18
Es war zu paradox.
Es war der 30. April, unser fünfter Hochzeitstag,
und Mark und ich gingen wieder zu einem Standesamt - nur diesmal
war es das zentrale Amt für Familienangelegenheiten in High
Holborn, und wir waren mitten in unserer Scheidung.
In der Vergangenheit hatten wir an unserem
Hochzeitstag immer eine Flasche Schampus geköpft. In diesem Jahr
lag es näher, dass wir uns gegenseitig köpften.
Als ich an den Kettengliedern der
Vintage-Chanel-Quilthandtasche, für die ich mich heute Morgen
entschieden hatte, herumfingerte, fragte ich mich, wie Mark und ich
hatten hier enden können. Und das so schnell, wo wir einander doch
so sehr geliebt hatten.
Wenigstens ich für meinen Teil hatte Mark
geliebt.
Ich hatte gedacht, dass er der netteste Mensch war,
den es gab. Er war so sanft und großzügig, so liebevoll und offen.
Durch ihn fühlte ich mich sicher und wertvoll, und mein Herz hüpfte
jedes Mal, wenn ich durch die Tür kam und ihn sah. Wir mochten
dieselben Filme und dieselben Kunstausstellungen. Wir hörten gerne
dieselbe Musik - Clapton, REM, Van Morrison, Amy Winehouse, die
Soundtracks von Sound of Music und Westside Story,
die wir beide auswendig kannten. Wir hingen gerne zusammen in der
Wohnung herum, gingen zusammen in den Supermarkt, sahen
sentimentale Schwarzweißfilme wie Ich tanz’ mich in dein Herz
hinein, Opfer einer großen Liebe und natürlich Die
schreckliche Wahrheit. Reise aus der Vergangenheit war unser
absoluter Lieblingsfilm gewesen. Wenn Bette Davis in Plateauschuhen
und weißem Hut die Gangway des Ozeanriesen herunterschritt und sich
auf der Überfahrt, die sie gerade hinter sich hatte, von der
unterdrückten Vogelscheuche zu einem selbstbewussten Vamp
verwandelt hatte, brachte uns das beide zum Heulen.
Als ich mit meinem Rechtsanwalt, Mr. Williams, die
High Holborn hinunterlief, dachte ich darüber nach, wie
glücklich ich in den ersten Jahren unserer Ehe gewesen war. Wenn
ich manchmal abends auf dem Sofa gesessen und gelesen hatte, und
Fluffy zusammengerollt neben mir lag, hatte ich zur Galerie
hinaufgesehen, wo Mark Gitarre spielte, und ich war von meinem
Glück überwältigt, einen so talentierten Schatz von einem Mann
gefunden zu haben.
Was also war passiert, dass unser Glück zerbrach?
Was hatte sich zwischen uns gedrängt?
Wann hatte ich zum Beispiel entdeckt, dass Mark
vielleicht nicht ganz perfekt war? Wann hatte ich aufgehört, seine
Shorts und seine T-Shirts sexy zu finden? Am Anfang war ich so
stolz gewesen, dass er sich nicht um sein Erscheinungsbild
kümmerte. Er wusste, was im Leben wichtig war: Das Innere und nicht
das Äußere zählte, der Inhalt eben, nicht die Verpackung. Dennoch,
nach und nach hatte der Reiz seiner dicken Zehen, die in seinen
alten Leinensandalen zappelten, seine immer sichtbaren haarigen
Knie und seine Sammlung maroder Oberteile mit ihren ethischen
Slogans - Rettet die Wale, Rettet den Regenwald, Spart Energie -
nachgelassen und mich später gelegentlich verlegen gemacht. Zum
Beispiel, als er eines davon auf der Weihnachtsfeier der
Mitarbeiter von Haines & Hampton trug.
Wann hatte ich den Glauben daran verloren, dass
Mark genügend Enthusiasmus besaß, um es als Musiker zu schaffen?
Der Verfall hatte relativ früh eingesetzt, als er den todsicheren
Hit halbfertig liegen ließ, den er in meiner Wohnung komponiert
hatte, als wir uns kennen gelernt hatten. Ebenso wie all die
anderen Songs, die er danach zwar mit Elan begonnen, aber nie
fertig geschrieben
hatte. Die Band, mit der er gelegentlich aufgetreten war, hatte
sich aufgelöst, und er hatte keine Anstalten gemacht, sich eine
neue zu suchen. Ein paar Monate später hatte er auch aufgehört,
sich nach Sessions in Tonstudios umzusehen. Er sagte, dass er dafür
keine Zeit mehr hätte, wenn er sich um Fluffy kümmerte, Zeit mit
mir verbrachte und für »Wag the Dog Walks« arbeitete.
