KAPITEL 34 – EIN WACKLIGES BÜNDNIS

Xavier erwachte mit einem Ruck und tastete nach seinem Revolver. Es war heiß und dunkel. Er sah sich verwirrt um, konnte aber nichts erkennen. Wo bin ich? Was ist los? Sein angeschlagener Verstand drehte und wendete diese beiden Gedanken hin und her. Er warf die Decken beiseite und erhob sich.

Duke hatte ihn gehört und kam herein. Seine Augen hatten sich bereits an das Dämmerlicht gewöhnt, und anders als Xavier konnte er gut sehen.

„Morgen Frenchy. Der letzte Kaffee ist fertig, falls du welchen willst.“

Xavier erinnerte sich an den üblen Geschmack vom Vorabend und winkte ab: „Nenn‘ diese Monstrosität bloß nie wieder Kaffee, Amerikaner.“

„Selbst schuld“, um diese Aussage zu unterstreichen nahm er einen tiefen Schluck aus seinem Becher und schnalzte anerkennend mit der Zunge, „ahhh, wunderbar.“

„Wieviel Uhr ist es?“, fragte Xavier.

„Irgendwann Vormittags“, antwortete Duke und hob sein Handgelenk, um seine stehengebliebene Uhr zu zeigen. „Unglücklicherweise war die nicht wasserdicht.“

Xavier kramte seine Sachen zusammen: „Kannst du die Decken abmachen und ein bisschen Licht hereinlassen?“

„Das mache ich eher nicht“, sagte Duke, „sieh mal raus.“

Xavier ging zum Fenster und zog ein Stück des Klebebands ab. Dann spähte er durch den Schlitz. Draußen streiften Zeds um das Haus, fast so als ob sie es bewachen würden.

„Sacrebleu! Wie viele sind da draußen?”, fragte Xavier und schloss den Spalt wieder.

„Ich hab fünf gezählt.“

„Was ist denn passiert, während ich geschlafen habe?“

„Nichts. Überhaupt nichts. Das ist ja das Seltsame. Irgendwann am Morgen sind sie einfach aufgetaucht.“

„Vielleicht können sie uns riechen, oder hören?“

„Vielleicht. Aber sie versuchen ja nicht, hier rein zu kommen. Anders als beim letzten Haus.“ Duke spähte durch eine kleine Öffnung: „Schau sie dir an. Was siehst du?“

Xavier schaute wieder durch den Spalt. Am nächsten war ein weiblicher Zed, die langen braunen Haar verfilzt und matt, mit Schmutz und Blut verkrustet. Sie trug ein zerschlissenes Nachthemd, das den Blick auf ihr graues Fleisch freigab. Nicht weit von ihr befanden sich zwei halbwüchsige Jungen, identische Zwillinge. Sie hatten beide den gleichen Haarschnitt, trugen aber unterschiedliche Kleidung, es waren zerrissene Schlafanzüge. Etwas weiter weg, in der Nähe des Pumpbrunnens, war ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, in einem Nachthemd mit Hello Kitty Aufdruck und einem kyrillischem Schriftzug.

„Was soll ich denn sehen?”, fragte Xavier.

„Schau dir ihre Kleider an, Frenchy. Sie tragen Schlafanzüge und Nachthemden, als ob sie im Schlaf überrascht worden wären.“

„Und weiter?“

„Nun, hier in der Nähe gibt es keine anderen Häuser, darum haben wir uns diesen Platz ausgesucht. Ich denke, das hier ist eine Familie, die Mutter mit ihren drei Kindern. Der Vater ist auf der anderen Seite, hinter dem Haus.“

„Na gut, dann ist das eine Tragödie. Aber was spielt das für eine Rolle?“

„Du verstehst nicht, das hier ist ihr Haus.“ Duke nahm ein Foto vom Kaminsims und reichte es Xavier: „Das sind sie, in besserem Zustand natürlich.“

Xavier betrachtete das Foto. Es zeigte die Infizierten, die er draußen gesehen hatte. Sie standen an einem Strand und lächelten.

