy mit Designer-Accessoires zu beeindrucken wäre. In Wirklichkeit war das einzige Geschenk, das ihn wirklich interessierte, ein billiger Weihnachtsstrumpf, voll mit Kauknochen aus Rinderrohhaut und Leckereien mit Lebergeschmack, die Mark bei unserer Tierhandlung in der Nachbarschaft gekauft hatte. Fluffy hatte sie (zusammen mit der Hälfte der Nylon-Netz-Verpackung) und trotz unserer Warnungen, dass er sich den Appetit für das Mittagessen ruinieren würde, innerhalb von Minuten weggeputzt.
Als Nächstes öffneten wir abwechselnd unsere Geschenke. Ich hatte Mark die neue Eric-Clapton-Autobiografie gekauft. Er hatte mir einen Gutschein für einen Tag im angesagtesten Londoner Spa besorgt. Ich hatte ihm ein Paul-Smith-Sweatshirt geschenkt. Er mir eine sagenhaf te Vivienne-Westwood-Tasche aus rotem Lackleder, mit der ich die ganze Saison geliebäugelt hatte. Ich hatte ihm Kopfhörer von Bose für seinen iPod geschenkt. Er hatte mir den Achttausend-Pfund-Banksy-Druck gekauft - der ihm gefallen hatte, als wir ihn vor einigen Monaten in einer Galerie in Soho gesehen hatten. Jeder, der diese Geschenke sah, konnte denken, dass ich im Vergleich zu meinem mehr als großzügigen Ehemann ein Geizkragen war. Sie sollten jedoch wissen, dass alles, was Mark und ich füreinander mit unseren Kreditkarten gekauft hatten, am Ende von unserem gemeinsamen Bankkonto abgebucht werden würde. Ich sage gemeinsames Bankkonto, weil es auf unser beider Namen lief.Wir hatten beide Scheckbücher, EC-Karten und Zugang zum Internet-Banking. Alles, was von diesem Konto gezahlt wurde, waren gemeinsame Ausgaben.
Das Einzige, was an diesem Konto nicht gemeinsam war, war das Geld, das darauf eingezahlt wurde.
Das kam ausschließlich von mir.
Wie ich meinem Vater oft sagte, wenn er sich über Mark beschwerte, war - außer den vertauschten Rollen - nichts Ungewöhnliches an unserer Situation, die sich in Millionen Ehen rund um den Globus wiederholte. Ich als der Hauptverdiener brachte den größten Teil unseres Einkommens nach Hause und mein Ehepartner, der ein Taschengeld verdiente, half mir, es auszugeben. Und Geld ausgeben, das war eine von drei Sachen, die mein Mann richtig gut konnte. Die anderen waren Kochen und Sex.
»Wow!«, sagte ich, als ich den Banksy ausgepackt hatte.
»Du hast ihn wirklich gekauft!«
»Jep.« Er sah ihn stolz an und lächelte.
»Ich bin in derselben Woche noch einmal mit meiner Visa-Card zurückgeschlichen.«
»Erstaunlich!«
»Gefällt er dir?«
»Natürlich! Er ist toll!«
So toll, wie der Druck sein konnte, angesichts dessen, dass es das Bild einer Ratte war, die ein Plakat trug, auf das die Worte »Willkommen in der Hölle« gekritzelt waren.
»Ich bin nur so... also, ich bin überrascht, dass du so viel Geld ausgegeben hast, das ist alles.«
»Ich weiß, es ist unglaublich extravagant«, fuhr Mark fort und sah mich zweifelnd an. »Aber ich dachte, er würde dir gefallen!«
»Oh, ja, ich mag ihn! Sehr sogar! Ich meine, er ist großartig, Mark. Ein brillantes Geschenk! Dank dir vielmals! Was meinst du, wo sollen wir ihn aufhängen?«
»Also, ich bin mir nicht sicher. Ich dachte - vielleicht hier?«
Er zeigte auf das kleine Galeriegeschoss, das teilweise die Küche überdachte. Es war unser Arbeitsbereich, in dem Marks digitales Klavier stand, das ich ihm - in der vergeblichen Hoffnung, es würde ihn zur Komposition seines Nr. I-Hits inspirieren - zum letzten Geburtstag gekauft hatte.
