KAPITEL 32 – SÜNDEN DER VERGANGENHEIT
Grigory fühlte, wie ihm der Schweiß herunterlief, während er das Dorf beobachtete. Seine geliebte AS-50 lag neben ihm im Gras, als er den Ort durch sein Fernglas betrachtete. Mogilevka war gleichsam tot, nur die Infizierten strichen zwischen den Häusern herum. Grigory sah, dass die Seitentür der Kirche nicht offen stand, ein gutes Zeichen dafür, dass sie wohl noch nicht aufgebrochen worden war.
Er schaute erneut auf seine Uhr, die anderen müssen jetzt auch bald kommen. Er betrachtete das Gebiet rund um die Kirche und suchte nach Anzeichen von Menschen. Es gab keine Nottoiletten, keine Müllhaufen und keine angelegten Barrikaden. Kirche und Dorf sahen aus wie viele andere, die sie gesehen hatten, von ihren Einwohnern aufgegeben und von den Infizierten in Besitz genommen.
Grigory senkte sein Fernglas und hielt Umschau. Er lag offen auf freiem Feld, mitten in einem grasbewachsenen Abhang, aber sonst war ja niemand in der Nähe, und von hier konnte er die Ortschaft am besten überblicken. Er wandte sich wieder der Kirche zu und fragte sich, ob wohl noch irgendwo ein Priester am Leben sein mochte. Jemand, der ihm Absolution für all seine Sünden erteilen konnte. Das war natürlich sehr unwahrscheinlich, weil alle Priester, die sie gesehen hatten, infiziert gewesen waren. Wie es schien, war Gott im Bezug darauf, wen die Infektion befiel, nicht besonders wählerisch.
Viele Kirchen waren inzwischen Infizierten Herde. Mit ziemlicher Sicherheit würde bereits eine Horde von ihnen drinnen warten, wenn sie die Tür öffneten. Aber trotzdem war es ein geringes Risiko im Verhältnis dazu, was sie alles an Vorräten finden konnten, wenn die Infizierten erst erledigt waren. Es schien, als ob sich in jedem Dorf und jeder Stadt in etwa die gleiche Geschichte abgespielt hatte. Die Infektion hatte sich verbreitet und die Menschen hatten sich an Gott erinnert. Sie strömten in die Kirchen. Die Priester waren erfreut über den Zustrom und nahmen jeden auf. An Quarantäne oder medizinische Untersuchungen dachte man gar nicht, jeder konnte einfach kommen. Viele brachten Nahrung, Wasser und Waffen mit, in der Absicht, einfach das Ende der Infektion auszusitzen. Aber einen gab es anscheinend immer, einen selbstsüchtigen Bastard, der gebissen oder gekratzt worden war, oder sich auf andere Weise infiziert hatte. Einen der dachte, in der Kirche zu beten, würde die Infektion wie durch Zauberhand verschwinden lassen.
Irgendwann verwandelte sich dieser Narr dann, wurde zu einem von ihnen und riss die anderen mit. Da die Infektion noch am Anfang stand, wussten die Menschen nicht gleich, was passierte. Vielleicht versuchten sie, ihn festzubinden, anstatt ihn gleich zu erschießen. Oder sie schossen auf ihn, aber er starb nicht, weil es kein Kopfschuss war. Und so wurden aus einem zwei, dann vier und bald mussten sie die Kirche aufgeben und die Infizierten einschließen. Zumindest dann, wenn sie es überhaupt hinaus schafften. Wenn die Verwandlung bei Nacht geschah, als alle schliefen, infizierte einer im Schutz der auftretenden Panik und der Dunkelheit vielleicht die ganze Kirche. Diese Kirchen waren am schwierigsten zu säubern, brauchten am meisten Zeit aber die Chance, Nahrung und Wasser zu finden war dort auch am größten.
Da er wohl kaum einen lebendigen Priester würde finden können, war sich Grigory sicher, dass er geraden Wegs in die Hölle kommen würde. In den letzten Monaten hatte er mehr Sünden begangen als in den ganzen 24 Jahren davor. Diebstahl, Vergewaltigung, Mord – es gab viele Striche auf jeder dieser Listen. Wie bin ich bloß so geworden? Das fragte er sich, als er die Kirche betrachtete. Aber es gab keine klare Antwort, keinen bestimmten Moment, den er festmachen konnte. Es war einfach eine Ansammlung von Sünden, die ständig angewachsen war. Und es war immer leichter geworden. Vergewaltigst du erst mal eine Frau, fällt es bei ihrer Tochter schon leichter. Bringst du erst mal einen Mann um, dann tötest du beim nächsten Mal schon zwei. Zu Hause hatte man ihn als Feministen bezeichnet - er war immer für die Rechte der Frauen eingetreten. Und nun vergewaltigte er die Frauen, für die er eingestanden war. Wie hatte er so tief sinken können?
