KAPITEL 6 – WARUM SCHRITTE AUF BETON NICHT GUT SIND
Janik hatte fast aufgehört zu zittern. Seine Hände wurden gerade wieder warm und seine Kleider waren fast trocken. Es war still und seine Augen fielen ihm immer wieder zu. Er wollte jetzt nicht schlafen, aber er merkte, dass er bald keine Wahl mehr haben würde. Nur kurz dösen, fünf Minuten. Um die innere Batterie ein wenig zu laden.
Dann hörte er sie, die Schritte auf dem Beton. Er hatte gesehen, wie eines dieser Dinger Ruben getötet hatte. Sie waren zusammen an Land gespült worden. Ruben hatte den Fehler gemacht, auf der Straße zu rennen, während Janik sich langsam bewegte und im weichen Gras blieb. Sie hatten seinen Körper in Richtung Stadt gezerrt, während sie ihn zerrissen. Janik hatte aus der Entfernung zugesehen. Er hatte nicht helfen können, und er hätte es auch nicht gewagt.
Die Schritte wurden lauter, sie kamen näher. Eilige, schnelle Schritte auf dem Betonboden draußen. Sein Herz schlug schneller und er hielt den Atem an. Seine Sinne waren hellwach und er lauschte jedem Geräusch.
Er hörte weitere Schritte. Sie schienen den anderen zu folgen – eine Gruppe, die dem ersten Mann hinterher rannte. Janik lauschte angespannt und drehte den Kopf mit den Schrittgeräuschen. Sie sind genau vor meiner Halle, erkannte er. Er hockte versteckt unter einem Fenster. Wenn er wollte, könnte er einfach hochsehen.
Aber er wollte nicht. Er wollte schlafen. Er wollte, dass das alles vorbei sein sollte, vielleicht nur ein böser Traum. Und wenn es kein Traum war, wollte er wenigstens einschlafen und auf diese Weise entkommen. Er wollte hier nicht sein. Überall, nur nicht in diesem Lagerhaus, mit diesen Dingern da draußen. Die herumschlurften, stöhnten, suchten. Nein, nicht suchten, sondern jagten. Sie waren auf der Jagd - und er war die Beute.
Zur Beute für Andere zu werden, passierte einem leicht. Besonders dann, wenn man das Pech hatte, kleiner als sie zu sein. Janik war klein, und in seiner Welt war Größe schon immer ein Faktor gewesen. Wenn jemand klein war, war er schwach – Janik wäre gern gewesen wie Joe Pesci im Film „Good Fellas”, klein, zornig, gefährlich - einer, der sich von niemandem etwas gefallen ließ. Aber in Wirklichkeit war er mehr wie Pee Wee Herman, klein und schmal, einer, der immer nur einstecken musste.
Beute zu sein war für ihn nicht neu - getötet und aufgefressen zu werden, wenn man ihn erwischte, schon. Aber er hatte viele Jahre Erfahrung im Ducken und Verstecken. Er wusste, wie man sich leise bewegte, Straßen und Wege mied, anders als der ungeschickte Kerl da draußen, der über den Beton stapfte und die Aufmerksamkeit all dieser Kreaturen auf sich zog.
Aber vielleicht war das gar nicht so schlecht. Es könnte ihm selbst die Möglichkeit verschaffen, unbemerkt zu entwischen. Aber wohin? Was konnte er finden, das er hier nicht schon hatte? Er würde besser bis zum Tagesanbruch warten, so dass er sich etwas umsehen konnte. Sich über eine Richtung klar werden konnte, ein Ziel. Die Wahrheit war, dass er eher bleiben und sich verstecken würde, als hinauszurennen und zu kämpfen. Bis zum Morgen warten zu wollen, war nur eine Lüge, die er selbst gerne glauben wollte.
Ich sollte aus dem Fenster sehen. Sie werden mich nicht bemerken, weil es zu dunkel ist. Er befand sich in einem kleinen Raum am Ende der Halle, im ersten Stock, und fühlte sich relativ sicher. Als er endlich über den Rand des Fensters spähte, konnte er durch den Schmutz auf der Scheibe und die Dunkelheit draußen kaum etwas erkennen. Alles was er sah, waren Umrisse – eine große Gestalt gefolgt von vier kleineren. Die große Gestalt verschwand in einem kleinen Schuppen und schlug die Tür hinter sich zu. Janik war zuvor schon in dem Schuppen gewesen, daher kannte er ihn. Es gab dort nur diese eine Tür, deswegen war er lieber in das Lagerhaus gegangen. Hier gab es zwei Ausgänge, was ihm sehr gelegen kam, er hatte schon immer Verstecke mit mehr als einem Ausgang vorgezogen.
Er sah, wie die Kreaturen gegen die Tür rannten. Sie war schwach und brach sofort. Der arme Kerl im Schuppen ist erledigt, dachte er sich. Er hörte das Stöhnen, dann einen unmenschlich klingenden Schrei. Unbewusst bekreuzigte Janik sich – niemand hatte es verdient, so zu sterben. Er hörte das Brechen von Knochen, dann ein Geräusch, das wie ein nasser Lappen klang, der zu Boden fiel.
Dann war es still. Janik merkte, dass er immer noch den Atem anhielt und atmete laut aus. Aus Richtung des Schuppens hörte er ein ähnliches Geräusch, dann heftiges Schnaufen, als ob jemand versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Doch diese Kreaturen atmeten nicht. Sie stöhnten zwar, aber das klang eher mechanisch, wie Luft, die durch eine Öffnung gepresst wurde, ein langes, monotones Seufzen, ohne jede Modulation.
In der Türöffnung des Schuppens sah er die Umrisse eines Mannes mit einer Axt, erhoben zum Schlag. Er erinnerte sich an die Axt im Schuppen, aber er hatte sie nicht weiter beachtet –für ihn ein weiterer Beweis dafür, was für ein Feigling er doch war. Aber dieser Mann dort draußen war ein Kämpfer. Was Janik nicht beachtet hatte, hatte er als Waffe benutzt um vier von den Dingern abzuwehren. Ein Teil von Janik wollte ihm ein Zeichen geben, ihn zu sich in Sicherheit holen. Aber der andere Teil, jener, der in seinem Leben immer bestimmt hatte, was er tun würde, wollte das nicht. Was wenn er dich umbringt? Was, wenn er mehr von diesen Dingern anlockt? Besser, ihn in Ruhe zu lassen. Du bleibst unten, du bleibst leise, du überlebst. Damit endete sein inneres Zwiegespräch.
Janik schlich vom Fenster weg und hockte sich gegen eine der Wellblechwände. Er hörte die Schritte des Mannes auf dem Beton, als er weg rannte. Kapiert der Idiot nicht, dass er damit nur noch mehr von den Dingern anlockt, dachte der Feigling in ihm. Axt hin oder her, wenn er weiter so viel Lärm macht, erlebt er den Sonnenaufgang nicht mehr, und wenn du ihm nachläufst, geht’s dir nicht anders. Janik ließ den Kopf in die Arme sinken und der Schlaf übermannte ihn.