»Mmm?«
Er sah plötzlich enttäuscht aus. »Warum sagst du das in diesem Ton, Annie?«
»In welchem Ton?«
»Misstrauisch. Mmm? Als ob du glauben würdest, dass ich den Banksy für mich gekauft habe.«
Ich fluchte, dass er ein so guter Gedankenleser war. »Mark! Wie schrecklich so etwas zu sagen!«
»Ich glaube nur, dass das Bild dort oben gut aussehen würde - du nicht?«
»Ja. Fantastisch.«
»Wirklich? Schau, ich weiß, dass es ziemlich teuer war, aber ich habe es als Investition gesehen. Ich meine, zusätzlich zu deinem Geschenk. Ich bin sicher, dass ich im Guardian gelesen habe, dass die Preise für Banksy-Drucke immer weiter nach oben schießen. Stimmt doch?«
»Oh, ja!«
»Und ich dachte, dass du zu Weihnachten etwas Besonderes verdienst.«
Er sah plötzlich verlegen aus.
»Ich wollte dich verwöhnen. Du hast in diesem Jahr so hart gearbeitet und warst so erfolgreich, während ich... Na, ja - ich war verdammt nutzlos, oder nicht? Wie üblich.«
»Warst du nicht!«
»Hör mit dem Scheiß auf, Annie.«
Marks Ausbrüche aus sich-selbst-zerfleischender Objektivität ließen mich immer dahinschmelzen. Ich konnte es nicht ertragen, ihn so außer sich zu sehen. Er war so davon überzeugt, Gitarrenmusik zu komponieren und Songtexte zu schreiben. Das tat er, seitdem er vor hundert Jahren die Universität verlassen hatte - auf der er laut meinem Vater einen extra Abschluss in Faulheit abgelegt hatte. Er arbeitete so hart an seinen Kompositionen, aber mit wenig Ergebnis. Von den Ausschnitten, die ich von seinen Songs gehört hatte - wenn er sich mal herabließ, sie mir vorzuspielen -, glaubte ich fest daran, dass sie Erfolg haben würden,vorausgesetzt, dass er endlich jemanden finden würde, der sie aufnahm.
Aber wann würde das sein? Kein Wunder, dass er frustriert war. Während ich, seit wir vor fünf Jahren geheiratet hatten, eine Karrierestufe nach der nächsten emporgeklettert war, hatte seine Karriere nirgendwo hingeführt. Er hatte Ehrgeiz - oder wenigstens so etwas Ähnliches -, aber hatte er auch genügend Talent? Ich hielt seine Musik für großartig, aber leider schienen die Leute in der Musikbranche anderer Meinung zu sein. Jahr für Jahr machte Mark weiter, endlos verbesserte er seine Arrangements, schrieb sie um und feilte so lange an ihnen, bis sie ganz durchgewetzt waren. Auf seinem Schreibtisch türmten sich die Absagen der Musikverlage, -produzenten und -agenten. Einige waren freundlich - Absagen im Stil von »Meine-Liste-ist-schon-so-voll-dass-ich-nichtin-der-Lage-wäre-Ihren-offensichtlich-vielfältigen-Ta-lenten-Genüge-zu-tun«. Andere waren schlichtweg beleidigend, und einige Agenten machten sich nicht einmal die Mühe, ihm zu antworten. Vermutlich hatten sie nicht mal die CDs angehört, die er ihnen geschickt hatte, sondern sie geradewegs in den Papierkorb befördert, wie ich es mit den DVDs der alten Fernseh-Sitcoms tat, die man scheinbar mit jeder Sonntagszeitung kostenlos bekam.
»Oh, Liebling. Jetzt spiel’ nicht verrückt!«, sagte ich zu Mark. »Du bist ein ausgezeichneter Komponist!«
»Ich bin Schrott!«
»Bist du nicht. Ich glaube an dich.«
»Danke. Aber was verstehst du schon von Musik?«
Das war Marks leicht beleidigende Antwort, wann immer ich seine Arbeit lobte.
