KAPITEL 26 – FEUER UND EIS
Yuri und die Gruppe der Überlebenden hatten ihre Sachen gepackt und waren nun am Waldrand entlang unterwegs nach Pusta. Nachdem Alfie die Banditen stundenlang beobachtet hatte, war er sich sicher, dass sie in der Stadt bleiben würden und nicht planten, in dieser Nacht noch abzurücken. Da sie nun wussten, wo sich die Banditen während der nächsten Stunden aufhalten würden, war es für die Gruppe sicher, während der Nacht zu marschieren.
Der Himmel war wolkenlos und der Mond schien, so hatten sie beschlossen, ihre Lampen erst auf der anderen Seite des Hügels anzuschalten. Dadurch kamen sie in der Dunkelheit zwar deutlich langsamer voran, aber sie hatten sich darauf geeinigt, dass es so sicherer sein würde. Yuri war besorgt, weil Lucas, Janik und Kiam immer noch nicht zurückgekommen waren. Er hätte ihnen gerne eine Nachricht hinterlassen, wohin die Gruppe gegangen war. Sie hatten den Vorschlag diskutiert und waren zu dem Schluss gekommen, dass es unwahrscheinlich war, dass jemand die Nachricht finden würde und wenn, sie nicht sicher sein konnten, dass es nicht einer der Banditen sein würde.
Yuri hoffte, dass sie die Vermissten vielleicht in Pusta treffen würden. Das war nicht so unwahrscheinlich, da Pusta die nächstgelegene Ansiedlung im Hinterland war und niemand Lucas oder Janik an der Küste hatte laufen sehen. Sie konnten natürlich auch nach Süden, in Richtung Chernogorsk gegangen sein, aber Yuri hielt an der Hoffnung fest, sie in Pusta zu finden.
Während sie gingen, bemerkte er plötzlich in der Ferne den Lichtschein eines Lagerfeuers. Er hielt Joseph fest und deutete auf das Feuer. „Siehst du das?“, flüsterte er. Joseph sah in dieselbe Richtung und nickte. „Hol die anderen“, sagte Yuri, während er das Feuer weiter beobachtete. Bald standen alle beisammen und starrten zu dem Feuer hinüber. Alfie sah durch sein Fernglas und konnte ausmachen, dass da ein einzelner Mann am Boden neben dem Feuer lag.
„Ich kann nicht erkennen, wer das ist“, erklärte Alfie.
„Könnten es unsere Vermissten sein?“
„Könnte sein. Oder es ist ein Späher. Oder eine Falle. Kann man nicht sagen.“
„Gehen wir hin?“
„Nein, zu gefährlich.“
„Aber es könnten Janik oder Lucas sein. Wir sollten zumindest sichergehen“, sagte Yuri. „Ich gehe hin. Ich sehe nach.“
„Du musst aber leise sein. Da könnten Andere sein, die im Dunkeln sitzen und Wache halten.“
Yuri nickte: „Gib mir dein Gewehr.“ Alfie tausche seine Lee-Enfield gegen Yuris Pistole. „Ihr bleibt hier. Wenn ich mit jemandem zurückkomme, seid vorsichtig. Wenn es die anderen sind, pfeife ich, wenn ich auf dem Rückweg bin. Seht zu, dass ihr es nicht überhört.“
„Viel Glück“, Alfie schlug ihm auf die Schulter.
„Alles in Ordnung“, sagte Yuri und sah auf die Uhr. „Eine halbe Stunde. Wenn ich in einer halben Stunde nicht zurück bin, ist irgendwas faul.“
Alfie nickte und Yuri ging los. Er ging langsam und setzte sachte jeden Schritt, um knackende Äste zu vermeiden. Er hielt die Lee-Enfield im Anschlag und spähte und lauschte auf Anzeichen für die Gegenwart Anderer in seiner Nähe.
Als er sich dem Feuer näherte, konnte er das Knacken und Prasseln der brennenden Äste hören und den Rauch riechen, der über ihn hinweg zog. Er spähte zum Feuer und sah einen zweiten Mann am Boden liegen. Einer war zugedeckt, der andere lag flach auf dem Boden. Aber mit dem, der flach dalag, stimmte etwas nicht und als er näher kam, sah er was es war – er hatte keinen Kopf. Oh verdammt, was ist denn hier passiert, fragte er sich, als er vorsichtig einen Halbkreis schlug um das Gesicht des anderen Mannes sehen zu können.