Nicht, dass das Geschäft mit dem Hundesitting
boomte. Mit seiner lässigen Einstellung zu Zeit, Leistung und Geld
würde Mark nie ein Kandidat für den Business-Wettbewerb The
Apprentice werden. Im zweiten Jahr unserer Ehe war die Zahl
seiner Kunden von zwanzig auf fünfzehn zurückgegangen, dann von
fünfzehn auf zwölf, und schließlich auf sechs, und irgendwie
brachte er es nie zustande, neue zu finden. Und da er so wenige
Hunde Gassi führte, musste er durch die Gegend kutschieren, um sie
abzuholen und sie zweimal am Tag nach Hampstead Heath hin- und
wieder zurückzufahren. Das Geld, das er damit verdiente, reichte
kaum, um die horrenden Benzinkosten zu decken, geschweige denn die
Steuer, die er zahlen müsste, wenn er es jemals geschafft hätte,
seine Steuererklärung zu machen. Als also sein geliebter VW-Bus
eines Dienstagnachmittags mitten auf der Kentish Town den Geist
aufgab und Mark mit Fluffy und drei kläffenden Kötern im Regen auf
dem Gehweg strandete, wollte Mark das Hundesitten ganz aufgeben.
Und er hätte es getan, wenn ich nicht darauf bestanden hätte, dass
wir auf Kredit einen brandneuen Audi für sein Unternehmen kauften -
oder genauer gesagt, dass ich ihn kaufen würde, da er kein Geld
hatte, um die Raten zu zahlen.
Glücklicherweise konnte ich es mir in diesem Jahr
leisten, weil ich befördert worden war. Meine Chefin Eileen Grey
war in Rente gegangen und ich war ihre logische Nachfolgerin. Die
Personal-Shopping-Abteilung zu leiten, war der Höhepunkt all meiner
Träume, die ich seit meinem Einstieg bei Haines & Hampton als
fünfundzwanzigjähriger Trainee gehegt hatte. Und das lag nicht nur
daran, dass sich mein Gehalt damit über Nacht verdoppelt
hatte.
Plötzlich war ich eine kleine Berühmtheit in der
Londoner Modeszene, wurde von der Vogue interviewt und in
der britischen Ausgabe der Vanity Fair porträtiert. Die
Abteilung zu leiten, die Abrechnungen zu erstellen, mich mit George
Haines und den Einkäuferinnen zu besprechen, ebenso wie Kundinnen
zu sehen, bedeutete, dass ich doppelt so hart arbeiten musste, wenn
auch mit der Hilfe meiner neuen Assistentin, der unschätzbaren
Eva.
Statt wie gewohnt gegen sieben Uhr ins Workhouse
zurückzukommen, war ich nach meiner Beförderung oft nicht vor acht
oder neun Uhr zu Hause. Häufig war ich so erschlagen, dass ich
sofort ins Bett fiel, und Mark mir das Abendessen auf einem Tablett
gebracht hatte. Selbst wenn ich erschöpft war, behauptete ich nie,
dass ich zu müde sei, wenn er Sex haben wollte, und nach allem, was
ich mitbekam, schien er ihn genauso sehr zu genießen wie immer.
Eher war ich es, die das Interesse verloren hatte. Ich konnte mich
weder entspannen noch konzentrieren. Manchmal ertappte ich mich
mitten im Orgasmus dabei, wie ich überlegte, welche Outfits ich am
nächsten Morgen meinen Kundinnen zeigen würde oder - der Schrecken
aller Schrecken -, dass ich mir wünschte, Mark würde sich
beeilen.
Mein beruflicher Stern war im Steigen, während
Marks Stern verblasste - oder im Nirgendwo verschwand. Nahm er mir
meinen Erfolg übel? Er behauptete, sich wahnsinnig für mich zu
freuen. Dennoch machte er kurz nach meiner Beförderung immer wieder
Anspielungen, dass wir eine Familie gründen sollten.Auf dem Land
pflanzten sich seine Schwestern und Schwager fort wie die
Karnickel. Es hatte den Anschein, dass jeder Anruf seiner Eltern
dazu diente, eine weitere Schwangerschaft oder Geburt zu verkünden.
