KAPITEL 17 – TÖTEN ODER GETÖTET WERDEN
Shutov fand, dass es für die Gruppe in Cherno ein guter Tag gewesen war. Aber als er seine Männer beobachtete, bemerkte er an ihrem Verhalten, dass sie anders dachten. Die meisten waren es nicht gewohnt, den ganzen Tag lang Schüsse zu hören. Begonnen hatte es mit dem religiösen Irren auf dem Schornstein. Dann hatte man weitere Gewehrschüsse aus der Stadt gehört, und schließlich ihre eigenen. Die Männer hielten sich daran, in der Stadt möglichst nicht auf Infizierte zu schießen, aber manchmal ließ es sich nicht vermeiden. Und jedes Mal, wenn ein Schuss fiel, stieg Panik in ihnen auf. Jeder Schuss resultierte in einer Fülle von Fragen und Spekulationen.
„Wer schießt da?”
„Wo sind die Schüsse her gekommen?“
„Was für eine Waffe war das?“
„Wen kennen wir, der so ein Gewehr hat?“
Aber trotz alldem hatten sie einen guten Tag gehabt – niemand war gestorben und alle waren inzwischen ganz gut ausgerüstet. Sie hatten Nahrung, Wasser, grundlegende Überlebensausrüstung und einige hatten sogar Tarnkleidung gefunden. Es gab wohl einige ‚Schafe‘ unter seinen ‚Wölfen‘, aber im Großen und Ganzen war Shutov sehr zufrieden mit seinen Männern und wollte keinen von ihnen verlieren.
Sie hatten sich in einem der kleineren einer Gruppe von Mietshäusern verschanzt, von dessen Front eine kurze Stichstraße auf ein Krankenhaus zulief. Vuk hatte es ausgesucht – es war leicht zu verteidigen, wenn man Männer auf dem Dach platzierte. Außerdem hatte es nur einen Eingang zu bewachen. Shutovs Respekt vor Vuk stieg immer mehr. Er hatte einen guten Instinkt gepaart mit einer militärischen Ausbildung, und er verstand den Sinn einer Befehlshierarchie. Vuk hatte auch die militärischen Dokumente gefunden, die Shutov sich am Abend genauer ansehen würde. Er erhoffte sich, darin genauere Informationen darüber zu finden, was in Chernarus vorgegangen war.
Shutov hatte den Butcher und Sam zur ersten Wache auf das Dach geschickt. Er machte sich Sorgen über den Butcher. Der war besessen von seiner AKM und weigerte sich, sie aus den Händen zu geben, auch wenn einer der anderen Männer gerade ein Gewehr brauchte. Er war darauf fixiert zu überleben und Shutov war sich sicher, dass er sie alle verraten würde, wenn er sie nicht mehr brauchte. Er traute dem Butcher nicht und deshalb sorgte er dafür, dass immer einer der andern Männer in seiner Nähe war. Er hielt den Butcher für einen Killer, kaltblütig und ohne Reue. Darum war es ihm im Moment lieber, ihn im Auge haben, als ihn irgendwo da draußen zu wissen.
Er ging die Treppe hinauf und nickte den Männern zu, an denen er vorbei kam. Einige erwiderten den Gruß, aber die meisten behielten den Blick gesenkt und waren in sich selbst versunken. Shutov spürte, dass er etwas tun musste, wenn er nicht einige seiner Männer verlieren wollte. Sie machten einen niedergeschlagenen Eindruck – und dabei waren es nur zwei Tage gewesen. Wenn das so weiter ging, würden sie wahrscheinlich bis zum Ende der Woche alle tot sein.
Vuk saß neben der Leiter, die auf das Dach führte und aß Bohnen aus einer Dose. Shutov setzte sich neben ihn, seine CZ550 auf dem Schoss. Der Narr vom Schornstein hatte das Wort „Errettung“ in den hölzernen Schaft geschnitzt und Shutov hatte sich angewöhnt, unbewusst mit dem Zeigefinger die Buchstaben nachzuzeichnen.
Vuk bemerkte das und griff das Wort auf: „Errettung ist das, was die Männer jetzt brauchen, Sir. Die Männer sind hier in einer völlig neuen Situation, und all das Schießen ist…“ Vuk brach ab, er konnte das richtige Wort nicht finden.
„Ich weiß, Vuk, aber was soll ich machen? Manchmal ist es einfach notwendig zu töten. Du wärst selbst beinahe gestorben“, antwortete Shutov.
„Das versteh‘ ich, Sir. Aber der Kerl war irre, der hat gedacht ich bin Jesus.“
„Das hier sind verrückte Zeiten, mit verrückten Menschen. Wäre es dir lieber gewesen, wenn der Butcher ihn nicht umgebracht hätte?“
„Natürlich nicht. Natürlich will auch ich überleben – ich mache mir bloß Sorgen und den Preis, den wir zahlen. Wir hätten immer noch versuchen können, ihn zu überreden, zu ihm durchzudringen. Der Butcher hat nichts davon versucht, er hat einfach geschossen, und jetzt ist ein Mensch tot.“
Ihr Gespräch zog die Aufmerksamkeit der anderen auf sich, die auf der Treppe saßen und ihnen zugehört hatten. „Es ging darum zu töten oder getötet zu werden“, antwortete Shutov. „Der Mann war bewaffnet und hat auf dich geschossen. Wer weiß, wen er noch alles umgebracht hätte, wenn er überlebt hätte?“ Von den Männern auf der Treppe war Zustimmung zu hören.