»Na ja, ich höre Radio. Und gelegentlich sehe ich MTV. Außerdem weißt du, dass ich nicht wüsste, was ich ohne dich tun sollte.Wo ich doch so lange im Geschäft arbeite. Wer würde für Fluffy sorgen, wenn du einen Ganztagsjob hättest? Und wer würde für mich sorgen?«
Schließlich gelang es mir mit meinen Schmeicheleien, seine Stimmung zu heben und wir gingen ins Bett. Während Fluffy auf dem Teppich döste und rhythmisch schnarchte, liebten wir uns mit mehr Zärtlichkeit, als wir es seit langem getan hatten. Ich war selbst erstaunt, dass ich meinen Orgasmus nicht vortäuschen musste - das hatte ich in letzter Zeit etwas zu oft getan. Es war nicht so, dass ich keinen Sex mehr mit Mark wollte, aber wenn ich von der Arbeit heimkam, war ich so müde, dass mir eine Tasse Ovomaltine lieber war als die Nacht der Leidenschaft, die im Angebot war. Wahrscheinlich wurde ich alt.
Danach kuschelten wir im Bett und sahen uns die DVD von Ist das Leben nicht schön? an.
»Was ist das für ein Geruch?«, fragte Mark plötzlich. »Irgendetwas brennt. Oh, Scheiße, das muss der Fasan sein!«
Er sprang aus dem Bett und rannte splitternackt in die Küche, Fluffy dicht auf seinen Fersen.
Ich lächelte in mich hinein, setzte mich auf, lehnte mich an den hohen Kissenstapel und lauschte der häuslichen Symphonie, die aus der Küche kam: das Klackern eines Bräters, der aus dem Ofen genommen wurde, das Rascheln von Alufolie, das Rattern der Messerschublade, gefolgt von einer Reihe von Flüchen.
»Kein Grund zur Panik, Schwester«, rief er.
»Es könnten Verbrennungen dritten Grades sein, aber ich glaube, ich kann ihn retten. Möglicherweise müssen wir jedoch amputieren.«
Ein paar Minuten später erschien er mit einer verkohlten Keule in der Hand und fragte: »Würdest du sagen, das hier ist durch?«
Während ich mich kaputtlachte, schnappte sich Fluffy die verbrannte Gabe, balancierte sie zwischen seinen großen Vorderpfoten und machte es sich auf dem Bettvorleger gemütlich, um sie zu zerbeißen. Zu seiner großen Verstimmung nahm Mark sie ihm weg, weil er befürchtete, dass die Knochen in seinem Maul splittern könnten. Dann schloss er die Schlafzimmertür hinter mir und dem schlecht gelaunten Köter, und ging in die Küche zurück, um die Reste des Weihnachtsessens zu retten.
Das Eheleben! Nichts konnte es schlagen, dachte ich, während Fluffy, wütend darüber, dass er aus der Küche ausgeschlossen worden war, erst an der Tür winselte und dann zu einer seiner häufigen Such-und-zerreiß-es-Missionen unter unser Bett kroch.Wie recht ich doch gehabt hatte, mit Mark zusammenzubleiben!
Nachdem ich vor achtzehn Monaten seine Affäre mit Fern, unserer australischen Pilates-Lehrerin, entdeckt hatte, hatte mich meine beste Freundin Clarissa gewarnt, dass Marks Unreife angeboren wäre und er nie zur Ruhe kommen würde. Über einer Flasche chilenischem Sauvignon Blanc und einer großen Schale gesalzener Mandeln im Roach and Parrot in der Upper Street versicherte ich ihr, dass sie falschlag.
»Mark sagt, er hätte die Affäre nur begonnen, weil er unglücklich und frustriert war«, sagte ich zur Rechtfertigung.
»Es war zum Teil mein Fehler.«
»Deiner?« Aufgebracht rutschte Clarissa auf ihrer Stuhlkante nach vorne. Selbst in alten schwarzen Hosen und einer marineblauen Strickjacke ihres Ehemannes, die nicht nur drei Nummern zu groß für sie war, sondern auch schon bessere Tage gesehen hatte, brachte es meine große, schlanke Freundin fertig, so elegant wie Erin O’Connor auszusehen. Selbst in unserer dunkelblauen Schuluniform hatte sie gut ausgesehen - ein Kunststück, das keinem anderen Mädchen gelungen war.