Er hatte sich wegen der Kälte die Jacke halb über den Kopf gezogen, weswegen Yuri weiter um das Feuer herum schleichen musste. Dabei hielt er sein Gewehr immer direkt auf den Schlafenden gerichtet.
Schließlich konnte er das Gesicht erkennen, es war Rory, der Simpel. Was zum Teufel macht der denn hier? Yuri sah sich um, aber es schien als sei Rory ganz alleine und er schlief tief und fest. Yuri sah ihn an und stellte fest, dass er nur eine Axt hatte und das, was er am Leib trug. Der wird hier doch verhungern, wir müssen ihm helfen… seine Gedanken wurden jäh durch Gewehrschüsse unterbrochen, die aus der Stadt hinter ihnen herauf drangen.
Rory öffnete die Augen und sah in den Lauf von Yuris Gewehr, keine drei Meter entfernt. Er setzte sich auf, seine Augen waren geweitet und er sah sich um wie ein in die Enge getriebenes Tier. Yuri bemerkte, dass er immer noch die Waffe auf Rory gerichtet hatte und senkte sie. Als Rory das sah fuhr er hoch, griff nach seiner Axt und rannte ins Dunkel hinaus.
„Simpel, warte doch. Ich wollte dich nicht erschrecken“, rief Yuri, allerdings nicht sehr laut, weil das Schießen in der Stadt unten immer noch anhielt.
„So ein Mist“, fluchte Yuri als er nach Rory Ausschau hielt. Aber der war längst verschwunden. Von links hörte er das Knacken von Zweigen als die anderen der Gruppe durch das Unterholz gerannt kamen, die Waffen im Anschlag.
„Yuri, was zur Hölle ist passiert, wir haben Schüsse gehört?“, fragte Alfie als er den Lagerplatz betrachtete.
„Es war der Simpel. Aber als er die Schüsse hörte, hat er Angst bekommen und ist weg gelaufen.“
„In welche Richtung?”, fragte Joseph.
„Den Hügel runter nach Elektro.“
„Dahin können wir ihn nicht verfolgen.“
„Was hat er denn hier draußen gemacht?“, fragte Pablo.
„Womöglich war er ein Späher, oder eine Art Vorposten?“, entgegnete Alfie.
Yuri war nicht überzeugt: „Der Simpel, meinst du wirklich? Würdest du ihn als Vorposten aufstellen?“
„Eher nicht. Aber dann sag mir, was er ganz alleine hier draußen gemacht hat, mit einem Feuer, das die ganze Gegend erleuchtet. Und warum rennt er zurück zur Stadt, wenn er dich sieht. Ich seh hier auch kein Zelt, bloß den toten Infizierten. Hat er eine Waffe gehabt?“
„Bloß eine Axt. Er hatte noch nicht mal einen Rucksack dabei.“
„Also sitzt er ganz alleine hier draußen mit nichts als einer Axt und einem Feuer. Wieso sollte er das tun, wenn er nicht einer von denen ist?“, fragte Alfie.
„Verdammt noch mal, das weiß ich doch auch nicht“, antwortete Yuri.
„Genauso wenig wie ich“, gab Alfie zu, „aber wir müssen vom Schlimmsten ausgehen. Das bedeutet, dass Pusta nicht mehr sicher ist.“
„Warum soll Pusta deswegen nicht mehr sicher sein?“
„Weil es hier in der Nähe nichts anderes gibt. Pusta liegt im Norden, Elektro im Süden. Die Banditen sind in Elektro und wenn der Simpel ihnen erzählt, dass er uns gesehen hat, werden sie annehmen, dass wir nach Pusta gehen. Es gibt keinen anderen Grund, warum wir hier sein sollten. Darum sage ich Pusta ist gestrichen.“
„Aber was ist mit den Anderen? Sie sind vielleicht dort“, warf Yuri ein.
„Und wenn wir sie warnen könnten, würden wir es tun. Hör zu, ich will hier nicht die ganze Nacht diskutieren. Wir sollten schnellstens umkehren und zu dieser anderen Ortschaft an der Küste gehen.“
„Kamyshovo?“
„Genau. Kamyshovo. Ohne Lampen werden wir langsamer sein, aber wenn wir erst dort sind, können wir für den Rest der Nacht lagern. Das ist zwar kein besonders raffinierter Plan, aber sicher besser, als hier herum zu stehen. Sind alle einverstanden?“
Die anderen nickten.
„Dann los. Das Feuer lassen wir brennen. Wir können nur hoffen, dass sie denken wir gehen nach Norden.“