KAPITEL 41 – LUCAS WIRD MISSTRAUT
Als Lucas durch die unheimliche Stille in Staroye schritt, wurde er immer nervöser. Obwohl es noch hell war, lagen Teile der Häuser schon im Dämmerlicht der immer länger werdenden Schatten. Beim Geräusch eines rostigen Tores fuhr er zusammen. Aber es hatte sich nur im Wind bewegt. Lucas versuchte, sich zu beruhigen. Aber er hatte vorher noch nie so eine tote Stadt gesehen. Kein Leben. Keine Infizierten. Nur der Wind und all die toten Körper. Meistens waren es Infiziere, aber einige davon waren auch Menschen, allerdings waren die schon ziemlich verwest.
Er versuchte, in die Fenster der Häuser zu schauen, als er die Hauptstraße hinunter ging. Aber drinnen war es dunkel und er bekam das Gefühl, dass Infizierte in von dort beobachteten und auf ihn warteten. Ein Stück voraus, kurz hinter dem Dorf, sah er die Tankstelle mit der Reihe verlassener Fahrzeuge auf der Straße, wie Janik es ihm beschrieben hatte. Er war nun am Treffpunkt, aber er konnte niemanden sehen.
„Lucas, ich komme jetzt raus“, rief eine Stimme vor ihm. Yuri trat hinter einer grob aufgehäuften Barrikade hervor, die die Hälfte der Straße versperrte.
„Yuri!“, rief Lucas erleichtert. Yuri hob seine Hände zum Zeichen, dass er unbewaffnet war.
„Wie du siehst bin ich unbewaffnet. Jetzt möchte ich, dass du deinen Rucksack abnimmst und ihn auf den Boden legst, Lucas. Dann will ich, dass du deine Gewehre daneben legst und zurück trittst“, sagte Yuri und trat ganz auf die Straße hinaus, die Hände immer noch erhoben.
„Yuri, zu Hölle. Ich tu dir doch nichts“, rief Lucas verwirrt.
„Ich weiß das, aber du musst es den anderen auch zeigen“, sagte Yuri und gab einen Pfiff von sich. Rund um Lucas erschienen nun die Männer aus ihren Verstecken, alle waren bewaffnet und hatten ihre Gewehre auf ihn gerichtet. Lucas kannte sie alle und er war froh, als er sah, dass einige ihn auch aus den Häusern heraus beobachteten.
„Also denkt ihr, ich gehöre jetzt zu denen?”, fragte Lucas.
„Nun, du warst für einige Tage verschwunden und das letzte, was wir von dir gesehen haben, war dass dich Shutov und seine Banditen in Elektro umzingelt hatten. Jetzt bist du plötzlich wieder da und schwer bewaffnet. Wir kommen hier an und finden den Ort ohne Leben vor. Du musst verstehen, dass wir nun argwöhnisch sind. Ich bin sicher, dass du das alles erklären kannst, aber nun musst du uns erstmal vertrauen.“
„Ist gut, ist gut. Beruhigt euch mal alle. Ich mach’ ja, was ihr wollt. Ich lege als erste meinen Rucksack hin“, rief Lucas und sah die Männer an, die auf ihn angelegt hatten.
„Langsam“, befahl Robert, „leg ihn auf den Boden.“
Lucas nahm behutsam seinen Rucksack ab und legte ihn vor sich auf den Boden.
„Jetzt das Gewehr“, sagte Yuri.
Lucas hielt seine M4A1 vor sich.
„Ich nehme jetzt das Magazin raus. Bleibt alle ruhig“, sagte Lucas. Er richtete den Lauf nach unten und nahm das Magazin heraus, dann legte er beides auf den Boden. Dasselbe machte er auch mit seiner M107 und trat dann ein paar Schritte zurück.
„Gut“, sagte Robert, „jetzt können wir uns vernünftig unterhalten.“ Er legte sein Gewehr weg und trat nach vorn. „Ich entschuldige mich für unser Misstrauen, aber wir vermissen einen Mann und man kann nicht vorsichtig genug sein.“
„Janik, ich weiß“, sagte Lucas.
„Was weißt du?“, fragte Yuri.
„Er hat mich hierher, zu dem Treffpunkt mit euch geschickt. Er ist noch unterwegs und späht die Banditen aus.“
„Die waren hier?“
„Nein. Im nächsten Dorf, in Guglovo. Von da komme ich gerade. Shutov und die Banditen sind mit ihrem Bus durchgefahren. Janik hat sie mit dem Fahrrad verfolgt und mir aufgetragen, euch alles zu erzählen.“
„Wie können wir dir trauen? Woher wissen wir, dass das alles hier keine Falle ist?“, fragte Robert.
„Yuri hat doch vorhin von Vertrauen gesprochen, jetzt müsst ihr mir eben auch ein bisschen vertrauen“, lächelte Lucas. „Es wird langsam dunkel. Lasst mich euch alles erzählen, während wir diesen gelben Ural zum Laufen bekommen. Wir sollten noch vor Sonnenuntergang in Guglovo sein.“
Lucas ging zurück zu seinem Rucksack und den Gewehren: „Kann ich das Zeug jetzt wieder aufheben?“
Robert sah die Männer fragend an und alle nickten zustimmend.
„Sicher, wir trauen dir.“
Yuri ging zu Lucas, umarmte ihn und küsste ihn auf beide Wangen.
„Ich glaube mir hat‘s besser gefallen, als noch die Gewehre auf mich gerichtet waren“, scherzte Lucas.
„Lucas, ich will alles darüber wissen, wie es dir ergangen ist. Aber vorher möchte ich dir danken. Wir alle danken dir. Du hast uns in Elektro gerettet. Wie können wir dir das jemals vergelten?”
„Was zu essen wäre schön. Ich muss zugeben dass ich ziemlich hungrig bin.“
„Du bekommst ein Festmahl“, erklärte Yuri.
„Na ja, ein Festmahl aus Bohnen und Sardinen“, korrigierte Alfie.
„Im Moment ist das für mich ein Festmahl“, sagte Lucas.
„Hah, dieser Mann hat wirklich Hunger!“, scherzte Yuri, fasste Lucas um die Schultern und ging mit ihm zur Tankstelle und dem gelben Ural.