Lizzie hatte ein weiteres Mädchen und Emma einen Jungen bekommen.
Und Katie war wieder guter Hoffnung.
»Ah, wunderbar!«, seufzte Mark dann immer
sehnsüchtig ins Telefon. Bald waren seine Anspielungen auf
Elternschaft nicht mehr ganz so subtil, und die Frage, ob wir
versuchen sollten, ein Kind zu bekommen, wurde zu einem Thema
zwischen uns. Es wäre nicht die richtige Zeit, sagte ich weiterhin
zu ihm. Ich wäre noch nicht bereit dazu.
Heimlich fragte ich mich, ob ich es jemals sein
würde. Der Gedanke, schwanger zu sein, jagte einen Schauder durch
meinen ganzen Körper.
War das also der wirkliche Grund dafür gewesen,
dass Mark zweieinhalb Jahre nach unserer Heirat bei bedeutungslosen
Ficks mit unserer Pilates-Trainerin Zuflucht gesucht hatte, die
einen Scheißgeschmack bei Unterwäsche hatte? Und hatte ich ihn
jetzt in die Arme der Weimaraner-Besitzerin getrieben, wie immer
sie auch heißen mochte, weil ich im Beruf vorankam und er keine
Karriere machte?
Egal. Das Ergebnis war, dass wir nun geschieden
wurden. Und dass der Mann, der einmal jeden kleinsten Teil von mir
geliebt hatte, mich jetzt so sehr hasste, dass er mir die einzige
Sache wegnehmen wollte, die ich so sehr liebte, wie ich ihn einmal
geliebt hatte: Fluffy.
Wir hatten bereits unseren Scheidungsantrag
bekommen - der erste rechtliche Schritt in Richtung unserer
Trennung -, aber unfähig, mit unseren Rechtsanwälten zu einer
Übereinkunft über das Sorgerecht unseres kostbaren Schatzes zu
kommen, waren wir noch nicht in der Lage, die Scheidungspapiere zu
beantragen, die unsere Ehe beenden würden. Um also unsere
Differenzen zu beseitigen, würden wir ein »Erstes
Schlichtungsverfahren« zusammen mit einem »Finanziellen
Schlichtungstermin« unter dem Vorsitz eines Bezirksrichters
haben.
Wie Williams mir erklärte, als wir am nahe
gelegenen Costa-Coffee-Shop auf einen Cappuccino anhielten, kam
manchmal das »Erste Schlichtungsverfahren« als Erstes, wie der Name
es sagte, und der »Finanzielle Schlichtungstermin« folgte ein paar
Wochen später.Aber in relativ einfachen Fällen wie dem unseren
wurden die beiden Termine oft verbunden, und wir konnten beide auf
einmal hinter uns bringen und so Zeit und Geld sparen. Dieser
Morgen wäre eine gute Gelegenheit für Mark, mich und unsere
rechtlichenvertreter -Williams und Marks Anwältin Martha Greenwood
-, unsere Differenzen ohne Streit beizulegen. Wenn wir es schaffen
würden, eine Vereinbarung darüber zu treffen, wer Fluffy bekommen
soll, würde uns das die Kosten für die Scheidungsverhandlung vor
einem ordentlichen Gericht ersparen.
Es klang sehr zivilisiert, bis Williams und ich auf
unserem Weg ins Standesamt Mark und Martha Greenwood in die Arme
liefen. Als wir mit einem kühlen Nicken aneinander vorbeiliefen,
fühlte ich mich, als ob wir Teilnehmer eines Duells wären, die -
begleitet von ihren Sekundanten - dazu bereit waren, bis zum Tode
zu kämpfen.
Williams hatte mir geraten, nicht aus der Wohnung
auszuziehen, und ich hatte das Gefühl, dass Martha Greenwood Mark
dasselbe erzählt hatte. Folglich lebten wir immer noch zusammen und
schienen dazu bestimmt zu sein, dies so lange zu tun, bis unsere
Scheidung endgültig und die Wohnung verkauft wäre und wir den Erlös
geteilt hätten. Wir wechselten seit Wochen kaum ein Wort, außer
gelegentlich mit eisiger Höflichkeit: »Ja. Nein. Bist du im Bad
fertig? Das ist meine Milch, die du da gerade benutzt, also stell’
sie zurück, bitte!« Es hatte auf beiden Seiten seinen Tribut
gekostet.