„Der Butcher hat das Richtige getan“, sagte Luther, „der Kerl da oben war gefährlich.“
Vuk musterte Luther. Der Mann war ein Wurm, er war schwach, und er hing an Shutov wie ein Neugeborenes an der Mutterbrust.
„Wir hätten ihn überreden können“, sagte Vuk. Luther schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf den Inhalt seines Rucksacks.
„Wir haben eine Gelegenheit verschenkt, mehr über die Situation hier zu erfahren. Die Papiere, die ich gefunden habe, sind einige Wochen alt. Aber sein Wissen war up to date. Wer weiß wie viel Information mit seinem Tod verloren gegangen ist.“
„Ich denke nicht, dass du ihn viel hast fragen können, als dir die Kugeln um den Kopf gepfiffen sind, oder?“
„Das stimmt schon. Aber was tun wir, wenn wir den nächsten Überlebenden treffen?“, fragte Vuk.
Shutov dachte einen Moment nach, dann schüttelte er den Kopf und seufzte: „Ich weiß es nicht. Die einzigen Menschen, denen ich im Moment traue, sind die Männer in diesem Haus. Ich würde für sie mein Leben riskieren und sie würden das gleiche für mich tun. Was ist, wenn wir jemanden aufnehmen, der uns dann bestiehlt?“
„Was ist, wenn einer von uns die anderen bestiehlt?“
„Dann wird er erschossen“, antwortete Shutov und einige der Männer klopften beifällig mit den Handknöcheln auf die Treppenstufen.
„Der Tod?“ Vuk hielt seine Dose hoch: „Für so etwas wie eine simple Büchse Bohnen?“
„Vuk, sieh Dir unsere Lage an. Wir haben Nahrung für maximal zwei oder drei Tage. Eine Büchse Bohnen könnte den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.“
„Dann sollten wir unsere Vorräte rationieren. Kein Mann sollte essen, wenn ein anderer hungert“, er hielt seine Dose den Männern neben ihm hin, aber sie winkten ab.
„Machst du jetzt die Regeln?“
„Auf gewisse Weise sollten wir das alle. Stehlen bedeutet den Tod, hieß es gerade. Ich finde, dann sollten wir auch dafür sorgen, dass keiner Essen hortet, während ein anderer hungern muss.“
Die Männer nickten und Shutov stimmte zu.
„Einverstanden. Alle sollen wissen, dass wir von nun an alles teilen werden. Essen, Wasser, Munition – alles. Aber nur zwischen unseren eigenen Männern.“
„Und was tun wir, wenn wir jemand treffen, der nicht zu unserer Gruppe gehört?“, fragte Vuk.
„Ich will leben, Vuk, genau wie du. Wie kann ich jemandem trauen, den ich nicht kenne? Und selbst wenn ich ihm traue, jeder weitere Mann bedeutet ein weiteres Maul, das gefüttert werden muss, eine weitere Person, die ausgerüstet werden muss. Können wir es uns wirklich leisten, unsere Vorräte noch weiter zu strecken?“
„Nein!“, riefen einige der Männer.
„Können wir nicht“, antwortete auch Vuk, „also, wenn wir jemand sehen, lassen wir ihn ziehen.“
„Woher kommt deine plötzliche Sorge um Andere?“
„Weil wir morgen nach Elektro gehen werden. Und so wie wir hier Unterschlupf gefunden haben, könnten dort Andere sein. In Serbien war ich auf der anderen Seite, alleine, verängstigt, auf der Flucht vor Horden von Männern mit Gewehren. Ich möchte, dass wir uns einig sind – wir lassen Andere in Ruhe – wir helfen ihnen nicht, aber wir fügen ihnen auch keinen Schaden zu.“
„Wir können sie natürlich ziehen lassen, eine Art Waffenstillstand.“ Vuk nickte aber Shutov fuhr fort: „Aber was dann? Vielleicht kommt der Eine, den wir laufen lassen, mit zehn anderen zurück. Oder, wenn er alleine ist, verfolgt er uns und wartet, bis wir alle schlafen damit er uns ausrauben und umbringen kann.“
„Das kann man nicht sagen.“
„Nein, kann man nicht. Aber man kann sagen, dass wir in einer verzweifelten Lage sind, und in einer verzweifelten Lage können Menschen gefährlich und unberechenbar werden. Wenn wir auf unsere Sicherheit Wert legen, müssen wir misstrauisch sein. Lieber bin ich paranoid und liege falsch, als ich bin zu vertrauensselig und bald tot.“
„Was sollen wir also machen?“, fragte Vuk.
