KAPITEL 23 – LEBEN MIT DEM SCHWERT
Unter Husten und Stottern blieb der Motor stehen und das Motorrad rollte am Straßenrand aus. Selbst wenn der Motor in sehr gutem Zustand war – nur mit den Benzindämpfen, die noch aus dem leeren Tank kamen, konnte er nicht weiterlaufen. Robert klappte den Standfuß aus und stieg ab. Der Doc, der auf dem Rücksitz mitgefahren war, folgte. „Verdammter Mist, sieht aus, als wären wir jetzt wieder zu Fuß“, fluchte Robert. Der Doc nickte und streckte seine verkrampften Glieder. Robert dreht sich um und gab dem Motorrad einen Tritt, so dass es umfiel. „Verdammtes Mistding“, schimpfte er und gab ihm noch einen Tritt.
Der Doc ließ ihn seine Wut an dem Motorrad auslassen. Den ganzen Morgen hatte er bereits geflucht und getobt, als sie die verlassenen Autos nach Benzin abgesucht hatten. Gelegentlich hatten sie auch etwas gefunden, aber sie hatten viel Zeit gebraucht und waren kaum vorangekommen. Der Doc war zwar nur ein praktischer Arzt, aber man musste kein Psychotherapeut sein um zu erkennen, dass Robert seinen Frust über Arnolds Tod an allem und jedem ausließ, das ihm in die Quere kam. Der Doc hatte daher beschlossen, ihm an diesem Tag lieber nicht in die Quere zu kommen, besonders nach der Schimpftirade, die er auf die Bemerkung geerntet hatte, dass es nicht besonders klug sei, ihr einziges Transportmittel zu treten.
Nachdem sie ohnehin nicht weit gekommen waren, sahen sie sich nun mit einem Motorrad und einem leeren Benzinkanister gestrandet. Und weit und breit waren weder Autos noch irgendwelche Tanks zu entdecken, von wo sie etwas Benzin hätten bekommen können. Der Doc ließ seinen Rucksack fallen und setzte sich in den Schatten eines Baumes. Robert trat immer noch auf das Motorrad ein.
Der Doc öffnete seine Feldflasche und nahm einen Schluck Wasser. Er blickte die Straße in beide Richtungen entlang. Diese Küstenstraße war gut befahrbar gewesen, kaum verlassene Autos oder Barrikaden. Gelegentlich ein Wagen oder eine zusammengezimmerte Straßensperre in einer Ortschaft, aber die hatten kein Problem dargestellt. Mit den Infizierten allerdings war das eine andere Sache.
Mit dem Motorrad waren sie bequem überall durchgekommen, den verkeilten Autowracks früherer Unfälle ausgewichen und notfalls auch abseits der Straße gefahren. Aber sie waren auch den Elementen ausgesetzt, und dem Risiko, von Infizierten vom Motorrad gezogen zu werden. Außerdem war es laut. Jeder Infizierte, der in Hörweite herumstreifte, kam sofort angerannt. Natürlich hatten sie sie immer abgehängt, aber hätten sie einen Unfall gehabt, einen geplatzten Reifen oder etwas anderes, das sie im falschen Moment zum Anhalten zwang, wären sie im Nu überrannt worden. Glücklicherweise war ihnen das Benzin an einer sehr einsamen Stelle ausgegangen. Weder im Norden noch im Süden schien es Infizierte zu geben. Hinter ihnen begann der Wald, aber es schien ihnen ratsam, auf der Straße zu bleiben, wo sie in jeder Richtung weit sehen konnten.
Robert stapfte zum Doc herüber und warf seinen Rucksack hin, was den Doc aus seinen Gedanken riss. Er setzte die Feldflasche ab und schluckte das Wasser hinunter. Roberts Stirn glänzte vor Schweiß, von seinen Attacken auf das Motorrad: „Und, fertig zum Gehen?“, fragte er den Doc, der daraufhin nickte.