Auch der arme Fluffy hatte nicht den Hauch einer
Ahnung, warum Frauchen und Herrchen plötzlich ihre Gewohnheiten
geändert hatten. Warum verbrachte ich, sein Frauchen, so viel Zeit
alleine im Schlafzimmer anstatt mit ihm zusammen vor dem Kamin zu
liegen? Warum schlief Mark auf dem Sofa anstatt sich im bequemen
Bett an mich zu kuscheln, wo Fluffy immer nach und nach in der
Nacht seinen Platz zwischen uns erobert hatte? Er war es gewohnt,
mit Höchstgeschwindigkeit durch unsere Wohnung zu sausen und über
die Möbel zu springen. Jetzt war die Tür zwischen dem Schlafzimmer
und dem Wohnzimmer durchgehend geschlossen, Mark war auf der einen
Seite davon und ich auf der anderen. Fluffy scharrte
an der Tür und jaulte, damit seine Rennbahn wieder geöffnet
würde.
Nach einer kurzen Wartezeit im Flur wurde der Fall
Curtis gegen Curtis aufgerufen und Mark und ich vor die
Bezirksrichterin zitiert. Sie stellte sich als Richterin Robarts
vor und forderte Williams auf, den Fall aus meiner Perspektive zu
skizzieren. Da ich den Antrag gegen Mark eingereicht hatte, hatte
mein Rechtsanwalt offensichtlich das Recht, als Erster zu
sprechen.
Williams umriss den Grund für die unwiederrufliche
Zerrüttung unserer Ehe - Marks Ehebruch - und las dann mein
finanzielles Angebot an Mark vor: Die Hälfte der Wohnung, das Auto,
die freie Wahl bei den Möbeln und die Hälfte meiner anderen
Vermögenswerte, um so einen sauberen Schlussstrich zu ziehen.
Abgesehen von der gelegentlich gehobenen Augenbraue hörte
Bezirksrichterin Robarts ausdruckslos und aufmerksam zu, als Martha
Greenwood, Marks Anwältin, die Scheidung anschließend aus seiner
Sicht darstellte. Obwohl ihr Klient gestehe, dass er nicht viel zu
den gemeinsamen Finanzen des Ehepaars beigetragen hatte, sagte sie,
hatte er in seiner Ehe die Rolle des Hausmanns übernommen und es
der Antragstellerin so möglich gemacht, ihre Karriere frei von
häuslichen Pflichten zu verfolgen. Der Beklagte sei mit der von der
Antragstellerin angebotenen finanziellen Regelung zufrieden - er
gebe zu, dass sie in der Tat großzügig sei. Er würde aber ebenso
darauf hinweisen, dass er erst Ehebruch begangen habe, nachdem
seine Ehe unwiederbringlich zerrüttet gewesen war.
»Das ist nicht wahr!«, ging ich dazwischen.
»Zwischen
uns war alles in Ordnung! Und wie war das noch mal mit
Fern?«
»Bitte, Mrs. Curtis«, die Richterin warf mir ein
flüchtiges Lächeln zu.
»Lassen Sie die Anwältin Ihres Ehemannes zu Ende
sprechen. Sie kommen anschließend zu Wort.«
»Das fasst es ungefähr zusammen, Euer Ehren«, sagte
Martha Greenwood. »Wie ich schon sagte, ist mein Klient mit der
vorgeschlagenen finanziellen Übereinkunft sehr zufrieden.«
Die Richterin runzelte die Stirn. »Nun, wenn alle
so glücklich sind und es keinen Streit gibt, frage ich mich, warum
Sie meine Zeit verschwenden?«, fragte sie an Greenwood und Williams
gerichtet.
»Warum sind Sie nicht einfach ohne Inanspruchnahme
eines Familiengerichts durch die üblichen Instanzen gegangen, um
die Scheidung zu beantragen?«
»Weil«, sagte Williams, »es doch ein ungeklärtes
Thema gibt.«
Sie war sichtlich verwirrt.
»Nun, haben Sie Mr. und Mrs. Curtis nicht eine
Mediation vorgeschlagen?«
»Mein Klient weigert sich, bei diesem Thema einen
Kompromiss einzugehen, Euer Ehren«, sagte Greenwood.
»Und meine Klientin ebenfalls«, sagte
Williams.
»Es geht um das Sorgerecht.«
»Sorgerecht?«
Bezirksrichterin Robarts blätterte durch den
geöffneten Ordner, der vor ihr auf dem Tisch lag. »Es war mir nicht
bewusst, dass es in dieser Ehe Kinder gibt?«
»Es gibt keine«, sagte Williams. Er schluckte. »Es
geht um den Hund meiner Klientin.«
»Den Hund meines Klienten!«, korrigierte
Greenwood.