Oben von der Leiter kam die kalte Antwort des Butchers: „Wir schießen als erste.“
Einige der Männer nickten aber Vuk schüttelte den Kopf: „Das kann es doch nicht sein, nicht schon wieder.“
Shutov legte die Hand auf Vuks Knie: „Vuk, ich finde ja auch, das ist nicht schön…“
„Nicht schön! Ihr redet davon, Menschen umzubringen wegen Verbrechen, die sie unter Umständen in Zukunft begehen könnten.“
„Und du sprichst von Gesetzen in einem gesetzlosen Land. Hier draußen gibt es keine Regeln, keine Polizei, die man rufen kann, keine Gerichte, die Verbrecher verurteilen. Es geht hier um‘s Überleben – nicht mehr und nicht weniger. Aber du hast Recht damit, dass wir uns in dieser Sache einig sein müssen. Wir werden abstimmen – schließlich sind wir keine Wilden.“
„Ach wirklich?“, konterte Vuk.
„Du verstehst das falsch. Was wir vorhaben ist brutal. Menschen umzubringen um nicht umgebracht zu werden. Aber wir machen das nicht aus einem animalischen Instinkt heraus, nicht aus Mordlust“, jedenfalls nicht alle, dachte Shutov und sah zum Butcher. „Wir machen das nur um zu überleben. Jeder, den wir töten, hat womöglich wertvolle Vorräte, mit denen einer von uns einen weiteren Tag überlebt. Er könnte Nahrung, Wasser oder Munition haben – wir töten ihn, damit einer von uns überlebt. Aber nur wenn wir alle zustimmen. Hand hoch wer dafür ist – werden wir töten, oder getötet werden?“ Sofort waren zwei Hände in der Dachluke zu sehen.
Einige der anderen Männer hoben sofort die Hand, andere waren zögerlich. Aber unter den Blicken der Zustimmenden hoben sich schließlich auch ihre Hände. Nur Vuk konnte das nicht, er vergrub sein Gesicht in den Händen und wünschte, dieser Moment wäre vorbei. Er nahm die Hände vom Gesicht und sah auf die anderen. Einige ermunterten ihn, die Hand zu erheben.
„Was ihr hier beschließt, das ist Banditentum. Andere wegen des Gewehrs auf ihrem Rücken oder des Essens in ihren Taschen zu ermorden“, sagte er.
„Es ist Überleben“, antwortete Shutov.
„Wir könnten auch überleben, ohne andere zu ermorden. Sicher, es wäre schwieriger und gefährlicher. Uns muss klar sein, dass wir dabei sind, Banditen zu werden, Verbrecher. Wenn einer damit ein Problem hat, dann soll er seine Hand lieber runter nehmen.“ Vuk hoffte, dass wenigstens einer seine Hand senken würde, denn alleine hatte er keine Chance.
Vuk und Shutov sahen herum, aber alle Hände blieben erhoben. Wenn er die Gruppe verlassen wollte, würde Shutov ihn vermutlich töten. Wenn Shutov bereit war, Menschen für die paar Habseligkeiten umzubringen, die sie in ihren Rucksäcken hatten, was würde er mit Vuk machen, wenn der ihn verriet und die Gruppe verließ? Wenn er nicht zustimmen würde, wie zuwider es ihm auch sein mochte, würde er vermutlich einen ‚Unfall‘ erleiden und bald tot sein.
„Dann werde ich ein Bandit, zusammen mit euch, meine Brüder. Nicht weil wir wollen, sondern weil wir müssen. Und zusammen werden wir überleben“, und damit erhob er widerwillig seine Hand. Leiser Beifall ertönte von Seiten der Männer und sie beglückwünschten sich gegenseitig. Ein Hauch von Kameradschaft war zurückgekehrt.
„Also gut, meine Brüder. Schlaft euch aus in dieser Nacht, denn morgen geht es nach Elektro.“ Nach einem zaghaften ‚Hurra‘ zu diesen Worten verschwanden die Männer nacheinander, um sich einen Schlafplatz zu suchen.
„Gott helfe allen Überlebenden, die wir morgen treffen“, flüsterte Vuk, laut genug dass Shutov es hören konnte. Shutov ließ den Zeigefinger über das eingravierte ‚Errettung‘ gleiten, diesmal bewusst.
„Ich denke wir sind uns zumindest darin einig, dass Gott diesen Ort verlassen hat“, er schulterte sein Gewehr und ging die Treppe hinunter, ohne auf eine Antwort zu warten.
Vuk blickte nach oben und sah das grinsende Gesicht des Butchers, der zu ihm herunter sah. Der Butcher nickte ihm zu und verschwand in der Dunkelheit. Mit dem Finger fischte Vuk den letzten Rest seiner Bohnen aus der Büchse und warf sie dann achtlos zur Seite. Er hat recht, hier regiert der Teufel, dachte er, bevor er sich das Hemd über das Gesicht zog und versuchte, ein wenig zu schlafen.