KAPITEL 5 – DER HIPPOKRATISCHE EID UND DER HEUCHLER
Der Doktor war sich sicher, dass er das Schiff als Letzter verlassen würde. Die Feiglinge waren beim ersten Zeichen von Gefahr über Bord gesprungen und hatten ihn hier mit seinem Patienten einfach zurückgelassen. Der Mann war an Malaria erkrankt und lag in der bescheidenen Krankenstation des Schiffes. Der Doktor hatte die letzte Stunde damit verbracht, nach einer funktionierenden Rettungsinsel zu suchen, auf der er eine Trage würde transportieren können. Auf der Brücke hatte er den Kapitän gefunden, mit einem Loch im Kopf. Man musste kein Arzt sein um zu sehen, woran er gestorben war.
Das Schiff hatte sich um 45 Grad geneigt, was seine Suche erschwerte. Auf seinem Weg durch das Schiff setzte ihm zu, wie leer es jetzt wirkte, während es mitten in der Nacht die Küste entlang trieb. Sein Patient war bewusstlos, er hatte ihn auf seiner Pritsche festgeschnallt, um zu verhindern, dass er bei Seegang herunter fiel. So hatte wenigstens er mit der Krängung des Schiffes kein Problem.
Da sich seine Suche als fruchtlos erwiesen hatte und sein Patient versorgt war, hatte er weiter nichts zu tun. So hielt er für einen Moment auf dem Deck inne und betrachtete die Sterne. Alles schien so friedlich.
Für einen Augenblick.
Plötzlich ruckte und schaukelte das Schiff, als es den Grund berührte und langsamer wurde. Er hörte, wie Felsen am Rumpf entlang schrammten und spürte, wie sie das Schiff mit einem Ruck zum Stehen brachten. Aber das geschah so schnell, dass der Doc das Gleichgewicht verlor und sich den Kopf an der Reling stieß. Zwar würde er die Wunde vor dem nächsten Morgen nicht sehen können, aber den Schmerz spürte er sofort.
Während er sich die Stirn rieb, sah er zum Ufer hinüber. Das Schiff war auf eine kleine Halbinsel aufgelaufen. In der Nähe konnte er die Umrisse einiger Felsen erkennen, aber das war alles. In seinem Kopf dröhnte es – nicht nur von dem Schlag, sondern auch von dem unglaublichen Lärm, der aus dem Bauch des Schiffes aufstieg. Die Antriebswelle kreischte und die Maschine vibrierte und stöhnte, während die Schiffschraube gegen die Felsen schrammte.
Dann gab wohl ein Teil in der Maschine den Geist auf und sie kam zum Stehen. Darauf wurde es wieder still. Es war so dunkel, dass der Doc bis zum Morgen würde warten müssen. Das würde ihm die Zeit geben, um sich einen Plan auszudenken und einen Weg zu finden, seinen Patienten vom Schiff zu bekommen.
Er konnte das Ufer erkennen, es war nur einen kurzen Sprung entfernt. Wäre es so schlimm, jetzt einfach zu springen? Man hatte ihn zurückgelassen. Warum sollte er nun sein Leben für diesen Kranken riskieren, der unausweichlich ohnehin sterben würde? Ihn vom Schiff zu bringen wäre, selbst mit einer Krankentrage, riskant. Er könnte sich dabei selbst verletzen und was dann? Dann würde er gar niemandem mehr helfen können.
Er könnte an Land gehen und nach Hilfe suchen, auch nach Medikamenten, und dann zurückkehren. Womöglich gab es eine Ortschaft in der Nähe, aber vielleicht würde er auch weit laufen müssen. Und selbst wenn er es schaffte, sollte er dann zurückkommen, würde es überhaupt noch jemanden geben, zu dem er zurückkommen könnte? Sein Patient war sehr krank und würde wahrscheinlich bald sterben, wenn er nicht die richtigen Medikamente bekam. Medikamente, die der Doc hier auf dem Schiff nicht hatte. Er konnte ihn nicht zurück lassen und ihn einem langsamen und qualvollen Tod überlassen. Aber er konnte ihn auch nicht einfach töten und erlösen. Warum ist das alles eigentlich mein Problem? Der Kapitän hat sich einfach davongemacht, warum kann ich das nicht auch?
Der Doc war vor langem ein Egoist geworden, der zuerst an sich selbst dachte. In jüngeren Jahren hatte er hart gearbeitet und immer sein Bestes gegeben. Aber das Leben und das Alter hatten ihn mürbe gemacht. Jetzt ließ er sich treiben, tat nur noch das, was unbedingt nötig war und dachte zuerst an sich selbst.
Womöglich war das der Grund, warum er auf diesem Schiff angeheuert hatte – um vor seinen Problemen zu fliehen, wie die meisten an Bord. Er wäre auch jetzt gerne geflohen – und ihm fielen gute Gründe ein, die dafür sprachen. Er wollte überleben und sein Patient schien ihm bereits jetzt wie ein Klotz am Bein. Er hatte oft mit dem Kapitän gesprochen. Er hatte eine klare Vorstellung davon, was ihn in Chernarus erwarten würde. Einen fiebrigen Malariakranken durch eine Gegend zu schleifen, die von Infizierten überschwemmt war, schien ihm kein guter Plan - außer wenn er vorhatte, ihnen als Mahlzeit zu dienen. Aber andererseits – er konnte diesen Kranken auch nicht ohne eine Überlebenschance zurück lassen.
Er sah zum Ufer hinüber, das so nah war, und gleichzeitig so weit weg. Es würde eine lange Nacht werden. Und wenn er ehrlich war, wusste er bereits, wie die Sache ausgehen würde. Es war immer das gleiche bei ihm. Erst er selbst, dann die anderen. Aber er würde diese Nacht brauchen, um die richtige Entschuldigung zu finden. Er wusste, dass er seinen Patienten unweigerlich zurücklassen würde. Er brauchte diese Nacht, um sich dabei weniger schlecht zu fühlen.