»Fluffy gehört nicht Mark«, blaffte ich sie über
den Tisch hinweg an.
»Jetzt mach’ mal halblang!«, sagte Mark. »Du weißt
genau, dass er mehr an mir hängt als an dir.«
»Blödsinn! Und abgesehen davon, er gehört mir,
Mark. Ich habe ihn gekauft!«
»Und für den Fall, dass du es vergessen hast, ich
habe ihn erzogen!«
»verstehe ich es richtig, dass die Klägerin und der
Beklagte sich über das Sorgerecht ihres Haustieres in den
Haaren liegen?«
»Ja, Euer Ehren«, sagte Williams ein wenig
nervös.
»Er - Fluffy - ist der Hund meiner Klientin, und
natürlich möchte sie, dass das so bleibt.«
»Und mein Klient besteht darauf, dass Fluffy
sein Hund ist und dass es zu seinem Besten wäre, wenn er
nach der Scheidung bei ihm lebt.«
Bezirksrichterin Robarts schüttelte den Kopf.
»Mr. und Mrs. Curtis, ich gehe davon aus, dass Ihre
Anwälte Ihnen beiden Ihre rechtliche Situation erklärt haben?«,
fragte sie in dem Tonfall, den man benutzt, wenn man mit sehr
kleinen Kindern spricht.
»Nun, Sie mögen eine tiefe Zuneigung zu Ihrem Tier
haben - Fluffy, oder? Aber Sie müssen verstehen, dass er, sie, es,
in den Augen des Gesetzes nichts mehr oder weniger ist als jede
andere Habe, die Sie vor oder während Ihrer Ehe erworben
haben.«
Sie sah auf die Liste unserer - meiner
-Vermögenswerte. »Nicht mehr oder weniger als Ihre Loft-Wohnung in
Islington oder Ihr Audi Avant. Er ist ein Objekt, ein Stück aus dem
ehelichen Besitz. Sie können ihn sich - wenn Sie so wollen - als
Ihre Küchenmaschine aus Edelstahl vorstellen.«
»In diesem Fall würde definitiv ich ihn bekommen«,
sagte Mark trocken, »weil Annie nicht die leiseste Ahnung hat, wie
man unsere einschaltet.«
»Fluffy ist keine Küchenmaschine!«, protestierte
ich. »Er hat keinen Schalter. Er ist ein Tier mit Gefühlen und
Bedürfnissen.«
»Ja, Annie. Bedürfnissen, die ich viel besser
erfüllen kann als du«, konterte Mark.
»Mr. und Mrs. Curtis, wie ich bereits erklärt habe,
ist Ihr Hund, soweit es das Gesetz betrifft, lediglich ein weiterer
Gegenstand aus Ihrem Besitz.«
»Einer, für den ich gezahlt habe«, unterbrach ich
sie.
»Eine nicht lebendige Sache, die keine Bedürfnisse
hat.«
»Aber er hat Bedürfnisse!«, beharrte Mark. »Und
wenn diese nicht in Betracht gezogen werden, ist das
schrecklich!«
Bezirksrichterin Robarts lächelte ihn kühl
an.
»Das mag für Sie so aussehen, aber das ist das
Gesetz. Nun, ich bin nicht hier, um eine rechtliche Entscheidung zu
treffen. In diesem Stadium kann ich Ihnen nur Empfehlungen für
diesen Fall geben. Und ich werde vorschlagen, dass Sie jetzt hier
in diesem Gerichtssaal eine Vereinbarung bezüglich Fido - oder
Fluffy, oder wie immer er gerufen wird - treffen. Andernfalls enden
Sie mit einer
ordentlichen Gerichtsverhandlung, die Sie mehrere zehntausend
Pfund kosten würde. Nun, haben Sie darüber nachgedacht, das
Sorgerecht für Fluffy zu teilen? Eine Woche beim einen, eine Woche
beim anderen, zum Beispiel? Oder er verbringt ein Jahr die
Sommerferien mit einem von Ihnen und Weihnachten mit dem anderen.
Im nächsten Jahr ist es dann umgekehrt.«
»Wenn ich an dieser Stelle ein Angebot machen
dürfte?«, fragte Martha Greenwood.
