KAPITEL 8 – DER TEUFELSKREIS DES KRIEGES
Vuk besah sich den zusammengewürfelten Haufen, der sich in der großen, kalten Lagerhalle zusammendrängte. Shutov, der erste Offizier der MV Rocket - den Vuk immer für ein Arschloch gehalten hatte – war bis jetzt sehr erfolgreich dabei gewesen, alle am Leben zu erhalten. Nur einer war auf der Stecke geblieben, aber das war Vasilys eigene Schuld gewesen. Dieser Narr hatte versucht wegzulaufen, als er sich hätte ruhig verhalten sollen.
Als sie am Ufer angekommen waren, herrschte Chaos. Die Männer schrien und keiner wollte glauben, was hier gerade passierte. Shutov versucht, sie zu sammeln und eine Art Ordnung herzustellen, aber alle konzentrierten sich nur auf die beiden toten Kameraden und auf die Infizierten, die ihre Leichen auffraßen.
In den Männern stieg Panik auf, einige forderten, Shutov möge die Infizierten erschießen. Vuk wusste, dass man innehalten musste, wenn man in Panik geriet, den Ausbruch abklingen lassen, sich beruhigen, bevor man weitermachte. Aber Vasily wusste das nicht. Stattdessen versuchte er, aus Angst vor den Infizierten, wegzurennen. Also hatte Shutov ihm nach einer klaren Warnung in den Rücken geschossen. Vuk kannte dieses Spiel, aus dem Gefängnis und vom Krieg. Es war eine effiziente, wenn auch sehr brutale Methode, die Ordnung aufrecht zu erhalten.
Shutov baute sich eine Position als Anführer auf, als Leitwolf, und alle - auch Vuk - akzeptierten das. Vuk hatte schon viel erlebt, zuletzt im Balkankrieg. Seine Frau und Tochter waren vor seinen Augen vergewaltigt und umgebracht worden. Er hatte gesehen, wie Männer mit den abgetrennten Köpfen ihrer Gegner Fußball spielten. Man konnte sagen, dass er einiges mitgemacht hatte. Und nun, in seinem fünfundfünfzigsten Jahr, wollte er kein Anführer mehr sein. Er wollte das alles nur noch hinter sich bringen. Und obwohl ihm die Überlebensaussichten der Gruppe im Moment nicht besonders gut schienen, sah es so aus, als würde Shutov ihre Chancen langsam aber stetig verbessern.
Neun Männer waren jetzt in der Scheune. Die zwei, die mit ihren Äxten die beiden Eingänge bewachten, kannte Vuk gut – Harrison und Kai. Zwei kräftige, aber dumme und brutale Kerle, die wie die Kletten zusammen hingen. In einer Ecke saßen der Butcher und der Simpel zusammen, ein eigenartiges Paar. Sie waren in ein Gespräch vertieft, bei dem jedoch nur der Butcher zu reden schien und der Simpel nicht mehr tat, als zuzuhören und zustimmend zu nicken. Dann waren da noch Luther, Alejandro und Sam, die sich hingelegt hatten und versuchten, etwas zu schlafen.
Shutov organisierte die Gruppe. Obwohl er sich nicht sicher war, hatte Vuk den Eindruck, dass Shutov, in der Art wie er seine Entscheidungen traf, aus irgendeiner Form militärischer Ausbildung Nutzen zog. Er sah beobachtete, wie er Kai auf die Schulter klopfte und dann auf Vuk zeigte, der die Wache übernehmen sollte. Vuk nickte, stand auf und streckte sich, bevor er die Axt nahm und seine Wache am Eingang antrat.
Der Himmel draußen war blutrot von all den Fackeln, die sie ausgelegt hatten. Sie bildeten eine Linie zu der Halle, die weiteren Überlebenden den Weg weisen sollte. Es hatte funktioniert, indem der Butcher und der Simpel so zu ihnen gefunden hatten. Leider lockte es auch die Infizierten an, wie die vielen Körper am Tor unter Beweis stellten. Niemand hatte sie anfassen wollen - aus Angst, selbst infiziert zu werden. So hatte man sie einfach mit den Füssen weggestoßen, und nun bildeten sie zwei makabre Barrieren vor den beiden Flügeln des Tores.