»Haltung liegt ihr im Blut«, hatte mir ihre Mutter einmal im Wohnzimmer des Familienwohnsitzes in Cadogan Square gesagt - einem düsteren Ort voller dunkler, mit Firnis überzogener Porträts ihrer Ahnen, und schwerer viktorianischer Möbel, die wie die Finanzen der Familie Garland schon bessere Tage gesehen hatten.
»Weißt du Liebes, Clarissas Großmutter war eine Herzogin. Und die Herkunft lässt sich erkennen, wie wir alle wissen.«
Vielleicht wollte mich die »Ehrenwerte« Mrs. Garland davor warnen, mich mit ihrer Tochter anzufreunden: Bei meinem familiären Hintergrund war eine adäquate Herkunft etwas, was ich nie besitzen würde, wenigstens nicht in ihren Augen. Aber das Sympathische an Clarissa war, dass sie - schon im Alter von elf Jahren - keinen Deut auf all das gab. Wir beide waren von unserem allerersten Schultag an unzertrennlich, obwohl ich meine Großmutter »Nan« nannte und nicht »Ihre Lady«, die H’s an Wortanfängen verschluckte, und die Erbsen mit der Gabel von meinem Teller aß (obwohl meine neuen Lehrer das schnell beendeten).
Es stellte sich heraus, dass Clarissa verzweifelt darum bemüht war, die kippelnde aristokratische Seite ihrer Familie hinter sich zu lassen, statt sie zu stärken. Sobald sie die Schule beendet hatte, wurde sie Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei und zog mit James zusammen, dem mittellosen Sohn eines walisischen Minenarbeiters, der Jura studierte und links-gerichtet war. Siebzehn Jahre später war James Kronanwalt und ein treuer Anhänger der Liberalen, während Clarissa Sozialarbeiterin war und die gehetzte, irgendwie ausgelaugte Mutter ihrer vier hinreißenden Töchter Rachel, Rebecca, Emily und Miranda. Aber wichtiger als das war, wenigstens für mich, dass sie immer noch meine beste Freundin war.
»Weißt du, ich habe Mark in letzter Zeit nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt«, hatte ich angefangen zu erklären.
»Ich habe ihm meine Liebe nicht genug gezeigt. Ich war zu sehr mit meinem Job beschäftigt.«
Clarissa hatte ihr langes, glattes, aschblondes Haar geschüttelt.
»Weil du in deinem Job hervorragend bist! Du warst unglaublich erfolgreich bei der Leitung der Personal-Shopping-Abteilung von Haines. Die Vogue hat dich nicht umsonst in ihrer letzten Ausgabe die ›Königin der Stilberatung< genannt, Liebling. Mark sollte dafür Verständnis haben. Er sollte stolz auf dich sein.«
»Ach, das ist er. Ich bin sicher, dass er das ist.«
»Sagt er es dir so oft?«
»Ja«, hatte ich gesagt. Aber als mich Clarissa forschend ansah, gab ich zu: »Nein, in letzter Zeit nicht.«
»Du darfst keine Schuldgefühle haben, nur weil du deinen Job gut machst,Annie. Du hast eine echte Begabung, Menschen zu helfen, ihr Erscheinungsbild zu verbessern. Ich meine, denk’ mal daran, was du für diese Wie-heißt-sie-gleich-nochmal getan hast.«
»Wer ist Wie-heißt-sie-gleich-nochmal?«
»Du weißt schon - die geheime Staatssekretärin für Wen-auch-immer. Die Boulevardpresse nennt sie in einem Moment eine politische Belastung, und am nächsten Tag klatschen alle Hochglanzmagazine des Landes ihr Bild auf die Titelseite.«
»Ach, das war nicht schwer, sie besser aussehen zu lassen, weil sie nicht mehr schlimmer aussehen konnte.«
»Mark sollte dir dankbar sein. Einer von euch beiden muss ein vernünftiges Einkommen nach Hause bringen, Herrgott noch mal.«
»Das weiß ich ja. Aber ich glaube, er kapiert einfach nicht, dass alles Geld kostet.«
Ich knabberte ein paar Mandeln und spülte sie dann mit einem kräftigen Schluck Sauvignon hinunter.
»Und dann ist da die Sache mit dem Baby.«
»Ah. Die verdammte Sache mit dem Baby, das immer noch seinen hässlichen, kahlen, kleinen Kopf hebt«, hatte Clarissa gesagt, wobei sie die Konsonanten betont deutlich aussprach.