„Also schleichen sie um ihr eigenes Haus herum“, überlegte Xavier.

„Ganz genau. Als ob es für sie immer noch eine Bedeutung hätte.“

„Na gut. Aber was heißt das für uns?”, fragte Xavier.

„Das bedeutet, dass wir uns nicht mehr in Häusern aufhalten sollten. Es ist einfach zu riskant. Wir könnten jedes Mal angegriffen werden, wenn wir hinein oder hinaus gehen.“

„Aber wo waren sie gestern?“

„Keine Ahnung. Wir sind ohne Probleme rein gekommen, aber sie müssen in der Nähe gewesen sein. Womöglich sind sie nicht nachtaktiv. Vielleicht haben sie sich irgendwo ausgeruht und wir haben sie nicht bemerkt. Ich hab‘ verdammt noch mal keinen Schimmer. Aber der Punkt ist, dass Ansiedlungen und Häuser nicht sicher sind. Sie haben irgendeine Bedeutung für diese Kreaturen, also sollten wir uns davon fernhalten.“

„Wir?”

„Ja genau, wir. Ich hab auch darüber nachgedacht und ich meine, wir sollten erstmal zusammen bleiben.“

„Du vergisst wohl den Supermarkt.“

„Nein, ich vergesse den Supermarkt nicht, aber ich wünschte, du würdest ihn endlich vergessen.“

„Du wolltest mich dem Tod überlassen!“

„Ja und ich hab mich bereits zu oft dafür entschuldigen müssen. Ich hab den Dachboden durchstöbert und wie es scheint, haben die Jungs gerne gezeltet. Ich hab‘ ein kleines Zweimannzelt und Campingausrüstung gefunden. Und diese Schätzchen hier“, Duke zog zwei Äxte aus seinem Rucksack, „damit schaffen wir unser kleines Problem draußen aus der Welt.“

„Ich weiß nicht.“

„Was? Die sind leise und wir sparen Munition.“

„Ich meine, dass wir zusammen bleiben sollen.“

„Was gibt es darüber groß nachzudenken? Es ist unsere beste Option. Wie willst du ruhig schlafen, ohne dass jemand Wache hält? Wie willst du in einer Stadt Vorräte sammeln, ohne dass wir uns gegenseitig den Rücken decken?“

„Ja, das macht schon Sinn, aber…“

„Was? Was ist das Problem?“

„Nichts.“

„Nein, sag schon.“

„Kein Problem. Ich bin eben lieber allein.“

„Wenn das stimmt, warum hast du mich dann verfolgt?“

„Ich hab dich nie verfolgt.“

„Hör schon auf. Klar hast du. Wie bist du den sonst in genau derselben Stadt gelandet wie ich? Schau dir doch die Karte mal an. Es gibt tausend Möglichkeiten, wo du hättest hingehen können aber du landest genau an derselben Stelle wie ich, und auch noch genau zur selben Zeit. Und ich soll glauben, dass das reiner Zufall war? Ich habe gespürt, dass mich jemand beobachtet. Ich habe dich zwar nie gesehen, aber trotzdem hab ich recht gehabt.“

„Ich hab mich verlaufen, das ist alles.“

„Du bist mir gefolgt, weil du Hilfe brauchtest. Lass mich dir jetzt helfen.“

„Oh ja, so wie im Supermarkt?“

„Ach zu Hölle mir dir, Mann. Ich…“

Xavier unterbrach ihn. Er zog seinen Revolver und richtete ihn auf Duke: „Nein, zur Hölle mir dir. Du hast mich dem sicheren Tod überlassen. Weißt du, wie oft ich seitdem darüber nachgedacht habe, dich umzubringen? Darüber dich für das zahlen zu lassen, was du mir angetan hast?“

„Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Wegen deines Fehlers wäre ich fast gestorben.“

„Du willst Rache, du willst es mir heimzahlen? Du willst mich tot sehen? Dann mach…“, Duke ließ einen Rucksack und die Äxte fallen und ging auf Xavier zu, bis seine Stirn den Lauf des Revolvers berührte. „Los, mach schon. Wenn du mir schon nicht vergeben kannst, drück endlich den verdammten Abzug.“

Xavier schüttelte den Kopf.

