KAPITEL 25 – JANIK UND DIE BANDITEN

Janik hatte während des Gefechts in Elektro die ganze Zeit vom Hügel aus zugesehen. Er konnte von seinem Beobachtungspunkt alles sehen, was vorging. Allerdings hatte er, im Gegensatz zu Lucas, nicht beobachten können, wer Mitch umgebracht hatte. Er hatte nur die Schüsse gehört, und einige Zeit darauf den Simpel mit blutigen Händen den Hügel hinauf rennen sehen. Für Janik musste es so aussehen, als habe der Simpel Mitch ermordet.

Er beobachtete, wie Lucas vom Turm der Feuerwache aus schoss und erschrak für einen Moment, als es so aussah, als würde Lucas genau in seine Richtung zielen. Danach beobachtete er, wie sich die Lage nach Lucas‘ letzten Schüssen langsam beruhigte und die Banditen die Kirche besetzten.

Janik sah sich genau an, wie sie sich auf den Bus konzentrierten und ihre Sicherheitszone um die Kirche errichteten. Als es zu dämmern begann, stellten sie Wachtposten ab und machten sich für die Nacht fertig. Während der ganzen Zeit wollte er eigentlich ständig sein Rad nehmen und verschwinden, so lange er noch konnte. Aber andererseits wollte er auch sehen, was sie machten und vielleicht etwas Wichtiges in Erfahrung bringen.

Er war von Shutov und seiner Banditenbande beeindruckt. Sie schienen besser organisiert als die Überlebenden und in der Lage, sich auf ein Ziel zu konzentrieren. Vielleicht solltest du runtergehen und Hallo sagen, spöttelte er innerlich. Vielleicht geben sie dir einen dicken, feuchten Kuss und sagen Janik, wir sind so froh, dass du da bist. Jetzt fühlen wir uns endlich wieder sicher. Er sah zu, wie sie arbeiteten. Wäre es wirklich so schlecht, sich ihnen anzuschließen? Sicher, du würdest ihnen etwas bieten müssen, was sie haben wollten. Aber willst du wirklich wie die sein? Selbst wenn sie dich akzeptieren würden, würdest du sie auch akzeptieren? Seine Gedanken sprangen zwischen diesen beiden Standpunkten hin und her, während die Sonne unterging und das Tageslicht zu schwinden begann.

Als es dunkler wurde, fühlte sich Janik mutiger. Er beschloss, näher heran zu gehen und dann zu entscheiden, was er tun würde. Er wollte sich frei bewegen können, daher verstaute er seinen Rucksack zusammen mit dem Fahrrad in einem nahe gelegenen Haus. Er nahm nur seine Armbrust mit drei Bolzen mit und machte sich auf den Weg in Richtung Kirche. 

Die untergehende Sonne half ihm. Sie blendete ihn zwar ein wenig, aber sie sorgte auch für lange Schatten, in denen er sich verbergen konnte. So schlich er durch Elektro, langsam mit bedachten Schritten, um keinen der Infizierten auf sich aufmerksam zu machen. Als er der Kirche ein wenig näher kam, fragte er sich, warum er unbedingt in die sprichwörtliche Höhle des Löwen wollte. War ihm sein Überleben plötzlich nicht mehr so wichtig, wollte er sich ihnen vielleicht anschließen, oder trieb ihn irgendetwas anderes? Irgendetwas veranlasste ihn, immer weiter vorzurücken. Ein Risiko einzugehen, obwohl er doch zuvor in Sicherheit gewesen war.

Noch näher herangekommen, sah er einen Mann auf dem Dach der Feuerwache patrouillieren. Auf demselben Gebäude, auf dem Lucas gewesen war und von wo er verschwand. Janik fragte sich, ob er tot war. Ob die anderen tot waren? Ob es jemand lebend heraus geschafft hatte? Womöglich war es das, weswegen er sich der Gefahr aussetzte. Weil er Gewissheit haben wollte, verstehen wollte. Janik erkannte Harrison in dem Mann auf dem Dach. Harrison hatte ihm auf dem Schiff gerne das Leben wegen seiner geringen Größe schwer gemacht. Janik sah sich nach den anderen um, die er mit Harrison katte ankommen sehen, aber außer den herumwankenden Infizierten konnte er niemanden entdecken.

Janik spähte um die Ecke eines Hauses und blickte geradewegs ins Gesicht eines Infizierten. Der Infizierte stand ganz still, nur den Kopf bewegte er ab und zu und horchte auf Geräusche. Ganz langsam und ruhig hob Janik die Armbrust. Die Bewegung war so langsam, dass man sie kaum wahrnehmen konnte, aber am Ende zeigte die Armbrust genau auf den Infizierten vor ihm. Janik zog den Bolzen zurück und strich mit dem Finger sanft über den Abzug. Er sah über das Visier genau in das Gesicht des Infizierten, das sich ihm zuwandte. Janik sah ihm in die Augen. Er suchte nach Anzeichen von Intelligenz, dem Anflug eines Ausdrucks. Aber da war nichts, nur glasiges Weiß. Der Infizierte öffnete gerade den Mund um zu stöhnen als der Bolzen mit einem Zischen die Armbrust verließ und sich in seine Augenhöhle bohrte.

Der Infizierte fiel, den Mund immer noch geöffnet zu einem Stöhnen, das seine Lippen nie verlassen würde. Janik sah sich um, er hatte keinerlei Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er schlich zu dem Körper hinüber und griff nach dem Bolzen, der sich tief in den Kopf des Infizierten gebohrt hatte. Er steckte fest und es brauchte einiges Zerren und Rütteln, bis er sich schließlich löste. Er wischte das Blut an der Kleidung des Untoten ab und lud den Bolzen zurück in die Armbrust.