»Das ist nicht witzig. Das ist eine ernste Sache. Du kannst Mark nicht verübeln, dass er eine Familie gründen will.«
»Vermutlich nicht. Männer haben so traurig zerbrechliche Egos, dass sie ihre Männlichkeit mit Samenergüssen beweisen müssen. Denk’ doch nur an James.Trotzdem. Du kannst mich ja altmodisch nennen, aber ich glaube nicht, dass mit einer anderen Frau zu schlafen, die beste Methode ist, die eigene zu schwängern.«
»Sicher nicht. Aber du kennst mich. Ich bin noch nicht bereit, Mutter zu werden.«
Clarissa hob ihre geschwungenen, aristokratischen Augenbrauen.
»Du bist in den Enddreißigern, Liebling. Tick-tack und der ganze Bullshit.«
»Danke, dass du mich daran erinnerst. Du klingst wie Mark. Und wie mein Vater. Weißt du was? Selbst du gibst insgeheim zu, dass ich Mark vergrault habe, weil ich noch keine Kinder haben will!«
»Aber du musst doch davon ausgegangen sein, dass er irgendwann welche will. Immerhin kommt er aus einer großen, fröhlichen Familie. Wie viele Schwestern hat er? Sechs? Sieben?«
»Drei. Über die zahlreichen Nichten und Neffen habe ich den Überblick verloren.«
Ich schob die halbleere Nussschale auf ihre Seite des Tischs.
»Bitte sorg’ dafür, dass ich keine mehr kriege. Unter Androhung der Todesstrafe. Außer diesen hier«, fügte ich hinzu, als ich mir eine letzte Hand voll in den Mund schaufelte. Heute war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt für meine Dauerdiät. Aber wann war er das schon?
»Ich schätze, ich muss mich in Zukunft mehr anstrengen, um ihn zufriedenzustellen, wenn ich ihn davon abhalten will, eine weitere Affäre zu haben.«
»Tolle Idee«, kommentierte Clarissa trocken.
»Bekomm’ viele Babys und noch mehr Babys, nur um Mark glücklich zu machen. Eine Brut plärrender Bälger, die die Wohnung überrennen - das sollte ihn vom Streunen abhalten.«
Clarissa hatte verzweifelt ihren Kopf geschüttelt.
»Du solltest dich selbst hören, Annie. Du klingst wie eine misshandelte Ehefrau, die sich selbst die Schuld für das ungeheuerliche Benehmen ihres Mannes gibt und dann zu ihm zurückgeht, um sich wieder verprügeln zu lassen.«
Als ich am ersten Weihnachtsfeiertag im Bett lag, versuchte ich diese Unterhaltung aus meinem Kopf zu verbannen und konzentrierte mich stattdessen auf die alten Schwarzweißbilder einer amerikanischen Kleinstadt von 1946, die in Ist das Leben nicht schön? über den Bildschirm flackerten. Aber selbst als ich einen verzweifelten George Bailey alias James Stewart sah, der seinem Schutzengel Clarence erzählte, sein Leben sei ein kompletter Fehler gewesen, dachte ich an Marks Affäre.
Trotz all dem, was Clarissa gesagt hatte, nachdem ich Ferns widerlichen roten Tanga zwischen den ekligen Socken in seiner Sporttasche gefunden hatte, wusste ich, dass es richtig gewesen war, zu ihm zu stehen. Immerhin war die Affäre nur eine Begegnung - ein Brief Encounter - gewesen, wenn Sie mir die Anspielung auf den Film verzeihen mögen.Außer dass Mark und Fern - anders als Celia Johnson und Trevor Howard, die verliebten Stars eines meiner liebsten Schwarzweißfilme - echten Sex miteinander gehabt hatten, statt nur darüber nachzudenken. Und wenn ich mit meiner Vermutung richtiglag, hatten sie es auf ein paar Male gebracht.
Dennoch, Mark hatte darauf beharrt, dass er es nur getan hatte, weil er wegen unserer Beziehung so niedergeschlagen und frustriert gewesen war, und er hatte versprochen, dass es nie wieder vorkommen würde. Und wenn man das Richtig und Falsch der Situation in die Waagschalen der Gerechtigkeit wirft, die Spitzentangas und all das - was wiegen dann ein paar Male bedeutungsloses Gebumse gegenüber unserer Ehe?