»Mein Klient wäre - großzügigerweise - bereit, der
Klägerin Fluffy an allen Weihnachtsfeiertagen und allgemeinen
Feiertagen zu überlassen, und ein Besuchsrecht für alle Sonntage
einzuräumen, vorausgesetzt, er hat in der verbleibenden Zeit volles
Sorgerecht. Im Gegenzug wäre er bereit, bei der Teilung der
Vermögenswerte auf den Besitz des Autos zu verzichten.«
»So, das glaubst du also, dass Fluffy für mich so
viel wert ist wie der Audi?«, fragte ich verächtlich.
»Soweit es mich betrifft, kannst du den ganzen Kram
haben!«, erwiderte Mark scharf. »Die Wohnung. Alles. Er ist das
Einzige, das ich wirklich will!«
Williams beugte sich eifrig nach vorne. »Oh, ich
glaube, meine Klientin wäre eventuell bereit, dieses Angebot vom
Beklagten anzunehmen!«
Ich drehte mich zu ihm um. »Nein, wäre ich
nicht!«
»Passen Sie auf«, sagte die Richterin, »geschiedene
Ehepaare sind in der Lage, für ihre Kinder zu sorgen, indem sie
sich das Sorgerecht teilen. Ich bin mir also sicher, dass Sie beide
dazu auch bei Ihrem Hund in der Lage sind.«
»Es würde nicht funktionieren, Euer Ehren«, sagte
Mark.
»Ich will Annie nicht daran hindern, Fluffy zu sehen. Weit davon
entfernt. Aber er muss bei mir leben, weil sie nicht für ihn sorgen
kann.«
»Was?« Ich drehte mich zur Richterin um.
»Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht!«
»Doch, das weißt du«, sagte Mark. »Du bist den
ganzen Tag in der Arbeit, sechs Tage in der Woche.«
»Ja, aber...«
»Wie also willst du besser für Fluffy sorgen, als
ich es kann?«
»Nun, da ich jetzt Abteilungsleiterin bin, kann ich
ihn mitnehmen - ab und zu«, sagte ich spontan.
»Du spinnst doch!«
»Und wenn ich ihn zu Hause lassen muss, dann heuere
ich einen Hundesitter an, der ihn mit nach draußen nimmt.«
»Das scheint ziemlich überflüssig zu sein, wenn ich
doch ein Hundesitter bin«, sagte Mark, der Inbegriff der
Vernunft.
»Ich miete dich dann«, sagte ich. Und dann fügte
ich hinzu: »Oh, ich vergaß - das habe ich ja bereits.«
Mark durchbohrte mich mit seinen Blicken.
Williams räusperte sich. »So haben sich meine
Klientin und ihr Ehemann kennen gelernt, Euer Ehren«, erklärte
er.
»Da ich eine extrem verantwortungsbewusste
Hundehalterin bin, benötigte ich jemanden, der tagsüber mit Fluffy
Gassi ging, während ich in der Arbeit war!«, erklärte ich.
»Wann warst du nicht in der Arbeit?«, murmelte Mark
bitter. »Du warst nie zu Hause.«
»Ordnung, bitte.«
»Muss ich dich daran erinnern, dass einer von uns
den Lebensunterhalt verdienen musste, Mark? Ich hätte nicht so
lange arbeiten müssen, wenn du einen vernünftigen Job gehabt
hättest!«
»Das ist Schwachsinn, Annie. Du hast so viel
gearbeitet, weil du das, was du tust, liebst!«
»Ja, aber ich habe auch so hart gearbeitet, weil du
zu sehr damit beschäftigt warst, fremde Frauen zu bumsen statt
etwas zu unseren Finanzen beizutragen!«
»Ordnung!«, sagte Bezirksrichterin Robarts.
Mark ballte seine Fäuste. »Es war nur eine Frau in
Hampstead Heath. Und sie war keine Fremde.«
»Nachdem du sie gevögelt hattest, war sie das nicht
mehr!«
»Mr. und Mrs. Curtis! Muss ich Sie daran erinnern,
dass dies hier ein Gericht ist und kein Wettkampf im
Schlamm-Catchen?«
Aber die ganze Wut, die Mark und ich seit Monaten,
wenn nicht gar Jahren, unterdrückt hatten, schoss aus uns heraus,
und nicht einmal eine Richterin konnte uns stoppen.
»Und was war mit Fern?«, fragte ich. »Sie
hast du nicht in Hampstead Heath getroffen, oder? Du hast sie im
Fitnessstudio getroffen - dem Fitnessstudio, das ich bezahlt habe!