Grigory versuchte, diese Gedanken zu verdrängen, aber der Anblick der Kirche und sein Verlangen nach Erlösung spülten alle seine Sünden wieder hoch. Wie viele Menschen hatte er ermordet? Und zu welchem Zweck? Welchen Wert hatten diese Leben gehabt? Das Traurige war, dass er sich daran nicht einmal mehr erinnern konnte, es waren einfach zu viele gewesen – die Gründe zu vielfältig. Aber als er es getan hatte, hatte es sich immer richtig angefühlt, notwendig. Als ob es richtig und notwendig wäre, einen Mann nur wegen des Gewehrs auf seinem Rücken zu ermorden. Sicher hatte es auch damit zu tun, Mitglied einer Gruppe zu sein. Es schien, dass die negativen Charakterzüge eines Menschen durch die negativen Charakterzüge des nächsten gestärkt wurden. Und bevor man es merkte beging die Gruppe Untaten, die ein einzelner Mann niemals begehen würde.
Hinzu kam, dass es für Grigory irgendwie nicht real war, einen Menschen aus 300 Metern Entfernung zu erschießen. Aber trotzdem waren das reale Menschen, mit realen Familien und realen Problemen. Alle versuchten nur, diese Katastrophe zu überstehen, die sie nicht verursacht hatten, aber die ihr Leben auf so unumkehrbare Weise verändert hatte. Grigory hätte mit den Menschen, die er getötet hatte, auf vielfältige Weise verfahren können. Warum haben wir nicht zusammengeholfen? Warum haben wir nicht zusammen ein Dorf übernommen und befestigt, Nahrungsmittel angepflanzt, Brunnen gegraben, auf das Ende der Infektion oder gar auf ein Heilmittel gewartet? Es wäre wie Thomas Morus‘ Utopia inmitten von Zerstörung und Tod gewesen. Warum haben wir das nicht gemacht? Grigory beobachtete, wie ein Schmetterling auf einer Blume neben ihm landete. Er hatte sich so ruhig gehalten, dass der Schmetterling ihn nicht wahrnahm. Gier, das ist der Grund. Und die Weigerung, sich anzustrengen. Es ist leichter zu morden und zu stehlen als etwas zu schaffen und aufzubauen.
Gab es vielleicht gar Gemeinschaften wie die, die Grigory sich ausmalte? Sie waren nie ganz im Norden gewesen, also war da womöglich noch eine Chance. Vielleicht waren die Menschen weiter im Norden gewarnt worden und hatten eine Ortschaft abriegeln können. Würden sie willkommen sein, wenn sie so eine Zufluchtsstätte fänden? Schließlich waren sie Deserteure von der russischen Armee, Vergewaltiger und Mörder. Ja sicher, ich kann mir schon vorstellen, dass sie gerade für uns die Arme ausbreiten und uns in ihren Häusern willkommen heißen würden. Nein, sein Schicksal war es, sein Dasein zu fristen und darauf zu warten, bis er verhungern oder von Infizierten oder anderen Plünderern getötet werden würde.
„Hallo“, grüßte eine Stimme von hinten.
Er ließ das Fernglas fallen, drehte sich um und sah den Simpel über sich stehen, die Axt über der Schulter. Grigory war so in Gedanken versunken gewesen, dass er ihn nicht kommen gehört hatte.
„Ehhhmmm… hallo“, stammelte er.
„Ich bin Rory. Bist du ein böser Mann?“, fragte Rory unschuldig.
Grigory sah diesen großen Mann an, der da mit seiner Axt vor ihm stand. Er hatte etwas Nobles an sich, als ob nichts ihn anrühren könnte. Grigory fühlte, dass von Rory keine Bedrohung ausging, aber er beschloss trotzdem auf Nummer sicher zu gehen.
„Ich weiß nicht, Rory. Ich glaube nicht, dass ich ein böser Mann bin, aber ich habe böse Dinge getan.“ Grigory war überrascht, wie leicht ihm dieses Geständnis von den Lippen kam.
„Du siehst nicht aus wie ein böser Mann“, antwortete Rory.
Grigory versuchte zu lächeln, aber es wirkte aufgesetzt. Er sah herum aber es war niemand sonst in der Nähe.
„Wo kommst du denn her, Rory?“
„Ich war auf einem Schiff, aber es ist gesunken und der Kapitän hat gesagt, wir sollen ins Wasser springen.“
„Was ist mit den Anderen? Waren da noch Andere auf dem Schiff?“
„Ja, viele. Aber sie waren böse Männer und darum bin ich fortgelaufen.“
„Dann bist du ganz alleine hier?”, fragte Grigory und tastete heimlich nach seiner Pistole im Halfter.
„Ja.“ Es gab eine Pause und sie blickten sich in die Augen. Grigory nahm seine Hand von der Pistole. „Hast du Essen?“, fragte Rory.
„Ich hab ein bisschen Pökelfleisch“, sagte Grigory.
„Darf ich bitte was davon haben. Ich bin sehr hungrig?“
Grigory griff in seine Jacke, neben die Pistole, und holte das Fleisch heraus, das in ein Tuch gewickelt war. Er gab es Rory.
„Da, nimm das Ganze.“
„Oh, vielen Dank“, sagte Rory als er gierig das Stück Fleisch verschlang.
„Wasser?“, fragte Grigory und hielt ihm seine Feldflasche hin.
Rory nickte und trank hastig fast die ganze Flasche in einem Zug leer.
„Siehst du, du bist kein böser Mann“, sagte Rory als er sich die Lippen leckte.
„Ich versuch’s, Rory, ich versuch’s“, antwortete Grigory leise.