In Ist das Leben nicht schön? schließen sich die guten Leute von Bedford Falls zusammen, um George Bailey vor dem finanziellen Ruin zu retten, während seine Frau Mary mit Tränen des Stolzes in den Augen neben ihm steht.
Als ich mich unter die Bettdecke kuschelte, gratulierte ich mir selbst dazu, dass sich die Dinge zwischen Mark und mir während des letzten Jahres wirklich zum Besseren gewendet hatten. Es war nicht einfach gewesen, aber wir hatten es geschafft, den schwierigen Themen - wie Geld und Fern und Kinder kriegen, und Geld und Fern und meine langen Arbeitszeiten, und die langen Arbeitszeiten, die er nicht hatte, und Fern und Geld - aus dem Weg zu gehen, und in Folge dessen hatten wir längst nicht mehr so viel gestritten wie zuvor.
In derVorweihnachtszeit schien er glücklicher und entspannter zu sein als das ganze Jahr über. Er machte sogar gute Fortschritte mit einem neuen Song. Wenn man sein Talent endlich einmal erkannt hätte, wäre sein Selbstbewusstsein wieder hergestellt und dann, redete ich mir selbst ein, würden wir glücklich bis in alle Ewigkeit leben, genau wie George und Mary Bailey.
Es raschelte unter dem Bett und die Spitze von Fluffys langem drahtigem Schwanz, die unter dem Volant hervorlugte, sauste aufgeregt von einer Seite zur anderen. Er hatte unter dem Müll, den wir unter das Bett geschoben hatten, etwas Interessantes entdeckt, und nach den Geräuschen, die ich hören konnte, war er gerade dabei, es in Fetzen zu reißen.
»Fluffy?«
Ich beugte mich über die Bettkante, hob den Volant hoch und spähte in die Dunkelheit. Obwohl er wusste, dass ich da war, nahm Fluffy keinerlei Notiz von mir, selbst dann nicht, als ich auf seine Hinterpfoten klopfte.
»Was machst du da?«
Er ignorierte mich weiterhin. Was auch immer er gefunden hatte - ein altes Höschen, einen angebissenen Keks, zusammengeknüllte Strumpfhosen -, ich wusste, dass es ihm nicht gut bekommen würde. Wahrscheinlich würde er es fressen, dann eine Weile daran würgen und es schließlich auskotzen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft Mark und ich die erbrochenen Folgen von Fluffys Zerstörungspartys hatten aufwischen müssen.
Was hatte er jetzt gefunden?
»Leg es hin!«, sagte ich in meinem besten Befehlston.
Ich hätte mir meinen Atem sparen können. Es war hoff nungslos, Fluffy etwas zu befehlen. Mark, der gut mit Hunden konnte, sagte, dass Fluffy der ungehorsamste Hund sei, der ihm je über den Weg gelaufen war.
»Hast du mich gehört, Fluffy? Ich sagte, leg es hin!«
Fluffy warf mir einen trotzigen Blick zu, seine Augen blitzten gelb im düsteren Dunkel unter dem Bett, und machte dann ungerührt mit dem weiter, was er bisher getan hatte. Ich hörte das nächste reißende Geräusch, gefolgt von einem Knirschen.
Ich sprang aus dem Bett, warf mir den Bademantel über, packte ihn an den Hüftgelenken und zog ihn heraus. Obwohl er ein gefährliches Knurren von sich gab, wusste ich, dass er mich nicht beißen würde. Fluffy mochte vorgeben, dass er aggressiv war, aber generell verabscheute er Gewalt - von gelegentlichen Raufereien mit anderen Hunden mal abgesehen.
»Okay, das reicht jetzt!«, sagte ich.
»Gib es mir!«
Im Glauben, deshalb ein cleverer Hund zu sein, ließ Fluf fy fallen, was er gerade gekaut hatte, bevor seine Schnauze unter dem Bett auftauchte. Obwohl er mir einen unschuldigen Blick zuwarf, hatte er Reste von rot-goldenem Papier zwischen seinen Lefzen.