Wie ich für alles in unserer Ehe bezahlt habe.«
Mark blitzte mich an. »Darum geht es bei dir,
Annie. Immer läuft alles auf Geld hinaus!«
Angesichts dieser ungerechten Attacke fiel mir die
Kinnlade herunter.
»Das ist so nicht wahr, Mark Curtis! Ich
habe immer alles, was ich hatte, mit dir geteilt!«
»Glaubst du, das weiß ich nicht? Warum denkst du,
dass ich mich Fern zugewandt habe? Weil du mir das Gefühl gegeben
hast, nutzlos zu sein.Weil du mich entmannt hast!«
»Ich kann nicht glauben, was du da sagst!«
Ich drehte mich zur Bezirksrichterin um.
»Ich habe immer alles geschätzt, was er für mich
getan hat. Und ich habe alles getan, um ihn in seiner
Musikerkarriere zu unterstützen! Ich habe ihm immer gesagt, dass er
talentiert ist! Ich habe ihm ein elektronisches Klavier gekauft,
als er eines wollte. Und ich habe versucht, ihn dazu zu bringen,
das verdammte ›Wag the Dog Walks‹ auszubauen!«
»Wag the - was?«, fragte Robarts.
»›Wag the Dog Walks‹, Euer Ehren«, erklärte
Greenwood. »Das Hunde-Service-Unternehmen meines Klienten.«
»Ich habe sogar den Audi für dich gekauft, als dein
VW zusammenbrach«, fuhr ich fort, »damit du diese verdreckten Köter
weiterhin nach Hampstead Heath fahren konntest.«
»Du meinst, damit du weiter die Kontrolle
hattest?«
Ich schüttelte ungläubig den Kopf.
»Du musst verrückt sein!«
Mark starrte mich an mit einem Ausdruck in den
Augen, der wie Hass wirkte. Dann sagte er ruhiger: »Denk’ einfach
darüber nach, Annie. Du hast sogar die Kontrolle über unsere
Scheidung.«
Es gab eine lange Pause. Dann sagte ich ruhiger:
»Wovon redest du überhaupt?«
»Wenn dir nicht gefällt, was mit uns passiert, dann
erinnere dich daran, dass du es warst, die es angezettelt
hat.«
»Ja, aber nur weil du mich betrogen hast -
zum zweiten Mal!«
»Ja, aber du warst es, die gesagt hat, dass sie die
Scheidung will. Du hast gesagt, du würdest für meinen Anwalt
bezahlen. Du hast dir ausgedacht, dass ich die Hälfte von
allem haben will, das du besitzt.«
Williams wurde munter. »Meine Klientin wäre
willens, in dieser Sache einen Rückzieher zu machen, Euer
Ehren.«
»Aber meiner nicht«, sagte Greenwood.
»Ordnung, bitte! Ordnung!«
»Ich habe nur versucht fair zu sein!« Ich drehte
mich zur Richterin um.
»Sehen Sie, das stimmt nicht! Alles, was ich will,
ist mein Hund. Ich habe Mark von allem anderen, das ich besitze,
die Hälfte angeboten.«
»Ein außergerichtliches Angebot...«, murmelte
Williams.
»Die Hälfte meiner Ersparnisse, die Hälfte der
Wohnung...«
»Ein Besitz, den meine Klientin weit vor ihrer
Heirat erworben hat«, warfWilliams erneut ein, »und für den
ausschließlich sie die Hypothek bezahlt hat. Der Name des Klägers
ist nicht ins Grundbuch eingetragen.«
»Doch, das ist er«, sagte Martha Greenwood
leise.
»Was?«, sagten Williams und ich wie aus
einem Munde.
»Der Name von Mr. Curtis ist im Grundbuch
eingetragen«, sagte sie in ihrem steifen Tonfall. »Seit letztem
Monat. Ich habe ihm dazu geraten. Zu seiner eigenen
Sicherheit.«
Ich starrte Mark ungläubig an, der sich -
wahrscheinlich aus Verlegenheit - wegdrehte.
»Kann er das tun? Ich meine, rein rechtlich
gesehen?«, fragte ich Williams.
»Es tut mir leid, ja. Er ist Ihr Ehegatte.«
Ich fühlte mich, als wäre ich gerade geschlagen
worden. Ich sah Mark wieder an. Dieses Mal hatte er den Anstand,
beschämt auszusehen.
