KAPITEL 49 – AUFOPFERUNG
Duke und Xavier standen auf der Plattform des Sendeturms und sahen auf die Horde der Infizierten unter ihnen. Da waren mehr als 50 Infizierte, die herumliefen und -krabbelten, an die Tür schlugen und verzweifelt versuchten, zu ihnen zu gelangen. Das Stöhnen und Ächzen aus ihren Kehlen schuf ein schauderhaftes Konzert im Zusammenklang mit den Schlägen gegen die Metalltür. Duke und Xavier starrten wie betäubt hinunter.
„Womöglich geben sie auf, wenn sie reinkommen und uns nicht finden“, mutmaßte Xavier.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie durch die Tür kommen, die ist stabil. Aber selbst wenn, dann werden sie nicht einfach weggehen, sondern in der Umgebung bleiben.“
„Wie sieht’s denn mit Essen und Wasser aus?“, fragte Xavier und ging ins Innere des Turms. Er leerte seinen Rucksack auf den Boden und Duke tat das Gleiche. Sie sahen auf die Konserven- und Getränkedosen, Feldflaschen und einige zusammengewürfelte Gewehr- und Pistolenmagazine, die sie bisher gefunden hatten.
„Könnte etwa fünf Tage reichen, vielleicht auch acht, wenn wir es strecken“, sagte Duke als er die Vorräte durchging.
„Das ist doch nicht schlecht. In fünf Tagen sind bestimmt die meisten abgezogen.“
„Hörst du den Aufruhr da unten? Wir müssen etwas tun, und zwar schnell, weil dieser Lärm jeden Infizierten in weitem Umkreis anlocken wird. In fünf Tagen sind das Hunderte.“
Xavier besah sich die Munition, während Duke sich suchend nach etwas umblickte, das ihnen helfen könnte, irgendetwas. Er bemerkte die Seile und Gurte an der Wand, nahm sie und ging nach draußen. Neugierig geworden folgte ihm Xavier.
Duke ging zur der Tür abgewandten Seite der Plattform und sah hinunter. Hier waren keine Infizierten zu sehen. Er machte das Seil am Geländer fest.
„Gute Idee, wir seilen uns ab und schleichen raus, während sie alle an der Tür warten.“
„Nein, die Idee ist leider nur zur Hälfte gut. Wir kommen zwar leicht runter, aber von da müssen wir entweder durch das große Tor vorne oder durch die Öffnung in der Mauer. Egal wie, wir haben immer das Risiko, dass uns einer entdeckt und uns die ganze Horde auf den Hals hetzt.“
„Was machen wir dann?“
„Nicht wir, ich. Du nimmst alles an Essen und Wasser in deinen Rucksack und seilst dich hinten ab. Ich gehe runter und öffne die Tür. Ich kann sicher ein paar erledigen und es trotzdem noch zurück zur Leiter schaffen.“
„Das ist Selbstmord“, rief Xavier aus.
„Nein, ist es nicht. Der Gang da unten ist sehr eng, also kann mich immer nur einer angreifen. Ich bin gut mit der Axt, ich schaffe es zurück zur Leiter.“
„Du willst nur mit deiner Axt da runter. Das ist verrückt.“
„Du nimmst die Waffen und die Munition, außerdem Essen und Wasser, so bleibst du am Leben. Ich hab dir gesagt, dass ich dein Leben beschütze, und genau das werde ich jetzt tun.“
„Das mache ich nicht.“
„Du wirst das verdammt nochmal machen, Frenchy.“
„Nein, das werde ich verdammt nochmal nicht“, sagte Xavier und zog Dukes Kopf mit beiden Händen dicht an sein Gesicht. „Duke, das musst du nicht tun. Ich vergebe dir…“
„Darum geht’s doch gar nicht”, unterbrach Duke.
„Doch, genau darum geht’s. Ich will nicht, dass du dich opferst, es gibt nichts, das du wiedergutmachen müsstest.“
„Es geht nicht um Wiedergutmachung.“
„Das will ich hoffen, denn ich will nicht, dass du dich umbringst.“
Duke und Xavier starrten sich in die Augen. Duke nahm nun Auch Xaviers Kopf in seine Hände. Sie zitterten vor Zorn.
„Zur Hölle Xavier. Du vergisst mich und bleibst am Leben.“
„Nicht auf deine Kosten. Du bist ein guter Mensch, Duke. Du musst nichts beweisen.“
Dukes Augen wurden feucht und er musste schniefen, um die Tränen zurück zu halten. Xavier blickte in seine Augen und nickte.
„Wir stecken hier zusammen fest, Duke. Und wir schaffen es zusammen hier raus - oder wir gehen zusammen unter.“
Duke sah ihn finster an, aber dann hellte sich sein Gesicht auf und er musste fast lächeln. Er nickte. Zufrieden ließ Xavier ihn los du die beiden Männer trennten sich.
„Also was dann? Seilen wir uns beide auf der Rückseite ab?”, fragte Duke.
„Nein, damit hast du recht gehabt, es wäre Selbstmord. Wir öffnen die Tür und kämpfen zusammen gegen sie. Wenn wir es richtig machen und ein bisschen Glück haben, können wir einen guten Teil von ihnen ausschalten, bevor wir wieder die Leiter hoch müssen.“
„Und während sie unten an der Leiter toben, schleichen wir uns hinten raus.“
„Genau. Der Gang unten ist ziemlich lang, also sollten die meisten von ihnen dann drin sein. Was bedeutet, dass wir uns unbemerkt rausschleichen können.“
„Oh, hinaus schleichen werden wir uns aber nicht“, sagte Duke und sah zu dem ATV hinunter, „wir werden ganz stilvoll hinaus fahren.“
Vorsichtig seilte Duke den zweiten Rucksack ab, er landete genau neben dem ersten. Er sah hinunter und ihm kam zu Bewusstsein, dass alles, was sie hatten, in zwei Rucksäcke passte. Zuletzt warf er das dicke Seil hinunter, nachdem er es am Geländer fest gemacht hatte. Einer der Infizierten reagierte auf das Geräusch, aber da er keine Bewegung erkennen konnte, wandte er sich wieder der Türe zu.
Duke ging wieder hinein und stieg die Leiter hinunter. Er fand Xavier am Boden sitzend, wie er seinen Revolver betrachtete und in den Händen drehte. Er gab ihn Duke.
„Hier, nimm du ihn“, sagte er.
„Nein, du brauchst eine Waffe.“
„Wir wissen beide, dass du ein besserer Schütze bist. Du nimmst beide Pistolen, ich die Axt.“
Duke dachte kurz nach und nickte dann, sie hatten keine Zeit um zu diskutieren und der Plan war gut. Er gab Xavier seine Axt und überprüfte noch einmal beide Pistolen. Als er sicher war, dass beide geladen und entsichert waren, nickte er Xavier zu.
Xavier ging den Gang hinunter, Duke war hinter ihn.
„Jetzt geht’s also los?“, sagte Xavier.
„Nicht schlecht für ein letztes Gefecht.“
„Letztes Gefecht am Arsch. Du hast versprochen, mich lebend hier heraus zu bringen, und daran wirst du dich jetzt gefälligst halten.“
Sie erreichten die Tür, hinter der die Horde wartete. Die Tür vibrierte jedes Mal, wenn sich die Infizierten dagegen warfen. Xavier hatte den Riegel in der Hand, Duke ging zwei Schritte zurück, beide Pistolen auf die Tür gerichtet.
„Bereit?“, fragte er Xavier.
„Nein, aber was soll‘s“, rief er aus, als er die Tür öffnete und die Infizierten herein strömten.