Ich ließ ihn los, und bevor er unter das Bett zurückkriechen konnte, griff ich darunter und rettete seine durchweichte Beute. Als ich es auf die Matratze warf, sprang er hinterher und bellte aufgeregt. Ich folgte seinem Beispiel und brachte das Ding außer Reichweite.
»Geh runter!«, sagte ich und stand auf der Matratze, während Fluffy Pirouetten in der Luft drehte und mit dem Maul nach dem Papier schnappte.
»Geh runter! Böser Hund! Runter!«
Schließlich schlich er auf den Fußboden zurück, wo er wachsam dasaß und das Päckchen mit sehnsüchtigem Blick ansah.
Er hatte noch ein Weihnachtsgeschenk gefunden. Es war in dasselbe teure rot-goldene Geschenkpapier eingepackt wie der Banksy.
Ich las den Text auf der Karte.
»Darling«, hatte Mark in seiner krakeligen Schrift gekritzelt.
»Eine Kleinigkeit für unsere Spaziergänge in Hampstead Heath.« Danach hatte er so unterschrieben, wie er immer nur für mich unterschrieb. Eine lange Zeile mit »X-en« und einem Stern am Ende.
Er muss vorher vergessen haben, es mir zu geben, dachte ich. Oder er wollte es als besondere Überraschung für später aufheben.
In meinem Inneren fühlte ich mich warm und wohlig.
Ich lächelte in mich hinein. Ja. Ich lächelte wirklich.
Ich dachte: Bin ich nicht eine glückliche Frau?
»Ist bei euch alles in Ordnung?«, rief Mark aus der Küche. »Es ist gleich fertig.«
»Klasse!«, rief ich zurück. »Könnte nicht besser sein. Bin in einer Sekunde bei dir.«
Ich wusste, dass ich das Geschenk sofort unter das Bett zurücklegen und warten sollte, bis Mark daran dachte, es mir zu geben. Aber die Neugier gewann die Oberhand. Was hatte er mir für unsere Spaziergänge auf der Heide gekauft? Einen Kaschmirschal bei N. Pearl’s in den Burlington Arkaden? Einen Nicole-Farhi-Hut? Oder vielleicht ein Paar der gelben, pelzgefütterten Marc Jacob-Handschuhe, die ich neulich gesehen hatte, als ich zum Spionieren bei Harvey Nicks war?
Vorsichtig, um das Papier nicht weiter zu zerreißen, klappte ich es auseinander und lugte hinein.
Mein Herz blieb stehen.Wie eine Schlange, eingerollt in ein Nest aus Zellophan und goldenem Seidenpapier, lagen da ein Hundehalsband und eine Leine. Die Leine war aus feinstem, glänzendstem Straußenleder handgearbeitet.Vom dazugehörigen Halsband hingen viele kleine Anhänger: emaillierte Sterne, eine silberne Hundehütte, ein Handy mit kleinen diamantenen Tasten und eine Hundeschüssel, zwischen denen kleine silberne Herzen hingen.
Sie mussten Mark ein Vermögen gekostet haben, schoss es mir durch den Kopf - das war wirklich das schönste Halsband und die schönste Leine, die ich je gesehen hatte.
Nur eine Sache war falsch.
Die Farbe.
Sie waren pink.
Nachdem ich für einen Moment - oder auch zwei - völlig verwirrt gewesen war, arbeitete mein Gehirn nun mit grausamer Klarheit. Dieses pinkfarbene Set aus Halsband und Leine war nicht für unseren - sehr männlichen Hund - gedacht. Ergo war die lange Zeile der Küsse auf dem Geschenkanhänger nicht für mich bestimmt.
»Das Essen steht auf dem Tisch!«, rief Mark fröhlich aus dem Wohnzimmer.
»Beeil’ dich, mein Engel!«
Ich sank, unfähig zu antworten, auf das Bett. Das durchweichte, halb aufgerissene Päckchen hing locker von meiner Hand. Fluffy schnüffelte daran und wollte es haben. Dieses Mal ließ ich ihn das Ende der Leine herausfischen und darauf herumkauen. Es war mir egal, ob es Punkte von den Spuren seiner Zähne bekam.
Ich versuchte mir darüber klar zu werden, was der größere Betrug war: Dass Mark eine weitere Affäre hatte, oder dass er das Geschenk, das er für seine neue Geliebte gekauft hatte, unter unserem Bett versteckt hatte.