Janik spähte über die Straße in Richtung Feuerwache. Es war fast Nacht und die Schatten der Gebäude tauchten den Parkplatz davor fast in Dunkelheit. Harrison patrouillierte noch immer auf dem Dach. Er rieb sich immer wieder die Augen, weil der helle Horizont der untergehenden Sonne mit den dunklen Schatten der Stadt kontrastierte. Janik überlegte, wie er näher an die Feuerwache heran kommen sollte.

Auf dem Parkplatz lagen eine Menge Schutt und Abfall, ein aufrecht stehendes Ölfass, eine niedrige Barrikade, einige hölzerne Paletten – aber nichts, das groß genug gewesen wäre, um sich dahinter zu verstecken. Allerdings gab es neben dem offenen Tor ein kleines Wachhäuschen. Wenn er dort hinein gelangen könnte, hätte er genügend Deckung bis es vollkommen dunkel sein würde. Aber zwischen Janik und dem Wachhäuschen befand sich die Straße, die er kaum überqueren konnte, ohne entdeckt zu werden.

Zum Glück für Janik war die Straße nicht ganz leer. Nicht weit von ihm gab es zwei ineinander verkeilte, ausgebrannte Autowracks – die Überbleibsel eines früheren Verkehrsunfalls, die nie beseitigt worden waren. Sie verhinderten zwar nicht, dass Autos diese Stelle passieren konnten, aber sie konnten ihm Deckung vor Harrison geben, falls er herüber sehen würde. Janik legte sich auf den Bauch und begann, auf die Straße zu kriechen. Seine Arme wurden vom Asphalt aufgeschürft und er ärgerte sich, dass er immer noch keine Jacke hatte.

Er kam unentdeckt auf der anderen Seite an und kroch in Richtung des offenen Tores. Er wartete darauf, dass Harrison in die andere Richtung sah. Sobald er sich wegdrehte schlich Janik auf Zehenspitzen weiter. Seine Füße berührten kaum den Boden und er ging fast lautlos. Er schlich in das Häuschen, von wo er das Dach der Feuerwache sehen konnte. Zwischen ihm und dem Gebäude lag nun nur noch der Parkplatz mit dem Schutt und Abfall. Bald würde es dunkel sein und dann würde er hinüber schleichen.

Janik kauerte in dem Wachhäuschen und spähte über den Rand des Fensters zum Dach der Feuerwache. Draußen war die Nacht angebrochen und die Dunkelheit verbarg ihn, so dass er sich sicherer fühlte. Beruhigt nahm er einen Schluck Wasser, während er beobachtete, wie Harrison auf und ab ging. Er wanderte planlos umher und murmelte vor sich hin, aber Janik war zu weit entfernt um zu verstehen, was er sagte.

Stattdessen höre er menschliche Schritte näher kommen. Janik presste sich an die Wand und versuchte sich so klein wie möglich zu machen. Die Schritte kamen immer näher. Du Vollidiot, du bist aufgeflogen, dachte er, während er nach einem Ausweg suchte.

Jetzt merkte er, dass er nicht nachgedacht hatte, als er sich das kleine Häuschen ausgesucht hatte. Es hatte nur einen Ausgang, und auch wenn die Schritte, die näher kamen, nicht zu einem Infizierten gehörten, war er nun ganz sicher in Gefahr. Du verdammter Narr, fluchte er mit sich selbst, hob die Armbrust und richtete sie auf den Eingang. Wenn jemand herein kam, würde er nur einen Schuss haben, um ihn zu erwischen.

„Wird aber auch Zeit. Ich sehe hier überhaupt nichts mehr.“

„Hey, irgendjemand muss ja der letzte sein – also warum nicht du?“, antwortete der andere Mann. Janik lauschte angestrengt. Der Mann war irgendwo auf dem Parkplatz stehen geblieben und Janik hörte, wie Holz zerbrach und auf Metall schlug.

Er erschrak als plötzlich alles hell erleuchtet wurde. Er kroch weiter nach hinten, weil er fürchtete, dass er in dem plötzlichen Lichtschein sonst gesehen werden könnte.

„Na, besser, Prinzessin?”, rief der Mann. Janik erkannte die Stimme des Butchers.

„Viel. Wenigstens sehe ich jetzt was. Wie lang will Shutov noch, dass ich hier oben bleibe?“

„Keine Ahnung. Er ist fixiert darauf, dass Sam heute Nacht diesen Bus noch repariert, damit wir Morgen zum Flugplatz fahren können.“

„Mist, dann kann es ja die ganze Nacht dauern.“

„Sieht ganz danach aus. Und nicht dass du mir da oben einschläfst. Du überwachst immerhin den ganzen Nordosten.“

Janik spähte über den Rand des Fensters. Das Ölfass, dem er nicht viel Beachtung geschenkt hatte, war jetzt hell erleuchtet. Er sah, dass Holzstücke von den Paletten oben heraus standen. Das Feuer verbreitete einen gespenstischen Lichtschein, der über die Wände der Feuerwache tanzte. Der ganze Parkplatz war erleuchtet. Janik sah, wie der Butcher den Parkplatz verließ und in Richtung Kirche verschwand.

Er sah hinüber zum Dach der Feuerwache, das im Dunkeln lag, weil der Lichtschein der Tonne nicht bis ganz nach oben reichte. Er kniff die Augen zusammen, aber es half nichts. Er konnte nicht feststellen, wo Harrison stand und auch nicht, wohin er gerade schaute. Verdammt! dachte er, als er merkte, dass er nun hier in diesem Wachhäuschen festsaß. Er konnte Harrison nicht sehen und er konnte sich nicht wegbewegen, ohne dass Harrison ihn sehen würde.

 

Survivors and Bandits - Ein DayZ Roman
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