»Es tut mir leid, Annie«, sagte er. »Ich hatte
keine andere Wahl. Ich musste meine Position schützen.«
»Vor mir?«
Für einen Moment war ätzendes Schweigen.
»Nun, Mrs. Curtis«, sagte Robarts, »da Sie damit
glücklich zu sein scheinen, alles andere fünfzig zu fünfzig
aufzuteilen, warum teilen Sie den Hund nicht ebenfalls auf? Gehen
Sie und bringen Sie ihn jetzt herein - oder soll ich sagen:
›Packen Sie ihn!‹? Ich werde eine Machete besorgen und ihn
in der Mitte durchschneiden. Einer von Ihnen kann die Vorderseite
nehmen - wer auch immer von Ihnen sich nicht am Bellen stört -, und
der andere, dem es egal ist, was am hinteren Ende rauskommt, der
kann das haben.«
Mark und ich sahen beide die Richterin an, als ob
sie verrückt geworden sei.
»Hat keiner von Ihnen vom Salomonischen Urteil
gehört?« Sie zog ihre Augenbrauen hoch.
»Kommen Sie auf den Boden der Tatsachen zurück, Mr.
und Mrs. Curtis! Sie verschwenden die Zeit des Gerichts,
ganz abgesehen von meiner, und eine große Summe Ihres
Geldes.«
Sie drehte sich zu unseren Anwälten um. »Haben Sie
Ihren Klienten eine Kalkulation gegeben, was sie eine ordentliche
Gerichtsverhandlung kosten würde, wenn sie diese Sache nicht
untereinander klären können?«
»Ich habe die Zahlen, Euer Ehren.«
»Nun, ich schlage vor, dass Sie sie Mr. und Mrs.
Curtis genau lesen lassen. Im Detail.«
Sie sah uns beide streng an. »Nun möchte ich, dass
Sie mir ganz genau zuhören. Vergessen Sie eine ordentliche
Gerichtsverhandlung. Setzen Sie sich stattdessen bei einer Flasche
Wein zusammen und klären Sie das Thema untereinander!«
Mark schüttelte seinen Kopf. »Ich werde meine
Meinung nicht ändern«, sagte er. »Sehen Sie, es geht nicht um’s
Geld. Das ist mir echt egal. Ich will Annies Geld nicht. Dass es
Fluffy gut geht, das ist mein Thema! Er hätte ein schreckliches
Leben, wenn ich nicht da wäre, um für ihn zu sorgen.«
»Das ist Unsinn, Euer Ehren!«, sagte ich. »Fluffy
wäre viel glücklicher, wenn er bei mir leben würde. Und ich würde
alles tun, um das zu beweisen.«
»Das würde ich auch!«
»Gut. Ich habe genug gehört.« Die Richterin wandte
sich an unsere Anwälte. »Bitte bringen Sie Ihre Klienten hier
raus.Wenn sie entschlossen sind, eine ordentliche
Gerichtsverhandlung durchzuziehen, dann sollen sie das tun. Ich
werde nicht noch mehr von meiner Zeit darauf verschwenden, sie
davon abzubringen. Wir werden einen
Termin Ende August festsetzen. Bis dahin, Mr. und Mrs. Curtis,
ordne ich an, dass Sie sich im Wechsel um Ihren Hund kümmern. Einer
von Ihnen soll ihn in der einen Woche, der andere von Ihnen in der
anderen Woche haben. Und so weiter. Sieben Tage hier, sieben Tage
dort. Werden Sie das beide akzeptieren?«
Mark und ich sahen uns eingeschüchtert an und
nickten.
»Gut«, sagte Bezirksrichterin Robarts.
»Ich bin froh, dass Sie sich wenigstens auf eine
Sache einigen können. Und bevor Sie heute gehen«, fügte sie grimmig
hinzu, »lassen Sie mich Ihnen einen letzten Ratschlag geben.Wenn
Sie diese Scheidung den ganzen Weg bis zu einem ordentlichen
Gerichtsverfahren weiterverfolgen, kann ich Ihnen garantieren, dass
Sie es Ihr Lebtag lang bereuen werden. Nicht zuletzt, weil ich
keinen einzigen Richter in Großbritannien kenne, der dieser
lächerlichen Schlacht zwischen Ihnen wohlwollend gegenüber
stünde.«
Und mit dieser schrecklichen Vorhersage entließ sie
uns mit einem Winken aus ihrer Gegenwart.