Wie konnte er - wenn er wusste, dass es dort, genau unter uns lag - mich so in seinen Armen halten, mich so lieben, als ob er es ehrlich meinte, ohne von Schuldgefühlen zerrissen zu werden? Und wenn er sich schuldig gefühlt hatte, hatte er es besser versteckt als das verdammte Geschenk. Ich musste seinen Gefühlen gegenüber völlig unempfänglich sein. Weil ich einfach nicht in der Lage gewesen war, es zu bemerken.
Was für ein Idiot ich doch war!
Ich musste mich schnell entscheiden. Wie wollte ich mich verhalten? Mark mit der Hundeleine erwürgen, nachdem er sich zum Weihnachtsessen hingesetzt hatte? Oder das Päckchen dorthin zurückschieben, wo es hergekommen war. Nichts sagen und vergessen, dass ich das verfluchte Ding je gefunden hatte? Ich hatte das mit Ferns Tanga versucht, aber - ganz offensichtlich anders als Mark - war ich beim Unterdrücken meiner Gefühle ein hoffnungsloser Fall: Es hatte nur sechs zerbrochene Tassen in ebenso vielen Sekunden gedauert, bis er herausgefunden hatte, dass zwischen uns beiden etwas ernsthaft in Schieflage geraten war.
Als Mark eine Sekunde später durch die Schlafzimmertür platzte, war mir die Entscheidung aus der Hand genommen worden.
»Die verbrannten Opfergaben werden auf ihren Tellern kalt, Kleines«, sagte er.
»Komm und...«
Seine Stimme verlor sich, als er das schmale Band pinkfarbenen Straußenleders sah, das sich jetzt zwischen meiner Hand und Fluffys gefletschten Zähnen spannte. Er erstarrte.
Unsere Augen trafen sich und die Farbe wich aus seinem Gesicht.
»Oh, Scheiße!«, sagte er.
Er kam auf mich zu, schob Fluffy zur Seite und kniete reumütig zu meinen Füßen.
»Ich weiß, wie es aussieht, Liebling«, sagte er, legte seine Hand auf meine und drückte sie.
»Aber glaub’ mir, es war nur ein dummes Techtelmechtel. Es bedeutet überhaupt nichts.«
Ich verdaute das einen Moment lang. »Vielleicht nicht für dich«, sagte ich dann.
»Es tut mir so leid, Annie! Es ist einfach passiert. Weißt du, ich...«
Ich schnitt ihm das Wort ab und zog meine Hand weg.
»Ich will deine Entschuldigungen nicht hören.«
»Bitte Liebling, lass es mich wenigstens erklären.«
»Das kannst du nicht«, sagte ich.
»Dieses Mal nicht.« Ich seufzte. »Nie wieder.«
»Annie?«, fragte er. »Was redest du da?«
Ich sah in die hinreißenden Augen meines Ehemannes und ich wusste, dass, egal was immer er tat oder versprach, ich nie wieder in der Lage sein würde, ihm zu vertrauen.
»Pass auf, Mark«, sagte ich. »Wir beide wissen, dass diese Ehe nicht funktioniert. Für keinen von uns beiden.«
Und dann sagte ich die vier kleinen Worte, die den Anstoß für die ganze grauenhafte Kette der Ereignisse gaben: »Ich will die Scheidung!«
Wohin mit Fluffy -Getrennt von Tisch und Hund
summ_9783641046293_oeb_cover_r1.html
summ_9783641046293_oeb_toc_r1.html
summ_9783641046293_oeb_fm1_r1.html
summ_9783641046293_oeb_ata_r1.html
summ_9783641046293_oeb_fm2_r1.html
summ_9783641046293_oeb_tp_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c01_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c02_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c03_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c04_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c05_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c06_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c07_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c08_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c09_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c10_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c11_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c12_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c13_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c14_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c15_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c16_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c17_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c18_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c19_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c20_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c21_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c22_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c23_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c24_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c25_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c26_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c27_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c28_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c29_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c30_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c31_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c32_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c33_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c34_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c35_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c36_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c37_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c38_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c39_r1.html
summ_9783641046293_oeb_c40_r1.html
summ_9783641046293_oeb_ack_r1.html
summ_9783641046293_oeb_cop_r1.html