„Wo gehen wir hin?“
„Keine Ahnung“, antwortete Robert und nahm die Landkarte aus seinem Rucksack. Er breitete sie vor ihnen auf dem Boden aus und beide sahen auf die Karte.
„Ich denke, wir sind irgendwo hier“, Robert beschrieb einen Bereich auf der Karte, „der Leuchtturm da vorn müsste Krutoy Kap sein.“ Er zeigte auf einen Leuchtturm, der in der Karte eingezeichnet war. „Also haben wir von hier zwei Möglichkeiten. Wir können auf der Küstenstraße bleiben und nach Kamyshovo gehen. Oder wir gehen ins Hinterland nach Tulga. Im Inland könnten wir uns zwar leichter verirren, aber Tulga ist näher als Kamyshovo. Außerdem würde ich den Leuchtturm durchsuchen wollen, wenn wir an der Küste bleiben, und dann würde es noch länger dauern.“
„Warum unbedingt eine der beiden Ortschaften? Wir sollten uns besser von den Infizierten fernhalten.“
„Weil unsere Vorräte langsam knapp werden. Und falls wir nicht mitten im Nirgendwo einen Feinkostladen finden, kommen wir nur in einer der Ortschaften an Nahrung und Wasser.“
„Wir können doch das, was wir haben, ein bisschen strecken, damit es länger reicht“, entgegnete der Doc fast flehentlich.
„Das können wir machen. Aber früher oder später, sei es morgen oder in einer Woche, brauchen wir neue Vorräte und dann müssen wir in eine der Ortschaften. Es macht keinen Sinn, das so lange hinauszuzögern, bis wir hungrig und geschwächt sind, wenn wir es auch gleich machen können. Die Frage ist nicht wann, sondern wo. Also, wohin sollen wir als nächstes?“
„Dann bleiben wir an der Küste. Ich hab‘ keine Lust durch den Wald zu stolpern und mich zu verirren.“
„Also gut“, sagte Robert und faltete die Karte zusammen, „dann also Kamyshovo. Wir sehen besser zu, dass wir vorankommen. Es wird bald dämmern und ich will dort sein, bevor es dunkel ist.“
Robert und der Doc schulterten ihre Rucksäcke und gingen los. Robert kratzte seinen verbundenen Arm, wo ihn am Vortag einer der Infizierten verletzt hatte. Der Doc bemerkte das.
„Tut es weh? Ich sollte mir das nochmal ansehen.“
„Alles in Ordnung.“
„Und du fühlst dich nicht irgendwie… anders?“
„Du meinst in der Art, dass ich Appetit auf Menschenfleisch habe?“, scherzte Robert. „Nein, bisher nicht. Wir haben ja noch ein par Konserven.“
„Du solltest das nicht auf die leichte Schulter nehmen, Robert. Wenn du dich in einen dieser Infizierten verwandelst, hab‘ ich keine große Wahl.“
„Ich verstehe schon, aber noch ist alles normal und ich würde mir wünschen, dass du es nicht herbei redest. Im Moment fühle ich mich gut, und wenn sich das ändert, bist du der erste, der es erfährt.“
„Ich hab keine Ahnung, wie lange die Inkubationszeit dauert und wie sich diese Infektion ausbreitet. Nach den Berichten, die wir auf dem Schiff empfangen haben, verbreitet sie sich durch Körperflüssigkeiten, wie Speichel und Blut. Die Inkubationszeit wurde zwischen einem Tag und einer Woche angegeben. Da bist du also noch mittendrin.“
„Wenn ich anfange, mich seltsam zu verhalten, weißt du ja, was du zu tun hast.“
„Wissen und Tun sind zwei verschieden Dinge.“
„Nun, Doc, besser du schaffst dir ein paar Eier an, bevor’s ernst wird. Denn sonst laufen wir bald zusammen durch die Gegend und suchen nach dem nächsten armen Kerl, auf dem wir herumkauen können. Und so will ich bestimmt nicht enden“