„Bring mich um, beschissener Feigling. Nimm deine Rache und leb weiter, mit meinem Blut für immer an Deinen Händen.“

Xavier sah Duke in die Augen und Duke starrte trotzig zurück. Dann schloss er die Augen und wartete auf den Schuss. Für Xavier schien die Zeit stehen zu bleiben, dieser Moment schien kein Ende zu nehmen. Er nahm einen tiefen Atemzug. Als er ausatmete war es, als habe er seinen Zorn mit ausgeatmet. Er ließ den Revolver sinken.

Duke fühlte den Lauf nicht länger an seiner Stirn und öffnete die Augen. Xavier hatte den Revolver gesenkt und kämpfte mit den Tränen, Schleim lief ihm aus der Nase über das Gesicht.

„Ich weiß ja, dass ich das im Supermarkt vermasselt habe und es tut mir leid. Lass es mich wieder gut machen“, sagte Duke.

„Aber wie? Wie könntest du das?”

„Ich habe dich damals dem Tod überlassen, also lass mich dich jetzt lebend hier raus bringen.“ Duke machte einen Schritt nach vorne und schloss Xavier in die Arme: „Ich habe mein ganzes Leben verschwendet. Ich hab mich einfach treiben lassen. Ich hab nichts geleistet, nichts erreicht. Aber wenn ich es schaffe, dich lebend hier raus zu bringen, nach Hause, in Sicherheit, dann habe ich wenigstens dieses Eine erreicht. Vielleicht ist das nicht viel, aber es ist besser als alles, was ich sonst habe.“ Duke ließ Xavier los und trat einen Schritt zurück: „Lass mich dieses Eine erreichen.“

Xavier nickte und wischte sich das Gesicht ab.

„Ja, verdammt noch mal, Frenchy, du wirst hier raus kommen.“

„Duke, nachdem wir uns jetzt umarmt haben, kannst du vielleicht das mit Frenchy sein lassen und mich Xavier nennen?“

„Dafür braucht’s mehr als bloß eine Umarmung, Frenchy.“

Duke nahm eine der Äxte und schob die andere zu Xavier hinüber. Dann stellte er sich neben die Tür.

„Ich mach sie fertig und du deckst mich mit dem Revolver.“

Xavier wischte sich ein letztes Mal über das Gesicht, dann nickte er zustimmend. Duke legte seine Hand auf den Türgriff, aber bevor er sie öffnete, sah er zurück zu Xavier.

„Freunde?“

„Auf dem Weg dahin“, antwortete Xavier.

„Damit kann ich leben“, sagte Duke und öffnete die Tür. Das Tageslicht flutete in den Raum.

Survivors and Bandits - Ein DayZ Roman
titlepage.xhtml
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_000.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_001.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_002.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_003.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_004.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_005.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_006.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_007.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_008.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_009.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_010.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_011.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_012.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_013.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_014.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_015.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_016.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_017.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_018.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_019.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_020.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_021.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_022.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_023.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_024.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_025.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_026.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_027.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_028.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_029.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_030.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_031.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_032.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_033.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_034.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_035.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_036.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_037.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_038.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_039.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_040.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_041.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_042.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_043.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_044.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_045.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_046.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_047.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_048.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_049.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_050.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_051.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_052.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_053.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_054.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_055.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_056.html
CR!M448WYNAVN0P9E6QBRYRK053VY2K_split_057.html