Vuk sah in Richtung Küste und hielt Ausschau nach Yuri, einem anderen der ‚alten Männer‘ auf dem Schiff. Vuk und Yuri hatten manche Nacht zusammen Karten gespielt, alte Geschichten ausgetauscht oder einfach bei Wodka oder Rakia zusammen gesessen, je nachdem wer eingekauft hatte. Sie waren gemeinsam über Bord gesprungen, aber Yuri war ein schwächerer Schwimmer als Vuk. Vuk war geradewegs in Richtung Ufer geschwommen, und hatte gesehen, wie Yuri von einer Strömung abgetrieben worden war. Er rief ihm zu, nicht gegen die Strömung zu kämpfen, sondern sich von ihr tragen zu lassen, bis sie ihre Kraft verlieren würde und er sicher ans Ufer gelangen könne. Yuri nickte und hielt den Daumen hoch, bevor er sich umdrehte und forttrieb. Vuk hoffte, das es nicht das letzte Mal sein sollte, dass er seinen alten Freund gesehen hatte.
Das Licht der Fackeln begann zu schwinden, fast zeitgleich mit dem stärker werdenden Licht der Morgensonne, die bald am Horizont auftauchen würde. Shutov klopfte Vuk auf die Schulter, während er zum Eingang auf den sich aufhellenden Himmel blickte. Es wirkte auf Vuk wie eine hohle Geste.
„Die Dämmerung zieht auf… wir können vielleicht das Tageslicht nutzen, um Vorräte und Ausrüstung zu suchen”, sagte Shutov, während sie den Himmel betrachteten.
„Du warst im Krieg, Vuk, stimmt das?“
Vuk nickte: „Es ist schon lange her, aber es stimmt. Die Kriege, in denen ich gekämpft habe, reichen für ein Leben.“
„Ich fürchte, mein Freund, dass ein weiterer Krieg vor uns liegt. Wie gut kannst du schießen?“
„Es ist zwar eine Weile her, aber ich bin sicher, ich komme schnell wieder rein.“
„Gut, dann kann ich auf dich zählen?“ Das klang für Vuk weniger nach einer Frage als nach einer Forderung.
„Ich hab zu lang gelebt und zu viel gesehen, um jetzt durch diese Kreaturen zu sterben. Also ja Sir, ich bin dabei.“ Er nannte ihn ‚Sir‘ und Shutov lächelte, als er das hörte. Diese jungen Leute waren so leicht zu durchschauen. Vuk hatte kein Problem damit, Shutovs Ego füttern, solange ihn das am Leben erhielt.
„Gut, das ist wirklich gut“, er gab Vuk wieder einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und ging dann weiter zum nächsten Mann, um dort dieselbe Taktik anzuwenden. Der Alpharüde markierte alle Bäume, bevor es ein anderer tun konnte.
Während Shutov fortfuhr, seine ‚Armee‘ zu rekrutieren, sah Vuk hinaus. In der Ferne entdeckte er plötzlich einen Überlebenden, der auf die Fackeln zulief. Er wurde von einer ganzen Meute Infizierter gejagt.
„Sir, da kommt ein Mann, und er hat eine Menge dieser Dinger auf den Fersen“, rief Vuk. Alle sprangen auf und versammelten sich am Tor. Sie riefen dem Mann zu.
Er sah hoch und lächelte – die Rettung war so nah, dass er den Schutthaufen vor sich erst bemerkte, als es zu spät war, noch darüber zu springen. Er versuchte es trotzdem, blieb aber mit dem Fuß an einer alten Waschmaschine hängen. Er stürzte, überschlug sich und verletzte sich das Bein auf dem harten Betonboden. Benommen sah er zu den Männern in der Scheune hinüber, keine vierhundert Meter von ihm entfernt.
Er sprang auf und wollte weiterlaufen, als er vom ersten seiner Verfolger eingeholt wurde. Die Kreatur sprang ihn an und warf ihn erneut zu Boden. Der Schmerz in seinem Bein kam plötzlich und qualvoll. Er sah hinunter auf die scharfe weiße Spitze eines Knochens, die aus seinem Oberschenkel ragte. Dann kamen sie. Zum Glück verlor er das Bewusstsein und hatte einen schmerzlosen Tod.
Aus der Scheune sahen sie schweigend zu, wie Leute, die an einer Unfallstelle stehen geblieben waren. Shutov brach die Stille: „Weiß jemand, wer das war?”
„Ich Sir“, antwortete der Butcher, „das war das Frühstück.“ Einige lachten nervös, aber niemand konnte sich so über seinen Scherz amüsieren, wie der Butcher selbst.
Vuk sah weg, zurück zu dem armen Kerl, der dort draußen in Stücke gerissen wurde. Sicher, wenn er sich an Leute wie Shutov und den Butcher halten würde, würde er vielleicht überleben - aber um welchen Preis?